Die transformative Kraft von Nahtoderfahrungen


Dr. Penny Sartori ist eine britische Sterbeforscherin, die sich unter anderem mit Nahtoderlebnissen und Sterbebettvisionen beschäftigt. Ihre Studien, die inzwischen weltbekannt sind, begann sie als Krankenschwester auf der Intensivstation, wo sie sich um viele Patienten, die dem Tod nahe waren, zu kümmern hatte.

In dem Gespräch berichtet Penny Sartori, was sie in ihren Forschungen herausgefunden hat und erzählt bemerkenswerte Erlebnisse aus ihrer Erfahrung mit Sterbenden.

Penny, Sie sind Krankenschwester, haben viele Jahre auf Intensivstationen gearbeitet und Menschen sterben sehen. Irgendwann haben Sie beschlossen, eine Studie über Nahtoderlebnisse durchzuführen. Wie kam es dazu?

SARTORI: Mein Interesse daran wurde in der Intensivkrankenpflege schon sehr früh geweckt. Während einer Nachtschicht habe im mich um eine Mann gekümmert, der im Sterben lag. Ich hatte vor, den Patienten wie üblich zu waschen und habe den Knopf am elektrischen Bett gedrückt, um es dafür einzurichten. Aber als das Bett sich zu bewegen begann, sprang der Mann vor Schmerz beinahe heraus. Er hatte unglaubliche Schmerzen. Zu diesem Zeitpunkt begegneten sich unsere Augen, und es war fast so, als hätte ich mit ihm den Platz getauscht. Ich konnte fühlen, was er durchmachte. Er konnte nicht sprechen, weil er beatmet wurde und einen Luftröhrenschnitt hatte. Aber seine Lippen formten tonlos die Worte: „Lass mich sterben, lass mich sterben. Lass mich in Frieden sterben!“ Das berührte mich sehr.

Aber ich konnte nur den Arzt rufen, der ihm noch mehr Schmerzmittel gab, die aber kaum halfen. Ich fand dann heraus, dass ich dem Mann am meisten helfen konnte, indem ich die Vorhänge vorzog, mich neben ihn setzte und seine Hand hielt. Als er sich beruhigte, wusch ich die leicht erreichbaren Körperteile, und er schlief schließlich ein. All das beschäftigte mich so sehr, dass ich bis zum Ende meiner Nachtschicht nur noch daran denken konnte. Auch zu Hause konnte ich nicht schlafen, so aufgeregt war ich. Also rief ich am Vormittag die Station an, um zu erfahren, wie es dem Mann geht, und meine Kollegen sagte mir, dass er zwei Stunden nach meiner Schicht gestorben war. Mit diesem Erlebnis begann es. 

Ich las daraufhin vieles über den Tod. Denn damals gab es keine Kurse für eine bessere Versorgung sterbender Patienten auf der Intensivstation. Lediglich über Palliativpflege konnte man etwas erfahren, was aber ein ganz anderer Ansatz ist. Beim Lesen stieß ich dann auch auf Nahtoderfahrungen – und fand das sehr interessant: Patienten, die gestorben waren, zurück ins Leben kamen und sagten, dass der Tod eine wunderbare Erfahrung ist! 

Ich war anfangs skeptisch, vermutlich, weil meine Ausbildung sehr naturwissenschaftlich geprägt ist. Aber je mehr ich über diese Erlebnisse las, desto neugieriger wurde ich. Und dann wurde mir klar: Eigentlich arbeite ich am idealen Ort, um hier weiter zu forschen. Genau das tat ich dann. Ich bewarb mich um ein Forschungsvorhaben, beschrieb den Zweck der Untersuchungen und begann mit der Arbeit, die in der Folge buchstäblich mein Leben verändert hat, mein Weltbild, alles. Es war für mich unglaublich bereichernd. Ich denke, wenn wir etwas über den Tod erfahren, dann lernen wir in Wirklichkeit mehr über das Leben.

Wann haben Sie mit Ihren Untersuchungen begonnen?

SARTORI: Ich habe die Pilotstudie im Sommer 1997 durchgeführt und die eigentliche Studie im Januar 1998 begonnen. Die Datenerfassung war im Januar 2003 beendet. Es hat also fünf Jahre gedauert, um die Daten zu sammeln und weitere drei, um sie zu analysieren und die Arbeit zu formulieren.

Wie haben Sie die Studie durchgeführt? Was wollten Sie herausfinden?

SARTORI: Nun, im ersten Jahr wollte ich jeden interviewen, der Patient auf der Intensivstation gewesen war, egal, ob er dabei dem Tod nahe gekommen war oder nicht. Ich wollte sicher sein, dass mir sozusagen niemand durchs Netz schlüpft. Ich habe mich erkundigt, ob die Patienten irgendwelche Erinnerungen an die Zeit haben, in der sie ohne Bewusstsein waren. Die meisten erinnerten sich an überhaupt nichts, und damit war das Interview zu Ende. Es gab aber auch einige, die wissen wollten, weshalb ich danach frage. Ich antwortete dann, dass mich die Erfahrungen der Patienten interessieren. Einige von ihnen öffneten sich daraufhin und beschrieben ungewöhnliche Erlebnisse. An dieser Stelle fragte ich sie, ob wir ausführlicher darüber sprechen können und kam dann einige Zeit später wieder, um ein tiefer gehendes Interview zu führen.

Wie lange arbeiteten Sie an diesen Studien?

