Das Wander-Muss im Süden Österreichs

Der Karnische Höhenweg 2016 

In der heutigen Europäischen Union ist eine solche Schreckensszenerie kaum vorstellbar, aber vor rund 100 Jahren, von 1915 bis 1918, tobte in den Karnischen Alpen, entlang der österreichisch-italienischen Grenze, ein beinharter Gebirgskrieg. In 2.000 bis 2.700 Metern Höhe wurden weit verzweigte Wege, Steiganlagen, Geschützstellungen und Kasematten errichtet, notdürftige Unterkünfte gebaut – und bald auch Friedhöfe. Denn es gab viele Opfer. Tausende, großteils noch junge Soldaten mussten sommers und winters Waffen, Munition, Bau- und Verpflegungsmaterial ins und durchs Hochgebirge befördern und dabei widrigsten Wetterbedingungen trotzen. Viele erlitten Erfrierungen, fielen Lawinenabgängen zum Opfer oder erkrankten schwer. Die, die auf beiden Seiten noch konnten, verletzten und erschossen einander pflichtgemäß.

„Österreich-Ungarn kämpfte gegen Italien“, berichten die Geschichtsbücher. Kriege werden meist sachlich beschrieben, so unblutig wie unmenschlich, ohne Fokus auf Einzelschicksale.

Der seelische Ausnahmezustand, in den ein täglicher Kampf ums Überleben zwangsläufig führt, ist für Menschen, die ihr Leben in Frieden verbringen dürfen, sowieso unvorstellbar. Was aber ein solcher Gebirgskrieg in der Praxis körperlich bedeutet, kann erahnen, wer die Pfade entlang des Karnischen Kamms selbst durchwandert. In den Jahrzehnten nach dem Ersten Weltkrieg von den Kräften der Natur zerstört, wurden sie ab Mitte der 1970-er Jahre wieder hergestellt. Als zusammenhängender „Friedensweg“, der an den sinnlosen Wahnsinn erinnern soll, der sich vor wenigen Generationen hier abspielte – und damit auch den Wert des Friedens ins Bewusstsein rückt. 

Reste der Stellungen und Unterkünfte sind entlang des insgesamt 150 Kilometer langen „Karnischen Höhenwegs“ noch zu sehen, auch Gedenkkreuze und Friedhöfe. Doch führen diese Relikte aus dem Ersten Weltkrieg an der Gebirgsgrenze zwischen Österreich und Italien heute – und das ist gut so – nur noch ein Schattendasein. Denn die Eindrücke, die die Natur hier bietet, sind übermächtig. Auf Schritt und Tritt erwarten den Wanderer alpinistische Ausnahme-Erlebnisse. Die atemberaubende Dolomiten-Silhouette, die einzigartigen Kammrouten auf über 2.000 Metern Höhe, der gebirgsgesäumte Weitblick auf Großglockner oder Großvenediger, die Gipfel, die Bergseen, die bunten Blumenmeere an den Steilhängen …

Wer einen Sinn für die Schönheit der Alpen hat, sich zwischen Bergschuhen und Höhenluft wohl fühlt und ein paar Nächte in Hüttenlagern in Kauf nehmen mag, dem sei der „Karnische Höhenweg“ ans Herz gelegt – ein „Wander-Muss“ im Süden der Alpenrepublik. 

Start in Sillian

Für unsere Tour im August 2016 haben wir uns den gebirgigeren Teil der Route vorgenommen, die Strecke von Sillian bis zur Valentinalm. Dabei verzichten wir auf den Aufstieg aus dem Tal und parken unser Auto auf der Leckfeld-Alm, etwa in 1.900 Metern Höhe. Von hier aus sind es nur eineinhalb Stunden und rund 550 Höhenmeter bis zur Sillianer Hütte – ideal für den Anreisetag.

Unterwegs fällt das große, auch unten in Sillian noch gut sichtbare „Heimkehrerkreuz“ auf. Es wurde von Kriegs-Heimkehrern (allerdings des Zweiten Weltkriegs, 1948) in einer Höhe von 2.370 Metern errichtet.

Die Sillianer Hütte liegt etwas oberhalb des Leckfeldsattels, nahe der italienischen Grenze, und ist die höchstgelegene Hütte (2.447 m) auf dem Karnischen Höhenweg. Die Sextner Dolomiten im Süden, die Hohen Tauern im Norden: Die Hütte bietet einen phantastischen Ausblick, der die Wanderlust in die Füße treibt und die Vorfreude auf den nächsten Tag steigert.

Doch das Wetter macht uns einen Strich durch die Planung: Ein Kaltfront ist im Anzug, und wir entschließen uns am nächsten Morgen, lieber kein Abenteuer einzugehen und die Tour zu unterbrechen. Statt zur nächsten Hütte aufzubrechen, begnügen wir uns mit einer Erkundung des Umfeldes und besuchen den „Helm“, einen der allerschönsten Aussichtspunkte.

