8. Juli 2020

„So hast du mich verlassen, oh du, Philosophie“

Die drei Wünsche

• Komisches Singspiel in drei Aufzügen von Carl Loewe

Libretto: Ernst Raupach (1784–1852)
Musik: Carl Loewe (1796–1869)
Uraufführung: 18. Februar 1834, Berlin (Schauspielhaus)
Dauer: ca. 2 Stunden

Aufzüge:
1. Eine elende Hütte, ein schöner Palast und ein Palmenhain
2. Zwei Paläste und eine Oase in der Wüste
3. Der Palmenhain und die beiden Paläste

Hauptpersonen:
Bathmendi,
ein Derwisch: Bass
Muley, ein reicher Kaufmann: Bariton
Aischra, Muleys Gemahlin: Sopran
Suleima, Aischras und Muleys Tochter: Sopran
Zadig, ein verarmter Kaufmann: Bass
Fatme, seine Frau: Sopran
Hassan, Zadigs und Fatmas Sohn: Tenor

Kurze Werkeinführung

„Die drei Wünsche“ ist die bekannteste Oper des deutschen Komponisten Johann Carl Gottfried Loewe (1796–1869), der vor allem durch seine zahlreichen Balladen (mehr als 500!) bekannt wurde und dem Opern-Genre sehr zugetan war, hier aber nie wirklich Fuß fassen konnte. Von seinen sechs großen Bühnenwerken konnte sich keines nachhaltig durchsetzen. Einzig einem „komischen Singspiel“ mit dem Titel „Die drei Wünsche“ war bei der Premiere im Februar 1834 in Berlin ein Achtungserfolg  vergönnt.

Ende des 20. Jahrhunderts wurde diese Oper wiederentdeckt und durch eine musikalisch hochwertige Studio-Gesamtaufnahme (1998, Rundfunkorchester des SWF unter Peter Falk mit Solisten wie Jonas Kaufmann, Franz Hawlata und Regina Klepper; Capriccio/Delta Music GmbH*) neu gewürdigt und einem größeren Publikum zugänglich gemacht.

Loewes „drei Wünschen“ liegt ein gleichnamiges orientalisches Märchen zugrunde. Sujets aus diesem Kulturkreis waren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sehr beliebt. 

Die Handlung spielt in einem orientalischen Land im Mittelalter.

Die Handlung

Kurz und gut …

Wenn jemand drei Wünsche frei hat, kann es gut sein, dass er sich am Ende wünscht, dass alles so bleibt, wie es war, bevor er sich etwas Besonders gewünscht hat.

1. Aufzug: Eine elende Hütte, ein schöner Palast und ein Palmengarten

Mulan und Aischra, ein reiches, aber geiziges Kaufmanns-Ehepaar, bewohnt gemeinsam mit ihrer hübschen Tochter Suleima einen herrschaftlichen Palast. 

Ihnen gegenüber wohnt ebenfalls ein Kaufmanns-Paar, allerdings in einer „elenden Hütte“. Zadig und Fatme sind edelmütig, aber nach ruinösen Geschäften verarmt. 

Ihr Sohn Hassan – er steht in einer romantischen Beziehung zur Nachbarstochter Suleima – war auf Reisen gewesen, um Philosophie zu studieren. Dabei hatte er erst kürzlich einem Derwisch namens Bathmendi das Leben gerettet.

Nun kehrt Hassan in dessen Begleitung zurück zum Haus seiner Eltern. Jedoch möchte er dem hungrigen und müden Weggefährten deren armselige Hütte nicht als Unterkunft zumuten und hofft, dass Bathmendi bei den reichen Nachbarn als Gast für eine Nacht Aufnahme fände. Schließlich schreibt doch auch der Prophet Mohammed allen Gläubigen Hilfsbereitschaft vor.

Doch Mulan und Aischra weisen den Derwisch hartherzig ab, und als dieser anbietet, für die beiden in Mekka zu beten, macht Aischra sich über die Heilige Stadt lustig:

Mekka! Mekka! Dacht’ ich Wunder!
Wär’s zum Beispiel Mokka noch,
Mokka-Kaffe schätz’ ich hoch,
aber Mekka, das ist Plunder.

Zadig und Fatme dagegen bieten Bathmendi daraufhin sofort Unterkunft in ihrer bescheidenen „Klause“ an, und der Derwisch nimmt die Einladung erfreut an („Friede sei mit dieser Hütte, Allahs Segen immerdar“). 

