19. Januar 2026

„Ja, es gibt Bewusstsein nach dem Tod“

Vom „materialistischen Kardiologen“ zum idealistischen Sterbeforscher:
Pim van Lommel im Gespräch über sein Essay „Die Kontinuität des Bewusstseins“

Pim van Lommel (Niederlande) ist Kardiologe und einer der bekanntesten Sterbeforscher unserer Tage. Er ist nach eingehenden Studien mit klinisch toten Patienten, die reanimiert werden konnten, davon überzeugt, dass Bewusstsein auch nach dem körperlichen Tod weiter besteht – in einer „nicht lokalen“ Form, als „endloses Bewusstsein“. In diesem Interview geht es um seinen persönlichen Weg vom „materialistischen Kardiologen“, wie er sich selbst rückblickend bezeichnet, zum idealistischen Sterbeforscher, sowie um die wichtigsten Ergebnisse seiner Forschungsarbeit, die er in dem Essay „Die Kontinuität des Bewusstseins“ zusammengefasst hat.

Herr Dr. van Lommel, in Ihrem Essay „Die Kontinuität des Bewusstseins“ schreiben Sie: Inzwischen gibt es gute Gründe für die Annahme, dass unser Bewusstsein nicht immer mit der üblichen Funktion unseres Gehirns identisch ist. Manchmal kann ein erhöhtes, vom Körper getrenntes oder nicht-lokales Bewusstsein erlebt werden.“ Auch Ihr wichtigstes Buch hat den – deutschen – Titel „Endloses Bewusstsein“. Welche Beobachtungen haben Sie zu dieser Schlussfolgerung geführt?

VAN LOMMEL: Wir fanden heraus, dass 18 Prozent unserer Patienten, die reanimiert worden waren, Erinnerungen an einen besonderen Bewusstseinszustand hatten, an ein erweitertes Bewusstsein, das über Raum und Zeit hinaus ging. Der Moment, in dem sie das erlebt haben, war während eines Herzstillstandes, eines Zustandes, den wir auch klinischen Tod nennen. Da gibt es keinen Blutkreislauf, keine Atmung, und wenn man die Gehirnaktivität betrachtet, was in Studien geschehen ist, dann sieht man, dass es in diesem Zustand keine Aktivität im Gehirnkortex gibt. Es gibt also auch keine Körperreflex, keine Gehirnstammreflexe. Die Patienten sind innerhalb von Sekunden bewusstlos.

Der Blutfluss zum Gehirn kommt innerhalb einer Sekunde zum Stillstand, und wenn man die Elektroaktivität im Gehirn misst, zeigt sich innerhalb von 10 oder 20 Sekunden eine Nulllinie. Das bedeutet, dass es in dem Gehirn keine Funktionen mehr gibt.

Und genau in diesem Moment erleben Menschen ein erweitertes Bewusstsein. Möglicherweise nehmen sie Dinge außerhalb oder oberhalb des Körpers wahr, die man verifizieren und bestätigen kann – was auch gemacht wurde.

Außerdem können sie verstorbene Verwandte treffen, das Bewusstsein verstorbener Verwandter. Das Bewusstsein ist also noch vorhanden – in einer anderen Dimension. 

Die Patienten können auch eine Lebens-Rückschau erleben – oder eine Vorausschau. Sie erleben also die Zukunft ebenso wie die Vergangenheit. Sie erleben die Dinge noch einmal, und sind dabei auch mit anderen Menschen verbunden. 

Sie berichten, dass ihnen alles aus der Vergangenheit und der Zukunft zugänglich war. Und wenn der Herzstillstand fünf Minuten gedauert hat, dann könnten sie eine Woche lang darüber sprechen, was sie erlebt haben. Denn sie erlebten alles in ein und demselben Moment, jenseits von Zeit und Raum; alles ist miteinander verbunden.

Es gab also diese Studie – und dann noch drei weitere prospektive Studien mit Patienten, die einen Herzstillstand überlebten, und alle führen zum gleichen Schluss: Es gibt keine medizinische oder physiologische Erklärung für diese Erfahrungen, wie zum Beispiel Sauerstoffmangel im Gehirn.

