13. Oktober 2026

„Die Wissenschaft“ und der Nahtod-Reflex

Warum in der Presse kolportierte „Erklärungen“ für Nahtoderfahrungen doch keine sind •

Franz Alt, einer der bekanntesten Journalisten Deutschlands, hat ein Buch über Nahtoderfahrungen veröffentlicht (Herder, 2026) und dieses Thema damit stärker in den Fokus der Medienberichterstattung gerückt. Wie die Presse darüber berichtet, widerspiegelt jedoch auch die kläglich oberflächliche Wahrnehmung vermeintlich wissenschaftlicher Belege. Ein kritischer Blick – am Beispiel des Münchner „Merkur/tz“.

Seit mehr als 50 Jahren befassen sich Sterbeforscher – Ärzte, Neurologen, Psychiater, Theologen und andere – mit Phänomenen, von denen Menschen mit Nahtoderfahrungen weltweit berichten. Ihr Fazit ist aufsehenerregend:

Es werden – unabhängig von Religion, Bildungsgrad oder Alter – vergleichbare Erlebnisse geschildert, die darauf hinweisen, dass Bewusstsein auch nach dem körperlichen Tod bestehen kann, wobei sich andere Qualitäten von Bewusstsein zeigen, die weit über das hinausgehen, was gemeinhin mit „Wachsein“ oder „Wahrnehmung“ assoziiert wird.

Nahtoderfahrene kehren aus ihren Erlebnissen nachhaltig verändert zurück. Sie haben keine Angst vor dem Tod mehr und sehen das Leben in einem größeren Rahmen. Sie sind überzeugt, die „eigentliche Wirklichkeit“ erlebt zu haben, der gegenüber ihnen das normale Alltagsleben wie ein Traum erscheint. Vielen gelingt es nur schwer oder überhaupt nicht mehr, die gesellschaftlichen Anforderungen mit ihrem Erleben in Einklang zu bringen.

Manche Veränderungen sind spektakulär: Nahtoderfahrene berichten bisweilen von wunderbaren Heilungen oder sie entwickeln außergewöhnliche Fähigkeiten.

Nahtoderfahrungen und Bewusstsein

Solche Berichte, wie sie mittlerweile weltweit zu tausenden gesammelt wurden, stellen das materialistische Weltbild auf den Prüfstand. Denn einerseits sprechen die nachhaltige Veränderung der Betroffenen, die Einheitlichkeit der Erfahrungen oder auch der sinnvolle, ethisch-moralisch orientierte Gehalt der Erlebnisse (der übrigens nicht bestimmte religiöse Erwartungen erfüllt) klar dafür, dass es sich um authentische, ernst zu nehmende Erfahrungen handelt, die sich deutlich von Träumen, Drogenerlebnissen oder krankhaften Störungen unterscheiden.

Andererseits gibt es schlicht und einfach keine überzeugende wissenschaftliche Erklärung für Nahtoderfahrungen, die sich mit einer zentralen Grundannahme des Materialismus vereinbaren ließe, die da lautet: Das Gehirn erzeugt Bewusstsein. Demzufolge müssten alle Erlebnisse, auch Nahtoderfahrungen, auf das Gehirn zurückzuführen sein.

Eben dieses wissenschaftliche „Dogma“ – tatsächlich handelt es sich ja nicht um gesichertes Wissen – stellen die Berichte Nahtoderfahrener seit Jahrzehnten in Frage. Denn sie stammen zum Teil von Patienten, die nachweislich klinisch tot waren, deren Gehirn also nicht mehr arbeitete. Das ist durch Studien gesichert. 

Als Konsequenz aus der Untersuchung von Nahtoderfahrungen stellen Sterbeforscher wie der niederländische Kardiologe Pim van Lommel die verbreitete Ansicht, Bewusstsein stehe ausschließlich mit dem Gehirn in Verbindung, radikal in Frage. 

Wissenschaftliche Fakten sollten klar und deutlich von Interpretationen unterschieden werden. Denn: Ja, es gibt eindeutig Korrelationen zwischen Gehirn und Bewusstsein, alle neurophysiologischen Befunde und Erkenntnisse zeigen es – das ist Fakt –, aber diese Korrelationen beweisen nicht ohne weiteres, dass das Gehirn Bewusstsein erzeugt – das ist nur eine (materialistisch orientierte) Interpretation.

