In den 1970er-Jahren machte er den Begriff „Nahtoderfahrung“ (NTE) weltweit bekannt. Sein Buch „Life After Life“ (deutsch: „Leben nach dem Tod“) war ein internationaler Bestseller. Der US-amerikanische Psychiater und Philosoph Dr. Raymond Moody (geb. 1944) gehört zu den bedeutendsten Thanatologen unserer Zeit. Was ist sein Fazit nach mehr als 50 Jahren Sterbeforschung? Hat er Beweise für ein Leben nach dem Tod gefunden? Für die Existenz eines Jenseits? Für die Reinkarnation?
In einem aktuellen Interview gab der nach wie vor als Autor und Sprecher aktive brillante Denker Einblicke in seine Überzeugungen und seinen persönlichen Weg – mit durchweg überraschenden Antworten, die Moody als kritischen, lebensfrohen Menschen und Skeptiker im besten Sinn ausweisen.
Skeptiker und Mystiker
Wer von Raymond Moody erwartet, dass er die „einfache“ Frage, ob er Beweise für ein Leben nach dem Tod gefunden habe, mit einem klaren Ja beantwortet, wird enttäuscht. Er ist – auch nach mehr als 50 Jahren Sterbeforschung – skeptisch geblieben.
Nicht etwa, weil er glaubt, Nahtoderfahrungen könnten sich vielleicht doch durch Vorgänge im Gehirn erklären lassen. Die Unzulänglichkeit aller Versuche, solche Erlebnisse auf neurophysiologische Prozesse zu reduzieren, ist ihm bewusst. Aber Moody weiß auch, dass Beweise nicht so einfach zu führen sind – umso weniger, wenn die Grundlagen dafür – eindeutige, klare sprachliche Begriffe – fehlen. Skeptiker zu sein bedeutet für ihn, konsequent jeder offenen Frage nachzugehen und sich vor voreiligen Schlüssen zu hüten.
Diese Haltung hat Moodys Leben geprägt – bis heute. Schon als Kind, erzählt er, habe er sich gedacht, wenn eine Tasse auf dem Schreibtisch steht, ich kurz weggehe und sie dann immer noch dort steht, dann beweist das nicht ohne Weiteres, dass sie auch in der Zwischenzeit immer dort gestanden ist. „Für mich folgt das nicht zwangsläufig“, sagt er. „Ich weiß, die meisten Leute ziehen ganz automatisch diese Schlussfolgerung. Aber ich kann es nicht.“
Ähnlich ging es ihm mit der zentralen Frage nach dem Beweis für ein Leben nach dem Tod. Moody hat über die Jahrzehnte unzählige Berichte über Nahtoderfahrungen und andere Erlebnisse in Todesnähe dokumentiert und ausgewertet. Er hat sich intensiv auch mit geteilten Todeserfahrungen beschäftigt, bei denen gesunde Menschen die NTE eines anderen miterleben. Und doch blieben für einen wirklichen Beweis Fragen offen, die Moody nicht einfach übergehen wollte.
„Ich weiß heute, dass es nicht möglich ist, sinnvoll von einem Leben nach dem Tod zu sprechen“, sagt er. Zugleich aber liegt es ihm fern, etwa zu behaupten, es gebe kein Jenseits. Nicht zuletzt, weil er selbst mystische Erfahrungen gemacht und im Laufe seines Lebens immer wieder bemerkenswerte „Zufälle“ erlebt hat, die er nicht einfach übersehen konnte.
Beispielsweise im Zusammenhang mit Dr. George Ritchie, einem Psychiatrie-Professor, der an der Universität von Virginia tätig war. Mit ihm lernte Moody 1965 den ersten Nahtoderfahrenen kennen – und das weckte sein Interesse an dem Thema, auf das er davor schon beim Studium der Schriften seines „Lieblingsphilosophen“ – Platon – gestoßen war.
Zehn Jahre danach widmete Moody sein Buch „Life After Life“, mit dem der Begriff „Nahtoderfahrung“ weltweit bekannt wurde, George Ritchie. Dieser hatte seine Nahtoderfahrung im Jahr 1943 im texanischen Camp Barkley gemacht.
Später erfuhr Moody von seinen Eltern, dass sie genau zu diesem Zeitpunkt – bis zum 29. Dezember 1943 auch dort gewesen waren, damit sein Vater die Offiziersschule besuchen konnte. „Ich wurde Ende September gezeugt“, erzählt er. „George hatte seine Erlebnisse am 20. Dezember. Ich war also im Mutterleib vor Ort, als das passierte.“
Auch mit seinem Sohn Carter verbindet Moody eine besondere Begebenheit. Im Alter von fünf Jahren habe der Junge spontan von einem vergangenen Erdenleben in einem chinesischen Dorf erzählt. Das habe ihn völlig überrascht, denn spirituelle Themen seien zu Hause nicht auf der Tagesordnung gewesen. „In unserer Familie ging es darum, was wir essen oder ob wir ins Kino gehen“, sagt Moody. „Meine Kinder haben mein Buch ,Life After Life‘ im Internet gefunden. Sie ahnten nichts davon.“ Doch eines Tages, als im Fernsehen eine Dokumentation über China lief, habe Carter spontan von seiner „anderen Mama“ und seinem „anderen Papa“ in diesem Dorf erzählt.
Vor allem aber habe sein Sohn auch von einer besonderen Szene berichtet, die ihn völlig verblüfft habe, erzählt Moody. Carter habe ihn und seine Frau von einem Baum aus beobachtet, wie sie erschöpft im Gras lagen. „Carter erzählte, dass es mir nicht gut gegangen sei“, erinnert er sich, „und ich wusste genau, wovon er sprach. Meine Frau und ich waren damals in Griechenland unterwegs, im Orakel der Toten, mitten im Nirgendwo, und wir waren vom Flug völlig erschöpft. Der Angestellte dort hatte gemeint, wir sollten uns doch einfach ins Gras legen und ein Nickerchen machen. Wir lagen also da, rings um uns waren diese großen Bäume, und wir sprachen in diesem Moment darüber, ein Baby zu adoptieren.“
Philosoph und Idealist
Seine eigenen Erlebnisse und Erfahrungen haben Raymond Moody wahrscheinlich nachhaltiger geprägt als die zahllosen Berichte Nahtoderfahrener, die er – auch in seinen Büchern – dokumentiert und ausgewertet hat.
Zugleich wurde ihm eine Kluft bewusst: Rational lässt sich die Unsterblichkeit der Seele, allen Erfahrungen zum Trotz, nicht beweisen. Auch, weil in der Analyse dessen, was Menschen mit Nahtoderlebnissen und ähnlichen Erfahrungen berichten, die vertrauten Kriterien der Logik versagen.
Moody: „Nahtoderfahrene sagen zum Beispiel: ,Ich kann es Ihnen nicht beschreiben. Es gibt keine Worte dafür. Es gab weder Zeit noch Raum. Ich kann es nur so beschreiben: Ich verließ meinen Körper, ging durch einen Tunnel ins Licht und kehrte in meinen Körper und ins Leben zurück.‘ Das ist eine Reiseerzählung. Doch Reiseerzählungen ergeben keinen Sinn – ohne Zeit und Raum.“
NTE-Berichte können daher unsinnig erscheinen. Doch Moody steht auch der üblichen Auffassung skeptisch gegenüber, die Einstufung als „Unsinn“ sei eine Art Totschlagargument. Wenn etwas nicht verständlich erscheint, so sei damit nicht zwangsläufig schon ein Schlusspunkt erreicht. Auch in anderen Forschungsgebieten hätten manche Probleme über lange Zeit als grundsätzlich unlösbar gegolten – etwa in der Meteorologie, wo Wolken als Inbegriff des Form- und Normenlosen betrachtet wurden, oder in der Geschichte der Astronomie, als die Berechnung der Entfernung von Fixsternen als unmöglich galt. Und doch konnten schließlich Lösungen gefunden werden.
Moody erscheint eine neue Art von Logik nötig, die es gestattet, auch aus bislang unsinnig erscheinenden Begebenheiten in Todesnähe klare Schlüsse zu ziehen.
Freilich: Inwieweit das im Rahmen unserer sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten gelingen kann, bleibt offen.
Jedenfalls entziehen sich Nahtoderfahrungen und ähnliche Erlebnisse vorerst der objektiven Beweisbarkeit – auch wenn Betroffene subjektiv absolut davon überzeugt sind, dass es ein bewusstes Leben nach dem körperlichen Tod gibt.
