31. Oktober 2020

Die Kleidungsmarkerlverschwörung

… oder: Die Erwachten mit der Nagelschere

• Am besten geht es mit einer scharfen Nagelschere. Vorsichtig – der wertvolle Stoff soll ja unbeschädigt bleiben – ganz außen an der Oberseite des Markenetiketts beginnen. Dann, wenn der Faden zwischen den ersten drei oder vier Stichen durchschnitten ist, durch kräftiges Ziehen versuchen, es so weit vom Kleidungsstück zu lösen, dass einzelne Fadenteile an der Unterseite des Etiketts durchtrennt werden können. 

Falls dies noch nicht gelingen sollte, muss vorbereitend weiterhin die Oberseite bearbeitet werden – bis der Prozess der doppelseitigen Fadenzermürbung in Gang kommt. Durch die abwechselnde Durchtrennung von Fadenteilen an der Unter- und Oberseite sollte sich das Etikett schließlich Millimeter um Millimeter lösen lassen, und mit ein wenig Glück geht dieser Prozess mit exponentiell zunehmender Geschwindigkeit vonstatten.

Lassen Sie dabei aber unter keinen Umständen Ungeduld aufkommen. Am Etikett zu stark zu zerren oder mit dem Nagelscherenspitz zu ungestüm unter den Faden zu bohren, könnte den Stoff zerstören. Wenn Sie zwischendurch Dampf ablassen müssen, begnügen Sie sich mit einem möglichst netten Wutschrei in Richtung Industrie. Ärgern Sie sich nicht, wenn der Vorgang manchmal doch mehrere Minuten in Anspruch nimmt, obwohl Sie längst Etikettenentfernungsprofi sind. Sie befinden sich in einem Wettlauf gegen immer effizientere Methoden, um auch die klobigsten, scharfkantigsten Etiketten unlösbar mit feinstem Stoff zu vernähen.

Dennoch führen Geschick, Geduld, gutes Licht und gutes Sehvermögen fast immer zum Erfolg. Scheuen Sie sich nicht, eine Lupe zu verwenden oder einen Termin abzusagen, um die Arbeit zu Ende zu führen. Es wäre ungleich folgenschwerer, den ganzen Tag von einem stecknadelartigen Reiben am Hals, im Brust-, Rücken- oder Gesäßbereich genervt zu werden.

Natürlich könnte sich bei Ihnen trotz dieses Tutorials die Frage aufdrängen, weshalb solche Etiketten – Österreichisch liebevoll „Markerl“ genannt – überhaupt vernäht werden. Da sie sich an der Innenseite des Kleidungsstücks befinden, kann der Zweck augenscheinlich nicht simple Reklame sein. Die Etiketten sieht ja niemand. Auch der Träger des Kleidungsstücks selbst kommt als Werbe-Zielperson nicht in Betracht. Denn kein Unternehmen wollte seine wertvolle Marke mit unangenehmen Gefühlen wie Kratzen, Jucken, Stechen und Grollen verbinden.

Oder?

Selbst die Vermutung, es könnte sich um eine spezielle Obsoleszenz-Strategie handeln, scheint zu kurz zu greifen. Oder gibt es die kritische, marktbestimmende Masse von Konsumenten, die oft genug mit der Nagelschere ausrutscht und sich still schämend das nächste Hemd, die nächste Unterhose, den nächsten BH kauft, um nicht mit durchlöcherter Wäsche rumzulaufen?

Vermutlich steckt mehr dahinter. Eine internationale Kleidungsmarkerlverschwörung. Die Unternehmer-Elite rechnet damit, dass die große Masse der Konsumenten Tutorials wie dieses hier nicht nützt. Die schlafende Allgemeinheit ist bereit, das Etikettengekratze als Grundrauschen des Alltags einfach in Kauf zu nehmen. Dabei beeinträchtigt die unterschwellige nervliche Reizung die Fokussierung des Bewusstseins so nachhaltig, dass der Mensch mit zunehmendem Alter beeinflussbarer, kritikloser und konsumfreudiger wird. 

Es wäre völlig überzogen, Chip-Implantate zu fürchten, von denen wir gesteuert werden. Die verborgene Gefahr droht aus der analogen, stofflichen Welt.

Oder gehören Sie bereits zu den Erwachten mit der Nagelschere?