Wenn der hohe Norden ruft

Lappland

Schwedisches Lappland, 2005

Maria Karlsson lacht, öffnet ihre Tasche und zieht eine Hacke hervor. „Das gehört zu den Dingen, die ich immer dabei habe.“

Nein, keine Drohung – einfach nur Notwendigkeit. Das Leben im Norden Schwedens ist hart, oft einsam und manchmal auch gefährlich. Im Winter Lapplands, hier in der dünn besiedelten Natur nördlich des Polarkreises, kann Werkzeug zum Feuermachen Überleben bedeuten.

Maria Karlsson liebt die kalte Wildnis des Nordens. Die Wälder, Moore, Berge, Flüsse, Seen des schwedischen Winters, das Leben fernab der Zivilisation. In unserem Dog Camp, von wo aus wir eine Woche lang das „Mushing“ üben wollen und auf Schlitten die Tundra befahren, hilft die Schwedin bei der Betreuung der Huskies.

Ein paar Dutzend Schlittenhunde leben hier – Partner des Menschen, nicht nur seine Diener, wie uns Lotti Anderssen, gebürtige Schweizerin und „Big Boss“ im Camp, sofort einschärft. Wenn im Winter die Temperaturen auf minus zehn, minus zwanzig, minus dreißig Grad fallen, blühen die Tiere auf, wird ihr Bewegungsdrang unbändig. Ausgelassen durch die schneeige Landschaft zu jagen, das ist die Erfüllung für sie.

Für uns muss es das erst werden. Denn es braucht seine Zeit, bis man als unerfahrener Südländer die Huskies einigermaßen im Griff hat – soweit wenigstens, dass sie in ihrem kraftstrotzenden Überschwang nicht Leinen zerbeißen oder sich im Geschirr verheddern; soweit wenigstens, dass man sich von ihrem ohrenbetäubenden Geheul vor dem Start nicht betäuben lässt, die Schlitten gut vorbereitet und das Gespann richtig zusammenstellt. Jeder Hund hat seine Eigenheiten und bekommt dementsprechend seinen Platz.

Aber wenn der Start einmal geschafft ist und man genügend Kilometer hinter sich gebracht hat, um einigermaßen sicher zu stehen und den Schlitten auch unter extremen Bedingungen nicht loszulassen, dann prägt jede Tour durch diese stille, menschenleere Schneelandschaft die Seele. Unvergleichliche, unvergessliche Erlebnisse.

Auch die Nächte sind ein Geschenk. Wie aus dem Nichts beginnen über uns und weit um uns Nordlichter zu tanzen. Weiße, grüne, gelbe, selten sogar rötliche Lichtnebelschwaden umspielen die dunklen Weiten. Lebendes Leuchten des Himmels, Gruß aus einer höheren Welt, Begeisterung weckend für die formgestaltenden Kräfte der Natur.

Allzu schnell ist die Zeit durchlebt. Dennoch bleiben die Geräusche und Gerüche, die Temperaturen und die Bilder Gegenwart für uns: das Knarren des Schlittens, wenn er um eine enge Kurve gleitet; die stechend riechende Fleischsauce, mit der die Huskies am Morgen gefüttert werden, noch ehe die Menschen ihr Frühstück bekommen; der eisige Wind des Nordens, der durch Schal und Mütze kriecht.

Und Marias Hacke, das Werkzeug für ein Leben, in dem es noch aufs Überleben ankommt.