SARTORI: Insgesamt waren es vier, fünf Jahre. Dabei stellte sich bald heraus, dass diese Arbeit sehr zeitaufwändig war, weil ich für die Interviews schon vor Dienstbeginn auf der Station sein musste. Manchmal bin ich auch an einem freien Tag ins Krankenhaus gegangen. Mir wurde klar, dass ich das nicht fünf Jahre lang durchhalten würde, weil ich mehr Zeit im Krankenhaus als zu Hause verbrachte. Nach dem ersten Jahr befragte ich deshalb nur noch Patienten, die einen Herzstillstand erlitten hatten, also vorübergehend klinisch tot gewesen waren. Ich stellte fest, dass es einen großen Unterschied zwischen den Gruppen gab. Im ersten Jahr hatten von 243 Patienten nur zwei von einer Nahtoderfahrung berichtet.

Das waren Menschen, die ihr Bewusstsein verloren hatten …

SARTORI: Ja, während ihres Krankenhausaufenthaltes.

… und wieder aufgewacht sind …

SARTORI: Richtig. Als ich mich dann auf Patienten mit Herzstillstand konzentrierte, war die Gruppe viel kleiner. Aber von 39 Patienten haben sieben von einer Nahtoderfahrung berichtet. Meine Studie zeigte also, dass die Wahrscheinlichkeit, dass jemand von einer NTE berichtet, in Todesnähe zunimmt. 

Besonders, wenn jemand einen Herzstillstand hatte …

SARTORI: Ja, Herzstillstand-Patienten berichteten mit höherer Wahrscheinlichkeit von einer NTE. 

Wie viele Menschen haben Sie insgesamt interviewt, die einen Herzstillstand hatten?

SARTORI: Während der fünf Jahre waren es die 39 Patienten.

Und von denen hatten wie viele ein NTE?

SARTORI: Sieben – und andere aus der Gesamtgruppe. Denn ich konzentrierte mich zwar nur auf Patienten mit Herzstillstand, aber es gab einige Kollegen, die mich darauf hinwiesen, wenn einer ihrer Patienten ihnen etwas Ungewöhnliches erzählt hatte, und sagten: „Mit dem solltest du sprechen!“ Einige dieser Menschen berichteten dann ebenfalls von Nahtoderlebnissen, und ich habe sie der Gesamtgruppe hinzugefügt. Insgesamt berichteten während der fünfjährigen Datenerhebung also 15 Patienten von einem NTE. Und davon beschrieben acht eine außerkörperliche Erfahrung.  

Um solche Berichte verifizieren zu können, hatte ich Karten mit Symbolen auf den Herzmonitoren versteckt, die am Bett des Patienten über Kopfhöhe angebracht waren, durch eine Kante verborgen. Die einzige Möglichkeit, sie zu sehen, war also eine Position außerhalb des Körpers. Und diese Karten waren grell gefärbt, damit sie, wenn jemand tatsächlich seinen Körper verließ, mit höherer Wahrscheinlichkeit seine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Aber in den fünf Jahren der Studie hat niemand diese versteckten Zeichen gesehen, obwohl acht Menschen eine außerkörperliche Erfahrung beschrieben. 

Die Gründe dafür waren unterschiedlich, aber an sich auch interessant. Denn einige Patienten berichteten, in die den Karten entgegengesetzte Richtung geschwebt zu sein. Andere stiegen nicht hoch genug auf und schauten nur aus etwa einem Meter Höhe hinunter auf ihren Körper. Aber es gab zwei Patienten, die diese Symbole von ihrer Position aus hätten sehen können. Doch beide sagten: „Ich betrachtete mit so großem Interesse meinen Körper, dass ich mich nicht umgesehen habe.“ Ein Mann meinte: „Wenn Sie mir gesagt hätten, dass dort versteckte Symbole sind, wäre ich losgezogen, hätte danach gesucht und Ihnen dann beschrieben, was es ist.“  

Erinnern Sie sich an andere außergewöhnliche Berichte?

SARTORI: Der vielleicht beeindruckendste war der Fall von „Patienten Nr. 10“, der im „Journal of Near Death Studies“ veröffentlicht wurde. Dieser Patient hat sehr genau die Handlungen der Krankenschwester, des Arztes und der Physiotherapeutin beschrieben. Und ich weiß, dass sein Bericht zutreffend ist, weil ich selbst die Krankenschwester war, die sich damals um ihn gekümmert hat.

Dieser Mann war seit einigen Wochen auf der Intensivstation. Er erholte sich nur langsam, und weil er noch beatmet werden musste, hatten wir an diesem Morgen die Idee, ihn in einen Stuhl zu setzen, um seine Atmung, den Muskeltonus und seine Haltung zu unterstützen. Doch als wir ihn hingesetzt hatten, begann sein Blutdruck zu fallen, sein Atemrhythmus veränderte sich, er sah grau und schweißnass aus. Ich dachte, wenn wir ihn nicht schnell ins Bett bekommen, könnte er einen Herzstillstand erleiden. Also legten wir ihn hin, und der Arzt kam, um ihn zu untersuchen. Aber da er gerade mit einem anderen Notfall zu tun hatte, ordnete er nur Flüssigkeit an, um den Blutdruck zu unterstützen, und ging wieder.

Kurz danach begann der Blutdruck des Patienten wieder zu fallen. Ich suchte also einen anderen Arzt, und bald war der Oberarzt auf der Station, zum ersten Mal an diesem Morgen. Er untersuchte den Patienten und überprüfte mit einer Lampe seine Pupillenreaktion. Zu diesem Zeitpunkt reagierte der Mann auf keine Schmerzreize, er war völlig bewusstlos. Er bekam also weitere Infusionen, die den Blutdruck normalisierten, und nach ungefähr einer halben Stunde begann er zu blinzeln und seine Glieder zu bewegen. Das waren Zeichen, dass er seine Nervenfunktionen wiedererlangte. Der Oberarzt freute sich darüber, dass der Zustand des Patienten sich verbesserte und ging zurück in sein Büro.  

