26. November 2020

Der Mensch hinter seiner Alltags-Rolle

Clint Eastwoods Filmdrama „Die Brücken am Fluss“

• Die Geschichte klingt unspektakulär und ist schnell erzählt: Francesca (Meryl Streep), eine Frau Mitte 40, lebt mit ihrer Familie in Iowa. Ihre romantische Träume sind längst der Alltagsroutine als Frau eines Farmers und Mutter von zwei Kindern gewichen. 

Das ruhige, geordnete Leben der gebürtigen Italienerin gerät allerdings aus den Fugen, als eines schönen Tages – Francescas Mann ist mit den Kindern gerade zu einer Landwirtschaftsausstellung nach Illinois gereist – Robert Kinncaid (Clint Eastwood) auftaucht, der als Fotograf für das Reportagemagazin „National Geographics“ arbeitet und Francesca nach dem Weg fragt. Er will die besonderen, überdachten Brücken von Madison County fotografieren.

Sie zeigt ihm den Weg, und zwischen den beiden entwickelt sich fast unmittelbar eine innige Beziehung, zunächst in rücksichtsvoller, fast scheuer gegenseitiger Wertschätzung, bald auch in körperlicher Hingabe und schließlich in erwachsener, nüchterner Offenheit. 

Francesca und Robert erleben, dass sie viel mehr verbindet als nur ein sinnliches Abenteuer, mehr auch als nur Freundschaft oder Seelenverwandtschaft. Sie erfahren aneinander die Liebe ihres Lebens. Und füreinander sind sie bereit, alles aufzugeben, um gemeinsam neu zu beginnen.

Mit der Rückkehr ihres Mannes und ihrer Kinder steht Francesca dann vor der Entscheidung, entweder in Roberts Auto zu steigen, das sie in ein anderes Leben führen würde, oder ihrer Familie treu zu bleiben. 

Sie entscheidet sich für ihren Mann und ihre Kinder, und Robert akzeptiert diesen Entschluss. Die beiden werden einander nie mehr wiedersehen. –

Ja, die Geschichte ist schnell erzählt und könnte zur Vermutung verleiten, es handle sich um eine der unzähligen Fließband-Filmromanzen, mit der sich der werte Zuschauer mal schnell in die heile Welt der Rührseligkeit entführen lässt. Dagegen wäre zwar auch nichts einzuwenden, aber „Die Brücken am Fluss“ (Originaltitel: „The Bridges of Madison County“) spielt in einer ganz anderen Liga. 

Clint Eastwoods Drama ist ein unspektakuläres Meisterwerk. Meryl Streep (sie erhielt für ihre Rolle als Francesca – wieder einmal – eine Oscar-Nominierung als beste Hauptdarstellerin) und Clint Eastwood agieren schauspielerisch auf Augenhöhe; in jeder Sekunde und in allen Nuancen überzeugend, so dass es eine reine Freude ist, die Entwicklung ihrer Charaktere mitzuerleben.

„Die Brücken am Fluss“ zeigen aber auch eine großartige Regiearbeit – an und für sich, aber mehr noch vor dem Hintergrund, dass Clint Eastwood sich mit diesem Film endgültig von seinen alten Stamm-Genres, den Western- und Polizeifilmen, emanzipierte. 

In fast allen seiner künftigen Filme – von „J. Edgar“ und „Sully“ bis hin zu „15:17 to Paris“ oder „Der Fall Richard Jewell“ – standen nicht mehr unverwundbare Larger-than-life-Helden im Zentrum, sondern einfach Geschichten, die das Leben schrieb. Und Eastwood verstand es, diese Geschichten so ruhig und unspektakulär zu inszenieren, dass sich bisweilen gerade aus dem Alltäglichen ein kraftvoller Sog entwickeln konnte.

Natürlich gehörten dazu immer auch dramaturgische Kniffe. Das Drama „Die Brücken am Fluss“ (Richard LaGraveneses Drehbuch basiert auf dem gleichnamigen Roman von Robert James Waller) erzählt zunächst gar nicht die Geschichte von Francesca und Robert, sondern setzt nach deren Tod ein: Als Francescas Kinder aus dem Nachlass ihrer Mutter erfahren, dass sie eine außereheliche Affäre hatte und sich noch dazu wünscht, dass ihre Asche von einer Brücke in Madison County verstreut werden soll, sind sie zunächst einfach nur empört.

Doch dann vertiefen sich die beiden sich in die Tagebücher ihrer Mutter. Und es wird ihnen nicht nur klar, wie viel Licht die wenigen Tage, die Francesca und Robert miteinander verbringen konnten, in das Leben ihrer Mutter brachten, sondern sie finden auch erstmals einen Bezug zu dem eigentlichen Menschen, den sie bisher doch immer nur in einer Rolle – als Mutter – erlebt hatten. Zu Francescas Wurzeln, ihren Empfindungen, ihrer Liebe, ihrer Hingabe für die Familie …

Zuletzt wird den Kindern auch der Grund für den letzten Wunsch ihrer Mutter klar, ihre Asche von jener Brücke zu streuen, die auch für Robert so wichtig gewesen war …

In diesen Erkenntnisprozess, der fixe Vorstellungen und Vorurteile überwindet und dabei die Menschlichkeit findet, wird der Zuschauer mit einbezogen.  

Kann Film etwas Wertvolleres leisten?

(1995, 135 Minuten)