4. September 2026

Sturheit?

Terrence Malicks Filmdrama „Ein verborgenes Leben“

1940, St. Radegund, ein Bergdorf in Oberösterreich. Franz Jägerstätter (August Diehl) betreibt hier mit seiner Frau Franziska (Valerie Pachner) einen Bauernhof. Die beiden lieben einander sehr, haben drei Töchter und werden bei ihrer Arbeit von Helfern aus der Dorfgemeinschaft unterstützt.

Doch der Zweite Weltkrieg macht vor der Dorfidylle nicht Halt. Franz erhält die Einberufung zu einer Waffenübung, und bald wird ihm klar, dass er das Hitler-Regime nicht unterstützen kann. Die Ziele dieses Krieges, das Leid und die Menschenopfer erscheinen ihm unvereinbar mit christlichen Werten, und vor allem kann er sie vor seinem Gewissen nicht verantworten. 

Er wendet sich an Ferdinand Fürthauer, den örtlichen Pfarrer (Tobias Moretti) und später, durch dessen Vermittlung, an den Bischof (Michael Nyqvist), muss aber erkennen, dass die Kirche nicht gegen den Krieg Stellung beziehen will und den Tod Unschuldiger in Kauf nimmt.

Mit seiner Haltung macht sich Franz Jägerstätter zunehmend auch in seinem Heimatdorf unbeliebt. 

Schließlich zerschlägt sich seine Hoffnung, weiterhin auf dem Hof bei seiner Familie bleiben zu können, weil Bauern schließlich auch für die Wehrmacht wichtig sein sollten. Er wird einberufen – und lehnt es ab, den Fahneneid auf Hitler zu schwören.

Damit nehmen die Dinge unaufhaltsam ihren Lauf. Franz Jägerstätter wird inhaftiert, während seine Familie in St. Radegund schlimmsten Anfeindungen ausgesetzt ist.

Franziska hält trotzdem zu ihrem Mann. Sie versteht seine religiöse Überzeugung, zu der sie selbst beigetragen hat, sein konsequentes Nein zum Kriegsdienst und seine rigorose Ablehnung des Hitler-Regines. 

Aber irgendwann sie ist die Einzige, die noch Verständnis für ihn hat – auch wenn sie sich wünscht, dass er umdenken möge. Denn Franz Jägerstätter lehnt alle Kompromissmöglichkeiten, die ihm während der Haft geboten werden, ab – auch, als ihm klar ist, dass ihn wegen „Zersetzung der Wehrkraft“ die Todesstrafe erwartet und er seine Familie allein lassen wird. 

Selbst ein letztes Wiedersehen mit der verzweifelten Franziska kann ihn nicht dazu bewegen, Hitler die Treue zu bekunden … obwohl er nur ein Blatt Papier unterschreiben müsste …

Mit seinem Filmdrama „Ein verborgenes Leben“ inszenierte der US-amerikanische Regisseur und Drehbuchautor Terrence Malick nicht nur die entscheidenden Lebensjahre des österreichischen Widerstandskämpfers Franz Jägerstätter (1907–1943), sondern auch  einmal mehr das große Grundthema seines Filmschaffens – das Leben selbst. Was ist der Sinn des Lebens? Wenn es Gott gibt, wenn Er die Welt und den Menschen erschaffen hat, warum schuf er dann auch das Böse? Was bewirkt Glaube? Und welche Werte vertritt die christliche Glaubensgemeinschaft?

Franz Jägerstätter wurde 2007 von Papst Benedikt XVI. selig gesprochen, zu Lebzeiten aber von Kirchenvertretern wegen „fehlender Vaterlandsliebe“ verurteilt, und die Diskussionen darüber, ob er vielleicht doch nur ein Opfer seines „irrenden Gewissens“ gewesen sei, dauerten noch lange an.

Terrence Malick gestaltete auch diesen Film, wie andere seiner Werke, äußerst dialogarm, dafür mit wirkmächtigen Bildern und teils hart geschnittenen Szenen, um die Empfindungen der Protagonisten so unmittelbar und lebensnah wie möglich zu vermitteln. Die Grenzen zwischen Drehbuchvorgabe und spontanem Rollenspiel sind aufgehoben, Malicks Bildcollagen, gestützt durch James Newton Howards einfühlsamen Soundtrack und Zitate aus Briefen, die Franz und Franziska einander zugedacht hatten, üben einen ungewöhnlichen Sog aus, lassen miterleben, mitfühlen und miträtseln. 

Wo endet religiöse Überzeugung und wo beginnt Sturheit? 

Und wann erweist sich Sturheit als unzulängliche Zuschreibung, weil ein Mensch einfach sicher und frei in sich selbst ruht, in einem verborgenen Leben, unbeeindruckt vom Wahn der Kriegslogik?

(2019, 174 Minuten)