22. Juli 2026

Lebenslauf

Tom Tykwers Actionfilm „Lola rennt“

Berlin in den 1990-er Jahren. Lola (Franka Potente), die Tochter eines Bankdirektors, ist mit Manni (Moritz Bleibtreu) befreundet, der als Kurier für einen Hehler arbeitet und gerade ein fürchterliches Problem hat: Er hätte 100.000 DM Bargeld abliefern sollen, hat den Beutel mit dem Geld aber durch eine Verkettung unglücklicher Umstände in der U-Bahn verloren.

Jetzt sieht er sein Leben in Gefahr. Denn wenn er das Geld nicht abliefert, hätte er jedes Vertrauen verloren. Es ist deshalb entschlossen, einen Supermarkt zu überfallen und ruft in seiner Panik Lola an, um ihr von diesem Plan zu erzählen.

Lola hält nichts von der Idee eines solchen Überfalls und verspricht ihrem Freund, die 100.000 Mark auf anderem Weg aufzutreiben. Manni sagt ihr noch, dass sie dafür nur bis 12 Uhr Zeit hat, dann endet das Telefonat. Es ist 11.40 Uhr.

Lola denkt kurz nach und rennt dann los – sie will ihren Vater (Herbert Knaup) um Hilfe bitten. Doch dieser lässt sie abblitzen, offenbart ihr bei der Gelegenheit, dass sie gar nicht sein leibliches Kind sei und lässt sie vor die Tür setzen.

Lola rennt weiter, will Manni immer noch davon abbringen, den Supermarkt zu überfallen, doch als sie bei der Telefonzelle ankommt, von der aus er sie angerufen hatte, ist es kurz nach 12 Uhr. Mannis Waffe ist bereits auf die Kunden und die Mitarbeiter gerichtet. 

Lola entschließt sich, ihrem Freund zu helfen, schlägt einen Security-Mann, der gerade einschreiten wollte, von hinten nieder und flieht schließlich gemeinsam mit Manni.

Doch die beiden kommen nicht weit mit ihrer Beute. Die Polizei ist rasch zur Stelle und verhindert ihre Flucht. Angesichts der ausweglosen Situation wirft Manni den Geldbeutel in die Luft, was einen jungen Polizisten verunsichert, ein Schuss löst sich aus dessen Waffe und trifft Lola tödlich …

Die 20 Minuten, in denen Lola rennt, um Manni zu helfen, inszeniert der deutsche Filmregisseur und Drehbuchautor Tom Tykwer als „Echtzeit-Lauf“ mit plakativen Details: Lolas Begegnungen – etwa mit einer Frau mit Kinderwagen, einem Fahrradfahrer, einem Kunden ihres Vaters oder mit einem Rettungswagen – kommen nicht nur als visuell herausragendes, mit Techno-Beats akustisch unterlegtes High-Speed-Stakkato daher, sondern bilden auch den Rahmen für ein tieferes Gleichnis. Denn Lola „berührt“ mit allen Menschen, die ihr „in den Weg kommen“, auch deren Lebensgeschichten. Fotoflashs zeigen exkurshaft, wie sich deren Leben weiter entwickelt.

Und außerdem ist Lolas Tod nicht das Ende der Geschichte. Schließlich hätte alles ja auch ganz anders kommen können. Und so zeigt Tom Twyker insgesamt drei Läufe seiner Protagonistin, die nicht nur zu einem anderen „Filmende“ führen, sondern bei Lolas Begegnungen auch andere „Fotoflashs“ zur Folge haben.

Zur Folge? Die Frage bleibt offen, ob „Lola rennt“ wirklich den berühmten „Schmetterlingseffekt“ thematisiert: Kleine Änderungen in den Anfangsbedingungen eines Systems können sich maßgeblich und unvorhersehbar auf dessen weitere Entwicklung auswirken.

Jedenfalls finde ich es erstaunlich, wie gut die ungewöhnliche Dramaturgie des Films funktioniert. Wie wenig es „stört“, dass die Hauptperson mitten in der Handlung stirbt, um dann munter andere Varianten des eigenen „Lebenslaufes“ auszuprobieren.

Und jedenfalls erinnert „Lola rennt“ an zentrale Erkenntnisse der Sterbeforschung. Demnach erscheint sehr vielen Nahtoderfahrenen ihr irdisches Leben wie eine große Gesamtgeschichte, in der sie zwar frei entscheiden können, aber doch bestimmte „Kreuzungspunkte“, also Situationen oder Menschen passieren müssen – um letztlich … erkennend zu lernen: Ist dieses Ende, diese „Essenz“ eines Lebenslaufs wirklich das, was ich wollte?

Aber … „Lola rennt“ will wohl gar kein Gleichnis sein. Und das ist gut so.

Tom Tykwers Film wurde als brillante, energiegeladene Kreativ-Explosion vielfach ausgezeichnet, setzte Maßstäbe für den deutschen Film und blieb dabei immer auch geheimnisvoll, ließ Spielraum für unterschiedlichste Interpretationen.

So ist das Leben.

(1998, 81 Minuten)