Wie richtig unsere Vorsicht war, zeigt sich wenig später. Die Temperatur sinkt kontinuierlich, starker Regen setzt ein, am frühen Abend dann Schneefall.

In einem Nebenzimmer des Gastraums hüllt sich ein älterer Bergsteiger aus Deutschland in eine dicke Wolldecke. Er ist durchnässt, zittert am ganzen Körper. Der Anmarsch zur Hütte durch Wind und eisigen Niederschlag in ungewohnt dünner Luft hat ihn an seine Grenzen gebracht. Wie es den vier italienischen Mountainbikern gegangen ist, die kurz vor dem Sturm dünn bekleidet von der Hütte aufgebrochen sind, um ihre Tour-Etappe zu bewältigen, werden wir nicht erfahren. Nach meiner Einschätzung war diese Fahrt war auch für einen gut durchtrainierten Sportler lebensgefährlich. „Hoffen wir das Beste“, sage ich zum Hüttenwirt.

„Beten muss jeder für sich selber“, antwortet er.

Von der Sillianer-Hütte zur Obstansersee-Hütte

Die ganze Nacht über hat heftiger Sturmwind gegen die Fenster gedrückt und den Himmel von den mächtigsten Wolkenfeldern befreit. Am Morgen wird es ruhiger. Die Kaltfront zieht ab, die Sommersonne hat nur noch mit ein paar letzten Eintrübungen zu kämpfen. Ein kühler, aber angenehmer Wandertag erwartet uns.

Unser heutiges Ziel ist die Ostansersee-Hütte. Der Marsch dorthin sollte rund viereinhalb Stunden dauern. Das „Rund“ dehnt sich, wenn das Schauen, Staunen, Fotografieren und Filmen die Zeit vergessen lässt oder wenn man sich dazu entschließt, den einen oder anderen Gipfel, an dem der Hauptweg vorbei führt, „mitzunehmen“.

Die Ruinen, Schützenstellungen und Gedenkstätten aus der Zeit des Ersten Weltkriegs betrachten wir nur im Vorbeigehen. Letztlich lösen sie nur verständnisloses Kopfschütteln aus – darüber, dass der Mensch fähig war, den Krieg auch in dieses Naturparadies zu tragen. 

Warum? Wofür?

Es gibt Antworten, die die historischen Zusammenhänge und politischen Notwendigkeiten erläutern, natürlich. Aber hier, inmitten blumenreicher Wiesen, inmitten eines phantastischen Panoramas – von den Drei Zinnen bis zur Sextner Rotwand –, sucht die Empfindung, das Menschliche im Menschen, nach Antworten. Und findet keine.

Am Nachmittag erreichen wir die Hütte am Obstansersee (2.304 m) – ein herrlicher Bergsee in dunklem Blaugrün, der, wären Luft- und die Wassertemperatur um 10 oder 15 Grad freundlicher, sofort zum Baden einladen würde. Ersatzweise kann sich, wer dem See in Greif- und Spritzweite genießen will, eine Pummelfahrt per Tretboot leisten.

Wir nutzen den Rest des Tages zur Besichtigung des nahe gelegenen Bergfriedhofs. Hier vorbei wird am kommenden Morgen unser Weg in Richtung Porzehütte führen.

Von der Obstansersee-Hütte zur Filmoorhütte

Wir machen es wie die meisten Wanderer und wählen den etwas längeren Weg auf die Pfannspitze. Knapp 400 Höhenmeter sind zu bewältigen, aber das grandiose Panorama lässt Fragen zur eigenen Befindlichkeit sowieso nicht aufkommen. Die Obstansersee von oben, der Großglockner im Hintergrund – und ein abwechslungsreicher, spannender Weg, für dessen Bewältigung man fallweise die Hände benötigt. Die kleinen Klettereien sind nicht anspruchsvoll, aber Schwindelfreiheit ist für den Karnischen Höhenweg Voraussetzung – ebenso, wie eine gewisse Wanderkondition.

Müsste ich mich zwischen all den faszinierenden Etappen des Höhenwegs für eine entscheiden, dann wäre diese mein persönlicher Favorit. 

Über die Kinigatscharte und die besonders eindrucksvolle Königswandscharte erreichen wir nach knapp vier Stunden die Filmoorhütte (2.350 m), auch „Standschützenhütte“ genannt, weil sie aus ehemaligen Baracken eines hier stationierten Regiments errichtet wurde. 

