14. Dezember 2025

Materialismus und die Macht des Stärkeren

Populismus, Neofaschismus, Ultraliberalismus … Es gibt viele Schlagworte, mit denen wesentliche gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Entwicklungen seit der Jahrtausendwende beschrieben werden. Sie alle laufen letztlich darauf hinaus, dass die Macht des Stärkeren über die Menschlichkeit triumphiert. Der tiefste Grund dafür lässt sich in einem Wort zusammenfassen: Materialismus.

„Die fundamentale Schwäche der westlichen Zivilisation ist die Empathie“, sagt der berühmt-berüchtigte Aktien-Milliardär Elon Musk. 

Führungspersönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft betrachten die Fähigkeit des Mitempfindens oft als Laster – Stichwort „toxic empathy“ –, Erbarmungslosigkeit dagegen als Ideal. Der Verlierer wird verachtet, Härte gegenüber Mitmenschen als effektivste Form der Zuneigung definiert.

Diese Gesinnung fördert den Kampf, das Gegeneinander. Der Stärkste, Reichste, Mächtigste gibt die Richtung vor, und was immer dessen „freie Entfaltung“ behindert, wodurch immer eine Gesellschaft auch die Schwächeren begünstigt, wird bekämpft und, wenn möglich, beseitigt: Sozialprogramme, Gewerkschaften, Bildungseinrichtungen, kritische Medien oder, dem US-Milliardär Peter Thiel zufolge, am besten die Demokratie überhaupt: „Ich glaube nicht mehr daran, dass Freiheit und Demokratie vereinbar sind.“

Apropos USA: Hier führt der zweimal gewählte US-Präsident Donald Trump vor, wie leicht sich das banale Konzept vom starken Mann, der weiß, wo’s langgeht, in einer demokratieverwöhnten Konsumgesellschaft immer noch verkaufen lässt, selbst wenn dessen Stärke letztlich nur in der Unbeirrbarkeit von Unvernunft liegt. 

Der Zweck – die Optimierung von Macht und Geld – heiligt jedes Mittel, rechtfertigt Leid und Tod als Kollateralschäden. Der Einzelmensch in seinen Bedürfnissen spielt keine Rolle. Kriegslogik durchseucht auch in westlichen Demokratien mehr und mehr den Alltag.

Mich wundert manchmal die unverblümte Offensichtlichkeit, mit der ethisch-moralische Ideale über Bord geworfen werden, nicht aber die Tatsache an sich.

Eine entscheidende, aber kaum diskutierte Ursache dafür liegt im weltanschaulichen Hintergrund, der in den Schulen und an Universitäten gelehrt und von wissenschaftlich orientierten Medien eilfertig verbreitet wird: Das Leben sei ein Produkt des Zufalls, es gebe nur die physische Wirklichkeit, und jedes subjektive Bewusstsein erlösche mit dem Tod. 

Auf dieser Grundlage, dem Materialismus, kann sich eine Gesellschaft zwar auf freundliche Regeln für das Zusammenleben einigen und beispielsweise Gesetze zum Schutz der Schwächeren beschließen. Aber gegenüber jenen, die ausschließlich Eigennutz im Sinn haben und Verantwortung nicht wahrnehmen wollen, die gewissenlos ihre Ziele verfolgen und denen ihre Mitmenschen schlicht und einfach gleichgültig sind, fehlt die letzte ethische Begründung. Denn schließlich liegt der materialistischen Weltanschauung zufolge jedem Menschen der Kampf ums Dasein in den Genen, der freier Wille gilt als Illusion, Verantwortlichkeit als künstliches Konstrukt. Gedanken an ein Leben nach dem Tod, in dem jeder Mensch die Folgen seines Tuns und Lassens erntet, werden als glücklich überwundene Illusion betrachtet. Religion ist zur Folklore degradiert.

Wohin diese Entwicklung führen wird, ist offen; dass sich die Menschheit selbst auslöscht, nicht ausgeschlossen. Die Umweltzerstörung nimmt weltweit zu, und trotz des Horrors in Hiroshima und Nagasaki, der Hunderttausende Tote gefordert hat, wird 80 Jahre danach atomar weiter aufgerüstet.