Obwohl Raymond Moody als Philosoph stark vom Skeptizismus geprägt ist, sieht er sich auch als Idealist. Er hält es für möglich, dass Bewusstsein das Grundlegende, Ursprüngliche und nicht ein Produkt der Materie ist. Und trotz seiner wissenschaftlichen Orientierung – „Ich liebe die Astronomie von ganzem Herzen, ich liebe die Physik. Ich liebe die Naturwissenschaften“ – konnte er sich nie ganz mit dem Physikalismus und also auch nicht mit dem Materialismus identifizieren.
Insofern passt Moody im Grunde in keine weltanschauliche „Schublade“. Übrigens auch nicht, was seinen Bezug zur Religion anlangt: „Ich bin keine religiöse Person, denn ich spreche jeden Tag mit Gott. Und er hat mir nie ein Wort über Religion gesagt. Ich habe eine Beziehung zu Gott, und deshalb habe ich Religion einfach … hinter mir gelassen.“
Bewusstsein und Theater
Im Zentrum der großen Frage, ob es ein Leben nach dem Tod gibt, steckt das Rätsel des menschlichen Bewusstseins. Bis heute ist unerklärt, wie es entsteht. Die Vorstellung, dass es aus Gehirnfunktionen resultiert, blieb eine unbewiesene Theorie. Viele Sterbeforscher vermuten – weil Nahtoderfahrungen ein nachtodliches Sein nahelegen –, dass das körperliche Gehirn Bewusstsein nicht wirklich erzeugt, sondern es vermittelt.
Raymond Moody fasziniert „die narrative Natur“ des persönlichen Bewusstseins. Es sei, als ob der Verstand die Geschichte jedes Menschen konstruiert. „Das Bewusstsein setzt sich zusammen. Sobald mir etwas Neues passiert, wird es in einem automatischen Prozess in meine fortlaufende Lebensgeschichte eingefügt.“
Das mystische, unpersönliche Bewusstsein, von dem Nahtoderfahrene berichten, sei freilich etwas anderes, sagt Moody, „denn da ist Zeitlosigkeit. Es gibt keine Geschichte. Es ist noetisch, unmittelbar geistig. Das ist ein anderer Rahmen. Aber im Hinblick auf das gewöhnliche Alltagsbewusstsein, also das, was ich bin, repräsentiere ich als Person eine bestimmte Lebensgeschichte.“
Die erzählerische Natur des persönlichen Bewusstseins trete mit zunehmendem Alter immer stärker in den Vordergrund, meint Moody, und erinnert sich an Begebenheiten, als er eine Zeitlang eine geriatrische Sprechstunde geleitet hatte. „Ich habe in diesem Jahr viele sehr angesehene ältere Menschen kennengelernt. Und immer wieder hörte ich die Worte: ,Raymond, je älter ich werde und auf mein Leben zurückblicke, desto mehr entwickle ich dieses unheimliche Gefühl, dass es wie ein(e) …‘ – hier kann man einfügen ,Film, Drehbuch, Theaterstück, Roman oder Geschichte‘ – war.‘“
Die narrative Natur des Bewusstseins fügt sich auch gut zu Raymond Moodys Ansicht, dass das menschliche Leben in seiner Gesamtheit mit einem Theater vergleichbar sei, in dem Geschichten erfahren werden. Vielleicht liege darin sogar der Sinn unseres Lebens begründet – im Sinne des rumänischen Dramatikers Elie Wiesel (1928–2016), den Moody mit dem Satz zitiert: „Gott schuf den Menschen, weil Gott Geschichten liebt.“
Im Theater des Lebens würden demnach Handlungsfolgen erlebt, Freudvolles und Leidvolles, Komödien und Tragödien, die sich zu einem Ganzen fügen. Und die vielen persönlichen Geschichten vollziehen und verknüpfen sich im großen Rahmen der Entwicklungsgeschichte der Menschheit.
Moody erinnert sich in diesem Zusammenhang an ein einschneidendes Erlebnis in der zwölften Schulklasse, als er die „Canterbury Erzählungen“ des spätmittelalterlichen englischen Schriftstellers Geoffrey Chaucer kennenlernte und darin ein Abbild dieses Prinzips entdeckte: Die Leute begeben sich auf eine Pilgerreise nach Canterbury – und innerhalb dieses Handlungsrahmens erzählen sie einander ihre Geschichten.
Auch in der um 1350 vom italienischen Dichter Giovanni Boccaccio geschriebenen Novellen-Sammlung „Das Decameron“ gehe es, so Moody, im Prinzip um das Gleiche: Ein paar junge Menschen fliehen vor der Pest aus der Stadt in eine abgelegene Villa und erzählen einander innerhalb dieses größeren Handlungsrahmens ihre Geschichten.
Einzelne, persönliche Erfahrungen verknüpfen sich und ergänzen einander im großen „Theater des Lebens“. Bleibt die Frage, ob es dabei so etwas wie eine ethische Struktur gibt, eine grundlegende Ausrichtung, die eine Orientierung ermöglicht, oder ob es einfach „nur“ um das Erfahren aller freud- und leidvollen Lebensqualitäten geht.
Moody erinnert diesbezüglich an die Aussagen Nahtoderfahrener: „Viele sagen, es ginge um Liebe, darum, lieben zu lernen, und um das Streben nach Wissen.“
Die Erweiterung und Intensivierung der Liebes- und Erkenntnisfähigkeit könnte demnach als „Essenz des Lebenstheaters“ betrachtet werden, als das, worauf alles letztlich hinausläuft.
Reinkarnation und Lebensmuster
Mit Blick auf die kontinuierliche Entwicklung jedes persönlichen Bewusstseins findet Raymond Moody den Reinkarnationsgedanken philosophisch besonders interessant und naheliegend. Die verbreitete Ansicht, die Lehre von der Wiederverkörperung sei aus dem Osten nach Westeuropa und in die Vereinigten Staaten von Amerika gekommen, hält er für falsch: „Die Begründer des westlichen Denkens folgen Pythagoras, Platon und Empedokles.“
Demnach gehe die Reinkarnationslehre auf abendländische Philosophien zurück. Moody findet diesbezüglich vor allem Platon beeindruckend, der in seinem bedeutenden Buch „Der Staat“ jemanden schildert, der selbst Jenseits-Erlebnisse hatte und aufgrund seiner Erfahrungen den Menschen die verschiedenen Lebensmuster erklärt, die sie für eine Inkarnation wählen können, und welches Schicksal dazu gehört. „Er erklärt ihnen diese Muster“, sagt Moody, „und so nebenbei stellt sich heraus, dass sich die Menschen immer wieder im gleichen Muster bewegen werden. Das fand ich erstaunlich.“
Platon hatte wohl schon erkannt, dass Lebensthemen und -muster in der persönlichen Entwicklung sehr dominant und prägend wirken können.
Jedenfalls: Es gibt Entwicklungen. Diese Tatsache dürfte auch für den Skeptiker Raymond Moody zu den Gewissheiten zählen – auch wenn er heute von sich selbst behauptet, „aufgegeben“ zu haben, weil er sich aus den unlösbar erscheinenden Fragen rund um ein Leben nach dem Tod „nicht hinausdenken“ könne.
Zu den für unsere Zeit relevanten Entwicklungen gehöre, meint Moody, „dass uns das Jenseits näherkommt“. Dies hänge auch mit der geistigen Entwicklung zusammen. Beispielsweise habe es im antiken Griechenland zunächst noch keinen Wahrheitsbegriff gegeben. „Wahrheit ist das, was unabhängig davon, was jemand subjektiv wahrnimmt, denkt oder glaubt, der Fall ist.“ Damals sei es den Menschen nicht möglich gewesen, sich so etwas vorzustellen. Heute könnten sie diesen Begriff schon im Alter von drei Jahren erfassen; seine eigene Tochter habe ihm das bewiesen.
Moody zeigt sich auch zuversichtlich, dass es gelingen werde, das bislang Unverständliche in den Nahtoderfahrungen zu ergründen: „Wir befinden uns in einer Phase, die man ,transpicuous‘ nennen kann – in jenem transparenter werdenden Bewusstseinszustand, in dem man sich auf dem Weg von der Unverständlichkeit zur Verständlichkeit befindet.“
Hilfreich seien dabei auch medizinische Entwicklungen. Und insofern, meint Moody, werde wohl auch seine Rolle in der Sterbeforschung überschätzt.
„In den 1950er-Jahren kamen Nahtoderfahrungen zwar vor, sie waren aber außerordentlich selten. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand von einem solchen Erlebnis erfuhr, war fast null.