Eigentlich hatten wir geplant, hier zu nächtigen, aber die Wetterprognose für die kommenden Tage ist nicht gut, maximal noch ein stabil schöner Sommertag ist zu erwarten, für die Zeit danach ist die nächste Kaltfront angekündigt. Außerdem sind wir früh dran, der Tag ist noch lang. Also entschließen wir uns nach einem einfachen, aber exzellenten Essen (wofür die Filmoorhütte bekannt ist!) und einer kurzen Mittagspause, in der wir den Blick auf die mächtige, nahe Königswand genießen, die ursprünglich für morgen geplante Etappe gleich jetzt anzuschließen.

Auf zur Porzehütte!

Von der Filmoorhütte zur Porzehütte

Der Weg beginnt lieblich, es geht zunächst etwa 300 Höhenmeter bergab, wir stapfen durch Gras, kleine Bäche kreuzen den Pfad und nutzen ihn immer wieder für ein paar Meter als Flussbett.

Bald folgt der erste Höhepunkt – wir haben ihn schon länger im Blick gehabt und jetzt erreicht: der Obere Stuckensee, Inbegriff eines märchenhaften Bergsees! Klar, dass wir hier Halt machen und damit der sowieso schon im Naturgenuss baumelnden Seele noch größeren Schwingungsraum geben. 

Nach der Pause geht es wieder bergauf. Der Aufstieg zum Heretriegel (2.170 m) wird mit einem prächtigen Ausblick auf die Porze und zurück auf die majestätische Königswand belohnt. 

Zum Abschluss ist dann – ein kurzes Stück über drahtversicherte Felsen – ein recht intensiver Abstieg zu bewältigen, ehe wir nach etwa dreieinhalb Stunden unser Ziel, die Porzehütte (1.972 m), erreichen. 

Auf dem letzten Kilometer wird der Wanderer mit einem neu ausgebauten, meterbreiten Schotterweg überrascht, der vielen Tagestouristen gefallen dürfte, für den Karnischen Höhenweg aber doch untypisch ist. Ob der Geldregen aus den Dreharbeiten zum James-Bond-Streifen „SPECTRE“, für den im nahe gelegenen Örtchen Obertilliach Anfang 2015 ein paar hundert Leute im Einsatz waren, den Tourismusverband zu dieser Investition inspiriert hat?

Von der Porzehütte zum Hochweißsteinhaus

Ein strahlender Augustmorgen, kein Wölkchen am Himmel, ideale Bedingungen also für die „Königsetappe“ auf dem Höhenweg: Sie führt von der Porzehütte zum Hochweißsteinhaus. Etwa 1.200 Höhenmeter bergauf und noch einmal so viel bergab sind im Laufe dieser 9-Stunden-Wanderung zu bewältigen. Und wer – wie ich – kein absoluter Bergfex ist, sondern ein normal trainierter Gelegenheitswanderer, wird diese Etappe wahrscheinlich in besonderer Erinnerung behalten: Als jenes Wegstück, bei dem am Ende die brennenden Fuss-Sohlen und diversen Schwachstellen-Wehwehchen in der Wahrnehmung erstmals schwerer wiegen als die Faszination der Natur.

Und doch ist auch diese Wanderung jeden Schritt wert. Sie führt – nach einem ersten Anstieg von rund 500 Höhenmetern – überwiegend den Kamm entlang und bietet grandiose Aussichten nach beiden Seiten: die teils schneebedeckten Gipfel der Hohen Tauern im Norden, die Karnischen Alpen im Süden. Bärenbadeck (2.430 m), Reiterkarspietz (2.393 m), Hochspitz (2.450 m), Steinkarspitze (2.524 m) … immer wieder und immer wieder geht es auf und ab, behutsam, dann wieder steil, auf gemütlichen Wanderwegen, dann wieder auf versicherten Felspfaden. Und irgendwann, wenn alle Wasservorräte längst verbraucht sind (die Etappe bietet, von der letzten Stunde abgesehen, keine Quellen!), beginnt der lange, schier endlos erscheinende Abstieg.

Eigentlich sollte man, im Nachhinein betrachtet, keine anstrengende Tagestour hinter sich haben, wenn man von der Steinkarspitze aus den Weg zum Hochweißsteinhaus (1.867 m) beginnt: Nicht nur, dass knapp 700 Abwärts-Höhenmeter die Muskeln und Gelenke fordern … allein für diesen „Nachklang“ zu den vier Gipfeln ist mit drei Stunden Gehzeit zu rechnen! Aber die Option, den Abstieg ausgeruht zu beginnen, gibt es nicht. 

Und irgendwann, das Hochweißsteinhaus schon in Sichtweite am gegenüber liegenden Hang, hat der erschöpfte Wandersmann mit den brennenden Fuss-Sohlen dann die finale Qual der Wahl: Entweder er wählt einen schmalen, gefährlichen Pfad über steile Felsen zur Hütte, der hohe Aufmerksamkeit und Trittsicherheit erfordert, oder er geht auf einem etwas besseren Weg ganz hinunter ins Frohntal – weitere 200 Höhenmeter bergab, und dann nochmals 200 Höhenmeter wieder hinauf zum Hochweißsteinhaus.