Das im wahrsten Wortsinn Irre an der materialistischen Weltauffassung, die alle diese Entwicklungen begünstigt, ist die Tatsache, dass auch sie wieder – wie einst die konfessionellen Konzepte vor dem Zeitalter der Aufklärung – von einem blinden Glauben getragen wird. Nur verbirgt sich der Dogmatismus diesmal unter dem Mantel der Wissenschaftlichkeit. 

Dabei kann der Materialismus das Wesentliche des Menschseins – das Bewusstsein, das jegliches Erleben, jegliches Denken und Forschen überhaupt erst ermöglicht – nicht erklären. Er kann es nicht messen, nicht herstellen, nicht reproduzieren, nicht in seinen Qualitäten fassen. Es entzieht sich der quantitativ orientierten Naturwissenschaft vollkommen. Lediglich Auswirkungen von Bewusstsein lassen sich – etwa mit den Gehirnströmen – messen. 

Die weithin verbreitete Annahme, Bewusstsein entstehe im Gehirn und vergehe mit dem körperlichen Tod, folgt keiner wirklich schlüssigen Begründung. Es ist nichts weiter als ein Glaubenssatz, denn einzig sicher und erwiesen ist, dass es Korrelationen zwischen neuronalen Aktivitäten und Bewusstsein gibt. Und trotzdem proklamieren Materialisten gerne, es sei ja längst erwiesen, dass es keine körperunabhängigen Seele gebe; ein Bewusstsein nach dem Tod sei ausgeschlossen, denn dieses trete nur als Epiphänomen komplex organisierter Materie in Erscheinung.

Die Vordenker im Silicon Valley, die mit dem weltweiten Siegeszug der Künstlichen Intelligenz (KI) in einem Goldgräbertaumel Milliarden scheffeln, sind offenbar felsenfest davon überzeugt, dass es zwischen Menschen und Maschinen keinen Unterschied gibt. Wer an so etwas Altmodisches wie die Überlegenheit des Menschen glaubt, wird als „speciest“ abgestempelt, der nicht wirklich bestehende Grenzen halluziniert. Das berichtet die renommierte US-amerikanische Autorin und KI-Expertin Karen Hao in einem Interview zu ihrem Buch „Empire of AI“ (Falter 32/25).

Früher verurteilte der Begriff „Speziezismus“ vor allem die Gesinnung von Menschen, die sich als „höhere Art“ das Recht herausnehmen, Tiere auszubeuten. Unter den heutigen KI-Päpsten ist damit die Diskriminierung von Maschinen durch Menschen gemeint. Denn menschliche und künstliche Intelligenz seien nicht nur vergleichbar, sondern letztere erweise sich als überlegen. Die künftige Entwicklung des Homo sapiens bestimme die Technik, Stichwort: Transhumanismus.

Das Ausmaß dieser intellektuellen Beschränktheit, die mit sondierendem Roboterblick am Wesentlichen des Menschseins – seinem Bewusstsein – vorbei starrt, wird nur selten thematisiert, denn sie denkt im Grunde ja nur den Materialismus zu Ende. Und kaum jemand stellt diese Haltung grundsätzlich in Frage, da sie sich im Bildungssystem etabliert und letztlich auch zu den großen Erfolgen in der Technik oder auch in der Medizin geführt hat.

Zum Glück aber gibt es Persönlichkeiten, die ihre Scheuklappen abgelegt haben und sich gegen den weltanschaulichen Mainstream stemmen. „Materialismus ist Quatsch“, sagt beispielsweise Bernardo Kastrup, bedeutender Computeringenieur und Philosoph aus den Niederlanden. Seine Alternative lautet: Idealismus. 

Kastrup bringt schlüssige und überzeugende Argumente dafür, dass nicht Materie als das Wesentliche, Ursprüngliche betrachtet werden kann, sondern Bewusstsein. 

