4. September 2026

Wagner, Wilhelmine, Wahnfood-Wurstsalat

Ein Bayreuth-Erlebnis (2026)

Die Tristanstraße mündet nicht direkt in die Isoldenstraße. Dazwischen muss der werte Bayreuth-Pilger ein kleines Wegstück auf der Tannhäuserstraße wandern, und er mag sich fragen, ob der für die Namensschilder verantwortliche Stadtrat irgendein dramaturgisches Konzept im Sinn hatte, um die Werke Richard Wagners auf einer Metaebene miteinander zu verknüpfen. 

Jedenfalls verkünden alle Straßen und Wege dieser Gegend die frohe Botschaft: der Grüne Hügel ist nah!

Bayreuth erweist dem berühmten Dichterkomponisten vielfach die Ehre. Parsifal und Kundry, Siegmund und Sieglinde, Wotan und Fricka, Elsa und Lohengrin – mehr als 40 Straßennamen haben einen Bezug zu Wagner, erinnern an seine Musikdramen und deren Figuren, an Familienmitglieder und bedeutende Dirigenten.

Uns hat der Anlass „150 Jahre Bayreuther Festspiele“ hierher geführt. Zwei Werke – Parsifal und Rienzi – stehen auf dem Programm, und wir wollen die Tage in Bayreuth auch dafür nutzen, die oberfränkische Residenzstadt näher kennenzulernen.

Also fragen wir morgens die nette Dame in der Bäckerei, was sie uns denn an Sehenswertem empfehlen würde – einmal abgesehen von allem, was mit Richard dem Einzigen zu tun hat.

„Hm …“ Sie überlegt, denkt lange nach, dann sucht sie Hilfe bei einer Stammkundin, die ihren Blick unentschlossen über Brot und Kuchen streifen lässt und wohl auch Inspiration benötigt.

Wilhelmine

Ach ja, natürlich! Da gibt es noch eine Persönlichkeit, die hier in der Stadt für Attraktionen gesorgt hat: Markgräfin Wilhelmine. 

Tatsächlich wurde Bayreuth als kulturelles Zentrum nicht nur von Richard Wagner (1813–1883) geprägt, sondern bereits etwa 100 Jahre davor von einer bemerkenswerten Frau: Wilhelmine von Preußen (1709–1758), die Schwester Friedrichs des Großen, war ebenfalls Komponistin, Schriftstellerin und begeisterte Theaterliebhaberin. Sie hinterließ der Stadt das „Markgräfliche Opernhaus Bayreuth“, eine beeindruckende Holzkonstruktion, die seit 2012 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört.

Das Barocktheater, gebaut ab 1745 innerhalb von nur drei Jahren, ist bestens erhalten und präsentiert sich als modernes Museum. Allerdings verschließen sich dem Durchschnitts-Tagesgast, also auch uns, weite Teile des Baus durch Absperrbänder und gestrenge Wächter⋅innen. Der gründlich abgepflockte Rundgang gestattet es lediglich, das Parkett des Hauses zu besichtigen. Von einer Loge aus einen Blick nach unten zu werfen, ganz kurz nur, wird uns trotz innigster Bitten und freundlichstem Ösi-Charme rigoros verwehrt. Ebenso der Blick hinter die Kulissen der außergewöhnlichen, 27 Meter tiefen historischen Bühne, die dieses von außen eher unscheinbare Haus beherbergt.

Wir überlegen kurz, uns von den heilenden Quellen der Lohengrin-Therme für den doch etwas enttäuschenden Besuch im Markgräflichen Opernmuseum entschädigen zu lassen, entschließen uns dann aber, die nächsten Stunden für die Besichtigung der Bayreuther Eremitage zu nutzen.

Auch dieser barocke Park und sein Schloss verweisen auf Wilhelmines prägenden Einfluss. Markgraf Georg Wilhelm ließ im Jahr 1715 eine „höfische Einsiedelei“ errichten, eine attraktive Spielstätte für adelige Erwachsene auf der Suche nach größerem Lustgewinn. Sie kleideten sich wie Eremiten und lebten in bescheidenen Zellen, um sich anschließend beim gemeinsamen Fest umso mehr des wahren Lebens zu erfreuen.