Weil hier letztlich jede Wahl zur Qual wird und beide Weglängen mit eineinhalb Stunden angegeben sind, entscheiden wir uns für die sicherere Tal-Variante.

Vom Hochweißsteinhaus zum Wolayersee

Wie gut, dass wir die beiden Etappen von der Obstansersee-Hütte bis zur Porzehütte in einem Tag und dann die „Königsetappe“ bei strahlendem Sonnenschein gegangen sind! Denn tatsächlich zieht nun eine weitere Kaltfront auf; die Wetterlage wird mehrere Tage lang nicht stabil sein.

Weil auch das nächste Wegstück ziemlich anstrengend sein wird, entschließen wir uns zu einer zweiten Unterbrechung.

Als der Sommer dann endlich zurück ist, starten wir um 7 Uhr früh in Richtung Wolayersee. Die Hütte ist noch vom Morgennebel umhüllt, der langsam ins Tal abfließt. Aber gerade das wird auf dem Weg zum Öfner Joch (2.011 m) zum spektakulären Naturschauspiel. Die Sonne zaubert ein immer breiteres, goldenes Lichtband auf das Nebelmeer und bricht schließlich übermächtig durch. Während der kommenden sechs Wanderstunden wird sie eine verlässliche, aber unbarmherzige Begleiterin sein.

Insgesamt sind für diese Etappe rund 1.000 Höhenmeter bergauf und auch wieder bergab zu bewältigen. Zunächst führt der Pfad durch Blaubeersträucher und Lärchenwälder hinunter zur Fleonsalm (1.571 m), ganz auf italienischem Gebiet. Hier lässt die Kennzeichnung des Karnischen Höhenwegs erstmals zu wünschen übrig. Im Umfeld einer Almhütte irren einige Wanderer umher, ehe ihnen der Blick von weiter oben offenbart, dass der kürzeste Weg wohl einfach durch den Hof geführt hätte. Ich bin einer von ihnen.

Den höchste Punkt der Etappe markiert der Giramondo-Pass (1.971 m); von da aus geht es steil – sehr steil! – abwärts zur Oberen Wolayeralm (1.709 m). Hier gibt’s dann mit mit etwas Glück eine Jause und frische Ziegenmilch. Sofern die Sennerinnen gerade bei ihrem Vieh sind und die Hütte nicht betreut ist, kann sich der Wanderer an brunnengekühlten Getränke selbst bedienen – und einen schattigen Rastplatz zwischen Hühnern, Ziegen und Kühlen genießen.

Im Anschluss ist nur noch ein letztes Wegstück zu überwinden – rund 250 Höhenmeter, zum Teil auf einer Almstraße, zum Teil auf Schotterpfaden, die die Straßenserpentinen abkürzen. Schließlich zeigt sich der Wolayersee in seiner ganzen Pracht und macht alle Aufstiegsmühen sofort vergessen: Ein einzigartiges Naturjuwel im Zentrum einer geologisch besonders interessanten Region. Die Kalkmassive aus dem Paläozoikum sind noch älter als die Alpen. Sie entstanden vor 400 Millionen Jahren im Meer. Die rund um die Wolayersee-Hütte (1.959 m) relativ leicht zu findenden Fossilien zeugen davon.

Von der Wolayersee-Hütte zur Unteren Valentinalm

Das Wetter ist stabil geblieben, und wir starten am Morgen unsere letzte Etappe auf dem Karnischen Höhenweg. Sie führt vom Wolayersee zunächst hinauf zum Valentintörl (2.138 m), wo eine Murmeltierkolonie lautstark auf sich aufmerksam macht, während der Blick noch einmal zurück auf den See fällt, den gerade die letzten Nebelfäden dieses Morgens überziehen.

Danach geht es auf altem Meeresboden abwärts zur Oberen Valtentinalm (1.540 m) und dann, teils auf einer gemütlichen Forststraße, teils auf begleitenden Wanderwegen, weiter zur Unteren Valentinalm (1.220 m), dem Ziel unserer 3-Stunden-Wanderung. 

Geschafft!

Insgesamt waren wir auf dem „Friedensweg“ etwa 90 Kilometer unterwegs. Die Beine werden noch ein paar Tage lang schmerzen, aber viel nachhaltiger werden die Erlebnisse dieser einzigartigen Höhen-Tour wirken. Das Buch der Erinnerungen ist überreich gefüllt.

 

Das Video zum Bericht

 

Die Reise als Bildergalerien
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