Evelyn Elsaessers Roman „Wenn das Ende nicht das Ende ist“ •
Nachdem zunächst alles nach einem ganz normalen Unwohlsein ausgesehen hatte und von den Eltern wie auch vom Arzt beruhigende Worte gekommen waren, erfährt ein junges Mädchen, dass es an Leukämie erkrankt ist. Erst nach und nach wird der Ich-Erzählerin im Roman „Wenn das Ende nicht das Ende ist“ klar, was diese Nachricht bedeutet.
Von einem Tag auf den anderen ändert sich ihr Leben, das Gewohnte zerbricht, der Kampf gegen die Krebserkrankung wird ebenso allgegenwärtig wie das Thema „Tod“.
Die Schweizer Autorin Evelyn Elsaesser wurde in den vergangenen Jahren vor allem durch ihre Studien und Publikationen über „Nachtod-Kontakte“ bekannt. Davor befasste sie sich – gemeinsam mit dem US-amerikanischen Psychologen und Sterbeforscher Kenneth Ring – unter anderem mit den Konsequenzen aus Nahtoderfahrungen und schrieb auch zu diesem Thema ein Fachbuch („Was wir aus Nahtoderfahrungen für das Leben gewinnen“).
Nicht ohne Grund stellt ihr Verlag Evelyn Elsaessers einzigem Roman begeisterte Stimmen international bekannter Sterbeforscher (Pim van Lommel, Penny Sartori u. a.) und ein Vorwort von Kenneth Ring voran.
„Wenn das Ende nicht das Ende ist“ (französischer Originaltitel: „Le Pays d’Ange“ = „Das Land der Engel“) beschreibt die innere Entwicklung des leukämiekranken Mädchens, das zunächst aus den seelischen Dialogen mit seiner Lieblingspuppe „Engelchen“ Trost und neue Erkenntnisse gewinnt. Später bestätigt ihr ein langer Brief ihres ebenfalls schwerkranken Freundes Stan das, was „Engelchens“ Botschaften bereits nahe legten: Das Ende ist nicht das Ende. Da kommt noch viel mehr!
Stan hatte unter dramatischen Umständen eine Nahtoderfahrung erlebt und hat nun keine Zweifel mehr dran, dass der Tod nur ein Übergang ist …
Wenn sich gute Sachbuchautoren an einen Roman wagen, muss dieses Experiment nicht zwangsläufig gut gehen.
Evelyn Elsaesser schafft es jedoch hervorragend, den Krankheitsverlauf ihrer Protagonistin packend und wirklich „hautnah“ zu schildern – die Hoffnungen, Erwartungen und Enttäuschungen, die Kämpfe und Widrigkeiten, die kleinen Alltagsprobleme und die großen Lebensfragen, die daraus resultieren – von der ersten „Hiobsbotschaft“ bis zum bewegenden Ende.
In den sehr weltanschaulich fokussierten und manchmal etwas belehrend wirkenden Gesprächen mit „Engelchen“, die im Buch viel Raum einnehmen, mag man sprachlich das Gemüt eines Kindes vermissen; auch der ausführliche Brief Stans liest sich eher wie eine Zusammenfassung der typischen Elemente von Nahtoderfahrungen als wie die Nachricht eines Jungen an eine Freundin.
Aber diese stilistischen Fragen bleiben hier zweitrangig. Denn im Gesamten betrachtet ist Evelyn Elsaesser ein wirklich lesenswerter Roman zu dem gesellschaftlich weitgehend tabuisierten Thema Tod gelungen. Und der Untertitel – „Vom Sterben, Wahrnehmen und Verstehen“ – weist ja auch deutlich auf den „Sachbuch-Unterbau“ ihrer Arbeit hin.
Die US-amerikanische Trauerbegleiterin Marty Tousley schreibt: „Ich bin der Meinung, dass ihr Buch für jeden, der mit dem eigenen Tod oder dem Tod eines geliebten Menschen konfrontiert ist, sehr tröstlich sein kann und auch für diejenigen hilfreich ist, die mehr über Nahtoderfahrungen herausfinden möchten.“
Schön, dass der „Crotona“-Verlag, der nach dem Motto „Dem Leben neu begegnen“ seit Jahren fachlich herausragende Bücher zur Thanatologie und zu idealistischen Philosophien veröffentlicht, Evelyn Elsaessers Roman, der in französischer Sprache bereits 2006 erschien, 20 Jahren danach mit einer neuen deutschen Ausgabe würdigt. In der thematisch aufgeschlossenen Lesergemeinde des Verlags wird es vermutlich vielen ähnlich gehen wie mir: Ich konnte das Buch nicht mehr weglegen.

Literatur:
Evelyn Elsaesser: Wenn das Ende nicht das Ende ist – Vom Sterben, Wahrnehmen und Verstehen, Amerang 2026, ISBN 978-3-86191-310-8
Evelyn Elsaesser/Kenneth Ring: Was wir aus Nahtod-Erfahrungen für das Leben gewinnen, Amerang 2020, ISBN: 978-3-86191-119-7
Evelyn Elsaesser: Nachtod-Kontakte – Spontane Begegnungen mit Verstorbenen, Amerang 2019, ISBN: 978-3-86191-113-5

