Jan Komasas Filmdrama „The Change“ •
Ellen Taylor (Diane Lane) und ihr Mann Paul (Kyle Chandler) feiern ihren 25. Hochzeitstag. Sie ist eine angesehene Professorin in der Georgetown University; er betreibt ein Restaurant.
Zur Familienfeier haben sich auch ihre vier Kinder eingefunden: Anna (Madeline Brewer), die sich als Komikerin kein Blatt vor dem Mund nimmt; Cynthia (Zoey Deutch), die als Anwältin für die Umwelt kämpft; Birdie (Mckenna Grace), die Zoologin werden will; und Josh (Dylan O’Brien), der sich – erfolglos – als Romanautor versucht hat.
Die familiäre Harmonie der Taylors wird an diesem Tag allerdings hart auf die Probe gestellt. Denn Josh stellt seine Freundin Liz (Phoebe Dynevor) vor, und seiner Mutter wird bewusst, dass sie diese eigenartig distanziert wirkende junge Frau kennt: Vor acht Jahren hatte sie an der Uni deren Masterarbeit mit dem Titel „The Change: Birth of a New Nation“ (Der Wandel – Geburt einer neuen Nation) gelesen – und scharf verurteilt. Denn Ellen hatte erkannt, dass Liz’ vordergründig attraktives Konzept, demzufolge nicht mehr politische Parteien, sondern allein die Menschen im Zentrum einer neuen, freien Nation stehen sollen, auf die Zerstörung der Demokratie und eine Einparteien-Diktatur hinausläuft.
Liz – Elizabeth Nettles – hatte daraufhin die Universität verlassen. Und jetzt taucht sie an der Seite ihres Sohnes auf. Aber nicht nur das versetzt Ellen in Alarmbereitschaft. Ausgerechnet mit Joshs Hilfe hat ihre ehemalige Studentin aus ihrer Masterarbeit ein Buch verfasst. Das alles sieht nach einem perfiden Plan aus …
Mit den zunehmend nervenaufreibenden Ereignissen an diesem Hochzeitstag beginnt der polnische Filmregisseur Jan Komasa seinen Film, und auf diesen ersten Akt folgen vier noch dramatischere, die im Jahresabstand die weiteren Entwicklungen zeigen – wobei sich im „Mikrokosmos“ der Familie Taylor der Niedergang einer verführten und gespaltenen US-amerikanischen Gesellschaft spiegelt, der geradewegs und ausweglos in die Katastrophe mündet.
Wenn es so etwas wie „Wohlfühl-Kino“ gibt, dann ist „The Change“ das Gegenteil davon.
Jan Komasa und sein großartiges Schauspieler-Ensemble muten ihrem Publikum harte, fast unverdauliche Kost zu – weil alles das, was hier gezeigt wird, in seiner inneren Logik absolut nachvollziehbar ist. Und weil der Zuschauer immer wieder miterlebt, wie die Protagonisten genau so reagieren, wie er selbst auch reagieren würde – einmal empört, dann wieder um Verständnis bemüht; einmal ab- und ausgrenzend, dann wieder Brücken bauend –, und wie jede Reaktion doch nur weiter zum Abgrund führt. Ausweglos.
Zudem ist das Stimmungsbild einer von „großen Ideen“ verführten und in einem Führerkult verirrten Gesellschaft, wie es in „The Change“ detailreich gezeichnet wird, gewiss nicht auf die USA der 2020-er Jahre beschränkt. Wo immer Freundschaften, Familien oder größere Gemeinschaften an politischen oder weltanschaulichen Konzepten zerbrechen, greifen genau die gleichen Ausgrenzungs-, Macht- und Vernichtungsmechanismen, die Jan Komasa in seinem Film vorführt – ohne allerdings eine Lösung aufzuzeigen.
Aber gibt es die überhaupt – wenigstens theoretisch?
Mit ihren „großen Ideen“ bedienen Demagogen die Komfortzone des Menschen, sein Gefühl der Sicherheit und des Wohlbefindens. Sie bestärken Egoismen, benennen Schuldige für jegliche Störung der „persönlichen Freiheit“ und rufen ihre fanatisierten Anhänger letztlich zum Feldzug gegen alle andersdenkenden „Sündenböcke“ auf.
Die Komfortzone wird zum Schützengraben und entpuppt sich im Leid des Kriegs – zu spät – als tragische Illusion.
Und irgendwann nach der Ernüchterung lockt eine neue „große Idee“ mit Versprechen von Wohlergehen und Freiheit, von der „Erlösung aus allem Übel“.
Der Mensch braucht seine Komfortzone als inneren Halt. Solange Demagogen und Verführer, solange fragwürdige politische oder religiöse Konzepte daran andocken können, bleiben Gesellschaften dem Rad der Spaltung und Zerstörung unterworfen. Ausweglos.
Natürlich gibt es wertvolle Ansätze – vor allem gute Bildung und die Förderung von Empathie –, die das zersetzende Potential großer Sprüche oder verführerischer Gedanken erkennen lassen und davor schützen.
Ich befürchte allerdings, dass einer materialistisch ausgerichteten Gesellschaft, die letztlich keinen höheren Sinn im Leben sehen will, die entscheidenden Motive und Impulse zur Immunisierung der persönlichen Komfortzone fehlen.
Dieser „Change“, dieser echte Wandel zu einer idealistischen Weltsicht, müsste sich still im Inneren vollziehen.
(2025, 112 Minuten)

