Ein Faktencheck zu diversen Medienberichten.
Liefern Nahtoderfahrungen Belege dafür, dass Bewusstsein auch ohne Gehirnfunktionen möglich ist? Viele Sterbeforscher sagen ja, denn zahlreiche Nahtoderfahrene waren während ihrer Erlebnisse nachweislich klinisch tot. Die Thanatologen gehen davon aus, dass das Gehirn in diesem Zustand keine Bewusstseins-Funktionen erfüllen kann.
Insofern würden Nahtoderfahrungen eine grundlegend neue Auffassung von Bewusstsein nahe legen: Es wird vom Gehirn nicht erzeugt, sondern vermittelt und besteht daher auch unabhängig vom Körper. Dies wiederum wäre ein gutes Fundament für die Hoffnung auf ein bewusstes Leben nach dem Tod.
In den anhaltenden Diskussionen zu dieser Frage werden – vor allem seit den AWARE-Studien – immer wieder Veröffentlichungen genannt, in denen angeblich nachgewiesen werden konnte, dass es nach einem Herzstillstand doch Gehirnaktivitäten gebe. Medienberichte darüber stammen beispielsweise aus der „Welt“, „oe24“ oder „Bild“.
Ich habe den Schweinfurter Neurologen Prof. Wilfried Kuhn, der sich mit den Vorgängen im Gehirn während des Sterbens eingehend befasst hat, um eine detaillierte Stellungnahme dazu gebeten.
Prof. Dr. rer. nat. Dr. med. habil. Wilfried Kuhn ist Arzt für Neurologie und Psychiatrie, war Chefarzt der Neurologischen Klinik des Leopoldina-KH Schweinfurt, und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Nahtoderfahrungen.
Herr Professor Kuhn, die in der Vergangenheit ja schon oft diskutierte Frage, ob Nahtoderfahrungen trotz eines funktionslosen Gehirns möglich sind, steht seit der AWARE-2-Studie wieder im Zentrum. Behauptet wird, der britische Kardiologe Sam Parnia habe in einer Studie an 567 reanimierten Patienten nachgewiesen, dass Nahtoderfahrungen mit einer überaus aktiven Gehirnaktivität einhergehen, also keineswegs mit einer Null-Linie im EEG, wie viele Sterbeforscher annehmen. Ist das Gehirn also doch nicht so funktionslos wie lange Zeit angenommen?
KUHN: Man muss hier klar definieren. Es gibt Krankheiten mit Funktionsstörungen des Gehirns, zum Beispiel einen Schlaganfall. Davon abzugrenzen ist der Begriff „funktionslos“. Es gibt a) eine irreversible Funktionslosigkeit (Hirntod) und b) eine reversible Funktionslosigkeit, zum Beispiel bei Patienten im Koma vor einer Reanimation (REA).
Falls Patienten also nach einer REA von einer Nahtoderfahrung berichten, handelte es sich um eine reversible Funktionslosigkeit.
In der AWARE-2-Studie überlebten von den 567 Patienten nur 53. Davon konnten nach der REA nur 28 interviewt werden. Diese hatten somit einen reversiblen Funktionsausfall des Gehirns. Nur 6 der 28 Patienten hatten eine Nahtoderfahrung (NTE).
Nur bei 53 der 567 Patienten konnte eine Hirnstrommessung (EEG) durchgeführt werden. Bei etwa der Hälfte zeigte sich ein Nulllinien-EEG (flatline), die andere Hälfte hatte eine „normale“ Aktivität mit delta, theta, alpha, beta-Wellen und einige wenige eine „anomale“ Gamma-Aktivität.
Demnach kamen in dieser Studie für die Beurteilung der Frage, ob es während einer Nahtoderfahrung relevante Hirnaktivitäten gibt, nicht 567 Patienten, sondern eigentlich nur knapp 10 Prozent davon in Betracht – jene, bei denen ein EEG durchgeführt werden konnte.
KUHN: Entscheidend für die Beurteilung sind zwei Punkte:
a) Kein Patient, bei dem „normale“ oder anomale EEG-Veränderungen gemessen wurden, berichtete über eine „bewusste Erfahrung“ – und somit auch nicht über eine Nahtoderfahrung!
b) Von einer Nahtoderfahrung berichteten in der Studie 6 Patienten. Aber bei keinem dieser 6 Patienten wurde eine EEG-Messung durchgeführt.
Somit bleibt festzuhalten, dass die gemessene EEG-Aktivität in der AWARE-2-Studie nicht als Beleg für eine bewusste Wahrnehmung im reversibel funktionslosen Gehirn interpretiert werden darf und die gemessenen EEG-Aktivitäten mit den Phänomenen der NTE nicht zusammenhängen.
Interessant wäre es sicher gewesen, die EEG-Aktivität bei Menschen mit NTE zu messen. Dies ist aber nicht erfolgt. Überhaupt gibt es meines Wissens nur einen gesicherten Fall einer NTE, bei der ein EEG (während einer Gehirn-Op; der Fall Pam Reynolds) abgeleitet werden konnte. Hier fand sich eine Nulllinie und keine normalen und anomalen Aktivitäten.
Behauptet wird – auch unabhängig von den AWARE-Studien –, dass sich beim Abstellen lebenserhaltender Maßnahmen ein „Aktivitätsschub“ im sterbenden Gehirn zeigen würde. Es hätten sich sogenannte „Gamma-Wellen“ gezeigt, die mit Bewusstsein assoziiert werden, und es sei belegt, dass das Gehirn nach Beendigung der Sauerstoffzufuhr noch minutenlang weiterarbeitet. Welche Grundlage haben solche Aussagen?
KUHN: Der „Aktivitätsschub“ im Gehirn nach Abstellen der lebenserhaltenden Maßnahmen wurde bisher nur bei irreversibel funktionslosem Gehirn im Sterbeprozess von dann verstorbenen Menschen beobachtet. Hier wurde – bei aktuell wissenschaftlich noch nicht sicher bewiesenen und auch nur wenigen vorhandenen Daten – in Untersuchungen an Menschen und Tieren in einigen Fällen eine Überaktivität des Gehirns über einige Minuten vor dem Hirntod beschrieben.
Ob diese Überaktivität als ein Beleg für Bewusstsein anzusehen ist, kann zur Zeit niemand beurteilen, da alle Personen dann verstorben sind. Diese Überaktivität ist nach Prof. Jens Dreier auf eine Depolarisationswelle der sterbenden Zellen zurückzuführen, die sich im Absterben/Funktionsverlust befinden.
Ein Zusammenhang mit einer potentiellen Nahtoderfahrung ist also pure Spekulation und ohne Belege!
Herr Professor Kuhn, herzlichen Dank für diese Stellungnahme!
Fazit aus meiner Sicht: Forschungsergebnisse werden – nicht zum ersten Mal – gezielt so interpretiert, dass sie die Theorie, NTE würden vom Gehirn produziert – und damit auch das materialistische Weltbild – stützen.
Es ist für viele offenbar befriedigender, die bemerkenswerten Phänomene, die unter dem Begriff „Nahtoderfahrung“ dokumentiert werden konnten, unter dem Anschein von Wissenschaftlichkeit „wegzuerklären“, als sich wirklich eingehender damit zu befassen.
Warum eigentlich?