Sie haben sich also von Beginn an nach Erklärungen für diese Erlebnisse gesucht …

VAN LOMMEL: Zunächst hatte ich, während ich aktiv als Kardiologe tätig war, das Privileg, mit Menschen zu sprechen, die einen Herzstillstand überlebt haben. Nachdem ich 1986 ein Buch über Nahtoderfahrungen gelesen hatte, habe ich aus Neugier begonnen, Herzstillstandspatienten zu fragen, ob sie Erinnerungen an den Zeitraum haben, in dem sie bewusstlos waren. Zu meiner großen Überraschung erzählten mir innerhalb von zwei Jahren zwölf von 50 Patienten von einer Nahtoderfahrung.

Und damit wurde auch meine wissenschaftliche Neugier größer. Denn ich hatte ja an der Universität während meiner Ausbildung gelernt, dass es unmöglich sei, dass solche Patienten Bewusstsein haben. Und schon gar nicht eine erweiterte Bewusstseinserfahrung mit Erinnerungen, Emotionen, Wahrnehmungen.

Aber unsere Studien haben gezeigt, dass genau das wirklich passiert. Es passiert bei etwa 20 Prozent der Patienten. Und es gibt keine wissenschaftliche Erklärung dafür.

Es gibt keine physiologische Erklärung. Keine psychologische Erklärung. Keine demografische Erklärung.

Ob sie also Christen, Atheisten oder beispielsweise Moslems waren, hat keine Rolle gespielt. Auch Medikamente spielten keine Rolle. Fazit: Es geschieht. Es ist wahr. Und es verändert die Menschen nachhaltig.

Die Veränderungen haben wir in einer langfristigen Studie dokumentiert. Wir fanden heraus, dass nur die Patienten, die eine Nahtoderfahrung hatten, die Angst vor dem Tod verloren. Sie kamen auch mit einer erweiterten Sensibilität aus der Erfahrung.

Unsere Studie war also eine Art objektiver Beweis für subjektive Erfahrungen. Man kann eine subjektive Erfahrung nie beweisen. Aber wir konnten diese Veränderungen dokumentieren und damit objektiv beweisen, dass diese Menschen eine NTE gehabt haben müssen.

Denn die Patienten, die einen Herzstillstand ohne diese Erfahrung überlebt haben, zeigten auch keine Veränderungen. 

Kann man daraus jetzt mit Blick auf den körperlichen Tod folgern, wenn das Gehirn stirbt, dann ist trotzdem eine Art von Bewusstsein möglich? 

VAN LOMMEL: Was wir sagen können, ist, dass das Gehirn während dieser Erfahrungen nicht mehr funktioniert hat. Aber das Gehirn ist nicht tot. Es dauert mindestens fünf bis zehn Minuten, bis eine irreversible Schädigung des Gehirns vorliegt und der Patient stirbt. Innerhalb der ersten fünf bis zehn Minuten kann ein Patient wiederbelebt werden, sodass sein klinischer Tod nicht endgültig ist.

Aber wir wissen eben, dass diese Art von Erfahrungen von Patienten berichtet werden, deren Gehirn überhaupt nicht funktioniert hat. Und das ist eine Art Beweis dafür, dass das Bewusstsein unabhängig von der Gehirnfunktion ist. 

Glauben Sie also, dass Bewusstsein auch unabhängig vom Gehirn bestehen kann?

VAN LOMMEL: Ganz genau. Das erweiterte, nicht lokale Bewusstsein – jenseits von Raum und Zeit, alles ist miteinander verbunden – ist weder von unserem Gehirn noch von unserem Körper abhängig. Es ist immer vorhanden.

Normalerweise haben wir keinen Zugang zu ihm, aber unter besonderen Umständen eben doch, zum Beispiel bei drohendem Herztod, bei Herzstillstand, im Ertrinken, im Koma nach einem Verkehrsunfall, bei einem Blutverlust während einer komplizierten Geburt. Man kann dieses erweiterte Bewusstsein auch in der Meditation erleben, in einer Depression oder einer existenziellen Krise. Man kann es sogar ohne besonderen Grund erleben, zum Beispiel beim Wandern in der Natur.

Auch eine Todesangsterfahrung kann dazu führen, wie etwa ein drohender Verkehrsunfall oder ein Unfall beim Bergsteigen. Nahtoderfahrungen treten also auch unter Umständen auf, bei denen das Gehirn gut arbeitet, funktioniert. Deshalb kann es auch nicht, wie oft behauptet, Sauerstoffmangel sein, der diese Art von Erfahrungen verursacht.