Auch der bedeutende italienische Physiker und Erfinder Federico Faggin hat sich von der materialistischen Philosophie des Silicon Valley ab-, und der Erforschung des Wesentlichen zugewendet – dem Bewusstsein. Jener Mann, der entscheidend an der Entwicklung des ersten Mikroprozessors für Computer und des ersten Touchpads beteiligt war, erkannte, dass es unmöglich ist, Maschinen mit Bewusstsein zu bauen, oder dieses auf technische Systeme zu übertragen. Alles scheitert an den „Qualia“, die das innere Erleben des Menschen ausmachen.

Im Gegensatz zum Materialismus würdigt die idealistische Weltanschauung diese Qualitäten. Und damit bietet sie auch jenen herausragenden spirituellen Erlebnissen einen Rahmen, die das Phänomen Bewusstsein besonders anschaulich machen (weil ja allzu nahe liegende Alltagserfahrungen die Erkenntnis des Wesentlichen oft erschweren).

Spiritualität bedeutet unter anderem, den Menschen nicht auf sein meßbares Äußeres, auf Körper und Gehirn zu reduzieren. Und weil aus dieser Sicht primär nicht die genetische Anlage oder die auf das physische Überleben programmierte Funktionsweise des Gehirns maßgeblich ist, sondern das lebendige, immaterielle Innere, gelten auch andere Wertmaßstäbe. Empathie, Verantwortungsbewusstsein, Lebensnähe, Liebe – diese im Materialismus als nebensächlich, gewissermaßen als ethische Kür betrachteten Qualitäten stehen hier oft verpflichtend im Zentrum. 

Innerhalb des großen Spektrums spiritueller Erlebnisse sind die sogenannten Nahtoderfahrungen – Betroffene sprechen meist lieber von „Nah-am-Leben-Erfahrungen“ – am besten untersucht. 

Und diese Erlebnisse verändern betroffene Menschen nachhaltig. Sie führen in der Regel unmittelbar zur tief empfundenen Überzeugung, dass Bewusstseinsentwicklung einher geht mit zunehmender Liebesfähigkeit. 

Andreas Neyer, ein Physiker und bekennender Idealist, hat über eben diese häufig dokumentierten „Lerneffekte“ aus Nahtoderfahrungen ein Buch geschrieben: „Rückkehr aus der Ewigkeit – Wie Nahtoderfahrungen unsere Vorstellungen vom Leben und von der Liebe verändern“. 

Er formulierte in einem Interview, das ich zu dieser Publikation mit ihm führte: „Was wir Bewusstsein nennen, was wir Geist nennen, wird durchdrungen von diesem Phänomen Liebe, das wir nicht genau beschreiben können. Aber wir ahnen und wir wissen, was es ist. Es ist auch eine moralische Kraft, die daraus erwächst und die uns Orientierung geben kann in einer Welt, die mittlerweile immer orientierungsloser wird: Was ist gut, was ist böse? Dazu haben Nahtoderfahrene eine ganz klare Aussage. Wir müssen uns sozusagen vereint fühlen mit der Erde, mit der Natur, weil sie ein Teil von uns ist. Alles, was ich der Natur antue, tue ich auch mir an. Insofern, denke ich, hätte eine weitere Verbreitung der Nahtoderfahrung eine heilende Wirkung für die Menschheit.“

Was der materialistischen Weltanschauung als letztes, unwiderlegbares Argument für eine ethisch-moralische Orientierung fehlt, wird für Menschen, die das Sein in der Tiefe erfahren haben, unmittelbar selbstverständlich: Leben und Bewusstsein sind von absoluter Liebe getragen. 

Empathie kann eine Folge dieses inneren Wissens sein, ein Türspalt, der in der subjektiven Wahrnehmung auch das Erleben des Mitmenschen, der Mitgeschöpfe, also mehr vom größeren Ganzen erkennen lässt.

Insofern ist Empathie eine Stärke der Zivilisation. Denn sie stärkt das friedliche, fördernde Miteinander. Und fehlende Empathie eine fundamentale Schwäche empfindungsarmer Materialisten.

(Zitate von E. Musk und P. Thiel/Übersetzung lt. Robert Misik, „Unsichtbare Hand, eiserne Faust“, „Falter“ 30/25)