Viele Gläubige stellen sich einen allmächtigen Schöpfer vor, der unabhängig von seinem Werk schon „seit Ewigkeiten“ ist. Gott steht demnach über oder außerhalb seiner Schöpfung. Für Christen nimmt auch Jesus – als der „Sohn Gottes“ – diese einmalige und unvergleichliche Sonderstellung ein. In ihm und durch seine Geburt habe sich der Eine Gott der Menschheit zugeneigt.
Die traditionelle Vorstellung von einem Schöpfer, der wie ein Künstler seine Werke schafft, dabei aber eigenständig bleibt, wird jedoch auch in Frage gestellt. Manche Theologen und vor allem spirituell orientierte Menschen gehen davon aus, dass Gott in Wirklichkeit in jedem Menschen wohnt. Jesus habe mit seinem berühmten Wort „Das Reich Gottes ist inwendig in Euch“ (Lukasevangelium 17,27) genau darauf hingewiesen.
Strenggläubige Christen verurteilen diese Ansicht als Hybris. Gott in sich zu suchen statt zu ihm aufzusehen, sei nicht nur Größenwahn, sondern ein gefährlicher Irrweg, der die Demut untergrabe und seelisch schade.
Was stimmt? Wo ist Gott wirklich? Über allem oder tief im Menschen selbst? Gedanken zu einem umstrittenen Religions-Thema auf der Grundlage meiner Interviews mit Nahtoderfahrenen.
Das Unaussprechliche erfahren
Ich habe für mein Projekt „Thanatos“ in den vergangenen Jahren hunderte Interviews geführt, vor allem mit Menschen, die Nahtoderfahrungen und ähnliche spirituelle Erlebnisse hatten. Dabei hörte ich nicht selten Formulierungen wie: „Ich bin Gott begegnet.“ – „Ich bin eins mit dem Licht geworden.“ – „Ich habe die Göttlichkeit selbst erfahren.“
Ähnliches berichten auch Menschen, die auf sogenannte Erleuchtungs- oder Erweckungserfahrungen zurückblicken, die ihr Leben radikal verändert haben.
Nicht zuletzt auf Grund solcher Erlebnisse und Beschreibungen ist in spirituellen Kreisen, die keiner traditionellen Konfession anhängen, die Ansicht, jeder Mensch trage Göttliches in sich, weit verbreitet.
Pauschal zu unterstellen, diese Formulierungen offenbarten im Grunde so etwas wie Selbstvergöttlichung, wäre aus meiner Sicht unangebracht.
Meine Interviewpartner hatten tatsächlich alle etwas Unvergleichliches erlebt, das einen Transformationsprozess auslöste und ihr Leben nachhaltig veränderte. Dass sie in ihren Versuchen, diese Erfahrungen zu beschreiben, Begriffe wie „Gott“ oder „göttlich“ verwenden, weil diese das Höchstmögliche ausdrücken, ist naheliegend und verständlich.
Gläubige Menschen, die keine so tiefgehenden spirituellen Erfahrungen haben, verbinden den Begriff „Gott“ dagegen ausschließlich mit etwas Anbetungswürdigem, absolut Heiligem. Die Vorstellung, mit dem Göttlichen eigene Erlebnisse oder ein spirituelles Potential in Verbindung zu bringen, erscheint ihnen fremd und fragwürdig, und wird manchmal auch zum Feindbild religiösen Eifers.
Unterschiedliche Lebenserfahrungen führen also fast zwangsläufig zu entsprechend unterschiedlichen Gottesbegriffen.
„Ich bin das Licht“ – gilt das für alle?
In der Religionsgeschichte verband sich die Auffassung, dass Gott, der Herr, über oder außerhalb der Schöpfung stehe, mit der Ansicht, dass eine vermittelnde Institution – die Kirche – nötig sei, um dem Menschen zuverlässig den Weg ins himmlische Reich zu weisen. Dies gipfelte im mittelalterlichen Dogma „Extra ecclesiam nulla salus“ – außerhalb der Kirche gibt es kein Heil.
Im Grunde dem gleichen Gedanken folgen bis heute alle größeren oder kleineren Religionsgemeinschaften, die einen klar umrissenen Weg zum Heil anbieten: Nur ihre bestimmte Lehre, ihr Kult, ihr Prophet, Lichtbringer oder Berufener wirke im Sinne Gottes und könne die Seele vor Verirrungen oder dem Verworfenwerden retten.
Ohne die Lehre von einem nicht unmittelbar erreichbaren Gott würden Glaubensinstitutionen wohl nur schwer als unverzichtbar erscheinen und Macht über Menschen ausüben können.
Dabei war ein solcher Gottesbegriff nie in Stein gemeißelt.
