14. Dezember 2025

Kernschmelze

James Bridges Kernkraft-Thriller „Das China Syndrom“

Kalifornien in den 1970-er Jahren: Kimberly Wells (Jane Fonda) bringt dem lokalen Fernsehsender, für den sie als Moderatorin und Journalistin arbeitet, Rekordquoten mit Wohlfühl-Themen: Tiergeburtstage, kleine Helden, Alltagsfreuden. 

Nun dreht sie mit ihrem Kameramann Richard Adams (Michael Douglas) für eine Serie zum Thema Energieversorgung in einem Atomkraftwerk. Denn die Kernkraft boomt, neue Anlagen sollen entstehen, und den Betreibern ist es wichtig, die Technologie als absolut sicher darzustellen.

Doch just während der Dreharbeiten kommt es zu einem Störfall und in der Folge zu einer Abschaltung des Reaktors. Von der Besuchergalerie aus beobachten die beiden die Hektik im schalldichten Kontrollraum. Jack Godell (Jack Lemmon), der verantwortliche technische Leiter, scheint in echter Panik zu sein. 

Trotz des ausdrücklichen Verbots filmt Richard die Szene heimlich mit. Anschließend hofft Kimberly, mit dem Material auf Sendung gehen zu können und sich damit auch für „härtere“ journalistische Themen zu qualifizieren.

Doch ihr Vorgesetzter spielt nicht mit. Illegal gefilmtes Material zu senden, erscheint ihm unverantwortlich, da es offiziell keine Bestätigung für einen gefährlichen Störfall im AKW gibt. Alles sei unter Kontrolle gewesen, die Sicherheitssysteme hätten funktioniert. 

Eine Kommission, die die Ereignisse in der Atomanlage untersucht, gibt ebenfalls bald grünes Licht: Ein Ventil und ein Messgerät hätten nicht ordnungsgemäß funktioniert, aber im Übrigen sei alles in Ordnung. Das AKW könne wieder in Betrieb gehen.

Jack Godell sieht das anders. Er hatte während des Störfalls eine Vibration gespürt und sich von der Kommission eine umfassendere Untersuchung erwartet. Denn er befürchtet, dass es mit den Pumpen zur Kühlung des Reaktorkerns ein Problem geben könnte, dass die seltsame Vibration eine Vorwarnung für Schlimmeres gewesen sein könnte.

Als er erkennen muss, dass seine Sorgen von den AKW-Betreibern, die aus Kostengründen möglichst schnell wieder ans Netz gehen wollen, nicht ernst genommen werden, beginnt er selbst zu recherchieren – und entdeckt, dass die Röntgenbilder, die während des Anlagenbaus die Qualität jeder einzelnen Schweißnaht dokumentieren sollten, gefälscht worden sind. Ein und dieselbe Aufnahme wurde einfach kopiert.

Richard Adams zeigt indes das Filmmaterial, das er von der Besuchergalerie aus während des Störfalls gedreht hatte, externen AKW-Experten – und findet seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt: Kalifornien ist an diesem Tag nur ganz knapp einer nuklearen Katastrophe entgangen. Es wäre beinahe zu einer Kernschmelze gekommen, zum sogenannten „China-Syndrom“. Diese Bezeichnung symbolisiert den „Super-Gau“, den größten anzunehmen Unfall in einem AKW: Der schmelzende Kern frisst sich, unkontrollierbar geworden, durch den Reaktorboden in die Erde, immer weiter und weiter – theoretisch bis nach China. Eine Katastrophe jedenfalls, die zigtausende Opfer und eine weiträumige Kontamination nach sich gezogen hätte.

Die Ereignisse spitzen sich zu. Richard, Kimberly und Jack finden zusammen und sind entschlossen, die Öffentlichkeit über den Störfall und die drohende Gefahr zu informieren – und stellen sich damit mächtigen Gegnern …

Nur zwölf Tage nach dem Kinostart des „China Syndroms“, am 28. März 1979, kam es im US-amerikanischen Kernkraftwerk Three Miles Island zu einem Zwischenfall, der veranschaulichte, wie nahe an der Realität James Bridges’ Kernkraft-Thriller war: Auch in dem (inzwischen stillgelegten) AKW kam es zu einem Problem mit einer Turbine, zu einer Schnellabschaltung – und in der Folge (schlimmer noch als im Film) zu einer teilweisen Kernschmelze.

Die Dramaturgie des vielfach ausgezeichneten und für vier Oscars nominierten Films (der Regisseur arbeitete auch am Drehbuch mit) weist Bezüge zum Leben der Umweltaktivistin Karen Silkwood (1946–1974) auf, die auf Missstände in einer kerntechnischen Anlage aufmerksam machte und durch einen Verkehrsunfall ums Leben kam.

Filmtechnisch ist „Das China Syndrom“ über die Jahrzehnte kaum gealtert. Der Film ist handwerklich großartig inszeniert, präsentiert erstklassige schauspielerische Leistungen und ist auch ein Musterbeispiel dafür, wie packend ein Thriller sein kann, in dem auf Filmmusik praktisch komplett verzichtet wird.

„Das China Syndrom“ hat im Jahr seiner Veröffentlichung für großes Aufsehen gesorgt und ist heute inhaltlich noch ebenso relevant wie vor Jahrzehnten. Denn die im Film thematisierten Probleme sind nach wie vor ungelöst. Die Sicherheitsrisiken von Atomkraftwerken werden immer noch als so gewaltig eingeschätzt, dass keine Versicherung sie übernimmt. Niemand kann sich gegen Schäden durch einen AKW-Unfall versichern lassen. Und auch die Frage der Endlagerung von Atommüll blieb ungelöst.

Dass eine Technologie, die für die absehbare Zukunft das Leben auf diesem Planeten bedroht, im 21. Jahrhundert bisweilen sogar als „grün“ eingestuft wird, ermöglicht nur der naive (oder gewissenlose) Tunnelblick auf CO2-Emissionen. 

Das „China-Syndrom“ macht die Perversität eine solchen Haltung bewusst. Sehenswert!

(1979, 121 Minuten)