Diese redliche Unterscheidung könnte der Forschung neue Freiräume erschließen. Wissenschaftler, die der Transmissionshypothese anhängen (diese besagt, dass das Gehirn Bewusstsein nicht erzeugt, sondern vermittelt), könnten stärker in den Diskurs einbezogen werden. Neue Theorien zum Bewusstsein könnten auf breiterer Basis erörtert werden, inklusive der großen, bislang unbeantworteten Frage, wie denn Erleben an sich zustande kommt. Wie entstehen aus Gehirnströmen Erlebnisqualitäten, das Sinnbedürfnis, die ethisch-moralische Ausrichtung eines Menschen?

Aber eine solche Neuorientierung ist auch nach 50 Jahren Sterbeforschung nicht in Sicht. Obwohl moderne Reanimationstechniken für immer mehr Nahtod-Berichte sorgen und jedes Fallbeispiel die materialistische Sicht noch vehementer in Frage stellt, wird an der Grundannahme, die Erfahrungen müssten irgendwie „gehirntechnisch“ erklärbar sein, nicht gerüttelt. Wer es doch tut, läuft immer noch Gefahr, ins Eck der Sonderlinge oder „Esoterik-Schwurbler“ gerückt zu werden.

Als wirklich wissenschaftlich gilt eine Erklärung für Nahtoderfahrungen nach wie vor nur, wenn sie sich auf Gehirnfunktionen und kognitive Veränderungen bezieht. 

Aber warum werden Menschen von solchen Erfahrungen so nachhaltig geprägt? Wie kommt es zu den so oft geschilderten paranormalen Phänomenen wie außerkörperlichen Erfahrungen, Alleinheits-Erfahrungen oder supersinnlichen Wahrnehmungen?

Für solche „psychologischen Fragen“ fühlen sich Neurowissenschaftler in der Regel nicht zuständig, und noch weniger für Erlebnisse mit religiösem oder transzendentem Charakter.

„Die Wissenschaft“ erklärt …

Kein Wunder also, wenn anno 2026 auch Journalisten, die sich dem Thema Nahtoderfahrungen widmen, oft einer Art Reflex unterliegen: Sobald eindrucksvolle Erlebnisberichte oder Phänomene geschildert werden, die das materialistische Weltbild auf den Prüfstand und ein Fortbestehen des Bewusstseins nach dem Tod in Aussicht stellen, werden ihnen wissenschaftliche Fakten als „Erklärung“ gegenübergestellt, die allerdings bei näherer Betrachtung völlig untauglich dafür sind.

Dieser „Nahtod-Reflex“ zeigte sich auch anläßlich der Veröffentlichung des Buches von Franz Alt. Als Beispiel soll an dieser Stelle ein Beitrag des Münchner „Merkur/tz“ vom 3. September 2026 dienen. In diesem Bericht, der dem Thema an sich erfreulich viel Raum gibt, stellte der Redakteur den Aussagen des Buchautors und der Schilderung von zwei Nahtoderfahrenen einen Textkasten mit der Überschrift bei: „Nahtod – das sagt die Wissenschaft“

Die wichtigsten Aussagen, die hier „der Wissenschaft“ (was natürlich eine seltsam pauschalisierende „Quellenangabe“ ist) zugeschrieben werden:

In den Neurowissenschaften ist die mehrheitliche Grundannahme, dass eine Nahtoderfahrung ein Produkt des Gehirns ist, das in wichtigen Funktionen vorübergehend gestört ist. In einer Studie an der Uni Michigan wurden 2013 bei sterbenden Ratten mittels implantierten EEG-Elektroden die Hirnaktivitäten bis zum Hirntod aufgezeichnet. Im Zeitraum zwischen dem Herzstillstand und dem Null-Linien-EEG beobachteten die Forscher kein langsames Abebben der neuronalen Hirnaktivitäten, sondern im Gegenteil ein extremes Ansteigen der kognitiven Verarbeitungsprozesse in den ersten 30 Sekunden nach dem Herzstillstand. Die Forscher kommen zu dem Schluss: „Wir liefern damit nun einen wissenschaftlichen Rahmen, um die hochgradig lebensechten und realen mentalen Erfahrungen zu erklären, die viele Überlebende eines Nahtod-Ereignisses berichten.“

Das heißt, kurz zusammengefasst: Bei sterbenden Ratten wurden Gehirnaktivitäten gemessen, die „reale mentale Erfahrungen“ erklären sollen, wie zum Beispiel das sinnorientierte „Lebenspanorama“, von dem viele Nahtoderfahrene berichten.