Aischra und Mulan amüsieren sich darüber, der Gefahr, etwas teilen zu müssen, entronnen zu sein („Eine abgeschlagne Bitte ist Gewinn ganz offenbar“), und Hassan verabschiedet sich. Ihn zieht es in den nahen Palmengarten, um dort Suleima zu treffen. 

Sie hat die Rückkehr ihres Geliebten schon sehnsüchtig erwartet, bemerkt aber, dass Hassans Herz an der Philosophie hängt und täuscht eine Verletzung am Auge vor („Ich weiß, ich werd’ erblinden“), um seine Aufmerksamkeit auf sich sie zu ziehen. Das gelingt ihr sofort. Hassan tröstet sie wunschgemäß („Lass mich nur das Auge küssen, das vermindert seinen Schmerz“) und genießt es, mit Suleima im sanften Mondlicht durch den Garten zu spazieren.

Später kehrt Hassan ins Haus seiner Eltern zurück. Hier will ihm Bathmendi nun – auch als Dank für die freundliche Aufnahme in der Hütte seiner Eltern – drei Wünsche erfüllen. Würde Hassan in der Wahl seiner Wünsche weise sein und sich nicht von Wahn und Leidenschaft verführen lassen, wäre ihm damit „alles Glück beschert“. Einen der Wünsche, den zweiten, dürfe er sogar zurücknehmen, falls er „voreilig Törichtes gewählt“ habe.

Hassan ist erfreut und hat keinen Zweifel, wohl überlegt und gut zu wählen, schließlich ist er nun ja philosophisch geschult. 

Doch das Ideal gedanklicher Abwägungen tritt angesichts der Lage seiner Eltern rasch in den Hintergrund. Hassans unüberlegter Wunsch, auch seine Eltern mögen einen herrlichen Palast als Wohnstätte haben, erfüllt sich sogleich – was den jungen Philosophen zu einer halbherzigen Klage veranlasst:

„Ich kann es noch nicht fassen,
so hast du mich verlassen,
o du, Philosophie.“

2. Aufzug: Zwei Paläste und eine Oase in der Wüste

Die Landleute bestaunen das Wunder, statt Zadigs elender Hütte hier nun einen Palast vorzufinden. Aischras Neid wächst angesichts der unerwarteten Entwicklungen in der Nachbarschaft ins Uferlose („Welches Schrecken! Welches Grauen!“), 

Suleima aber hofft, ihre Eltern würden Hassan nun, nachdem auch er ganz offensichtlich einem reichem Haus zugehört, freudig als ihren Gemahl akzeptieren („Gerne wird man uns vereinen, wenn er im Palast nun wohnt“).

Doch als Aischra begreift, dass der von ihr so rüde abgewiesene Bathmendi mit diesem Wunder zu tun hat, fasst sie einen anderen Plan: Sie drängt ihren Mann, dem Derwisch in die Wüste zu folgen und ihm mit Hilfe einer neuen, freundlichen Einladung ebenfalls die Erfüllung von drei Wünschen abzuringen:

„Du kriechst und flehst, dass er wiederkehrt:
Drei Wünsche sind wohl des Kriechens wert!
Du ladest ihn ein in unser Haus
zu kühlem Scherbet und leckerem Schmaus!“

Muley weiß natürlich, dass seine Chancen schlecht stehen („Der Derwisch, und hol’ ich ihn wirklich ein, wird umzukehren so dumm nicht sein“), doch er folgt dem Wunsch seiner begierigen Frau und sattelt sein bestes Pferd, um sein Glück zu versuchen …

Hassan ringt indes mit sich, die beiden ihm verbleibenden Wünsche sinnvoll zu nutzen, philosophisch sinnvoll. Suleima will ihm gern bei seiner Entscheidung helfen und schlägt vor, sich mit ihm im Palmenwald treffen – obwohl ihr die Mutter Hausarrest verordnet hat. Denn nach Aischras Willen soll sie Hassan nicht wiedersehen und ihm „angehören nimmermehr“.

Tatsächlich gewährt der Derwisch, der den reichen Kaufmann und seine Frau natürlich längst durchschaut hat, auch Muley die Erfüllung von drei Wünschen, nachdem dieser ihn in der Wüste aufgespürt hat.

Als erstes wünscht Muley sich einen kostbaren Sattel – den er dann allerdings selbst schleppen muss, weil sein Pferd in der glühenden Hitze schlapp macht. 