Später, in den 1960er-Jahren, mit dem Aufkommen der Herz-Lungen-Wiederbelebung, tauchten Wiederbelebungsgeräte innerhalb kürzester Zeit in Kaufhäusern auf. Als also der heldenhafte Raymond Moody in Erscheinung trat, gab es bereits sehr viele Nahtoderfahrene. Ich habe keine Wunder vollbracht. Ich kannte lediglich das Phänomen von Platon. Und als ich dann von solchen Berichten hörte, zählte ich zwei und zwei zusammen und begann die Fälle zu sammeln. Und so konnte ein Phänomen, das noch 1950 extrem selten war, ab etwa 1970 immer häufiger beobachtet werden.“
Das Jenseits kommt uns näher …
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Das nachfolgende Gespräch mit Dr. Raymond Moody führte für meinen YouTube-Kanal Thanatos TV die Physikerin und Philosophin Prof. Vera Spillner.
Spillner: Dr. Moody, Sie sind international seit Jahrzehnten als Sterbeforscher sehr bekannt. Unser Verständnis von Nahtoderfahrungen ist von niemandem so stark beeinflusst worden wie von Ihnen. Sie haben den Begriff „Nahtoderfahrung“ weltweit bekannt gemacht und dadurch unzähligen Menschen, die Schwierigkeiten hatten, über solche Erlebnisse zu sprechen, einen Begriff gegeben. Sie haben also nicht nur ein Forschungsfeld eröffnet, sondern auch einen fortlaufenden Dialog über Tod, Bewusstsein und das Menschsein angestoßen. Wie hat für Sie selbst alles angefangen? Wie sind Sie zum ersten Mal mit dem Thema Nahtoderfahrung in Berührung gekommen?
Moody: Bekannt wurde ich erstmals durch meine Forschungen zu Nahtoderfahrungen um 1970. Damals war ich Philosophieprofessor an der East Carolina University. Auf das Phänomen selbst war ich bereits 1962 durch die Lektüre Platons aufmerksam geworden.
Doch dann, 1965, begegnete ich tatsächlich einer lebenden Person, Dr. George Ritchie, die eine solche Erfahrung gemacht hatte. Ich promovierte 1969 in Philosophie und begann zu lehren. Schnell merkte ich, als ich über Platon, meinen Lieblingsphilosophen, unterrichtete, dass die Studierenden sehr an der Frage nach einem Leben nach dem Tod interessiert waren. Schon bald hörte ich Berichte von Studierenden und später auch von Dozenten, die mir erzählten: „Ja, ich wäre beinahe gestorben und habe mich außerhalb meines Körpers befunden.“
Und so begann ich 1972 mein Medizinstudium. Das war mein Einstieg in das Fachgebiet. Ab etwa 1970, als ich bekannter wurde, begannen mich Leute in Bürgervereinen zu Vorträgen und Ähnlichem einzuladen.
Aber ich wusste einfach nicht, was ich von dem Phänomen halten sollte. Ich war Professor für Logik und griechische Philosophie. Und um 1970 fragten mich die Leute: Dr. Moody, gibt es Beweise für ein Leben nach dem Tod?
Bei dieser Frage dachte ich sofort an Bertrand Russell, Alfred North Whitehead, Wittgenstein, Frege und die Principia Mathematica. Das war damals mein Level, wenn von Beweis die Rede war.
Ich erinnere mich also, dass ich selbst dachte: Nein, ich glaube nicht, dass es Beweise gibt.
In den Jahren während meines Medizinstudiums interessierte ich mich für forensische Psychiatrie. Es gab auch andere Berufsfelder, eine Zeit lang war ich auch als Komiker tätig, was mir sehr viel Spaß machte.
Im Laufe der Zeit wurde mir dann allmählich klar, dass die Leute es nicht wirklich ernst meinen, wenn sie nach Beweisen für ein Leben nach dem Tod fragen. Was die meisten Menschen meinen, ist eigentlich: „Dr. Moody, ist es rational, anzunehmen, dass ich nach meinem Tod ein fortbestehendes Bewusstsein als Selbst haben werde?“
Heute antworte ich auf diese Frage mit: Ja. Denn im Grunde wollen sie wissen, ob der Tod nur eine Art Trennung bewirkt. Und ob es irrational sei, das anzunehmen. Und ich sage: Nein.
Und die meisten Menschen interessieren sich darüber hinaus nicht weiter für das Thema Beweis. Doch diejenigen, die es interessiert, stoßen sofort auf das Argument David Humes, der sagte, dass es aus vielerlei Gründen schwierig sei, die Unsterblichkeit der Seele rational zu beweisen. Dafür sei eine neue Art von Logik erforderlich. Und neue geistige Fähigkeiten, die es uns möglicherweise gestatten, diese Logik zu begreifen. Und so ist es wirklich. Das ist die Realität unserer Situation.
Spätere Philosophen, wie etwa A.J. Ayer in der Bewegung des logischen Empirismus des frühen 20. Jahrhunderts, haben darauf hingewiesen, dass der Begriff „Leben nach dem Tod“ von Gefühlen und inneren Bildern begleitet wird. Wir glauben an eine Bedeutung, die es aber vielleicht gar nicht gibt. Der kognitive Gehalt einer Jenseitsvorstellung ist gleich null. Wie A.J. Ayer bekanntlich sagte: Sprachlich erscheint es sinnvoll zu sagen, dass ein Mensch den totalen Wandel seiner Persönlichkeit oder den vollständigen Verlust seiner Erinnerung überlebt. Und doch bleibt es ein Widerspruch in sich, zu formulieren, jemand habe die totale Vernichtung seines Körpers überlebt.
Das ist die Realität, egal, ob unser romantisches Weltbild etwas anderes nahelegt.
Aber das entmutigt mich kein bisschen. Ich denke, die Probleme, von denen David Hume und A.J. Ayer sprachen, sind zwar sehr real, aber es gibt Lösungsansätze.
Der Satz „Es gibt ein Leben nach dem Tod“ bleibt im Grunde unverständlich, auch wenn er vielleicht Bilder in uns hervorruft, aber wir können das unverständlich oder unsinnig Erscheinende trotzdem ergründen.
Versetzen Sie sich zum Beispiel gedanklich zurück ins Jahr 1950. Sie sind ein sehr gebildeter und informierter Mensch aus dieser Zeit. Und nun hören Sie den folgenden Satz: „Alle vier Großeltern von Ethel kamen bei einem Schiffsunglück ums Leben, lange bevor ihre Eltern geboren wurden.“
Das war Unsinn im Jahr 1950. Nehmen Sie dazu noch das Wissen über die DNA, ihre Rolle bei der Vererbung sowie über Genom-Editierung, Klonierung oder Genspleißung. Daraus ergibt sich ein vollständiges Szenario zur Unverständlichkeit dieser Aussage.
Aber ich denke, heute befinden wir uns in einer Phase, die man „Transpicuence“ nennen kann – in jenem transparenter werdenden Bewusstseinszustand, in dem man sich auf dem Weg von der Unverständlichkeit zur Verständlichkeit befindet.
Übrigens, vielleicht sind Sie an einer Geschichte über A.J. Ayer interessiert. 1964 las ich sein Buch „Sprache, Wahrheit und Logik“, in dem er über das Jenseits spricht. Und nun springen wir 20 Jahre weiter in die Zukunft, in die frühen 1980er-Jahre. Ich war damals für einen Vortrag in London und wurde von der BBC für eine dieser Sendungen eingeladen, die mitten in der Nacht ausgestrahlt werden. Also ging ich ins Studio, ins Radiostudio, betrat die Lounge und da war A.J. Ayer.
Ein paar Jahre zuvor hatte ich in der Zeitung gelesen, dass er eine Nahtoderfahrung gehabt hatte. Ich hatte mehrere Artikel darüber gelesen und vage in Erinnerung, dass er gesagt hatte, an seinem Erlebnis sei nicht viel dran gewesen, dass er einen Rückzieher gemacht hatte – und da war ich nun mit ihm, mit diesem Gedanken im Kopf.
Also fragte ich ihn: „Glauben Sie, es war ein Delirium?“
Er antwortete: „Oh nein, nein, absolut nicht!“ Und er bestand darauf, dass sein Erlebnis nicht nur real, sondern hyperreal gewesen sei.
Und außerdem sagte er noch etwas sehr Interessantes: „,Sie‘“ haben das alles für mich vorbereitet.“ Er hat nicht näher ausgeführt, wen er damit meinte. Aber er sagte „Sie“.
Ich interessierte mich damals besonders für das Phänomen Zeit. Er sagte, „sie“ hätten diese Situation inszeniert, und ich wollte den zeitlichen Zusammenhang vertiefen. Er ging aber nicht näher darauf ein.
Jedenfalls geht es letztlich um Bewusstsein. Es geht um Fragen des Bewusstseins. Und einer der auffälligsten Aspekte von Bewusstsein ist meines Erachtens seine narrative Natur.