Vielleicht sehen wir hier auch das Problem, dass man den Begriff Nahtoderfahrung ein bisschen anders definieren müsste. Denn für viele ist Menschen beschreibt er immer noch eine Erfahrung, die unmittelbar nur in Todesnähe auftritt. Aber es gibt eben auch ganz andere Umstände, die zu einer Nahtoderfahrung führen.. 

VAN LOMMEL: Ja, aber der Begriff Nahtoderfahrung wurde durch Raymond Moody weltweit bekannt, der ja auch übereinstimmende Elemente in diesen Erlebnissen beschrieben hat.

Tatsächlich aber geht es um viel mehr. Man könnte von einer Erfahrung erweiterten Bewusstseins sprechen. Das wäre eine Möglichkeit.

Die übliche Ansicht ist ja, dass Bewusstsein einzig und allein auf der Grundlage von Gehirnfunktionen entsteht, die materialistische Interpretation. Es ist  natürlich unstrittig, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen Gehirnaktivität und Bewusstsein. Narkose führt zu Bewusstlosigkeit, neurodegenerative Erkrankungen zu Demenz usw. Und man kann ja auch zum Beispiel an der Entwicklung eines Kindes beobachten, dass die Ausbildung von Bewusstsein an körperliche Merkmale geknüpft ist. Daher jetzt die Frage: Wenn Bewusstsein an sich etwas Nichtlokales ist, was macht dann das Gehirn? Welche Funktionen haben neuronale Aktivitäten im Körper?

VAN LOMMEL: Ja, das ist eine gute Frage. Das Gehirn erzeugt nicht Bewusstsein, aber es ermöglicht, Bewusstsein zu erfahren. Es ist also eine Art Schnittstelle, eine Art Filter.

Das Wachbewusstsein, das Sie tagsüber erleben, und die Erinnerungen, die Sie haben, sind nur ein kleiner Teil all der Erinnerungen und des vollen Bewusstseins jenseits des Körpers. Das Gehirn fungiert also als eine Art Schnittstelle. 

Um das verständlicher zu machen, vergleiche ich es gern mit der weltweiten Kommunikation. Wenn Sie sich auf Ihrem Laptop die unzähligen Websites oder YouTube-Filme aus der Cloud ansehen, dann produziert Ihr Computer diese Inhalte nicht, sondern er empfängt sie. Und Sie brauchen einen funktionierenden Laptop, um alle die Seiten empfangen zu können. Und so ist es auch mit dem Gehirn.

Ihr nicht lokales Bewusstsein ist also immer da, und Ihr Gehirn sorgt dafür, dass Sie einen Teil davon empfangen. Genauso wie Ihr Laptop dafür sorgt, dass Sie einen kleinen Teil dessen empfangen, was in der Cloud vorhanden ist. 

Und dieser kleine Teil wäre dann das Wachbewusstsein?

VAN LOMMEL: Ja. 

Wir assoziieren ja Wachbewusstsein auch mit dem Ich. Könnte man dann also sagen, dass durch die Filter-Tätigkeit des Gehirns sozusagen eine Resonanz mit diesem nicht-lokalen Bewusstsein entsteht und dadurch auch der Eindruck einer Ich-Persönlichkeit im Wachbewusstsein?

VAN LOMMEL: Die Erfahrung dieses Ichs, des Egos entsteht durch das Wachbewusstsein im Körper. Aber wenn man stirbt und man die Erfahrung des erweiterten Bewusstseins hat, dann ist das Ego verschwunden. Dieses Ego mit seiner Eifersucht, Gier, mit was auch immer, mit dem Machtstreben, das alles ist vorbei. Was bleibt, ist die pure Essenz dessen, was man ist, außerhalb von Raum und Zeit. Aber das Ego, der materielle Aspekt des Bewusstseins, ist verschwunden.

Diese „Essenz“, oder, wenn wir von Ihrem Begriff ausgehen, das nicht-lokale Bewusstsein, endlose Bewusstsein, dieser Begriff erweckt den Eindruck von etwas Allumfassendem. Ist diese Essenz zugleich auch noch irgendwie etwas Individuelles? Bleibt Individualität bis zu einem gewissen Grad erhalten?