Endlich an einer Oase angekommen, trifft Muley auf eine Pilgergruppe, die ihn mit ihrer Bereitschaft irritiert, das Leben und seine Widrigkeiten hinzunehmen wie es ist („… bald Sumpf, bald Felsen, bald tiefer Sand“). 

Der erschöpfte Muley wünscht sich jetzt nur noch … Nichts. Und schon tanzen Erscheinungen des Nichts um ihn herum, umgaukeln und bedrängen ihn.

Da verwünscht der ermattete Kaufmann die „Derwischbrut“ und hofft nur noch – ehe sein Leben völlig aus den Bahnen läuft („eh man’s denket, fliegt das Haus bei Nacht und Nebel zum Fenster ‘naus“) –, glücklich nach Hause zu kommen. 

Und möge seine Frau, die ihn in dieses fürchterliche, Kräfte raubende Abenteuer gedrängt hatte, dort im Stall für immer selbst auf einen Sattel gebannt sein, damit er vor ihren „Misshandlungen“ fortan geschützt sei …

Auch Muleys letzter Wunsch erfüllt sich.

3. Aufzug: Der Palmenhain und die beiden Paläste

Suleima und Hassan treffen einander im Palmenhain. Sie hofft, dass ihr Geliebter einen der ihm gewährten Wünsche für sie verwenden werde, doch Hassan wird „von seiner Philosophie“ geplagt. Er könne doch nicht einfach „nur dem Herzen“ folgen – so, wie viele „unvollkommene Geschöpfe“ es tun, wo „des Menschen Vorrecht“ doch die Philosophie sei. Ja, seine armen Eltern, so alt und schwach, wie sie sind, habe er mit einem der Wünsche bedacht, und er würde ihnen sogar wünschen, ihre glückliche Jugend wieder erleben zu können …

Noch ehe Hassans philosophiebewährter Kopf zur Vorsicht mahnen kann, erfüllt sich dieser Wunsch auch schon: Zadig und Fatme, Hassans Eltern, springen bald in jungendlicher Frische wieder umher („Hasche mich“ – „Ich hasche Dich“), während Suleima („Was ist wohl hohler in der Welt als die Philosophie?“) und Hassan („Ist dir nicht wert, was mir gefällt, so liebtest du mich nie“) in eine ordentliche Beziehungskrise stürzen.

Aber auch Hassans Eltern werden in ihrem jugendlichen Getue nicht so recht miteinander glücklich. Fatme gefällt sich zwar in ihrem erfrischten Körper, aber Zadig hadert mit der Aussicht, „des Lebens raue Bahn noch einmal durchlaufen“ zu müssen.

Muley ist indes zufrieden damit, seine „zürnende Ehehälfte auf den Sattel gebannt“ zu sehen. Er genießt den „allerliebsten“ Anblick, während Aischra in zunehmend lautes Hilfegeschrei verfällt. Aber auch die hurtig herbei eilenden Nachbarn sind vom Anblick, der sich ihnen bietet, eher belustigt, ziehen eifrig, aber erfolglos an Aischras Körper und kommen schließlich auf die Idee, der ungeliebten Alten mit einem Seil zu Leibe zu rücken. Die Gelegenheit erscheint günstig:

„Herum, herum und zugeseh’n
Dass wir sie recht umschlingen
Und sollte sie in Stücke geh’n,
Es soll und muss gelingen!“

Suleima begreift, dass die Nachbarn ihre Mutter „ums Leben bringen“ wollen und geht entschlossen dazwischen („Nein, nein, ich lass es nicht gescheh’n“).

Schließlich stimmen Aischra und Muley der Verbindung ihrer Tochter mit Hassan zu – und dieser nutzt, nachdem er der Philosophie entsagt hat („… es ist dabei doch gar viel Eitelkeit“), seinen letzten Wunsch dafür, alle Beteiligten wieder in das vertraute alte Leben zurückzuversetzen.

Damit sind nun wirklich alle glücklich und stimmen freudig und beseelt von neuer Erkenntnis, in den Schlusschor ein:

„Es ist schwer, sich selbst sein Glück zu wählen,
Wir überlassen’s einer höheren Hand.
Der blinde Mensch kann leicht das Ziel verfehlen,
Doch nie verfehlt’s der ewige Verstand!“

(Zitate aus dem Libretto)

* aus dieser Produktion wurde das Titelbild zu diesem Beitrag abgeleitet