Etwa vier Stunden später kam die Visite zum Bett des Mannes, etwa zehn Leute – Ärzte, Physiotherapeuten, Pharmazeuten, die Ernährungsberaterin und die Krankenpfleger. Der Patient war nun ganz lebhaft, aufgeregt und versuchte sich mitzuteilen. Also gab die Physiotherapeutin ihm eine Buchstabentafel, und er buchstabierte: „Ich bin gestorben und habe alles von oben beobachtet!“

Der Oberarzt horchte auf und meinte: „Nun, das sollte Sie am besten Penny erzählen“. In der Akte vermerkte er, dass der Patient sein volles Bewusstsein wiedererlangt und von einer Nahtoderfahrung berichtet habe. 

Als ich den Mann dann eingehender befragte, konnte er wirklich ganz genau beschreiben, wie ich seinen Mund behandelt hatte: Als es ihm etwas besser gegangen war, hatte ich ihn zuerst ausgesaugt und Mundpflege gemacht. Ich hatte ein rosafarbenes Schwämmchen in Wasser getaucht und damit seinen Mund gereinigt.  

Er beschrieb auch, welcher Arzt der ihn untersucht hatte. Obwohl er diesen Arzt vor seinem Bewusstseinsverlust nie gesehen hatte, konnte er ihn korrekt identifizieren.

Ebenso beschrieb er die Physiotherapeutin, die sehr nervös gewirkt habe, als sie ihren Kopf durch die Vorhänge steckte, um nach ihm zu sehen. Zu diesem Zeitpunkt war der Patient aber völlig bewusstlos, seine Augen waren geschlossen. Dennoch konnte er genau beschreiben, was geschah.

Er erzählte dann auch, dass er weiter nach oben gestiegen sei, in einen rosafarbenen Raum, wo er seinen verstorbenen Vater traf. Dort war auch eine Frau, die er nie zuvor gesehen hatte. Er erkannte sie von Fotografien als seine Schwiegermutter. Außerdem war auch ein Mann dort, von dem er sagte: „Ich bin nicht sicher, wer das war, es hätte Jesus sein können. Er sah aber nicht so aus, wie ich mir Jesus vorgestellt hätte. Er hatte lange, ungepflegte Haare. Aber er hatte einen durchdringenden Blick, und ich fühlte mich von dieser Gestalt und ihren Augen angezogen. Ich war dort sehr glücklich. Alle meine Schmerzen waren verschwunden, ich wollte nur dort bleiben. Aber die Jesus-Gestalt sagte: Deine Zeit ist noch nicht gekommen, du musst zurückkehren.“ Unmittelbar danach schwebte er rückwärts, das Bild verblasste, und plötzlich war er zurück in seinem Körper. „Ich hatte wirklich schlimme Schmerzen“, erzählte er. „Sie waren so schlimm, dass ich am liebsten gestorben wäre.“  

Dann missverstand der Patient eine Frage von mir. Ich wollte wissen, ob er im außerkörperlichen Zustand irgend etwas Ungewöhnliches hatte tun können. Es gibt ja zum Beispiel Berichte von Menschen, die sich an einen Ort denken – und sich sofort dort befinden. Er aber antwortete: „Oh ja, ich kann meine Hand öffnen!“

Zu diesem Zeitpunkt war mir die Dimension seiner Aussage nicht klar: Der Mann litt an Kinderlähmung. Er war zum Zeitpunkt dieses Erlebnisses 60 Jahre alt, und seine Hand war seit der Kindheit kontrahiert gewesen. Nun konnte er sie plötzlich ganz öffnen. Als ich das mit den Ärzten und der Physiotherapeutin besprach, konnten sie das physiologisch nicht erklären, weil seine Sehnen ja verkürzt gewesen waren. Es wäre eine Operation nötig gewesen, um die Sehnen zu lösen, aber es war keine durchgeführt worden.  

Nachher war seine Hand also tatsächlich geheilt?

SARTORI: Ja, er konnte sie wieder öffnen. Das ist unglaublich, wir konnten es nicht verstehen. Ich habe sogar seine medizinische Akte durchgesehen, um zu überprüfen, ob er eine physiotherapeutische Behandlung bekommen hatte. Aber nein, in seiner Akte war keine Behandlung der Hand vermerkt. 

Als ich das mit seiner Schwester besprach, unterschrieb sie mir eine Erklärung, dass er nie zuvor seine Hand so vollständig hatte öffnen können. Erst nach seinem Erlebnis war das möglich. 

Das allein war, finde ich, schon hochinteressant, denn wenn wir diesen Mechanismus verstehen könnten, wäre es möglich, vielen Menschen mit ähnlichen Leiden ohne chirurgischen Eingriff zu helfen. Es gibt so vieles zu erforschen! Die Lernmöglichkeiten, die sich aus solchen Erfahrungen ergeben, begeistern mich!

Zu welchen grundsätzlichen Schlüssen sind Sie durch ihre Arbeit gelangt?

SARTORI: Nun, meine Studie zeigte, dass NTE vorkommen und dass sie für die Betroffenen sehr real sind und lange nachwirken. Wir können eine ganze Menge aus diesen Erlebnissen lernen – auch für das eigene Leben, ohne dass wir selbst dem Tod nahe kommen müssen. 