1735 schenkte der Markgraf die Eremitage seiner Frau, und Wilhelmine erweiterte die Anlage so, wie sie sich noch heute präsentiert, als Ensemble von Gärten, Grotten, Wasserwegen und Wasserspielen. Auf dem zentralen Sonnentempel thront Apoll; Architektur und Natur, alte Mythologie und zeitgemäßes Theater verfließen zur Einheit …

Damit erinnert die Eremitage mehr als nur vage an Richard Wagners Absicht, Dichtung und Musik, Schauspiel, Gesang und Architektur auf dem bewährten Fundament der Mythologie zu einem Gesamtkunstwerk zusammenzuführen. Tatsächlich beeinflusste Wilhelmines Wirken, und im Besonderen das Markgräfliche Opernhaus, dessen Entschluss, sein eigenes Festspielhaus ebenfalls in Bayreuth zu bauen.

Morgen würden wir hier Wagners Lebensabschlusswerk erleben können, das „Bühnenweihfestspiel“ Parsifal, dem nachgesagt wird, dass es die besondere Akustik des Theaters außergewöhnlich gut zur Geltung bringt.

Zur Sicherheit sehen wir uns schon am heutigen Nachmittag nach einer geeigneten Parkmöglichkeit in der Nähe des Festspielhauses um – und lernen einen altgedienten, freundlichen fränkischen Parkwächter kennen. Er interessiert sich zunächst für die Nummerntafel an meinem Auto – ja, Österreich „GU“ steht für Graz-Umgebung! –, und lässt uns dann gratis parken. Die Vorstellung habe ja schon begonnen, wir würden niemandem einen Platz wegnehmen. Dann erzählt er von von seinen Begegnungen mit großen, nahbaren Opern-Stars wie einst Peter Hofmann oder aktuell Klaus Florian Vogt, der immer im eigenen Wohnmobil nach Bayreuth reise.

Wir fachsimpeln ein wenig über die Tenöre, und erst im Nachhinein, als wir die Fußwege des Grünen Hügels in Ruhe erkunden, wird mir bewusst, dass ich ihm vielleicht doch hätte verschweigen sollen, dass ich mich selbst bei bestem Willen nicht zur Clique der Vogt-Liebhaber zählen könne. Immerhin hatte uns der gute Mann für morgen einen besonders günstig gelegenen Parkbereich in Aussicht gestellt, und womöglich habe ich durch meine unbedachten Worte seine Sympathie verloren …

Wagner

Irgendwann im Jahr 1982 muss es gewesen sein, als ich, ganz in meinen Kopfhörer versunken, zum ersten Mal das „Parsifal“-Vorspiel hörte, dirigiert von Herbert von Karajan, neben mir das Deutsche-Grammophon-Cover mit dem Bild vom Gralstempel, das im Grunde aber nichts mit der Studio-Aufnahme zu tun hatte.

Diese grandiosen, unvergleichlichen zehn Minuten entrückten mich in die Welt der klassischen Musik und begründeten zugleich meine Begeisterung für Richard Wagners Werke und in weiterer Folge für (fast) alle Spielarten des Musiktheaters. 

Wie gerne hätte ich damals eine Aufführung in Bayreuth gesehen! Aber es gab wenig Aussicht, an Karten zu kommen. Die Festspiele unter der Leitung des Wagner-Enkels Wolfgang präsentierten sich überbucht und ausverkauft – und das schon Jahre im Voraus. Deshalb, aber auch, weil mir später die Bayreuther Produktionen im Fernsehen zunehmend uninspiriert und wenig attraktiv erschienen, verlor ich nach und nach das Interesse an der wichtigsten Pilgerstätte jedes strammen Wagnerianers. Und schließlich schenkte ich dem, was dort auf die Bühne gebracht wurde, überhaupt keine Beachtung mehr.

Aber dann, ein halbes Leben später, es war im Herbst 2025, überraschte mich mein Freund Ewald mit Karten für zwei Aufführungen in Bayreuth. Er hatte nach einer Gelegenheit gesucht, Richard Wagners Frühwerk „Rienzi“ auf der Bühne zu sehen, und herausgefunden, dass die Oper zum 150-jährigen Jubiläum der Festspiele dort 2026 erstmals zu erleben sein würde. 

Also machten wir uns im August auf den Weg, und sofort befeuerten die alten Jugenderinnerungen meine Vorfreude. Knapp 45 Jahre nach dem unvergessenen musikalischen Erweckungserlebnis würde ich das weltberühmte Haus auf dem Grünen Hügel, für das Richard Wagner den „Parsifal“ komponiert hatte, doch noch kennenlernen.

Und heute ist es soweit.

Wir haben bereits die Villa Wahnfried besucht, Wagners ehemalige Wohnstätte, in der sein künstlerisches „Wähnen“, seine schöpferische Kraft, einen Hort des Friedens finden durfte. 