Es ist, als ob mein Verstand Geschichten konstruiert. Und wenn mir etwas Neues passiert, dann wird das in einem automatischen Prozess in meine fortlaufende Lebensgeschichte eingefügt. Deshalb denke ich – obwohl ich auch falsch liegen könnte –, dass ein Essay von David Humes zutreffend sein könnte, in dem er sinngemäß sagt: „Die einzige Art von Jenseits, die ein philosophisch denkender Mensch in Betracht ziehen kann, ist die Reinkarnation.“
Ich erinnere mich an den Aufsatz von Hume, den er im Kontext von Sigmund Freuds Ansicht schrieb, dass die Vorstellung eines Jenseits Wunschdenken sei. Hume erwähnte Freud zwar nicht, aber es ist klar, dass er sich auf ihn bezog. Er schrieb: „Wenn ich ein gewisses Alter erreiche, tauchen in mir einfach Vorstellungen vom Jenseits auf.“
Das ist ein natürlicher Prozess, auf den auch Platon gleich zu Beginn in „Der Staat“ hinweist. Kephalos sagt: „Ich war sehr erfolgreich im Leben, sehr beschäftigt, und jetzt, wo ich dieses Alter erreiche, denke ich über all die Geschichten nach, die ich über das Jenseits gelesen habe.“ Ich habe das Dutzende Male gelesen.
Um auf den Punkt zu kommen: Ich glaube, dass wir die Frage nach dem Leben nach dem Tod nicht mit unserem Verstand und unserer Logik lösen werden. Deshalb erscheint es uns unmöglich, eine Antwort zu finden.
Humes Aussage, allein im Lichte der Vernunft sei es schwierig, die Unsterblichkeit der Seele zu beweisen, erscheint bei einigem Nachdenken doch ziemlich offensichtlich.
Er kommt dann zum Schluss, dass eine neue Art von Logik erforderlich sei und neue geistige Fähigkeiten, die es uns ermöglichen, diese Logik zu begreifen.
Und darum geht es in Wirklichkeit, auch wenn die meisten Menschen es für unmöglich halten, eine Antwort zu finden.
Spillner: Lassen Sie mich an dieser Stelle etwas aus der Physik einbringen. Viele Menschen haben gedacht, es sei unmöglich, darüber nachzudenken, woher das Universum kommt oder ob es etwas außerhalb des Universums gibt. Aber als ich die Stringtheorie und die Quantenfeldtheorie studierte, zeichneten sich mögliche Antworten ab. Wir behaupten in der Physik nicht, dass dies Realität sei oder dass wir etwas bewiesen hätten, aber wir entwickeln eine Sprache, um darüber zu sprechen und weiterzukommen, die Grenzen zu erweitern. Und ich glaube, dass Sie und Ihre Forschung zu Nahtoderfahrungen genau das erreicht haben.
Ich glaube, Sie haben Humes Argument sogar umgangen, weil Sie den Nahtoderfahrenen Gehör verschafft haben. Und diese Menschen haben uns Daten und Fakten geliefert, die uns irgendwie weiterbringen, auch wenn wir vielleicht nicht die Fähigkeit besitzen, wirklich zu begreifen, was auf der anderen Seite ist, sofern es die andere Seite gibt.
Moody: Das ist richtig. Menschen, die eine Nahtoderfahrung haben, sagen, dass es dafür keine Worte gibt, dass ihr Erleben unbeschreiblich ist. Und auch, dass es nicht in dem Zeit- und Raumkontinuum stattfand, in dem Sie und ich uns befinden. Deshalb werfen Nahtoderfahrungen viele Fragen auf.
Wir sollten also zunächst unseren Verstand vorbereiten und erst dann mit neuem Wissen und neuen Fakten versuchen, die Fragen zu beantworten.
Das Problem ist, dass wir einen unverständlichen Satz nicht in unser logisches System einordnen können. Denn wir setzen in unserem Denken voraus, dass wir, sobald etwas unverständlich ist, nicht weiterkommen. Aber ich könnte Ihnen sehr schnell zeigen, dass diese Annahme gar nicht stimmt. Dass Unverständlichkeit keinen Schlusspunkt setzt. Und dass das Phänomen Unverständlichkeit verstanden werden kann.
Beim Wort Unsinn denken wir an Chaos, Unergründlichkeit, Unfassbarkeit, Formlosigkeit, Normenlosigkeit. Unsinn könnte demnach schlicht und einfach nicht zu verstehen sein, es gäbe keine verschiedenen Arten von Unsinn.
Aber hören Sie zu: „Waren Brilligan und die Slithy Toads das, was Darren Gumbel und die Welle ausmachten?“ Das ist Unsinn.
Aber wenn ich jetzt sage: „Heiligkeit bringt einen letzten Hauch von Spontaneität hervor“, ist das auch Unsinn, aber in anderer Art.
Oder: „Der Kannibale, den ihr Männer gerade gegessen habt, war der letzte in der Stadt.“ Wieder anderer Unsinn.
Oder: „Das Wenn steigert den Schwung“ – Auch Unsinn, aber wieder anders.
Oder: „Weltheymiebeoneofthemy“ … noch einmal anderes.
Was die Beispiele zeigen, ist, dass verschiedenen Arten von Unsinn gemeinsame Strukturmuster aufweisen: Sie befolgen einige Sprachregeln, missachten aber andere, sodass das Ergebnis unverständlich ist. Jede Art von Unsinn hat also ihr eigenes Muster von Regelbruch und Regelbefolgung.
Spillner: Ich möchte hier wieder kurz etwas einfügen: Wenn ich mit Leuten über Unendlichkeit spreche, gehen die meisten davon aus, dass es nur eine einzige Unendlichkeit gibt.
Tatsächlich stimmt das in der Mathematik und der theoretischen Physik nicht. Und es ist dem, was Sie gerade gesagt haben, sehr ähnlich. Es gibt ganz unterschiedliche Arten von Unendlichkeit. Es gibt kleinere und größere. Und sie haben sogar Namen. Es gibt Größenordnungen von Unendlichkeit.
Betrachtet man beispielsweise die natürlichen Zahlen 1, 2, 3, 4, 5, 6 … Sie streben gegen Unendlichkeit, aber man kann zeigen, dass es sich um eine andere Art von Unendlichkeit handelt als die, die auch Kommazahlen enthält.
Hier haben wir also eine ähnliche Situation wie Sie es beim Unsinn beschrieben haben. Wir glauben, das Phänomen nicht begreifen zu können. Etwas Unendliches entzieht sich unserer Vorstellungskraft. Und doch können wir es nicht nur begreifen, sondern sogar erkennen, dass es verschiedene Arten gibt und dass diese strukturell miteinander verwandt sind.
Moody: Das ist richtig. Nun, zum Thema Unverständlichkeit gibt es einen weiteren Aspekt: Sobald man sich darauf eingelassen hat, kann man Widersinniges in die Alltagssprache integrieren. Und dann hat es die gleiche Wirkung wie bedeutungsvolle Inhalte.
Zum Beispiel sagen Nahtoderfahrene oft: „Ich kann es Ihnen nicht beschreiben. Es gibt keine Worte dafür. Es gab weder Zeit noch Raum. Ich kann es nur so beschreiben: Ich verließ meinen Körper, ging durch einen Tunnel ins Licht und kehrte in meinen Körper und ins Leben zurück.“ Das ist eine Reiseerzählung.
Doch Reiseerzählungen ergeben keinen Sinn ohne Zeit und Raum. –
Man sagt ja oft, es sei unmöglich, ein Leben nach dem Tod zu beweisen. Und doch: Es gibt andere Begebenheiten, die früher als unergründlich galten und heute Allgemeinwissen sind. Lassen Sie mich zwei nennen: Als Erstes möchte ich an den britischen Meteorologen Luke Howard erinnern. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gehörte der „Askesian Society“ in London an, einer kleinen Gruppe von Wissenschaftlern, die über die nötigen Mittel für Experimente verfügte.
Damals galten Wolken als Inbegriff des Unergründlichen, des Unverständlichen, des Form- und Normlosen. Allein schon aufgrund ihrer symbolischen Bedeutung waren Wolken unergründlich. Das war schon seit Jahrtausenden so.. Doch als Luke Howard auf einer Geschäftsreise aus der Kutsche schaute, erkannte er: Oh mein Gott, es gibt ja verschiedene Arten! Da sind die Kumuluswolken, die großen, bauschigen, die Zirruswolken, die federartigen, die Stratus- und Nimbuswolken. Er schrieb daraufhin eine Abhandlung, die sofort für Furore sorgte, denn jeder, der nur hinausschaute und selbst nach draußen ging, konnte es mit eigenen Augen sehen.