Für mich selbst war die Studie sehr motivierend. Sie hat mich ermutigt, über meine eigene Sterblichkeit nachzudenken und die Dinge aus einem ganz anderen Blickwinkel zu sehen.

Inwiefern?

SARTORI: Ich denke, der Grund, warum wir NTE derzeit nicht ganz verstehen, liegt darin, dass die Wissenschaften unser Bewusstsein als Nebenprodukt des Gehirns betrachten. Man kann Bewusstsein aber auch aus einer anderen Perspektive sehen. Was wäre, wenn es doch nicht vom Gehirn erzeugt wird? Wenn das Bewusstsein zuerst da ist und das Gehirn Bewusstsein vermittelt und dabei wie eine Art Filter funktioniert?

Das ist keine neue Idee. William James hatte diese Vorstellung schon 1901. Ebenso Aldous Huxley, Henri Bergson. Aber solche Vorstellungen wurden nie weiter verfolgt oder genauer erforscht. 

Was wäre also, wenn das Gehirn wie ein Filter arbeitet, und das Bewusstsein andauernd um uns herum ist? Wenn es bestimmte Zeiten in unserem Leben gibt, in denen der Filter gelockert wird und einen gehobenen Bewusstseinszustand in das tägliche Leben durchlässt? Diese Vorstellung ist sinnvoller, wenn man NTE betrachtet. Vielleicht geschieht etwas in dem Gehirn-Filter, das diese Erfahrungen ermöglicht, sie aber nicht produziert! 

Haben Sie seit Ihrer ersten Studie weitere wissenschaftliche Arbeiten durchgeführt?

SARTORI: Ja, ich sammle weiterhin Fälle von NTE und interessiere mich zur Zeit besonders für den transformativen Aspekt. Wie es kommt, dass Menschen so sehr durch ihre Erfahrung verändert werden, dass sie von da an ein ganz anderes Leben führen? Insbesondere sind manche Menschen hoch motiviert, nicht mehr nur für sich selbst, sondern mehr für das Allgemeinwohl der Menschheit zu leben.

Wieso ist das so?

SARTORI: Das weiß ich nicht. Etwas verändert sich. Und ich kann mich in dieses Gefühl gut hineinversetzen, weil mich meine Studien auch verändert haben. Ich sah nicht mehr nur mich selbst als Lebensmittelpunkt. Die größeren Zusammenhänge wurden wichtiger. Ich sehe unseren Planeten und wie mein Verhalten seine Entwicklung beeinflusst, nun aus einer weiteren Perspektive. 

Ich habe einige Beispiele von Menschen gesammelt, die solche transformierenden Erlebnisse hatten und kürzlich mit meiner Ko-Autorin Kelly Walsh ein Buch darüber geschrieben: „Die transformierende Kraft von Nahtoderfahrungen“ 

Kelly hat die Entstehung dieses Buches sehr vorangetrieben. Sie hatte 2009 ein Erlebnis, das ihr Leben sehr positiv verändert hat.

Sie hat eine Wohltätigkeitsvereinigung ins Leben gerufen, die „Love, Care, Share Foundation“. Diese Stiftung fördert die Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern. Sie hat eine Zeichentrickfilm-Figur für kleine Kinder entworfen, eine „Positivity Prinzessin“, die zum „Planeten Positivia“ geht. Kinder lernen damit schon in jungen Jahren eine positive Lebenseinstellung. Kelly ist begeistert bei der Sache. Sie geht keiner regulären Arbeit nach, sondern setzt sich leidenschaftlich für diese Idee ein, die ihr Lebensinhalt geworden ist. Sie verwendet also alle ihre Zeit im Wesentlichen darauf, die Welt zu verändern.

Unserer Buch beschreibt zwanzig unterschiedliche Menschen, die durch ihr Erlebnis nachhaltig verändert wurden. Diese Veränderung kann sich auf der persönlichen Ebene ereignet haben oder in einem größeren Rahmen, wie bei Kellys Arbeit. Das fasziniert mich sehr. 

Wenn man sieht, wie diese Menschen anderen gegenüber wohlwollender eingestellt sind, selbstloser, mit positiveren Gefühlen … ich denke, das alles trägt auch zu unserer Entwicklung bei.

In Ihrem Buch beschreiben Sie ein persönliches Erlebnis. Sie haben einen sterbenden Patienten beobachtet, der die ganze Nacht mit seiner verstorbenen Mutter sprach. Sie beschäftigen sich also auch mit Sterbebettvisionen. 

SARTORI: Ja, das stimmt. Wenn Sie mit Krankenpflegern sprechen, haben die meisten ein solches Phänomen schon miterlebt. In meiner Ausbildung zur Schwester war mir das noch unbekannt. Ich kann mich an meinen ersten Tag auf der Station erinnern. Bei der Übergabe sagte mir die Nachtschwester beiläufig: „Der Mann in Bett 6, Bereich C, wird bis Mittag gestorben sein, denn er hat seit drei Uhr früh mit seiner toten Mutter gesprochen.“ 

Ich dachte, sie sagte das, um mich zu ängstigen oder um mich aufzuziehen, weil es mein erster Tag war. Ich schaute mich im Raum um, aber alle anderen Pfleger schrieben ganz normal weiter. 

Nach der Übergabe ging ich zum Bett des Patienten und konnte beobachten, wie er gestikulierte. Er redete und lächelte jemanden an, den ich nicht sehen konnte. Ich hatte dann andere Pflichten, kam aber immer wieder an seinem Bett vorbei und sah, wie er mit jemandem sprach. 

