Christopher Nolans Mythologie-Epos „Die Odyssee“ •
Odysseus (Matt Demon), König der griechischen Insel Ithaka, war für Menelaos, den König des mächtigen griechischen Staates Sparta, in den Krieg gezogen. Er hatte gegen die Trojaner gekämpft und durch eine grandiose List – ein überdimensionales Pferd, in dessen Bauch sich Krieger verbargen – nach zehnjähriger erfolgloser Belagerung die Stadt Troja endlich erobert.
Doch im Grunde war es ein sinnloser Krieg gewesen, der zahllose unnötige Opfer gefordert hatte, ein Rachefeldzug, in dem es nur darum gegangen war, den Raub von Helena (Lupita Nyong’o), Menelaos Gattin, durch die Trojaner zu rächen. Odysseus hat den Tod vieler unschuldiger Bürger zu verantworten, darunter den einer jungen Priesterin der Athene (Zendaya).
Desillusioniert ist er auf dem Weg in seine Heimat, wo seine Frau Penelope (Anne Hathaway) und sein Sohn Telemachos (Tom Holland) in größter Ungewissheit seine Rückkehr erwarten – zunehmend bedrängt von Freiern, die das Machtvakuum im Königreich für sich ausnutzen wollen. Vor allem der unverschämte Antinoos (Robert Pattinson) bedrängt Penelope, seine Frau zu werden. Doch sie ist Odysseus treu und hofft – den Gerüchten von seinem Tod zum Trotz – weiterhin auf dessen Rückkehr.
Diese jedoch verzögert sich Jahr um Jahr. Denn seine „Odysee“ führt den siegreichen König der Ithaker in die Irre. Er bekommt es mit einem Kyklopen zu tun, einem einäugigen Riesen, der noch dazu ein Sohn des Meeresgottes Poseidon ist. Einer Begegnung mit den Laistrygonen, einem Volk kannibalischer Riesen, fallen viele seiner Männer zum Opfer; die verbleibenden werden von der Zauberin Kirke (Samantha Morton) vorübergehend in Schweine verwandelt. Odysseus muss in den Hades reisen und sich gegenüber den Toten verantworten. Er bekommt es mit den Sirenen und dem Meeresmonster Skylla zu tun, verliert schließlich alle seine Mitstreiter und landet allein und schwerverletzt auf der Insel der Nymphe Calypso (Charlize Theron). Sie heilt mit Lotos seine Wunden, nimmt ihm damit aber gleichzeitig auch seine Erinnerungen, so dass Odysseus zwar sein Leben genießt, aber von seiner Frau und seinem Sohn nichts mehr weiß – und von den tragischen Entwicklungen im Königreich Ithaka nichts ahnt …
Mit seinem knapp dreistündigen Fantasy-Epos „Die Odyssee“ schuf der britische Regisseur und Drehbuchautor Christopher Nolan ein filmisches Meisterwerk, das Erzählungen aus dem gleichnamigen literarischen Werk zu einem neuen Ganzen gestaltet. Die dem griechischen Dichter Homer zugeschriebene „Odyssee“ gehört zu den ältesten, einflussreichsten und bekanntesten abendländischen Dichtungen.
Inhaltlich präsentiert Nolan keine klassische Heldensaga, sondern tendenziell einen Antikriegsfilm, und filmtechnisch kein überbordendes CGI-Spektakel, sondern weitgehend traditionell inszenierte, mit analogen 70-mm-IMAX-Kameras (!) aufgenommene Szenen (Kameramann war der niederländische Oscar-Preisträger Hoyte van Hoytema).
Ausgerechnet Geschichten aus der griechischen Mythologie – über den Realitätsgehalt der Erzählungen rund um den trojanischen Krieg wird bis heute diskutiert – weitgehend mit Hilfe „realer“ Filmkunst zu inszenieren, ist ein Ansatz, den sich wohl nur ein Regisseur leisten kann, der davor – mit so unterschiedlichen Werken wie „Oppenheimer“, „Interstellar“, „Dunkirk“ oder „Inception“ – bereits mehrfach Filmgeschichte geschrieben hat und dem Experimente in einem neuen Genre sicher mit einigem Vertrauensvorschuss finanziert werden.
Mitgetragen wird Nolans Mythologie-Meisterwerk von einem großartigen Schauspielerensemble. Auch die ansprechende dramaturgische Verflechtung unterschiedlicher Handlungsfäden sorgt dafür, dass die dreistündige Filmreise ohne Längen zu einem guten Ende führt – Homers Odyssee zum Trotz.
(2026, 172 Minuten)