So gab es in der Geschichte des Christentums schon sehr früh unterschiedliche Auffassungen darüber, was Jesus mit seinem Wort „Ich bin das Licht“ gemeint hatte. Die heute übliche Auslegung folgt dem Johannesevangelium (Joh. 8,12). Demnach habe Jesus seine besondere, unvergleichliche Herkunft aus Gott betont. Die Menschen sollten Ihm, diesem „Licht“, seinem Weg folgen.
Kritische Theologen und Evangelienforscher wie etwa Enno Edzard Popkes (Universität Kiel) verweisen jedoch auf alte Schriften, die eine andere Deutung nahelegen. Aus dem Thomasevangelium könne man schließen, dass Jesus mit seiner Selbsterkenntnis – „Ich bin das Licht“ – ein Potential angesprochen habe, das in jedem Menschen liege, und dass Jesus seine Anhänger dazu anregen wollte, ihr eigenes „Licht“ zu entfalten.
Warum die Schriften des Thomasevangeliums nicht in das Neue Testament aufgenommen wurden, darüber darf spekuliert werden. Standen sie dem Wunsch der Kirchenvertreter nach Einfluss und Macht entgegen?
Popkes weist darauf hin, dass die zahlreichen Berichte Nahtoderfahrener jedenfalls genau die gleiche die Erkenntnis – „Ich bin das Licht“ – zum Ausdruck bringen. Er vermutet auch, dass es eben diese Einsicht war, die Jesus während seines Aufenthalts in der Wüste in einen Prediger verwandelt hat – so wie eine Licht- und Einheitserfahrung auch heute noch Menschen für immer verändert.
Ein Zusammenhang zwischen der „Gotterkenntnis“ Jesu und Nahtoderfahrungen oder ähnlichen spirituellen Erlebnissen liegt aus dieser Sicht nahe, bleibt letztlich aber doch zwangsläufig spekulativ. Denn objektiv wird nie nachweisbar sein, was Jesus wirklich erlebte und welche Folgen es für seine Lehre hatte.
Es wäre ja beispielsweise auch denkbar, dass er – oder andere „Lichtbringer“ nach ihm – wirklich zutiefst davon überzeugt waren, etwas Einzigartiges erfahren zu haben, was dann auch ihr Selbstverständnis und ihre Mission entsprechend geprägt haben könnte.
„Geistig“ statt „göttlich“?
Kein Zweifel also: Es gibt lebensverändernde Erfahrungen, die das spirituelle Selbstverständnis und die religiöse Weltsicht von Menschen entscheidend prägen. Erlebnisse, für die es keine Worte gibt, weil sie eben kein Allgemeingut sind.
Kaum Zweifel bestehen aber auch daran, dass der Mensch etwas Höheres, ihm grundlegend Wesensfremdes genauso wenig begreifen könnte wie ein fleißiges Huhn das Forschungsstreben eines Nobelpreisträgers.
Als Geschöpfe haben wir keine Ahnung, warum die Schöpfung entstand, es steht uns lediglich frei, eifrig über diese Frage zu diskutieren. Wir selbst können kein Leben erschaffen, unsere Kreativität ist auf das Neuformen von bereits Bestehendem beschränkt. Auch alle unsere Möglichkeiten der Welt- und Selbsterkenntnis bleiben begrenzt, selbst Nahtoderfahrene oder anders „Erleuchtete“ gehen weiterhin durch Freud und Leid und stehen Tag für Tag vor neuen Anforderungen ihres Lebens, wenn auch mit großer „Lichtsehnsucht“ im Herzen und dem Wissen, dass es unvergleichlich mehr gibt, als das Alltagsbewusstsein normalerweise erkennen lässt.
Solche Tatsachen, die vielfältigen Abhängigkeiten und Beschränktheiten des Menschseins, lassen sich nur schwer mit Göttlichkeit vereinbaren.
Es wäre daher aus meiner Sicht treffender, auch bei der Beschreibung der tiefsten spirituellen Erlebnisse auf der „menschlichen Ebene“ zu bleiben und einfach von geistig statt von göttlich zu sprechen.
Ich meine hier „Geist“ natürlich nicht im Sinne des körperlichen Verstandes und auch nicht als Synonym für ein Spukgespenst, sondern als Beschreibung für den menschlichen Wesenskern und sein Potential … wobei schon dieser klärende Hinweis das Problem mit dem Begriff Geist zeigt: Er löst unterschiedliche Assoziationen aus und wird daher den zu beschreibenden Licht- und Einheitserfahrungen nicht unmittelbar gerecht.
Und eben das gilt auch für die titelgebende Frage: „Wo ist Gott – über allem oder tief im Menschen selbst? Sie entsteht erst durch unterschiedliche Begriffe von Gott.
Die Antwort liegt hinter den Worten. Dort, wo sich diese Frage gar nicht erst stellt.