Gegen halb zwölf bekam er plötzlich von irgendwoher Energie. Er versuchte sich im Bett aufzusetzen, und seine Arme reichten in die Luft, als ob er jemanden halten oder umarmen wollte. Er hatte ein schönes Lächeln auf seinem Gesicht, etwa 30 Sekunden lang. Dann entspannte er sich und sank zurück ins Bett. Es sah so aus, als würde er einschlafen. Aber er ist in diesem Moment gestorben.

Dieses Erlebnis blieb mir haften, weil er, wie von der Nachtschwester vorhergesagt, gegen Mittag starb, und weil er sich mit Unsichtbaren unterhalten hatte. Im Laufe meiner Karriere als Krankenschwester habe ich das noch oft miterlebt. Ich habe dem Phänomen wahrscheinlich auf Grund dieses ersten Tages auf der Station viel Aufmerksamkeit geschenkt. Ich habe so etwas oft beobachtet.  

Und ich dachte auch an die Zeit zurück, als mein Großvater starb. Er war zu Hause, deutete immer wieder zur Tür und sagte: „Schau mal wer da ist!“

Damals hatte ich meine Untersuchungen noch nicht begonnen. Deswegen ignorierte ich es und habe ihn nicht weiter darüber befragt. Ich weiß aber, dass meine Großmutter deshalb sehr verängstigt war. Sie verließ stets das Zimmer, weil es sie so sehr aufregte.

Ich glaube, dass viele in den Tagen vor ihrem Tod solche Vision haben, in denen sie Verstorbene sehen. Manchmal sehen sie Menschen, von denen sie gar nicht wissen konnten, dass sie zu dem Zeitpunkt schon gestorben waren. 

Das finde ich sehr interessant, weil ich während einer Nachtschicht im Krankenhaus Ähnliches erlebt habe. Der Zustand eines Patienten hatte sich rapide verschlechtert. Morgens um drei Uhr riefen wir seine Familie, und sie blieb bei ihm am Bett. Dann verbesserte sich sein Zustand wieder. Die Leute waren schon daran gewöhnt, immer wieder zu kommen, weil der Zustand dieses Patienten so labil war. Schließlich waren sie sehr müde und gingen nach Hause, um am Morgen wiederzukommen. 

Kurz nachdem seine Familie gegangen war, erlangte der Patient sein Bewusstsein wieder und kommunizierte mit jemanden. Meine Kollegin hat mich darauf aufmerksam gemacht. Sie sagte: „Schau ihn dir an!“ Er hatte ein wunderschönes Lächeln und fragte gerade: „Was machst Du hier?“ Er sprach mit jemanden und sah ganz glücklich aus. Das ging eine halbe Stunde so. Drei oder vier meiner Kollegen beobachten es ebenfalls. 

Als die Familie morgens zurückkam, erzählte er: „Ihr werdet niemals raten, wer mich letzte Nacht besucht hat. Meine Großmutter und meine Mutter waren da.“ Und er sagte: „Aber meine Schwester war auch da. Was macht die bloß bei ihnen?“

Und er war zu diesem Zeitpunkt ganz wach, nicht etwa verwirrt?

SARTORI: Keineswegs. Er war vollkommen klar und sprach mit seiner Familie. Und, wissen Sie, seine Mutter und seine Großmutter waren gestorben, aber er wusste nicht, dass auch seine Schwester eine Woche zuvor gestorben war. Seine Familie hatte es ihm nicht erzählt, um ihn nicht aufzuregen oder seine Genesung zu gefährden. Dieser Mann hat also mitbekommen, dass seine Schwester gestorben war, obwohl er davon gar nichts wusste. Das fand ich wirklich interessant. 

Woher wissen wir, dass es sich bei diesen Phänomenen nicht bloß, wie Ärzte und Schwestern häufig annehmen, um Halluzinationen handelt?

SARTORI: Vielleicht haben wir uns daran gewöhnt, das einfach als Halluzinationen zu bezeichnen, weil wir es nie eingehender untersucht haben. Aber gerade im Hinblick auf Patienten, denen Menschen begegnet sind, von denen sie gar nicht wussten, dass sie gestorben waren, die alle regelmäßig das Gleiche berichten und das auch als Trost erfahren, ist es zu vorschnell, von Halluzination zu reden. Ich denke, dieses Gebiet muss mehr erforscht werden. 

Sehen Sie in der Sterbeforschung auch einen Wert für die ganze Gesellschaft? 

SARTORI: Ich denke, sie eröffnet uns einen anderen Blickwinkel auf den Tod. Wenn man bedenkt, wie viele Patienten noch nie über ihren eigenen Tod nachgedacht haben, über ihre Sterblichkeit … Ich habe viele Menschen betreut, die damit konfrontiert waren, dass ihr Tod nun unmittelbar bevorsteht. Sie waren wirklich sehr verängstigt … Das zeigt ein Fall, den ich in meinem Buch beschreibe: 

Dieser Patientin wurde gesagt, dass man nichts mehr für sie tun könne. Die Ärzte konnten sie nicht operieren, ihr Tod war unvermeidlich. Sie war verzweifelt, voller Angst und aufgeregt. Ich wusste nicht, wie ich ihre Qual lindern konnte. Also saß ich bei ihr und erzählte: „Ich habe eine Studie durchgeführt, habe mit Patienten gesprochen, die vorübergehend tot waren und ins Leben zurückgekehrt sind. Sie haben sehr angenehme Erlebnisse beschrieben. Ich kann Ihnen später gerne mehr davon erzählen, wenn sie möchten.“

Nach drei oder vier Stunden beruhigte sie sich und wollte mehr wissen. Sie fragte, ob ich auch ihrer Familie davon erzählen würde und rief sie herein. Also setzte ich mich zu ihnen und berichtete von den Nahtoderlebnissen der Patienten, mit denen ich gesprochen hatte. 

