Jafar Panahis Filmdrama „Ein einfacher Unfall“ •
Iran im Jahr 2025. Rashid (Ebrahim Azizi) ist spätabends mit seiner Frau und seiner Tochter im Auto unterwegs und überfährt in der Dunkelheit einen streunenden Hund. Dieser „einfache Unfall“ verursacht einen Motorschaden – und führt den gehbehinderten Mann in die Werkstätte des Automechanikers Vahid (Vahid Mobasseri).
Dieser hört zunächst nur das Geräusch der Beinprothese dieses Kunden, ist davon aber unmittelbar getriggert. Denn Vahid hat einen Leidensweg hinter sich, der ihn gezeichnet hat.
Weil er für höhere Gehälter protestiert hatte, war er vom iranischen Regime wegen verschwörerischer Aktivitäten für fünf Jahre ins Gefängnis geworfen worden. In dieser Zeit war er, wie seine Mitgefangenen, mit verbundenen Augen verhört und schwer gefoltert worden. Bleibende Schäden am Rücken und an der Niere waren die Folge gewesen. Weil Vahid seit diesen Misshandlungen nicht mehr aufrecht gehen kann, trägt er den Spitznamen „Gießkanne“.
Und nun glaubt er, anhand des Geräusches dieser Beinprothese seinen Peiniger aus dem Gefängnis wiederzuerkennen. Sie hatten den Mann damals „Holzbein“ genannt. Vahid ist sich seiner Sache so sicher, dass er Rashid auflauert, niederschlägt, fesselt und ihn in seinem Auto in die Wüste transportiert, wo er ihn lebendig begraben will.
In seiner Todesangst behauptet der Mann mit der Prothese, nie in einem Gefängnis gearbeitet zu haben und sein Bein erst kürzlich verloren zu haben. Die Narben seien noch frisch, er sei ein einfacher Familienvater, und seine Frau erwarte ein Kind …
Vahid kommen nun doch Zweifel, und er beschließt, seinen Gefangenen ehemaligen Mithäftlingen vorzuführen, um sicher sein zu können, an keinem Unschuldigen Rache zu nehmen …
In seinem vielfach ausgezeichneten Filmdrama „Ein einfacher Unfall“ – unter anderem erhielt es in Cannes die „Goldene Palme“ – schildert der iranische Regisseur Jafar Panahi zwar fiktive Ereignisse, aber an deren Realitätsnähe können kaum Zweifel bestehen.
Panahi war selbst längere Zeit in Haft, nachdem er in seinem künstlerischen Werk das iranische Regime wiederholt kritisiert hatte und bereits 2010 zu einer Haftstrafe und einem 20-jährigen Berufsverbot verurteilt worden war – an das er sich nicht hielt.
Nach einem Hungerstreik und scharfer internationaler Kritik kam der damals 65-jährige Regisseur im Februar 2023 frei, ließ seine Erfahrungen in ein neues Drehbuch einfließen und filmte schließlich – ohne Genehmigung der Behörden, heimlich und überwiegend mit Laiendarstellern – sein Drama „Ein einfacher Unfall“, zum Großteil mitten in Teheran.
Aber nicht nur die Authentizität zeichnet Jafar Panahis Werk aus. Er schildert auch eine bewegende Entwicklungsgeschichte, die das Prinzip der Rache hinterfragt und ihre Charaktere von der klassischen „Auge-um-Auge-Logik“ zu differenzierteren Einsichten und Entschlüssen führt – und durch Situationen, die inmitten aller Tragik zugleich komisch anmuten.
Nicht immer bewegen sich die schauspielerischen Leistungen auf allerhöchstem Niveau, nicht alle Szenen erscheinen optisch perfekt aufgelöst, vieles wirkt improvisiert, aber dennoch fügt sich alles zu einem gelungenen Meisterwerk. Und mit Blick auf die Entstehungsgeschichte des Filmes muss das Ergebnis schlicht als großartig bezeichnet werden.
Ein unglaublich mutiger, berührender, in seinen Handlungswendungen auch immer wieder überraschender Film, der Einblicke in die fürchterliche Lebensrealität der durch das iranische Regime unterdrückten Menschen gewährt und zugleich zu unterhalten weiß.
Sehenswert!
(2025, 104 Minuten)