Eine weitere Sache, die als unergründlich galt, ja, als Inbegriff der Unergründlichkeit, war die Entfernung zu den Fixsternen. Es schien klar, dass man sie nicht messen kann.
Aber dann, sofern ich mich richtig erinnere, war es etwa im Jahr 1838, als die Messungen genau genug wurden, und 61 Cygni war, glaube ich, der erste Stern, dessen Entfernung man mit Parallaxe bestimmen konnte. Wenn man den Winkel hier misst und genau sechs Monate wartet, dann ist er danach anders. Das nennt man Parallaxe.
Und was ich gemacht habe, ist im Grunde genommen die Parallaxe, den Blick auf das Leben nach dem Tod zu öffnen.
Spillner: Das ist eine wunderbare Formulierung, Dr. Moody. Wenn etwas unsinnig oder unergründlich erscheint, kann sich das ändern. Mir fallen da noch weitere Phänomene ein, die zu Ihren Beispielen passen. Etwa die lange Diskussion zwischen Demokrit und vielen Philosophen darüber, ob Materie aus Atomen besteht oder woraus sie zusammengesetzt ist.
Und sie glaubten, dies bliebe eine philosophische Frage, etwas, das man nach Belieben wählen könne, dessen Antwort wir aber nie erfahren würden. Nun, wir haben inzwischen viele Wege gefunden, die Materie viel, viel tiefer zu erforschen. Grenzen gelten also immer noch für eine bestimmte Zeit.
Dr. Moody, Sie haben über Logik, über Sprache und auch über die Schwierigkeit gesprochen, etwas auszudrücken, das nicht unserer Logik entspricht, also unsinnig erscheint.
Nach all Ihren vielen, vielen Studienjahren – wie, glauben Sie, ist die Realität beschaffen? Denken Sie, dass es noch eine „andere Seite“ gibt? Und glauben Sie an die Reinkarnation, die Sie vorhin erwähnt haben?
Moody: Nun, zunächst werde ich Sie vielleicht schockieren. Einerseits liebe ich die Astronomie von ganzem Herzen, ich liebe die Physik. ich liebe die Naturwissenschaften. Aber gleichzeitig konnte ich mich nie ganz mit dem Physikalismus identifizieren. Schon als Kind habe ich mir gedacht: Gut, diese Tasse steht jetzt wohl auf dem Schreibtisch, und ich gehe kurz weg und wenn ich zurückkomme, steht sie wieder da. Aber das bedeutet für mich nicht, dass es deshalb ein Kontinuum gibt. Ich kann diesen Schluss einfach nicht ziehen. Für mich folgt das nicht zwangsläufig. Aber ich weiß, die meisten Leute ziehen ganz automatisch diese Schlussfolgerung. Sie können gar nicht anders. Aber ich kann es nicht.
Spillner: Würden Sie sich selbst als Idealisten bezeichnen? Ist das Ihre Philosophie?
Moody: Nun ja, ich meine, auch Leute, die alles umarmen wollen, bezeichnen sich als idealistisch …
Spillner: Nein, so meine ich das nicht!
Moody: In Ordnung, also ich würde sagen, ich bin Idealist. In meiner Vorgehensweise bin ich ein Skeptiker. Schon bevor ich Pyrrho, den Begründer des antiken Skeptizismus, im College studierte, war ich dieser Denkweise zugetan. Aber es ist nicht das, was viele Leute denken: „Oh, er ist skeptisch gegenüber Nahtoderfahrungen. Er glaubt, sie entstehen nur durch die Gehirnchemie.“ Diese Aussage ist ein Widerspruch in sich. Skeptiker zu sein bedeutet, konsequent zu forschen und jede Frage zu beantworten. Und sich davor zu hüten, voreilige Schlüsse zu ziehen.
Wenn Leute also behaupten, ich sei skeptisch gegenüber Nahtoderfahrungen, ich dächte, es liege einfach an der Gehirnchemie, dann unterstellen sie mir, jemand zu sein, der keine klaren Schlussfolgerungen zieht. Das ist einfach nur verrückt … Meiner Meinung nach denken Leute, die so etwas behaupten, sehr oberflächlich. Aber: Ich bin ein Skeptiker.
Spillner: Das passt auch sehr gut zu dem, was mir in jungen Jahren Albert Einstein beigebracht hat, nämlich alles zu hinterfragen. Und das tue ich auch. Aber trotzdem suche ich als Physikerin nach einem System, mit dem ich arbeiten kann.
Ich verstehe Sie also als Idealisten, was ich so interpretieren würde, dass Sie glauben, Bewusstsein sei fundamental. Würden Sie das auch so formulieren?
Moody: Ja, aber lassen Sie mich noch etwas ergänzen, denn die Natur der Sache ist auch wichtig.
Als ich meine Facharztausbildung in Psychiatrie absolvierte, hatte ich bereits in Philosophie promoviert. Ich war Philosophieprofessor gewesen und für mein Buch bekannt.
Und in der Kleinstadt war ich der älteste Bewohner. Man hat dort nach einer Möglichkeit gesucht, wie sich der Polizeichef und andere lokale Berühmtheiten durch eine Hintertür über mentale Gesundheit austauschen konnten.
Ich war ein Jahr lang derjenige, der pünktlich die geriatrische Sprechstunde für die angesehenen älteren Menschen abhielt. Und es gab auch viele internationale Prominente in dieser Stadt. So habe ich in diesem Jahr viele sehr ältere Menschen kennengelernt. Und immer wieder hörte ich die Worte: „Raymond, je älter ich werde und auf mein Leben zurückblicke, desto mehr entwickle ich dieses unheimliche Gefühl, dass es wie ein(e) …“ – hier kann man einfügen „Film, Drehbuch, Theaterstück, Roman oder Geschichte – war.“ Mit anderen Worten: Sie konzentrieren sich auf die Erzählstruktur des Lebens. Das habe ich hier immer wieder gehört.
Nun, zu welchem Ergebnis bin ich in meiner skeptischen Untersuchung gelangt? Ich weigere mich nach wie vor, eine endgültige Schlussfolgerung zu ziehen, und denke, dass es auch im Jahr 2026 noch nicht möglich ist, zu dem Schluss zu kommen, dass es ein Leben nach dem Tod gibt.
Ich würde sagen: An dem Punkt, an dem ich gerade mit meiner skeptischen Haltung stehe, gebe ich einfach auf.
Ich war immer in der Lage, mich aus schwierigen Situationen herauszudenken, aber hier finde ich einfach keinen Ausweg.
Die Vorstellung vom Sauerstoffmangel im Gehirn hat mich nie wirklich angesprochen, denn meine eigene Psychiatrieprofessorin erzählte mir 1972 oder 73, dass sie, als sie ihre Mutter erfolglos wiederbelebte, selbst ihren Körper verlassen und einen Lichttunnel gesehen habe.
Ich habe auch mit vielen Menschen gesprochen, die keine Nahtoderfahrung im Zusammenhang mit einem Herzstillstand, einer Krankheit oder Verletzung hatten, sondern die bei dem Tod einer anderen Person – meist einer ihnen nahestehenden Person – anwesend waren und ähnliche Erlebnisse hatten. Sie erzählten zum Beispiel: „Als meine Großmutter starb, verließ ich meinen Körper. Ich ging in diesem Licht ein Stück auf sie zu und sah sie deutlich.“
Oder die Leute berichten, der Raum fülle sich zum Sterbezeitpunkt mit Licht, verändere seine Geometrie, oder sie sähen Erscheinungen des Sterbenden, verstorbene Verwandte kämen in den Raum. In vielen Fällen erleben Umstehende auch empathisch den Lebensrückblick des Sterbenden mit. Eine sehr berührende Geschichte, aber wie kommt es dazu?
Lange Zeit nahm ich an, wer so etwas erlebt, müsse dem Sterbenden nahestehen.
Ich habe nie die Lebensrückschau eines anderen miterlebt. Der Gedanke daran erscheint mir befremdlich. Ich meine – wie peinlich wäre das …
Aber die Leute erzählten immer wieder von solchen Erlebnissen, und so nahm ich jahrelang an, nur jemand aus dem engeren Umfeld des Sterbenden könne so etwas miterleben. Aber vor einigen Jahren erfuhren meine Frau und ich dann von einem Notarzt, der in die Notaufnahme gerufen worden war, um einen Patienten wiederzubeleben, den er noch nie zuvor gesehen hatte. Während der Mann im Sterben lag, wurde dem Arzt dessen gesamtes Leben in einem holografischen Panorama vor Augen geführt.