Ich erzählte auch von Sterbebettvisionen. Das schien die Frau zu beruhigen und hat auch ihre Familie getröstet. Sie waren alle sehr dankbar für das Gespräch. Als ich ging, war die Patientin in einer ganz anderen Verfassung als noch einige Stunden zuvor, als sie nur noch sehr, sehr große Furcht gelitten hatte.  

Wenn wir uns mit diesem Thema eingehender befassen, können wir also vielen Menschen die Angst nehmen und sie ermutigen. 

Haben Sie auch Erfahrungen mit Patienten, die einen Selbstmordversuch unternommen haben?

SARTORI: Nun, es hat sich gezeigt, dass Menschen, die mehrmals versucht haben, sich das Leben zu nehmen, nach einer NTE von weiteren Versuchen absehen. Ihre Erfahrungen führen sie zu einem anderen Verständnis ihrer Probleme. Manchen wird klar, dass sie ihre Probleme mitnehmen, wohin sie auch gehen. Ein Selbstmord ist also nicht die Lösung. 

Kelly Walsh, die Co-Autorin meines neuen Buches, hat auch einen Selbstmordversuch hinter sich. Sie hatte eine hohe Dosis Parazetamol geschluckt. Als sie auf der Psychiatrie wieder zu sich kam, hatte sie ein tief gehendes spirituelles Erlebnis, das ihr Leben vollkommen verändert hat. Sie erkannte, dass Selbstmord keine Lösung ist. Eines ihrer Ziele ist nun, suizidgefährdeten Menschen zu helfen und ihnen andere Perspektiven zu öffnen. 

In Amerika gibt es einige Therapeuten, die Berichte über Nahtoderfahrungen als Teil ihrer Therapie benutzen. Sie ermutigen ihre Klienten, sich mit diesen Erlebnissen zu beschäftigen, um dadurch einen Gesinnungswandel zu bewirken. Das hat sich in manchen Fällen als sehr erfolgreich erwiesen. 

Meinen Sie, man könnte mit jedem über NTE sprechen, oder gibt es da auch Widerstände?

SARTORI: Das weiß ich nicht. Es könnte Widerstände geben. Ich glaube, es liegt am einzelnen Therapeuten, zu entscheiden, ob es angebracht ist. Aber sicher empfinden die Therapeuten, die diese Methode angewandt haben, sie als sehr nützlich.

Wurde Ihnen auch von „Höllenerfahrungen“ während Nahtoderlebnissen berichtet?

SARTORI: In meiner Studie hatte ich zwei Patienten, die sich an ein erschreckendes Erlebnis erinnerten. Der erste Fall betraf eine Frau, die ein normales Nahtoderlebnis hatte, es aber als sehr unangenehm und schrecklich interpretierte. Die Frau bemerkte, dass sie ihren Körper verlassen hatte und sah hinunter auf ihn, er saß in einem Stuhl. Dann spürte sie, wie sie auf ein großes, weites Gewässer zu schwebte. In der Ferne konnte sie eine Brücke sehen. Sie spürte, wie sie dem großen Fluss unter der Brücke immer näher kam. Sie erzählte mir: „Ich habe panische Angst vor Wasser. Ich kann nicht schwimmen. Je näher ich an die Brücke kam, desto verzweifelter und ängstlicher wurde ich. Ich konnte Stimmen hören. Es war so, als ob Menschen mich auslachen und verspotten würden, unheimlich und furchtbar. Ich kam dem Fluss immer näher. Plötzlich hörte es auf, und ich wachte in meinem Bett auf der Intensivstation auf, überzeugt davon, gestorben zu sein und wusste nicht, was mit mir geschehen war.“

Das war das erste verängstigende Erlebnis, von dem ich erfuhr. Das zweite betraf eine Frau, die auf der Station einen Herzstillstand erlitten hatte. 

Sie erinnerte sich ebenfalls an ein großes, ausgedehntes Gewässer und an eine Frau mit Strohhut in einem Ruderboot. Sie konnte diese Frau nicht erkennen, wusste aber, dass sie von ihr wegkommen musste. Sie war ziemlich verzweifelt und sah dann ein blendendes Licht hinter sich, das wie ein sich drehendes Feuerrad aussah. Sie erzählte: „Diese hellen Farben drehten sich sehr schnell. Dann sah ich Nebel. Rauch war dort, und ich konnte die Hitze der Flammen aus der Hölle fühlen.“ Sie wurde ganz aufgeregt und fing an zu schluchzen. Sie sagte: „Ich habe in die Hölle geschaut, die Flammen der Hölle gesehen“, und begann hysterisch zu weinen. Sie war so verängstigt, dass ich das Interview abbrechen musste.  

Ich sagte also: „In Ordnung, wir hören hier auf!“ Und dann bat sie mich, sie zu beruhigen. „Bitte sagen Sie mir, dass ich nicht in die Hölle komme! Bitte sagen Sie mir, dass ich nicht in die Hölle komme!“

Das Einzige, was ich tun konnte, war ihr zu berichten, dass die Literatur einige Fälle beschreibt, die schrecklich begonnen haben, dann aber, nachdem die Person sich entspannen konnte, in ein angenehmes Erlebnis übergegangen sind.