VAN LOMMEL: Ja, sie ist beides. Denken Sie an Nahtoderfahrene, die einen Kontakt mit dem Bewusstsein verstorbener Angehöriger erleben, aber auch an die Nachtodkommunikation, bei der es einen Kontakt mit dem Bewusstsein eines verstorbenen Verwandten gibt. So etwas erleben 70 bis 80 Prozent der nahen Angehörigen in den ersten Tagen, Wochen oder Monaten nach dem Tod eines nahen Verwandten.

Etwa 125 Millionen Menschen in Europa haben eine Form von Nachtodkontakten erlebt. Das Bewusstsein, die Essenz dessen, was ein Mensch ist, ist also immer noch vorhanden. Aber in der erweiterten Bewusstseinserfahrung ist man allem verbunden.

Man ist also gleichzeitig die Welle und der Ozean. Die Individualität, die Persönlichkeit, das höhere Selbst ist immer da. 

Und entwickelt sich dieses höhere Selbst auch weiter?

VAN LOMMEL: Wenn man zurückkommt in einen neuen Körper – ich spreche hier die Reinkarnation an – geht es darum, neue Aspekte für das Leben zu lernen. Nahtoderfahrene sagen, wir sind spirituelle Wesen in einem physischen Körper. Und wenn man stirbt, ist das das Ende unseres physischen Körpers, aber nicht das Ende unseres Bewusstseins.

Und das Bewusstsein hat während des Lebens das Ziel, zu lernen, lieben zu lernen, akzeptieren zu lernen, Empathie und Mitgefühl zu lernen. Und mit dieser Erklärung begründen viele Menschen auch Religionen die Reinkarnation, dass man also zurückkommen muss, weil man seinen Lernprozess nicht abgeschlossen hat.

Haben Sie aus Ihren Patientenkontakten innerhalb der Studie oder später direkte Hinweise auch auf Reinkarnation gefunden? 

VAN LOMMEL: Normalerweise erfahren Menschen während ihrer Nahtoderfahrung nichts über frühere Leben. Aber ich kenne Studien von Ian Stevenson und Jim Tucker. Sie haben gezeigt, dass tausende Kinder spontan über ihre vorherigen Leben sprechen. Oft, weil es um dramatische Erfahrungen geht, weil sie zum Beispiel ermordet worden sind, ertränkt oder was auch immer. Es beginnt oft mit belastenden Träumen.

Die Kinder beginnen dann, Dinge zu zeichnen, und sie kennen manchmal auch den Namen der früheren Familie. Es gibt da viele Berichte, die kontrolliert und überprüft worden sind. Und zu mehr als 90 Prozent stimmte das, was die Kinder erzählen.

Aber wenn sie älter werden, sechs oder sieben Jahre alt, vergessen sie diese Geschichten aus vorherigen Leben. Ian Stevenson meinte als Fazit, es gibt keine Beweise für Reinkarnation. Aber es gibt auch keinen vernünftigen Grund, daran zu zweifeln.

Es gibt ja auch in den Nahtoderfahrungen oft die Schilderung, dass jemand sagt, ich habe mich gefühlt, als ob ich zu Hause wäre, nach Hause komme. Das zeigt ja eigentlich zumindest, dass es eine Präexistenz der Seele gibt, die dann erlebt wird. Also, wenn schon nicht Reinkarnation, so ist dieser Aspekt in den Nahtoderfahrungen schon da, das Wissen von etwas, was schon früher mal da war, vor diesem Leben. 

VAN LOMMEL: Sie haben völlig recht. Die Menschen fühlen sich wie zu Hause.Sie wissen, dass sie schon einmal da waren. Sie sind glücklicher als je zuvor. Sie sind glückselig. Und sie wollen nicht zurückkommen. Sie haben nur den einen Wunsch, dort zu bleiben. Und sie sind extrem enttäuscht, wenn sie nach der Wiederbelebung wieder in ihren Körper zurückkommen.

Sie sind wirklich enttäuscht, dass sie zurück sind. Außerdem erzählen sie, dass sie die Nahtoderfahrung realer als real erlebt haben. Wenn sie zurück im Körper sind, kommt ihnen die physische Welt dagegen wie eine Illusion vor. Sie kommt ihnen nicht mehr real vor, während wir ja normalerweise diese Welt als real erleben. 

