25. September 2022

Ängste, Vorurteile und Skepsis in Zeiten der Pandemie

Jonathan Demmes Justizdrama „Philadelphia“

Irgendwann in den 1980-er Jahren in Philadelphia, USA …

Andrew Beckett (Tom Hanks) ist ein besonders eloquenter, intelligenter und erfolgreicher junger Rechtsanwalt. Er arbeitet in einer großen Kanzlei und hat einen weiteren Sprung auf der Karriereleiter vor sich. Gerade hat ihm sein Chef eröffnet, ihn zum Partner der Kanzlei machen zu wollen.

Doch Andrew hat ein Geheimnis, über das er niemanden in seinem beruflichen Umfeld informiert hat: Er ist HIV positiv. Er hat AIDS. Und just nachdem ihm sein beruflicher Aufstieg in Aussicht gestellt worden war, lassen sich die Anzeichen der fortschreitenden Krankheit nicht mehr kaschieren. Damit wendet sich das Blatt: Andrew Beckett wird entlassen – mit der fadenscheinigen Begründung, seine Leistungsfähigkeit habe nachgelassen und er könne der Kanzlei dadurch Schaden zufügen.

Dem jungen Anwalt ist schnell klar, dass die wahre Ursache seine Krankheit ist. Viele betrachten AIDS als Gefahr für die Allgemeinheit. Wer weiß, vielleicht ist ein einfacher Händedruck mit einem Infizierten ja doch ansteckend, auch wenn die Wissenschaft etwas anderes behauptet … Außerdem gilt AIDS als „Homosexuellen-Seuche“ – und Schwule sind in der macholastigen Chefetage der Kanzlei bestenfalls Objekte für Spott und Hohn, das hat Andrew oft genug selbst erlebt.

Er kennt also die Hintergründe für seine berufliche Vernichtung – und er will sie aufdecken, will gegen seine Entlassung ankämpfen. Doch Andrews Bemühungen, einen Rechtsbeistand für sich zu finden, um gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber vor Gericht gehen zu können, bleiben zunächst erfolglos. 

Als er sich schon entschlossen hat, den ziemlich aussichtslosen Kampf selbst aufzunehmen, gewinnt er schließlich doch einen Mitstreiter: Der durch seine TV-Werbung weithin bekannte Anwalt Joe Miller (Denzel Washington) ist bereit, seinen Fall zu übernehmen – und sieht sich bald einer Mauer aus Angst, Vorurteilen, Lüge und Heuchelei gegenüber.

Das Justizdrama „Philadelphia“ gehört zu den wichtigsten Werken des 2017 verstorbenen US-amerikanischen Filmregisseurs Jonathan Demme. Mit seinem Spielfilm kam 1993 die erste große Hollywood-Produktion in die Kinos, die sich dem viel diskutierten Thema AIDS widmete und den Scheinwerfer auf ein Jahrzehnt lenkte, das ganz im Bann einer Epidemie stand, die vor allem die Homosexuellen-Szene betraf: 1981 wurde die zunächst mysteriöse Immunschwäche, die mit eher harmlosen Symptomen beginnt und tödlich endet, erstmals diagnostiziert. In der Folge starben in den USA etwa 250.000 Menschen, ehe die Experimente mit diversen Medikamenten in den 1990-er Jahren zu wirksamen Behandlungsmöglichkeiten führten.

Für die Betroffenen waren die 1980-er Jahre aber oft nicht nur behandlungstechnisch eine Katastrophe, weil die eingesetzten „Pharma-Cocktails“ schwere Nebenwirkungen zeigten, beispielsweise zur Erblindung führen konnten. Sie wurden oft auch gesellschaftlich ausgegrenzt. Ängste vor einer Infektion und dumpfe Vorurteile gegenüber Homosexuellen (wobei AIDS ja nicht wirklich nur sie betrifft) führten zu menschenverachtenden Stellungnahmen und diskriminierenden Entscheidungen.

Zwei Fälle, die sich in US-amerikanischen Anwaltskanzleien tatsächlich ereigneten, spiegeln sich inhaltlich in Ron Nyswaners Drehbuch für den Film, der vor allem durch die schauspielerischen Glanzleistungen seines Hauptdarstellers besticht. Tom Hanks wurde dafür 1994 mit einem Oscar ausgezeichnet.

„Philadelphia“ ist aber auch deshalb immer noch sehenswert, weil dieses Justizdrama exemplarisch vor Augen führt, zu welchem Unheil Ängste, Vorurteile, Skepsis gegenüber medizinischen Erkenntnissen und Dummheit führen können … in Zeiten einer Pandemie.

(1993, 125 Minuten)