Ich erinnere mich auch an eine Begebenheit während meiner Ausbildungszeit. Auf der Station lag eine Frau, die so sehr in Panik war, dass sich mir dieses Bild ganz tief einprägte. Sie wusste, dass sie sterben würde und hatte ungeheure Angst vor dem Tod. Man konnte es in ihren Augen sehen, sie war vollkommen panisch. Jedesmal, wenn eine Krankenschwester an ihrem Bett vorbei kam, griff sie nach ihr, ihre Fingernägel gruben sich die Haut, und sie flehte: „Bitte, bitte, lassen Sie mich nicht sterben!“ 

Wir verstanden diese extreme Angst nicht, aber sie erzählte: „Ich bin schon einmal gestorben, und es war eine ganz schreckliche Erfahrung!“

Wir haben dann mit ihrer Familie gesprochen und gefragt, was es sein könnte, das sie in solche Panik versetzt. Und man erzählte uns, dass die Frau vor fünf Jahren einen Herzstillstand erlitten hatte. 

Wenn ich jetzt, nach den Erfahrungen mit meiner Studie, darüber nachdenke, frage ich mich natürlich, ob die Frau zuvor eine Höllenerfahrung gemacht hatte, die solche Ängste nach sich zog. Der einzige Weg, ihre selbstgefährdenden Qualen zu lindern, lag jedenfalls in einer Ruhigstellung durch Medikamente.

Ich denke, dass es sehr wichtig ist, solche Erlebnisse eingehender zu erforschen, sowohl die schrecklichen als auch die angenehmen, um Patienten am Lebensende helfen zu können. Leider wird Höllenerfahrungen im Allgemeinen weniger Aufmerksamkeit geschenkt. Ich denke aber, dass das sehr wichtig wäre.

Glauben Sie, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen der Art des Nahtoderlebnisses und der Gedankenwelt des Betroffenen?

SARTORI: Ja, aber im Moment verstehen wir nicht wirklich, warum manche Menschen etwas Angenehmes erleben und andere Verstörendes. Es gibt nur Vermutungen. Zum Beispiel, dass Menschen mit Höllenerfahrungen daran gewöhnt sind, ihr Leben zu kontrollieren. Sie haben Angst, ihr Ego aufzugeben, und sobald sie sich entspannen, kommt es zu dieser Art Erfahrung. Geht es also um Kontrollverlust? Hat es mit der religiösen Erziehung zu tun? Wurde ihr Denken so geprägt, dass sie an ihrem Lebensende die Hölle erwarten, weil sie sich in einer bestimmten Weise verhalten haben?

Ein Sterbeforscher, Professor Christopher Bach, vermutet in seinem Buch „Dark Night early Dawn”, dass es mit dem kollektiven Unbewussten zu tun haben könnte. Die Betroffenen würden demnach mit dem kollektiven Unbewussten der gesamten Menschheit in Verbindung kommen. Die schrecklichen Erlebnisse könnten dort ihren Ursprung haben, nicht in persönlichen Erfahrungen. Es gibt also viele verschiedene Interpretationsmöglichkeiten, aber ich denke, wir sollten diese Erfahrungen noch viel eingehender untersuchen.

Wir wurde Ihre Forschungsarbeit in medizinischen Kreisen aufgenommen?

SARTORI: Am Anfang, als ich meine Studie begann, wurden viele Witze darüber gemacht, man hat das alles nicht sehr ernst genommen. Später dann schon. Denn der Wert der Arbeit wurde deutlich und man hat gesehen, dass sie für die Betreuung der Patienten nützlich ist. 

Vor allem die Ärzte, mit denen ich zusammen arbeitete, haben mich sehr unterstützt und wollten mehr wissen. Sie haben mich dann auch zu Gesprächen über Richtlinien für die Betreuung von Patienten am Lebensende eingeladen. 

Die Forschungen haben auch, glaube ich, meine Kollegen zu weiterem Nachdenken angeregt, so dass sie sie wirklich akzeptierten. Wir hatten sehr viel Glück, denn sie alle wollten den Patienten die beste Behandlung bieten. Ich denke, das Gleiche wäre nun auch in größerem Rahmen nötig. 

Ihre Forschungen waren also auf die örtliche Klinik beschränkt …

SARTORI: Ja, auf meinen Tätigkeitsbereich. Das war auch einer der Gründe, warum ich schließlich die Krankenpflege aufgab. Ich hatte diese Studie durchgeführt, hatte all das Wissen und wollte es nun im größeren Maßstab anwenden. Wenn es mir gelingt, die Erkenntnisse an immer mehr Interessierte weiterzugeben, dann kann ich Menschen am Ende ihres Lebens wirklich helfen. 

Als Allgemeinarzt habe ich häufig Patienten und Angehörige erlebt, die über den Tod nicht sprechen wollten. Welche Ansicht haben Sie dazu? Sollten wir die Patienten ermutigen, den Tod zu thematisieren?

SARTORI: Ja, ich glaube, wir sollten die Menschen dazu ermutigen. Ich kann mich diesbezüglich auf meine Erfahrungen als Intensivkrankenschwester stützen. 

Ich erinnere mich an das Erlebnis mit einer Patienten, die wusste, dass sie sterben würde und diese Tatsache auch akzeptiert hatte. Nicht so ihre Familie. Sie wollte den drohenden Tod nicht wahr haben und das Thema auch nicht ansprechen, obwohl es der Patientin wichtig war. Denn sie besaß zum Beispiel Ringe, die sie verschiedenen Töchtern vererben wollte. Aber jedesmal, wenn sie versuchte, dies gegenüber ihrer Familie zu thematisieren, hörte sie: „Nein Mutter, sei jetzt nicht albern. Du wirst nicht sterben, du wirst nicht sterben.“ 

Schließlich gab sie es auf, die Dinge regeln zu wollen. Und ich glaube, sie starb etwas enttäuscht, weil man ihre Wünsche nicht berücksichtigt hatte. Das war ein Beispiel, das mich sehr zum Nachdenken anregte.

