8. Dezember 2022

„Du betrügst mich – mit Jesus!“

Jon Gunns Verfilmung des Buches „Der Fall Jesus“

• Lee Strobel (Mike Vogel) ist Gerichtsreporter und bekennender Atheist. Da seine Frau Leslie (Erika Christensen) weltanschaulich ähnlich ausgerichtet ist, diskutieren die beiden normalerweise nicht über Glaubensfragen. Gott, Jesus und das Christentum sind keine Themen.

Das ändert sich, als die Tochter der beiden sich an einer Süßigkeit verschluckt und beinahe erstickt. Sie überlebt nur durch das beherzte Eingreifen der Krankenschwester Alfie (L. Scott Caldwell). Diese ist bekennende Christin und führt nun auch die durch das tragische Ereignis erschütterte und dankbare Leslie zum Glauben an Jesus.

Die innere Wandlung seiner Frau, die sich bald auch taufen lässt, kann Lee zunächst nicht nachvollziehen. Er hat den Eindruck, sie verloren zu haben und ringt um Worte, die seine Gefühle zum Ausdruck bringen: „Du betrügst mich – mit Jesus!“

Schließlich tut er das, was er als Journalist am besten kann: Er beginnt zu recherchieren – in einer Sache, die ihn bislang überhaupt nicht interessiert hat. Er liest unzählige Bücher über den historischen Jesus, zieht Experten zu Rate – Historiker, Mediziner, die Psychologin Roberta Waters (Faye Dunaway) –, scheitert aber in seinen Bemühungen, den christlichen Glauben durch historische Fakten widerlegen zu können.

Soweit ist die Geschichte Lee Strobels, dessen Buch „Der Fall Jesus“ („The Case for Christ“) Jon Gunns Verfilmung zugrunde liegt, nachvollziehbar. 

Unterschiedliche Entwicklungen im religiösen Bereich bergen das vielleicht größte Konfliktpotential überhaupt für eine Partnerschaft. Diese Tatsache wird in Spielfilmen selten thematisiert. Vielleicht auch deshalb, weil Alltagsgespräche, wie sie für Filmdialoge typisch sind, nie jene Tiefe erreichen, in denen sich spirituelle Empfindungen und Sehnsüchte nach Sinn oder Geborgenheit zum weltanschaulichen Hintergrund eines Menschen formen. Es verdient Anerkennung, dass „Der Fall Jesus“ den Versuch unternimmt, einen solchen Partnerschaftskonflikt darzustellen.

Auch dass selbst intensive Bemühungen scheitern, Glaubensinhalte mit rationalen Argumenten ad absurdum zu führen, leuchtet ohne weiteres ein. Die Existenz Gottes, eines Geistes oder einer Seele ist weder beweis-, noch widerlegbar.

Aber genau an diesem Punkt kippt „Der Fall Jesus“ in die Unglaubwürdigkeit. Denn Lee Strobel gibt vor, durch seine eigenen Recherchen schließlich von der „Wahrheit“ überzeugt worden zu sein – und die sei genau so, wie es die christlichen Kirchen lehren: Jesus sei am Kreuz für die Sünden der Menschen gestorben und dann wieder auferstanden. Seine leibliche Auferstehung, die Grundlage des christlichen Glaubens, sei historisch – durch Augenzeugen – belegbar. Wer die Wahrheit sehen wolle, den würden die Fakten geradezu zwingen, gläubig zu werden, und zwar gläubig im Sinn des Christentums. Also darf sich Leslie schließlich über einen bekehrten Mann an ihrer Seite freuen.

Jedoch ist diese Kernaussage, die Lee Strobels Buch zum Weltbestseller machte und auch Jon Gunns Verfilmung trägt, nicht haltbar. Dass jemand auf Grund des historischen Jesus, also der bekannten Fakten zu dessen Leben, zum Christus des Glaubens, also zum „Sohn Gottes“ findet, ist praktisch unmöglich. In Wirklichkeit sind unzählige Fragen zum Leben des „jüdischen Wanderpredigers“ offen. Kein weltanschaulich neutraler Historiker würde behaupten, man kenne auf Grund der Überlieferungen „die Wahrheit im Fall Jesus“. Und kein seriöser Journalist würde seinen persönlichen Glauben als Rechercheergebnis verkaufen.

Dass der Weg zum Glauben über Fakten und über den Kopf führt, bleibt missionarisch orientiertes Wunschdenken. Für Lee Strobel selbst, der sich vom Gerichtsreporter zum evangelikalen Pastor entwickelte, mögen seine zweijährigen Recherchen zum Leben Jesu tatsächlich entscheidend wichtig gewesen sein. Aber keines der vielen Argumente, die der Film – in zum Teil eher unbeholfen wirkenden Dialogen und Szenen – anreißt, ist neu oder unumstritten und könnte einen faktenorientierten Skeptiker wirklich überzeugen. Insofern verwundert es nicht, dass der „Der Fall Jesus“ vor allem in kirchennahen Kreisen gelobt und empfohlen wird.

Denkanstöße bietet er aber auch unabhängig davon.

(2017, 112 Minuten)

 

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