Tatsächlich gibt es ein paar „kleine“ Probleme in dem, das „die Wissenschaft“ laut Merkur/tz sagt: Einmal abgesehen von der ungeklärten grundsätzlichen Frage, wie aus neuronaler Aktivität subjektive Erlebnisse entstehen, ist unklar, inwieweit die bei den sterbenden Ratten festgestellte Gehirnaktivität mit Bewusstsein in Verbindung steht und diese Ergebnisse auf den Menschen übertragbar sind. Es gibt letztlich ja doch gewisse Unterschiede zwischen Ratte und Mensch.

Ob mit diesen Tierversuchen tatsächlich ein „wissenschaftlicher Rahmen“ für die Erforschung von Nahtoderfahrungen geliefert wurde oder ob – wieder einmal – versucht wurde, ein „lästiges“, weil nicht zur materialistischen Weltsicht passendes Phänomen unter dem Anschein von Wissenschaftlichkeit wegzuerklären, bleibt wohl eine Frage des Blickwinkels.

Gehirn-Aktivitäten im Sterbeprozess

Andere Medienberichte über Nahtoderfahrungen verweisen gelegentlich auch auf Forschungen direkt am Menschen. So wird beispielsweise kolportiert, dass eine hohe Aktivität im menschlichen Gehirn kurz vor dem endgültigen Tod festgestellt wurde, die Nahtoderlebnisse erklären könnte. 

Anlass für einige Berichte war der Fall eines verstorbenen Epilepsie-Patienten, bei dem während des Sterbeprozesses sogenannte Gammawellen gemessen worden waren. Diese Gehirnaktivitäten werden mit Gedächtnisleistungen in Verbindung gebracht. Und obwohl diese Zusammenhänge nicht wirklich genau geklärt sind, wurde flugs ein möglicher Bezug zum „Lebensfilm“ Nahtoderfahrener kommuniziert. 

Ob dieser Epilepsie-Patient während des Sterbeprozesses tatsächlich Elemente einer Nahtoderfahrung erlebt hat, weiß natürlich niemand.

Andere Berichte beziehen sich auf eine Überaktivität des Gehirns, die bei sterbenden Menschen mit irreversibel geschädigtem Gehirn nach dem Abstellen der lebenserhaltenden Maßnahmen festgestellt wurde. In einigen Fällen konnte vor dem endgültigen Hirntod ein Aktivitätsschub dokumentiert werden. 

Der Schweinfurter Neurologe und Sterbeforscher Prof. Wilfried Kuhn sagt dazu: „Ob diese Überaktivität als ein Beleg für Bewusstsein anzusehen ist, kann zurzeit niemand beurteilen, da alle Personen dann verstorben sind. Ein Zusammenhang mit einer potenziellen Nahtoderfahrung ist also pure Spekulation und ohne Belege!“

Um einen solchen Zusammenhang zwischen Gehirnaktivitäten und einer NTE gesichert zu beweisen, wäre es nötig, bei Menschen die EEG-Aktivität direkt während einer Nahtoderfahrung zu messen. Das ist naturgemäß schwierig. Kuhn: „Es gibt meines Wissens nur einen gesicherten Fall einer Nahtoderfahrung, bei der ein EEG abgeleitet werden konnte – den Fall Pam Reynolds, während einer Gehirn-Op. Hier fand sich eine Nulllinie und keine normalen und anomalen Aktivitäten.“

Zum aktuellen Forschungsstand kann zusammenfassend gesagt werden: Die einzigen Elemente von Nahtoderfahrungen, für die es plausibel erscheinende neurophysiologische Erklärungen gibt, betreffen kognitive Veränderungen wie etwa ein beschleunigtes Denkvermögen, ein kontrastreicheres Sehen oder das Gefühl des Schwebens. 

Solche Veränderungen allein machen jedoch noch keine Nahtoderfahrung aus – zumindest dann nicht, wenn zur Bewertung einer NTE die dafür entworfene „Greyson-Skala“ (benannt nach dem US-amerikanischen Sterbeforscher Bruce Greyson) zugrunde gelegt wird.

Im Übrigen bleiben die „der Wissenschaft“ zugeschriebenen Fakten fragwürdig. Und Nahtoderfahrungen bleiben das, was sie seit Jahrzehnten sind: Ein Anstoß dafür, die Allgemeingültigkeit des materialistischen Weltbild neu zu hinterfragen.

Links zu den Zeitungsartikeln:
Im Blickpunkt
tz Panorama

Interview mit Franz Alt:

»Der Tod ist eine wunderbare Erfahrung« | „Ins Thema gezoomt“ mit Franz Alt

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