Also … ich gebe auf. Ich weiß, dass es nicht möglich ist, sinnvoll von einem Leben nach dem Tod zu sprechen, aber ich weiß auch nichts anderes zu sagen, weil ich skeptisch bin.
Nun, lassen Sie mich noch etwas zu Pyrrho sagen. Er war einer der Philosophen, die Alexander den Großen nach Indien begleiteten. Dort verkehrte er mit den frühen Buddhisten. Nach seiner Rückkehr nach Griechenland praktizierte er den Buddhismus. Er unternahm Spaziergänge, indem er die Landschaft achtsam erkundete, und er meditierte. Ich denke daher, dass diejenigen, die sich als wissenschaftliche Skeptiker bezeichnen, ziemlich überrascht sein werden, wenn sie erfahren, dass der Begründer der skeptischen Bewegung ein praktizierender Buddhist war.
Spillner: Wenn ich Ihnen zuhöre, denke ich trotzdem, dass Sie nicht wirklich aufgeben, sondern so weitermachen, wie Sie es Ihr ganzes Leben getan haben: keine endgültigen Schlüsse ziehen, aber eben weitermachen. Ist es nicht genau das, was Sie tun und schon immer getan haben?
Moody: Ich gebe wirklich auf. Ich bin ratlos. Und außerdem gibt es da noch einen anderen Aspekt: Ich habe den Eindruck, dass uns das jenseitige Leben näher kommt. Denken Sie darüber nach!
Ich beobachte zum Beispiel gerade meine eigene, sehr kluge Tochter.
Schon im Alter von drei Jahren verstand sie den Begriff der Wahrheit. Sie dachte, ich hätte mir etwas nur ausgedacht und warf mir vor: „Du sagst mir nicht die Wahrheit.“
Vielleicht interessiert es Sie: Meine Tochter ist eine Schwarzfuß-Indianerin aus Montana. Wir haben sie gleich nach der Geburt adoptiert. Und sie ist einfach eine Freude!
Wie auch immer, wir verstehen den Begriff der Wahrheit heute schon im Alter von drei Jahren.
Wenn wir ins antike Griechenland zurückblicken, sagen wir um 600 v. Chr., so gab es dort keinen Wahrheitsbegriff. Und das hat folgenden Grund: Wahrheit ist das, was unabhängig davon, was jemand subjektiv wahrnimmt, denkt oder glaubt, der Fall ist.
In einer Kultur ohne Schriftsprache ist es den Menschen nicht möglich, sich das vorzustellen. Und der Grund dafür ist, dass wir diesen Begriff zum ersten Mal im Zusammenhang mit dem kennenlernen, was wir beide heute als Schlussfolgerungen bezeichnen: Wenn Andy größer ist als Bill und Bill größer ist als Charlie, dann ist Andy folglich auch größer als Charlie. Dabei spielt es keine Rolle, was irgendjemand annimmt. Aber im altgriechischen Kontext gab es nur eines, das unabhängig von menschlichem Denken existierte: das Unsterbliche.
Man stelle sich diese Diskrepanz vor! Der Erste, der zwischen Meinung und Wahrheit unterschied, war Parmenides. Und er war offenbar mit einem Totenorakel oder ähnlichen Einrichtungen verbunden. Er befand sich auf dem Podest eines Heiligtums von Menelaos. Dort gibt es einen Seher. In seinem Werk darüber deutet er an, dass er dort oft war. Im Wesentlichen beschreibt er, dass er von einer Göttin in einem magischen Gefährt in die Unterwelt entführt wurde. Sie sang ihm ein Lied. Dieses Lied ist die allererste schriftlich festgehaltene logische Schlussfolgerung. Und sie sagte: „Parmenides, wenn du zur Erde zurückkehrst, sag den Leuten nicht, sie sollen es glauben, weil es die Göttin gesagt hat. Sag ihnen, sie sollen sich selbst ein Bild davon erarbeiten.“
Parmenides bestand darauf, dass seine Schüler dieses Lied immer und immer wieder singen, bis sie es auswendig konnten. Und indem sie das taten, begannen sie den Zusammenhang zwischen den Prämissen und der Schlussfolgerung zu verstehen. Und das ist der Begriff der Wahrheit.
Diesem Autor zufolge kam der Grundgedanke der Logik also von der anderen Seite!
Spillner: Das ist ein faszinierender Gedanke!
Moody: Es dauerte aber noch einmal etwa 100 Jahre, bis auch Platon darüber nachdachte. Auch aus diesem Grund wissen wir, dass es Aussagen gibt, die unabhängig von der Wahrnehmung, den Gedanken oder Überzeugungen anderer gelten.
Genauso gibt es, so argumentierte Platon, auch Aussagen, die nicht zutreffen, unabhängig davon, was man denkt, wahrnimmt oder glaubt. Das war also das Konzept der Falschheit. Und er führte das „Wahr-Falsch“ ein, um damit die Beziehung zwischen dem Wörtlichen und dem Bildlichen zu definieren.
Worauf ich hinauswill, ist, dass Erkenntnisse das Ergebnis einer langen Kette von Ereignissen sind. Und nicht alles verlief reibungslos. Aufgrund einer Diskrepanz zwischen Platon und Aristoteles können wir zum Beispiel über das Unverständliche nicht sehr logisch nachdenken. Aber wir können diese Lücke schließen. Und sobald wir diese Lücke geschlossen haben, können wir später auch über Nahtoderfahrungen auf ganz neue Weise sprechen.
Diese Erfahrungen kamen noch in den 1950er-Jahren nur außerordentlich selten vor. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand von einem solchen Erlebnis wusste, war fast null.
Später, in den 1960er-Jahren, mit dem Aufkommen der Herz-Lungen-Wiederbelebung, tauchten Wiederbelebungsgeräte innerhalb kürzester Zeit in Kaufhäusern auf. Als also der heldenhafte Raymond Moody in Erscheinung trat, gab es bereits sehr viele Nahtoderfahrene. Ich habe keine Wunder vollbracht. Ich kannte lediglich das Phänomen von Platon. Und als ich dann von solchen Berichten hörte, zählte ich zwei und zwei zusammen und begann die Fälle zu sammeln. Und so wurde ein Phänomen, das 1950 extrem selten war, ab etwa 1970 immer häufiger beobachtet.
Spillner: Wobei es zu Beginn Ihrer Recherchen noch keine Internet-Community gab, die die Möglichkeit gehabt hätte, Gedanken und Ideen auszutauschen, sondern es handelte sich um Einzelfälle, wenngleich es immer mehr wurden.
Sie hatten also die wunderbare Gelegenheit, mit Menschen zu sprechen, die voneinander nichts wussten, und ihre Geschichten sicher nicht gemeinsam entwickelt hatten, und doch waren sie einander so ähnlich. Das hat mich auch als Physikerin ungemein fasziniert.
Moody: Ja, und dann fragt man sich, worauf die Ähnlichkeiten beruhen.
Ich kann mich einfach nicht von dem Gedanken lösen, dass es nach dem Tod eine andere Realität gibt. Lassen Sie mich Ihnen von etwas erzählen, das mir vor meiner Geburt widerfahren ist. Ich wurde in Porterdale, Georgia, geboren, und meine Eltern stammen ebenfalls von dort.
Ich wurde im Jahr 1944 geboren. Dr. George Ritchie, der erste lebende Nahtoderfahrene, von dem ich hörte, stammte aus Richmond, Virginia. Ich lernte Dr. Ritchie 1965 kennen, als er Professor für Psychiatrie an der Universität von Virginia war. Er erzählte mir seine Geschichte, die sich im Dezember 1943 in Camp Barkley, Texas, ereignet hatte, als er als Rekrut seine Grundausbildung absolvierte. Georges Bericht war der erste, den ich hörte. Er weckte mein Interesse an diesem Phänomen, und so nahm alles seinen Lauf.
1975 veröffentlichte ich mein Buch über Nahtoderfahrungen. Das war der einzige Kontakt, den ich in all der Zeit mit George hatte: Ich rief ihn an und fragte ihn, ob ich ihm mein Buch widmen dürfe. Zwei Monate später, im Januar 1976, schloss ich mein Medizinstudium in Georgia ab und beschloss, für meine Ausbildung als Facharzt in Psychiatrie nach Charlottesville, Virginia, zurückzukehren. Also flog ich im März 1976 dorthin und bewarb mich um die Ausbildungsstelle.
Während meines Aufenthalts rief ich Dr. Ritchie an, und er lud mich zum Abendessen ein. So kam es zum Kontakt. Am nächsten Tag flog ich zurück nach Mason, Georgia, wo meine Eltern lebten und sich um meine Kinder kümmerten.
