Celine Songs Tragikomödie „Materialists“ •
Lucy (Dakota Johnson) hat sich von John (Chris Evans), ihrem finanziell schlecht ausgestatteten Geliebten, getrennt und ist in New York City für die Partnervermittlung „Adore“ als Beraterin tätig. Sie selbst ist an einer romantischen Beziehung nicht mehr interessiert und lässt sich auch auf keine Datings ein. Aber in ihrem Job ist sie hervorragend.
Sie hat gelernt, dass für das Zustandekommen einer Beziehung vor allem materielle Dinge zählen – Einkommen, Alter, Körpergröße (!) und so weiter –, lässt sich vorurteilsfrei auf die Wünsche ihrer Kunden ein und ist hervorragend im „Matching“, also im Zusammenführen von Partnern mit passenden Eigenschaften.
Lucy versteht es auch gut, verborgene Motivationen zu nutzen. Als ihr eine ehemalige Klientin am Tag ihrer Hochzeit weinend und unsicher gesteht, dass sie ihren künftigen Ehemann eigentlich nur heiraten will, um ihre eigene Schwester neidisch zu machen, tröstet Lucy sie verständnisvoll mit dem Argument, dass ihr dieser Mann also doch eigentlich das Gefühl vermittle, wertvoll zu sein.
„Ja, das tut er!“, erkennt die junge Frau und rafft sich erleichtert auf, um den großen Schritt zu tun …
Seelentrösterin, Psychologin, vor allem aber kühl berechnende „High-End-Beraterin“ – Lucy verkörpert die idealen Eigenschaften einer Partnervermittlerin.
Aus ihrem eigenen Leben hält sie Männer indes fern – bis sie den sie hartnäckig umgarnenden Investmentbanker Harry Castillo (Pedro Pascal) näher kennenlernt. Er ist eine „Zehn“, ein Mann, der allen Idealvorstellungen entspricht: Reich, groß, attraktiv, eloquent, im richtigen Alter – und noch dazu bereit, ihr die Welt zu Füßen zu legen.
Lucy zieht bei Harry ein. Bald aber entdeckt sie anhand verräterischer Narben, dass seine attraktive Körpergröße kein Zufall ist. Zur Steigerung seines gesellschaftlichen Marktwertes hat er die Kosten, Schmerzen und Mühen einer Körperverlängerung auf sich genommen und sich für das medizinisch maximal mögliche Knochenstretching entschieden. 15 Zentimeter.
Lucy, die selbst kleinere Schönheits-Operationen hinter sich hat, zeigt zwar Verständnis für Harrys Bedürfnis nach chirurgischer Hilfe, denn bekanntlich können schon ein wenige Zentimeter den Marktwert eines Mannes verdoppeln, aber dieser Versuch einer neuen Beziehung mit einem „Traumpartner“ verdeutlicht ihr endgültig, was sie eigentlich immer schon gespürt hat: Auch die perfekteste Übereinstimmung von Idealvorstellungen gewährleistet nicht die innere Verbundenheit zweier Menschen. Liebe hat mit quantitativ beschreibbaren Kriterien nur bedingt zu tun.
Es kommt, wie es – zumindest in einem Film mit Romantik-Touch – kommen muss: Lucy findet zurück zu John, der zwar alles andere ist als eine „Zehn“, aber seit ihrer Trennung nie aufgehört hat, sie zu lieben …
In der Dramaturgie mag Celine Songs Tragikomödie „Materialists“ (die in der deutschen Fassung den eher unbeholfenen Zusatztitel „Was ist Liebe wert“ tragen muss) vorhersehbar sein. Handlung und Charaktere entwickeln sich weitgehend ohne Überraschungen. Seine große Klasse entfaltet der Film der südkoreanisch-kanadischen Regisseurin und Drehbuchautorin in den Dialogen und den vielen kleinen Details, die einen glaubwürdigen und zugleich unglaublichen Einblick in eine Gesellschaft geben, die in unreflektierter Selbstverständlichkeit dem Materialismus huldigt.
Dem Schauspieler-Trio Dakota Johnson, Chris Evans und Pedro Pascal gelingt es, die oft witzigen, immer einfühlsamen und vor allem reif und ehrlich wirkenden Dialoge in außergewöhnlicher Intensität zu vermitteln, trotz mancher Überzeichnung lebensnah und liebenswert.
Celine Song verurteilt in ihrem gelungen Film niemanden, der 200.000 Euro in eine Knochenverlängerung investieren will, damit mehr Menschen zu ihm aufsehen. Im Kampf um den Aufstieg in höhere Gesellschaftsschichten gehören glamouröser Glanz und pure Berechnung zu den üblichen Waffen.
Aber sie packt ihre Tragikomödie in einen alternativen Rahmen. Statt der pulsierenden Stadt New York sehen wir am Anfang und am Ende eine Höhle. Der Jäger und Sammler überreicht seiner Geliebten einen Blumenstrauß, den er für sie gepflückt hat, formt einen Ring aus einem Blümchen und steckt ihn ihr an den Finger. Lucy träumt von den ersten Menschen, die geheiratet haben.
Liebe ist zeitlos.
(2025; 109 Minuten)