In der Wissenschaft und in der Forschung dominiert heute ja das materialistische Weltbild. Nahtoderfahrungen sind ganz sicher, speziell wenn sie in Studien wie bei Ihnen dokumentiert sind, eine Herausforderung für dieses materialistische Weltbild. In Ihrem Essay beklagen Sie auch einen gewissen Dogmatismus in der Wissenschaft. Warum ist das so? Warum versucht man in der Wissenschaft, den Materialismus so zu verteidigen?

VAN LOMMEL: Ich denke, es ist Angst. Sie haben Angst, ihr Weltbild zu verlieren, ihr Wissen darüber, wie diese Welt funktioniert. 

Fragen Sie einen Wissenschaftler: Was ist Materie? Materie ist Leere, nichts. Materie ist nur Information, Energie und Bewusstsein. Und Teilchen sind nur Wellen. Es handelt sich also um eine Potentialität und nicht um eine Realität. Wenn man also wirklich in die Tiefe geht, und die Quantenphysik ist dabei hilfreich, dann weiß man, dass das, was wir als Realität, als Materie sehen, überhaupt nicht existiert. Das ist die eine Sache.

Die andere Sache ist, dass wir an der Universität und in den Schulen immer noch lernen, dass das Bewusstsein ein Produkt der Gehirnfunktionen ist. Und wenn man dann wirklich anfängt, Nahtoderfahrungen zu studieren, dann muss man zu dem Schluss kommen, dass das falsch ist, dass diese nie bewiesene Hypothese falsch ist. Es ist also beängstigend, besonders für Neurowissenschaftler. Ihre Position an der Universität steht auf dem Spiel, der Verlust von Forschungsgeldern. Aber ich würde nie versuchen, Leute zu überzeugen, die für eine andere Sichtweise nicht offen sind. 

Ich kenne skeptische Materialisten. Würden sie wirklich zu mir kommen und behaupten, das ist totaler Unsinn, dann würde ich sie fragen, welche Bücher oder Artikel zu dem Thema haben sie gelesen, und ihre Antwort wäre: keine. Es sind einfach nur Vorurteile.

Behauptungen, wie weit weg vom wissenschaftlichen Mainstream sind, müssen einfach Unsinn sein …

VAN LOMMEL: Ich erlebe bewusste Ignoranz. Wer also nichts anderes hören will, der soll bei seinen eigenen Gedanken und Ideen bleiben. 

Haben Sie öfter selbst Anfeindungen erlebt, also von Kollegen, die gesagt haben, oh, jetzt ist er aber sehr esoterisch geworden …

VAN LOMMEL: Selten. Die Leute haben im Internet sehr aggressive Dinge über mich geschrieben. Sie greifen den Boten an, aber setzen sich mit der Botschaft nicht auseinander.

Persönliche Anfeindungen erlebe ich eher selten. Die Leute sind schweigsam und schauen vielleicht etwas skeptisch, aber sie sagen mir nicht ins Gesicht, dass das totaler Unsinn sei. Ich mache Nahtoderfahrungen auch nie zum Gesprächsthema. Wenn die Leute mich etwas dazu fragen, antworte ich. Aber ich beginne nie davon zu sprechen. 

Was wäre denn aus Ihrer Sicht philosophisch eine gute Alternative zum Materialismus? Die dualistische Sicht, dass es eben nicht nur Materie, sondern auch Geist, Seele gibt, hat ja immer das Problem, wie wirkt beides zusammen? Wie kann Nichtmaterielles Materielles beeinflussen? Wie sollen Wechselwirkungen zustande kommen? Der Idealismus geht davon aus, dass nicht Materie, sondern Bewusstsein das Ursprüngliche ist. Was ist aus Ihrer Sicht ein guter Weg in der Philosophie? Wo müsste man hin? 

VAN LOMMEL: Ich glaube, die richtigen Begriffe sind ontologischer Idealismus oder Monismus. Es muss meiner Meinung nach jedenfalls um das Konzept gehen, dass das Bewusstsein im Universum grundlegend ist. Zusammen mit Energie und Information. Alles entsteht aus Bewusstsein und Information. 

