Rebecca Zlotowskis Tragikomödie „Paris Murder Mystery“ •
Die US-amerikanische Psychoanalytikerin Lilian Steiner (Jodie Foster) praktiziert seit vielen Jahren in Paris. Eines Tages erfährt sie, dass Paula (Virginie Efira), eine Patientin, die sie geschätzt und gemocht hatte, unter tragischen Umständen gestorben ist. Ein Medikament wurde falsch dosiert, offensichtlich war es ein Suizid. Doch dafür hatte Lilian im Vorfeld keine Anzeichen gesehen, und Paulas Mann Simon (Mathieu Amalric) macht sie mitverantwortlich für den Tod seiner Frau, wirft die fragwürdige Therapeutin aus dem Haus, als sie im Kreis der Hinterbliebenen ihre Trauer bekunden will.
Lilian packen Selbstzweifel: Lag sie mit ihrer Einschätzung von Paulas Seelenzustand tatsächlich so daneben? Und warum hat sie selbst nun dauernd mit den Tränen zu kämpfen? Weshalb geht ihr Paulas Tod so besonders nahe?
Gleichzeitig nervt Lilian ein anderer Patient. Pierre (Noam Morgensztern) hatte ihre Praxis ursprünglich aufgesucht, weil er vom Rauchen wegkommen wollte. Nun wirft er seiner Therapeutin vor, über die Jahre einen fünfstelligen Geldbetrag für eine völlig sinnlose Psychoanalyse genommen zu haben. Kürzlich, erzählt Pierre aufgebracht, sei er bei Jessica Grangé (Sophie Guillemin) gewesen, ein einziges Mal nur, und seit sie ihn hypnotisiert habe, rühre er keine Zigarette mehr an.
Als sich die Lage für Lilian zuspitzt, ihre Augen weiterhin unkontrollierbar tränen und sie auch von Paulas Tochter Valérie (Luàna Bajrami) bedrängt wird, weil diese den unerwarteten Tod ihrer Mutter verstehen will, entschließt sich die verunsicherte Psychoanalytikerin zu einem Schritt aus ihrem eigenen weltanschaulichen Schatten. Sie sucht Madame Grangé auf, um zu erkunden, was deren „Alternativtherapie“ wirklich leisten kann.
Flugs versetzt diese ihre zunächst skeptische Klientin in eine tiefe Hypnose, leitet eine Rückführung ein, und bald ist Lilian davon überzeugt, größere Zusammenhänge verstanden zu haben. Demnach war sie in einem früheren Leben mit Paula liiert gewesen (daher die Trauer, daher die Tränen). Sie hatte mit ihr in einem Orchester gespielt, und schon damals hatte Simon ihre Beziehung zerstören wollen (daher dessen Aggression ihr gegenüber).
Auch die lebenslange Begeisterung ihres eigenen Sohnes (Vincent Lacoste) für die deutsche Geschichte begreift Lilian im Licht der hypnotischen Rückführung: In seinem früheren Leben hatte Julien der Waffen SS angehört; sie hatte ihn in seiner Uniform gesehen …
Mit ihrem neuen Bewusstsein für übergeordnete Zusammenhänge und geheilt vom unkontrollierbaren Tränenfluss macht sich Lilian – unterstützt von ihrem Ex-Mann Gabriel (Daniel Auteuil) – auf die Suche nach den wahren Hintergründen für Paulas Tod. Hat Simon sie durch eine Medikamenten-Überdosis getötet? Oder hat Valérie etwas mit dem Mord zu tun?
Letztlich wird nicht nur klar, dass sich alles ganz anders als vermutet zugetragen hat, sondern auch, wie sehr sogar kritische, „analytische“ Menschen dazu neigen, aus Erlebnisfragmenten Sinnzusammenhänge zu konstruieren, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt.
Mit ihrem Film „Paris Murder Mystery“ (Originaltitel: „Vie privée“ = Privatsphäre) gelang der französischen Regisseurin und Drehbuchautorin Rebecca Zlotowski, unterstützt von einem herausragenden Schauspieler-Ensemble, eine eigenwillige Tragikomödie, die sich keinem Genre zuordnen lässt (und insofern vielleicht auch bestimmte Erwartungen enttäuscht), in der aber gekonnt Klischees aufeinanderprallen: Hier die „streng wissenschaftliche“ Psychoanalyse, dort eine unscharfe Art von Reinkarnationstherapie.
Was kann Hypnose wirklich leisten? Wie formen sich Erinnerungen, Überzeugungen, persönliche Wohlfühlzonen?
Der Zuschauer ist eingeladen, aktiv mitzurätseln und mitzuanalysieren – ohne sich deshalb unbedingt für eines der beiden weltanschaulichen Klischees entscheiden zu müssen.
Dem Verweis auf Woody Allens Komödie „Manhattan Murder Mystery“ (1993), den der deutsche Filmtitel konstruiert, hätte es nicht bedurft: Denn abgesehen davon, dass die Protagonisten hier wie dort einen Mordfall vermuten und sich in ihren Recherchen verstricken, haben die beiden Werke weder in der Erzählweise, noch in der sprachlichen, filmischen oder humoristischen Anmutung viele Gemeinsamkeiten.
Rebecca Zlotowskis „Vie privée“ ist ein sehenswerter, ungewöhnlicher Film zum Miterleben, Nachdenken und Neuerleben. Er „hypnotisiert“ vermutlich umso mehr, je größer die Bereitschaft ist, sich auf eine weltanschauliche Achterbahnfahrt einzulassen – aber nicht, um eine bestimmten Überzeugung bestätigt zu finden, sondern um die „Privatsphäre“ des Menschen, seine Innenwelt, ein wenig besser verstehen zu lernen – so vielfältig, einzigartig und unergründlich, wie sie nun einmal ist.
(2025, 105 Minuten)