Und ich erwähnte ihnen gegenüber beiläufig, dass ich am Tag zuvor bei Dr. Ritchie gewesen war. Mein Vater hatte inzwischen eine Tonbandaufnahme von George Ritchies Erlebnissen gehört und sagte: „Ah, George Ritchie, Camp Barkley, Texas, Dezember 1943. Weißt du, das ist sehr interessant. Denn ich war damals auch dort. Und du ebenfalls!“
Meine Eltern waren Anfang September 1943 nach Camp Barkley gezogen, damit mein Vater die Offiziersschule besuchen konnte. Ich wurde Ende September gezeugt. Georges hatte seine Erlebnisse am 20. Dezember, meine Eltern sind dann 29. Dezember weggezogen. Ich war also noch im Mutterleib, als das passierte.
Nun aber zurück zur eigentlichen Frage: Wo bin ich in all meinen Überlegungen zu diesem Thema gelandet?
Nun ja, im Moment denke ich, dass wir uns in einer Art Theater befinden.
Unser persönliches Bewusstsein setzt sich zusammen. Es ist eine Erzählung. Es ist, was es ist.
Das mystische Bewusstsein, von dem Nahtoderfahrene berichten, ist etwas anderes. Denn da ist Zeitlosigkeit. Es gibt keine Geschichte. Es ist noetisch, unmittelbar geistig. Das ist also ein anderer Rahmen. Aber im Hinblick auf das gewöhnliche Alltagsbewusstsein, dessen, was ich bin, repräsentiere ich als Person eine bestimmte Lebensgeschichte.
Ich bin sicher, Ihr Verstand arbeitet jetzt … Aristoteles hat sich in einer seiner Schriften zur wörtlichen Auslegung einer Metapher geäußert. Wenn ich sage: „Onkel Hampert ist ein fettes Schwein, also gib ihm einen Eimer Mais“, dann begehe ich einen logischen Fehler. Denn ich wechsle von einer Metapher zu einer wörtlichen Interpretation.
Dementsprechend könnten manche nun sagen: „Wenn Raymond Moody einen Aspekt der menschlichen Erfahrung, nämlich die Lebensgeschichte als Theater, auf das große Ganze projiziert, als Modell der Realität, dann ist auch das ein logischer Fehler.“
Spillner: Was würden Sie antworten?
Moody: Ich würde sagen, nein, es geschah genau andersherum.
Was ist in der Geschichte des Theaters passiert? Im antiken Griechenland gab es jahrhundertelang Festspiele mit Chören. Der Chor sang die alten Geschichten. Und dann trat aus unerfindlichen Gründen Thespis hervor, der allererste Schauspieler, erzählte seine eigene Geschichte und schuf damit eine Sensation. Das Publikum rief: „Mehr, mehr, mehr!“
Und was zeichnet die Griechen aus? Wettbewerb, richtig? Darum ging es schon immer, auch die Olympischen Spiele sind ja ein Konkurrenzkampf.
Und so schlug Peisistratus damals vor, einen Wettbewerb zu veranstalten, um zu sehen, wer die besten Werke schreiben kann. Aischylos, Sophokles und Euripides gingen als Sieger hervor. Ich denke, dass sie für die Öffentlichkeit die Intellektuellen ihrer Zeit waren.
Das war noch bevor Sophokles und die Philosophie in Athen richtig in Schwung kamen.
Ich glaube, als sie sich intensiver damit beschäftigten, erkannten sie: Ja, das ganze Leben ist wie eine Geschichte, und dafür können wir hier einen Raum schaffen. Aber in erster Linie dachten sie auch an die Vermittlung von Spirituellem.
Spillner: Wenn Sie also sagen, dass Bewusstsein vielleicht grundlegend ist und es bei Lebensgeschichten um eine Art Theater geht, dann habe ich zwei weitere Fragen. Die erste lautet: Welche Rolle spielt die Liebe in diesem Theater? Welche Bedeutung hat sie? Entsteht sie aus etwas oder ist sie etwas Fundamentales? Was ist Ihre Meinung dazu? Und meine andere Frage ist: Warum? Warum das alles?
Moody: Nun, erstens – und zur zweiten Frage: Ich weiß es nicht. In gewisser Weise ist der erste Gedanke, der mir zum Theater der Lebensgeschichten in den Sinn kommt, dass es Spaß macht.
Ich meine, mystisches Bewusstsein ist etwas wirklich Schönes. Ich habe es ein paarmal erlebt. Aber wird es nicht nach einer Weile langweilig? Ich bevorzuge die erzählerische Perspektive, das narrative Bewusstsein …
Naja, das ist jetzt natürlich scherzhaft gemeint, das mystische Bewusstsein ist wunderschön. Ich schätze diese Stille, in der man innehalten und nachdenken kann. Sie ist mir sehr wichtig, weil ich Wissen liebe.
Und ich liebe es einfach, in Stille zu sein und über das nachzudenken, was wir wissen. Aber nur Lebensgeschichten erzeugen Spannung. Der Dramatiker Elie Wiesel hat etwas gesagt, das mir sehr sinnvoll erscheint: „Gott schuf den Menschen, weil Gott Geschichten liebt.“
Spillner: Ihre Ausführungen bringen mich auf einen Aspekt von Nahtoderfahrungen, der mich immer besonders fasziniert hat, und zwar die Lebensrückschau, die ja die persönliche Lebensgeschichte abbildet. Denn so eine Rückschau würde man biologisch nicht erwarten. In einer Situation, wenn das Gehirn oder der Organismus versagt, will die Evolution doch, dass man eine Lösung findet, um zum Beispiel vor dem Tiger zu fliehen oder nicht zu ertrinken. Das Unwichtigste wäre doch, sich daran zu erinnern, wie man sich in einer Szene mit dem Nachbarn vor zehn Jahren gefühlt hat. Aus der Überlebensperspektive ergibt eine solche Rückschau keinen Sinn.
Und außerdem, wenn nach dem körperlichen Tod nichts passiert, wer sollte daraus lernen? Das ergibt keinen Sinn. Es wäre reine Energieverschwendung.
Diese Lebensrückschau vermittelt mir irgendwie das Gefühl, dass dem Universum eine ethische Struktur zugrunde liegt. Was denken Sie darüber? Hat das „Theater unseres Lebens“ über Spaßidee hinaus nicht doch eine tiefere Bedeutung?
Moody: Vor etwa 10 oder 15 Jahren begann ich damit, meinen Studenten an der Universität eine Frage zu stellen, und diese Frage stelle ich jetzt auch Ihnen:
Stellen Sie sich vor, bei Ihnen sei eine schreckliche Infektion diagnostiziert worden, die Sie zwingt, zehn Jahre lang ganz allein, isoliert auf einer einsamen Insel zu verbringen. Sie werden mit einem Flugzeug dorthin gebracht, im Frachtraum werden ausreichend Lebensmittel, Wasser und Medikamente für die zehn Jahre mit transportiert. Und außerdem gibt es dort noch Platz für eine DVD-Box, für, sagen wir, 10.000 Filme auf DVDs.
Und die Frage ist: Würden Sie sich ausschließlich für Komödien entscheiden? Würden Sie?
Spillner: Das ist eine unfaire Frage, denn ich bin ein so harmonischer Mensch mit einem schwierigen Leben, sodass mein Verstand und mein Herz in diesem Moment sagen: Ja, natürlich würde ich mich immer für Comedy entscheiden.
Aber ja, jeder Mensch würde sich wahrscheinlich für eine gute Mischung zwischen Komödien und Tragödien entscheiden.
Moody: Ja. Wenn immer ich die Leute gefragt habe: Würden Sie sich auch ein paar Tragödien aussuchen, sagten Sie „ja, sicher“. Und wenn Sie da draußen auf dieser einsamen Insel ganz allein wären und die Tragödie beobachten würden, würden Sie weinen?
Und natürlich würden sie das.
Ich glaube, so in etwa sind die Rahmenbedingungen für unsere Lebensgeschichten.
Natürlich wirft das weitere Fragen auf.
Ich weiß nicht warum, aber ich erinnere mich an ein sehr einschneidendes Erlebnis, das ich in meiner zwölften Schulklasse hatte. Ich las damals in meinem Englischbuch für die Oberstufe Chaucers „Canterbury Tales“, die Geschichte von Pilgern, die nach Canterbury reisen; es ist ein mittelalterliches Werk.
Die Leute begeben sich auf die Pilgerreise, und um sich die Zeit zu vertreiben, erzählen sie einander Geschichten. Es gibt also etwas, das man Handlungsrahmen nennt, die Geschichte der Pilger auf dem Weg nach Canterbury. Und innerhalb dieses Rahmens erzählt jeder der Pilger seine eigene Geschichte, um die anderen zu unterhalten.