„Hier wo mein Wähnen Frieden fand – Wahnfried – sei dieses Haus von mir benannt“, schrieb er. Die Villa hatte ihm sein finanzkräftigster Verehrer und Gönner geschenkt, König Ludwig II. von Bayern. Dessen Büste ziert, einen jugendlichen Herrscher darstellend, den Zugangsbereich.

Die Villa Wahnfried steht heute im Zentrum einer attraktiv und informativ gestalteten Museumsanlage, die drei Häuser umfasst und ihren Besuchern beliebig tiefes Eintauchen in Wagners künstlerisches Vermächtnis, die Geschichte seiner Familie und in die Aufführungstraditionen seiner Musikdramen ermöglicht.

Im ausladenden Garten hinter der Villa liegt Richard Wagners Grab. Der Dichterkomponist starb am 13. Februar 1883 in Venedig. Sein Leichnam wurde nach Bayreuth überführt und hier fünf Tage später beigesetzt. Einer Verfügung des Meisters folgend blieb der Grabstein ohne Inschrift. In plakativer Bescheidenheit hatte er sinngemäß gesagt, man wisse ohnehin, wer hier liege, und letztlich solle sein Werk, nicht er selbst, in Erinnerung bleiben.

Und doch lässt sich Richard Wagners künstlerisches Schaffen bis heute nicht wirklich von seiner Persönlichkeit und seiner Lebensführung trennen, und noch weniger von den unschönen Entwicklungen, die sein Werk postum nachhaltig belasteten. Die weithin bekannte Nähe seiner Familie zum NS-Regime gehört denn auch zu den wichtigsten Museums-Themen.

In dem der Villa benachbarten Siegfried-Wagner-Haus – es war um 1894 für Richard Wagners Sohn gebaut worden – war Adolf Hitler ein gern gesehener Gast. Bereits 1923 hatte man den glühenden Wagner-Liebhaber erstmals eingeladen und danach beste Beziehungen zum „Führer“ gepflegt. Und weil Hitler von 1936 bis 1938 während der Bayreuther Festspiele stets im Siegfried-Wagner-Haus wohnte, wurde es bald mit dem markigen Namen „Führerbau“ bezeichnet.

Heute laden hier Videoinstallationen zu einem kritischen Rückblick auf jene Zeit ein.

Wie Richard Wagner selbst die Nähe seiner Familie zu den Nationalsozialisten beurteilt hätte, bleibt zwangsläufig offen. Jedenfalls hatte er in keiner seiner Schriften etwas so Widerwärtiges wie die Vernichtung der Juden gefordert. 

Unbestritten ist jedoch, dass Wagner – wenngleich in einer anderen Zeit und in einem anderen Rahmen – deutlich antisemitische Positionen vertrat. Etwa die Ansicht, dass Juden auf Grund ihrer kulturellen Eigenart unfähig dazu seien, wahrhaft deutsche Kunst zu erfassen. 

Wie ernst er solche Aussagen meinte und wie allgemeingültig er sie selbst betrachtete, bleibt fraglich. Denn Wagner arbeitete bis zuletzt auch mit jüdischen Künstlern zusammen, und zweifellos war ihm sein Musiktheater wichtiger als antisemitische Ideologien. Beispielsweise legte er ausgerechnet die musikalische Leitung der „Parsifal“-Uraufführung, seines für Bayreuth komponierten „Bühnenweihfestspiels“, das zwar eher wie eine Privatreligion Wagners wirkt, aber auch christliche Traditionen miteinbezieht, in die Hände des jüdischen Dirigenten Hermann Levi (1839–1900).

Dieses zwiespältige Verhältnis wird neuerdings im „Richard Wagner Park“ unweit des Festspielhauses dokumentiert. Die bekannte Büste des Komponisten ist von Stelen umsäumt, auf denen die Lebensgeschichten zahlreicher jüdischer Künstler nachzulesen sind. Unter dem Ausstellungstitel „Verstummte Stimmen. Die Bayreuther Festspiele und die Juden 1876–1945“ wird an Dutzende Juden erinnert, die zur Zeit Richard Wagners und seiner Frau Cosima oder unter seinem Sohn Siegfried diffamiert und ausgegrenzt oder später, in der NS-Zeit, verfolgt und ermordet wurden.

Wahnfood-Wurstsalat

Wir flanieren über den Grünen Hügel. Zum Glück hatte der Parkraumwächter unsere gestrige Begegnung in ungetrübter Erinnerung und uns ohne Vogt-Verdruss in die Richtung des Festspielhauses dirigiert. 