Wir haben keine Definition für Bewusstsein. Wir haben keine Definition für Information. Deshalb ist es für die meisten Menschen ziemlich schwer zu verstehen. Aber ich denke, dass alles aus dem Bewusstsein kommt. Also Monismus oder Idealismus. 

Könnte eine qualitative Definition für Bewusstsein im Begriff Liebe liegen? 

VAN LOMMEL: Ich denke, die Essenz des erweiterten Bewusstseins ist bedingungslose Liebe, Akzeptanz, Mitgefühl, Empathie.

Und diese Art von Liebe kennen wir hier auf der Erde im physischen Bereich nicht. Und wenn man einen Lebensrückblick erlebt, erfährt man, wie man gelebt hat. Wann man Liebe geschenkt hat. Oder auch zu wenig Liebe gegeben hat. Um diese Lektionen geht es. 

Es geht immer um Liebe …

VAN LOMMEL: Ja.

Für Nahtoderfahrene ändert sich ja Ihr Weltbild durch das Erlebnis radikal. Wie ist es denn Ihnen gegangen? Hatten Sie Ihr heutiges Weltbild, wenigstens in Ansätzen, auch schon in Ihrer Zeit als Kardiologe? Oder waren Sie ganz materialistisch orientiert und es hat sich komplett geändert? 

VAN LOMMEL: Ich denke, ich kann mich rückblickend als materialistischen Kardiologen bezeichnen.

Ich hatte an der Universität im Medizinstudium gelernt, dass das Bewusstsein ein Produkt der Gehirnfunktion ist. Daran habe ich geglaubt. Aber als ich, nach der Lektüre des Buchs von George Ritchie, „Return from Tomorrow“, begann, Patienten, die einen Herzstillstand überlebt hatten, zu fragen, ob sie Erinnerungen aus der Zeit der Bewusstlosigkeit haben, und als ich diese zwölf Patienten kennenlernte, begann meine wissenschaftliche Neugier zu erwachen, weil ich nun überzeugt war, dass es doch anders sein könnte, als ich es gelernt hatte. 

Aber das war ein Prozess, der viele Jahre dauerte, bis ich, wie ich es jetzt bin, wirklich davon überzeugt war, dass der Tod nur das Ende unserer physischen Aspekte ist, aber nicht das Ende unseres Bewusstseins. Es hat Jahre gedauert, das zu akzeptieren.

Als Kind habe ich nie die Bibel gelesen, aber als ich anfing, über Nahtoderfahrungen zu sprechen, darüber nachzudenken und zu lesen, begann ich auch, die Bibel zu lesen. Ich begann, über Hinduismus, Buddhismus oder die Anthroposophie zu lesen. Und schließlich fügte sich alles zu einem Gesamtbild.

Wie sehen Sie selbst aufgrund Ihres Weltbildes dem Tod entgegen? Neugierig, mit gesunder Neugier, oder ist da doch noch ein Rest von Unsicherheit, wenn Sie sagen, Sie sind überzeugt davon, dass es Bewusstsein auch nach dem Tod gibt?

VAN LOMMEL: Niemand kann zu 100 Prozent sicher sein. Aber ich habe keine Angst. Keine Angst zu leben und keine Angst zu sterben. Also ja, ich bin neugierig, was mir der Tod bringen wird.

Aber 100 Prozent sicher kann sich seiner Sache niemand sein. 

Ich danke Ihnen sehr herzlich für die Einblicke, dass wir Ihr Essay ein bisschen vertiefen konnten, auch für Ihre persönlichen Erfahrungen. Vielen herzlichen Dank für das Gespräch.

VAN LOMMEL: Sehr gerne. Ihre Fragen waren wieder gut.

»Ja, es gibt Bewusstsein nach dem Tod« | Der Kardiologe Pim van Lommel erforschte Nahtoderfahrungen

Durch Klick auf dieses Video willigen Sie der Datenverarbeitung und -übertragung durch bzw. an YouTube/Google zu. Details in der Datenschutzerklärung.

"Yes, There Is Consciousness After Death!" | Full Interview With NDE Researcher Pim van Lommel

Durch Klick auf dieses Video willigen Sie der Datenverarbeitung und -übertragung durch bzw. an YouTube/Google zu. Details in der Datenschutzerklärung.