Ein anderer Autor, der vielleicht eher bekannt ist, wäre Boccaccio. In seinem Buch „Das Decameron“ geht es im Prinzip um das Gleiche. Ein paar junge Menschen fliehen vor der Pest in eine abgelegene Villa außerhalb von Mailand oder wo auch immer sie liegt und erzählen einander Geschichten. Es gibt also auch hier einen Rahmen für die individuellen Geschichten. Und ich frage mich, wie die Struktur des Ganzen aussieht.
Angenommen, es gibt für unsere Lebensgeschichte einen größeren Rahmen. Gehört das Bewusstsein, das wir vermutlich nach dem Tod haben, dann auch zur persönlichen Geschichte oder ist es eine andere Art von Bewusstsein? Und ich kenne die Antwort nicht.
Spillner: Eine sehr spannende Frage!
Moody: Ich forsche zwar weiter nach, aber ich bin eben an einem Punkt angelangt, aus dem ich mich selbst nicht mehr weiter herausdenken kann.
Spillner: Obwohl mich die Idee eines Theaterstücks und der persönlichen Lebensgeschichten in einem größeren Rahmen anspricht, möchte ich doch noch einmal nachhaken, denn ich habe das Gefühl, dass die ethische Tiefe einer Lebensrückschau von Bedeutung ist. Ich glaube, das weist auf etwas wirklich Wichtiges hin …
Moody: Bemerkenswert ist dabei zweierlei. Viele Nahtoderfahrene sagen, es ginge um Liebe, darum, lieben zu lernen, und um das Streben nach Wissen. Und dann gibt es noch eine dritte Gruppe von Menschen, die künstlerisch begabt aus dem Erlebnis zurückkommen. Sie haben zum Beispiel nie einen Pinsel in der Hand gehabt oder sich nie mit Musik beschäftigt, und plötzlich schaffen sie Kunst. Ich weiß nicht, ob Ihnen zum Beispiel Dr. Anthony Cicoria bekannt ist.
Spillner: Ja, natürlich. Und es gibt noch einen anderen, Vinzenz Hensle, einen deutschen Weinbauern, dem in seiner Nahtoderfahrung gesagt wurde, er solle malen, um etwas vom Jenseits zu vermitteln, und er wurde plötzlich zu einem erstaunlichen Künstler. Er verkauft seine Bilder nicht, es gibt also keine kommerziellen Hintergründe.
Moody: Ich denke, ich habe dieselbe Sensibilität wie Sie, was Geld angeht. Es ist nicht so, dass ich Geld verachte, aber ich komme mit Geldangelegenheiten nicht wirklich klar. In meinem Denkprozess spielt Geld einfach keine Rolle. Deshalb geht es mir eben so, wie es Gelehrten und Schriftstellern meistens ergeht …
Spillner: Ich kann das gut nachvollziehen. Nun, Herr Dr. Moody, eine Frage habe ich noch: Wir haben vorhin schon kurz von Reinkarnation gesprochen. Was sind Ihre Gedanken dazu?
Moody: Was ich so interessant finde, ist die in den Vereinigten Staaten dominierende und schon lange verbreitete Ansicht – ich weiß nicht, wie es in Deutschland ist –, dass die Reinkarnationstheorie aus dem Osten gekommen wäre. Im 19. Jahrhundert hätten Gurus sie zu einer akademischen Religionskonferenz gebracht. Aber das stimmt nicht. Die intellektuelle Tradition der Vereinigten Staaten und der westlichen Welt geht auf Pythagoras zurück, und die Begründer des westlichen Denkens folgen Pythagoras, Platon und Empedokles.
Nun ja, was ich darüber denke … Ich muss vorausschicken, meine Frau und ich sind nicht religiös. Wir haben unsere Kinder nie in die Kirche geschickt. In unserer Familie ging es darum, was wir essen oder ob wir ins Kino gehen. Meine Kinder haben mein Buch „Life After Life“ im Internet gefunden. Sie ahnten nichts davon. Aber beide fingen unabhängig voneinander schon als kleine Kinder an, von Erinnerungen an frühere Leben zu erzählen. Das hat mich sehr verblüfft, das kann ich nicht leugnen. Und nicht nur das, ich muss auch zugeben, dass es etwas gab, das tatsächlich so war, wie es mein Sohn Carter erzählte, als er fünf Jahre alt war.
Wir zappten damals gerade durch die Fernsehkanäle und kamen zu einer Dokumentation über das Leben in einem chinesischen Dorf. Und plötzlich sagte Carter: „Papa, das ist mein Dorf, ja, das ist mein Dorf. Bevor ich zu dir und Mama kam, war ich in China mit meiner anderen Mama und meinem anderen Papa.“
Und dann erzählte er mir, er habe beobachtet, dass es mir nicht gut gehe, es sei aber nichts Ansteckendes. Er sei oben auf einem Baum gewesen und habe mich und Mama unter sich im Gras liegen sehen.
Und ich wusste genau, wovon er sprach. Meine Frau und ich waren in Griechenland, im Orakel der Toten, mitten im Nirgendwo, und wir waren vom Flug völlig erschöpft. Der Angestellte im Orakel der Toten hatte gesagt: „Legen Sie sich doch einfach ins Gras und machen Sie ein Nickerchen.“ Rings um uns waren diese großen Bäume, und wir sprachen in dem Moment darüber, ein Baby zu adoptieren.
Was soll ich dazu noch sagen?
Mich beeindruckt Platons Aussage dazu. Vielleicht war es nur eine witzige Bemerkung, aber sie stimmt wirklich. Am Ende von „Der Staat“ zeigt jemand, der Jenseits-Erlebnisse hatte, den Menschen verschiedene Lebensmuster, die sie für eine Inkarnation wählen können, und sie sprechen über diese Lebensmuster. Er erklärt sie ihnen und welches Schicksal dazu gehört, und so nebenbei stellt sich heraus, dass sich die Menschen immer wieder im gleichen Muster bewegen werden. Das fand ich erstaunlich. Es läuft oft immer wieder auf dasselbe hinaus.
Platons Beobachtung war hervorragend!
Spillner: Dr. Moody, es war mir ein großes Vergnügen, mit Ihnen zu sprechen. Es ist so schön zu sehen, dass es Ihnen gut geht, wie Sie lachen und über so vieles nachdenken. Das ist wunderbar. Also vor allem: Vielen Dank!
Moody: Vielen Dank, und ich wünschte, ich könnte Ihnen mein letztes Buch zukommen lassen, aber momentan haben wir noch mit der Finanzierung des Drucks zu tun.
Spillner: Nun ja, da ich Physikerin mit Schwerpunkt Kosmologie bin, glaube ich gewissermaßen an das Blockuniversum und dass darin alles Vergangene ebenso existiert wie das Jetzt und die Zukunft. Wenn ich Ihr Buch also in Zukunft erhalten werde, besitze ich es gewissermaßen schon, nicht wahr?
Moody: Ich möchte anmerken, dass Platon im „Timaios“ sozusagen über das Blockuniversum spricht. Er sprach in diesem Zusammenhang über die Zeit. Seine Worte – übertragen in die heutige Zeit – lauten: „Zeit ist der Film der Ewigkeit. Zeit sind die bewegten Bilder der Ewigkeit.“
Spillner: Physikalisch gesehen macht das durchaus Sinn. Dr. Moody, es war mir ein Vergnügen. Bleiben Sie gesund!
Moody: Nun ja, das liegt an Gott …
Ich bin keine religiöse Person, denn ich spreche jeden Tag mit Gott. Und er hat mir nie ein Wort über Religion gesagt.
Ich habe eine Beziehung zu Gott, und deshalb habe ich Religion einfach … hinter mir gelassen. Ich meine, ich gehe jeden Tag spazieren, weil ich sportbegeistert bin, und ich habe zwei Kinder und eine Frau zu versorgen.
Aber ja, es liegt an Gott, und ich gebe mein Bestes.
Spillner: Vielen Dank für dieses faszinierende Gespräch und alles Gute für Sie!
Literatur von Raymond Moody:
„Leben nach dem Tod“ (1979): ISBN 978-3893504336
„Glimpses of Eternity – Sharing a Loved One’s Passage from This Life to the Next“ (2010), ISBN: 978-0824948139
„Making Sense of Nonsense – The Logical Bridge Between Science & Spirituality“ (2020), ISBN: 978-0738763163
„7 Gründe, warum wir an ein Leben nach dem Tod glauben dürfen“ (2024), ISBN 978-3641320874