Den beeindruckenden Bau hatte Richard Wagner ursprünglich selbst finanzieren wollen. Er verkaufte „Patronatsscheine“ an wohlhabende Anhänger, um Geld aufzutreiben. Das Vorhaben scheiterte – was letztlich aber keine Rolle spielte, denn es gab ja König Ludwig. Dieser stellte dem hochverehrten Komponisten 400.000 Mark zur Verfügung, und die Stadt Bayreuth das erhabene Hügel-Grundstück. 

Also konnte das nach Wagners eigenen Entwürfen errichtete Haus am 13. August 1876 nach etwa vierjähriger Bauzeit feierlich eröffnet werden.

Dass der Erfolg der Musikdramen – als erstes wurde die 16stündige Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“ gezeigt – zunächst weit hinter den Erwartungen zurückblieb, mag sich der Bayreuth-Pilger des 21. Jahrhunderts kaum vorstellen. Denn bis heute steht der Grüne Hügel für hochbegehrte Wagner-Wonne und herausragende Besucherzahlen; ein internationales Kulturphänomen, touristisch optimiert. Das Gastronomie-Angebot firmiert augenzwinkernd unter „Wahnfood“ und bietet Bodenständiges vom Wurstsalat bis zum Fischteller aus der „Flying Dutchman“-Bar. Und von den Plakaten prostet ein KI-getrimmter Richard seinen Gästen fröhlich zu.

Entspannung ist angesagt. Nicht dass sich jemand nach getaner Arbeit abends müde in die Oper schleppt! Wagner wollte, dass seine Werke und nichts anderes das zentrale Ereignis des Tages sind. Also beginnen unsere Aufführungen, der Tradition und der Willensbekundung des Meisters folgend, bereits um 16 Uhr. Die Pausen zwischen den Akten dauern jeweils eine Stunde; ihr nahendes Ende verkünden Blechbläser auf dem Balkon des Festspielhauses, natürlich mit Motiven aus dem aktuellen Stück.

Dieser unbedingte Fokus auf das Werk kulminiert in der Gestaltung des Festspielhauses. Als ich den Zuschauerraum erstmals betrete, überkommt mich ein Hochgefühl.

Das ist ein Opernhaus!

Warum wird nicht jedes so gebaut? 

Wie in einem Kino sind die Plätze ausnahmslos auf die Bühne ausgerichtet. Es gibt keine Seitenlogen. Das Parkett steigt stark an, so dass alle alles sehen und Sitzriesen kaum stören können. Es gibt auch keinen sichtbaren Orchestergraben. Dadurch erleben die Zuschauer das Geschehen ungewöhnlich nah. 

Wagners geniale Idee, das Orchester in einem bis zu 12 Meter tiefen Graben zum Teil unter die Bühne zu verlegen, sorgt zugleich für einen fantastisch homogenen Klang, der nicht aus einer bestimmten Richtung zu kommen, sondern einfach in der Luft zu liegen scheint. So sind auch weniger große Stimmen deutlich hörbar.

Wenn der Dirigent den Orchestergraben betritt, gibt es kein Geklatsche. Niemand sieht ihn. Mit dem Verlöschen der Lichter bedeutet Wahrnehmung nur noch Hinhören, Lauschen. 

Dann erfüllt Musik den Raum. 

Das Parsifal-Vorspiel. 

Gänsehaut. Doch nur als kurze Regung, die das Überschreiten einer Schwelle begleitet. Dann erlebe ich das seltsam vertraute Empfinden, angekommen, wieder zu Hause zu sein, wie damals, aufzugehen in der majestätischen Ruhe dieser Klänge, aus denen langsam die Dramatik hervorfließt und zugleich die Quelle des Lebens und der Erlösung. Klanggewordene Grals-Mythologie.

Über die Inszenierung, die diese musikalische Erhabenheit begleiten und visualisierten sollte, möchte ich kaum Worte verlieren. Sie ist Geschichte, unbedeutend, niemand wird sie mehr sehen müssen.

Der US-amerikanische Theaterregisseur Jay Scheib hat Parsifal und die Gralsritter in einer postapokalyptischen Welt angesiedelt und zwingt sein Publikum, die Augen zu schließen. Er weiß vermutlich nicht, dass es zwangsläufig ablenkt, wenn im Bühnenhintergrund auf einer 10 Meter hohen Leinwand die längste Zeit und bildfüllend eine blutende Bauchwunde zu sehen ist, an der Finger herumquetschen.