Ich kann mich auch an den Tod meines Großvaters erinnern. Man hatte bei ihm einen Gehirntumor festgestellt, und meine Großmutter wollte nicht, dass die Ärzte ihm diese Diagnose mitteilen. Sie blieb unnachgiebig. Unter keinen Umständen durfte man es ihm sagen. Also hat man ihm die Diagnose damals nicht mitgeteilt … es ist schon sehr lange her, die Verhältnisse haben sich geändert …

Man hat es ihm also nicht gesagt, aber er wusste es. Er war nicht dumm und wusste durch unserer Körpersprache und unserer Verhalten, dass er einen Gehirntumor hatte. Aber wir hatten niemals die Gelegenheit, seine letzten Wünsche zu besprechen. Es hieß immer: „Nein, du wirst nicht sterben, Du wirst wieder gesund werden!“ Das war für mich sehr frustrierend, denn ich wollte meinem Großvater noch vieles sagen, hatte aber keine Chance dazu. Und umgekehrt hatte auch er nicht die Gelegenheit zuzuhören und all das zu sagen, was er vielleicht sagen wollte.

Jahre später starb dann mein anderer Großvater. Einige Monate vor seinem Tod wurde bei ihm ein unheilbarer Krebs diagnostiziert. Er kannte jedoch seine Diagnose und wusste von meiner Studie. Wir führten lange Gespräche über meine Forschungsergebnisse. Er hatte wirklich Freude an unseren Gesprächen, weil es seine Angst vor dem Tod um einiges milderte. Schließlich starb er ganz ruhig und friedlich. 

Ich glaube, je offener wir über den Tod sprechen, desto besser können wir Unerledigtes erledigen und alles das ansprechen, was uns wichtig ist.

Ich habe in meiner Zeit als Krankenschwester oft die seelische Not von Patienten, die im Sterben lagen, miterlebt. Machmal wird diese Not mit Schmerzen verwechselt. Es sind aber keine physischen Schmerzen. Es können geistige Qualen sein, weil etwas nicht ausgesprochen, das quälende Gewissen nicht entlastet wurde. 

Manchmal müssen Dinge, die uns belasten, angesprochen werden, nur dann wird ein friedlicher Übergang in den Tod möglich.

Sie arbeiten jetzt nicht mehr in der Krankenpflege. Was tun Sie, um Ihre Erkenntnisse und Erlebnisse weiterzugeben? 

SARTORI: Nun, vor allem schreibe ich Bücher. Das ist das Wichtigste. Ich gebe viele Interviews und arbeite auch an der Swasana Universität in der Erwachsenenbildung. Dort gebe ich Kurse. Ich biete zwei Module an, das eine hat den Titel „Wissenschaft, Spiritualität und Gesundheit“, das andere „Die Erforschung des Geistes und des Bewusstseins“.

Wir beschäftigen uns mit der Rolle der Emotionen für die Gesundheit. Mit der Frage, was der Geist ist – mehr als das Gehirn? Wir betrachten alle Möglichkeiten und beschäftigen uns mit Themen wie „Spirituelles Erwachen“ oder „Spirituelle Notfälle“, wenn Menschen also eine Krise erleben oder die „dunkle Nacht der Seele“ und depressiv werden. Manchmal, wenn sie die Krise überwinden konnten, entwickeln diese Menschen auf lange Sicht eine viel positivere Einstellung und gehen mit größerer Weisheit aus dem Prozess hervor. Wir betrachten all diese verschiedenen Aspekte.

Ich finde das sehr faszinierend, und meine Studenten ebenso. Manche sagten tatsächlich schon am Ende des Kurses: „Durch das, was ich hier gelernt habe, komme ich mir wie ein anderer Mensch vor.“ Und wenn ich sie frage: „Liegt das daran, dass Sie jetzt einen Abschluss haben und sich neue Fähigkeiten angeeignet haben?“ Dann antworten sie: „Nein, es liegt an dem Kurs selbst.“ Er hat ihnen neue Gedanken eröffnet und sie in einer Art motiviert, die sie nicht für möglich hielten.

Nach meinem Kurs wurde ich oft gefragt, ob ich ihn nicht erweitern und weiterführende Module anbieten könnte. Das ist eine Möglichkeit, die ich in Zukunft hoffentlich entwickeln kann.

Welche Studenten nehmen an ihren Kursen teil?

SARTORI: Es sind Erwachsene, die sich zu einem Teilzeitstudium anmelden. Sie kommen aus allen Gesellschaftsschichten. Junge Mütter mit Kindern, Menschen im Ruhestand, die wieder etwas lernen möchten, manche arbeiten und wollen eine Zusatzqualifikation, um ihre Karriere zu fördern. Es kommen also alle möglichen Erwachsenen, um zu lernen. Das ist großartig, weil sie großen Erfahrungsreichtum mitbringen. Deshalb lerne ich auch eine ganze Menge von meinen Studenten. Mir macht der Unterricht eine große Freude!

Das geht also gut …

SARTORI: Ja, sehr gut.

Penny, vielen Dank, dass Sie sich für uns Zeit genommen und ihre Erfahrungen geschildert haben. Wir wünschen Ihnen viel Erfolg für Ihre weitere Arbeit!

SARTORI: Danke, es war mir ein Vergnügen!

 

Sehen Sie hier die englische Originalfassung des Interviews in voller Länge:


Interview: Jens Rohrbeck
Redaktion: Werner Huemer

(c) 2018 Thanatos.tv