13. April 2021

Mongkut und die Lehrerin

Andy Tennants Film-Romanze „Anna und der König“

• Im Jahr 1862 reist Anna Leonowens (Jodie Foster), eine englische Lehrerin, die bis dahin viel Zeit in Indien verbracht hatte, gemeinsam mit ihrem Sohn Luis (Tom Felton) nach Siam (heute: Thailand), um dort die Kinder Mongkuts, des siamesischen Königs (Chow Yun Fat) zu unterrichten. Zwei Welten treffen aufeinander: Anna – Repräsentantin der britischen Kultur, die sich ganz gern als vorbildlich für den Rest der Welt betrachtet – und Mongkut, Rama IV., König mit buddhistischen Wurzeln, aktuell umgeben von 23 Ehefrauen, 42 Konkubinen und 58 Kindern … denen ein wenig westliche Bildung wohl nicht schaden wird.

Anna ist Witwe. Den Tod ihres Ehemannes Tom, eines britischen Offiziers, hat sie immer noch nicht ganz überwunden. Und Mongkut ist nicht daran gewöhnt, einer Frau auf Augenhöhe zu begegnen. Weder intellektuell, noch gesellschaftlich. Üblicherweise haben sich die siamesischen Frauen vor ihrem Herrscher auf den Boden zu werfen.

Wie sich zwischen Anna und dem König trotz der schier unüberwindbaren kulturellen Klüfte zarte Bande der Wertschätzung, Freundschaft, sogar der Liebe zu spinnen beginnen, die in einem gemeinsamen Tanz gipfeln, das ist ganz großes Gefühls-Kino. 

Jodie Foster und Chow Yun Fat begegnen einander schauspielerisch auf Augenhöhe – auf höchstem Niveau. Der Entwicklung ihrer Charaktere zu folgen, ist die reine Freude. 

Mit seiner Romanze „Anna und der König“ hat der US-amerikanische Regisseur Andy Tennant aber auch Maßstäbe in der Ausstattung gesetzt (Oscar-Nominierungen für Szenenbild und Kostümdesign) und einen der optisch eindrucksvollsten historischen Filme des 20. Jahrhunderts abgeliefert.

Allerdings sollte die Bezeichnung „historisch“ in diesem Fall nicht unbedingt im Sinne von „historischer Wahrhaftigkeit“ verstanden werden. 

Zwar folgt Steve Meersons Drehbuch den persönlichen Aufzeichnungen von Anna Leonowens (1831–1915), einer Lehrerin, die tatsächlich die Kinder des Königs von Siam in englischer Sprache unterrichtet hat. Auch gilt König Mongkut (1804–1868) als weltoffener Herrscher, mit dem die Modernisierung Thailands begann; er schloss wichtige Verträge mit westlichen Staaten und begründete auch die deutsch-thailiändischen Handelsbeziehungen.

Aber in welcher persönlichen Beziehung Anna und der König – oder Mongkut und die Lehrerin – standen, ist umstritten. Die Romanze zwischen den beiden dürfte frei erfunden sein. Auch die Frage, welchen Einfluss die Engländerin auf Mongkut ausgeübt hat und ob sie überhaupt Gelegenheit zu regelmäßigen Begegnungen mit dem König hatte, bleibt offen. 

In Thailand werden Anna Leonowens Darstellungen und auch Andy Tennants Film nach wie vor als Majestätsbeleidigung betrachtet. Der Film darf im Land immer noch nicht aufgeführt werden – ebensowenig wie andere Verfilmungen des gleichen Materials sowie das ebenfalls darauf basierende Erfolgs-Musical „The King and I“, das Oscar Hammerstein und Richard Rodgers 1951 am Broadway zur Uraufführung brachten.

Da die thailändische Regierung zum Zeitpunkt der Entstehung von „Anna und der König“ immer noch nach Kräften gegen Anna Leonowens Darstellungen ankämpfte, musste Andy Tennant seinen Film in Malaysia drehen. 

Heute sind sich Historiker weitgehend darin einig, dass die Darstellungen der englischen Lehrerin fragwürdig sind. 

Nichtsdestotrotz inspirierten ihre Texte ein halbes Jahrhundert später die US-amerikanische Schriftstellerin Margaret Landon (1903–1993) zu ihrem Erfolgsroman „Anna und der König von Siam“ (1946), der wiederum zu dem Broadway-Musical und eben auch zu mehreren Verfilmungen führte. Andy Tennants Epos bietet einen würdigen Höhepunkt im Reigen der kreativen Aufarbeitung von Ereignissen und Anekdoten rund um Mongkut und die Lehrerin. 

Filmkunst darf sich erlauben, Geschichten statt Geschichte zu erzählen und die Grenzen zwischen verbriefter Wahrheit und Fiktion verfließen zu lassen. Heute, wo Biopics die Leinwand beherrschen, wäre allenfalls eine deutlichere Positionierung des Films angezeigt, wenigstens im Nachspann.

Aber dieser Anspruch mindert den künstlerischen Wert dieses eindrucksvollen „Gemüts-Klassikers“ nicht wirklich.

(1999, 148 Minuten)