Dass hier definitiv kein „Bühnenweihfestspiel“ zu bewundern ist, entgeht auch dem werten Publikum nicht. Als sich der Vorhang schließt, applaudiert es spontan und artig – obwohl traditionell, Wagners Wunsch folgend, nach dem ersten „Parsifal“-Akt Zurückhaltung geübt werden sollte, um die andachtsvolle Stimmung des letzten Bildes in die Pause hinein schwingen zu lassen.

Vermutlich erschien Scheib eine solche „Weihe“ als vorgestrig und seinem Publikum als unangebracht. 

Aber es ist erstaunlich: Hier in Bayreuth erweist sich Wagners Werk allen Unsinnigkeiten des Regietheaters zum Trotz letztlich doch als unzerstörbar. Der Klang, das Haus, der Festspiel-Zauber überwiegt – auch wenn ein Regisseur glaubt, eine Vortriebsmaschine als „Weltzerstörer“ in die Auenlandschaft pflanzen oder den Gral am Ende zertrümmern zu müssen.

Ich genieße es, hier zu sein. 

Für die Pause haben wir uns einen Tisch reserviert. Und zur Stärkung Wahnfood-Wurstsalat bestellt.

Und sollte der krumme Parsifal-Speer doch eine versteckte Wunde des Ärgernisses geschlagen haben, so hat sich diese spätestens durch den Rienzi endgültig wieder geschlossen.

Mit dieser Oper – von Wagner selbst als „Jugendsünde“ abqualifiziert – erleben wir am darauffolgenden Tag eine Sternstunde der Bayreuther Festspiele.

Die zeitgemäße, musikalisch und szenisch herausragende Inszenierung von Magdolna Parditka und Alexandra Szemerédy, die in der Akustik des Festspielhauses beispiellos wirkmächtigen Chöre, Andreas Schager als stimmgewaltiger Titelheld in einer für ihn maßgeschneiderten Rolle und inmitten eines großartigen Sängerensembles, der aberwitzige, kreativ überbordende Pantomime-Teil … das alles ist große, allergrößte Klasse … abgesehen allerdings von einem kleinen, persönlichen Moment der Peinlichkeit.

Ich bleibe nämlich der Einzige im Saal, der nach dem ersten Akt, dem szenischen Impuls auf der Bühne folgend, lautstark zu klatschen beginnt. Das werte Publikum zeigt sich dagegen unisono brav darauf getrimmt, bei Wagner immer nur vor der Pause zu applaudieren, sobald der Vorhang sich schließt, auch wenn – wie in diesem Fall – zwei Akte hintereinander gespielt werden.

Verunsichert frage beim Hinausgehen die Dame an der Tür, ob es denn hier in Bayreuth tatsächlich gewünscht sei, nach dem ersten „Rienzi“-Akt keinen Beifall zu bekunden. Vielleicht gebe es ja auch für dieses Werk eine Applausordnung, die ich nur nicht kenne.

Sie verneint – und bietet mir Erlösung: Sowohl bei der Premiere als auch bei späteren Rienzi-Vorstellungen sei durchaus geklatscht worden; das heutige Kollektivverhalten dagegen ungewöhnlich.

Was soll ich sagen? Diese Auskunft bescherte mir gedanklich einen triumphalen Fitzcarraldo-Moment: „Ich bin in der Überzahl!“

Gegen 22 Uhr beendet Rienzis tragisches Ableben unser Bayreuth-Programm. 

Aber wir gönnen uns zum stimmigen Ausklang auf dem Nachhauseweg noch einen Sketch aus der Tonkonserve, das „Bayreuther Pausengespräch“ von Loriot aka Vicco von Bülow, der dem gleichen alten Adelsgeschlecht angehörte wie der bedeutende Wagner-Dirigent und -Zeitgenosse Hans von Bülow. 

„Sind die Wanne-Eickeler Wagners nicht verwandt mit Rudolf Wagner, der sich hier in Bayreuth als Hals-Nasen-Ohren-Arzt einen Namen gemacht hat? 

Ich habe mich zwei Tage vor Lohengrin von ihm mal durchblasen lassen und hörte gleich im ersten Akt sechs ganz neue Leitmotive.“

Lustig? Diese Frage stößt nach dem Genuss Loriots feiner Beobachtungen immer irgendwann auf.

Jedenfalls ertappe ich mich bei der eitlen Vermutung, dass vielen Bayreuth-Pilgern der Bezug zu Wagners Werk in Wahrheit fehlen könnte, dass sie einfach ein Event genießen und morgen schon das nächste suchen wollten und dass nur deshalb auch die Parsifal-Zerstörer dumpf beklatscht würden.

Wahnfood ohne Augenzwinkern? 

Nein, das würde Bayreuth sicher nicht gerecht.