8. Dezember 2022

Die Last der Vergangenheit

La Traviata

• Oper in drei Akten von Giuseppe Verdi

Libretto: Francesco Maria Piave (1813–1901) 
Musik: Giuseppe Verdi (1792–1868) 
Uraufführung: 6. März 1853, Venedig (Teatro La Fenice) 
Dauer: ca. 2,5 Stunden

1. Akt: Salon im Haus Violettas
2. Akt: Salon eines Landhauses bei Paris; Galerie im Palast Floras
3. Akt: Schlafzimmer Violettas

Hauptpersonen:
Violetta Valéry:
Sopran
Alfredo Germont, Violettas Geliebter: Tenor
Giorgio Germont, Alfredos Vater: Bariton
Flora Bervoix, Violettas Freundin: Mezzosopran
Annina, Dienerin und Vertraute Violettas: Sopran
Gastone, Bekannter von Violetta: Tenor
Baron Douphol: Bekannter und Verehrer Violettas: Bariton

Kurze Werkeinführung

„La Traviata“ zählt zu den erfolgreichsten und meistgespielten Opern sowie zu den bekanntesten Werken des italienischen Komponisten Giuseppe Verdi (1813–1901). Wie bei zahlreichen anderen Opern, etwa „Rigoletto“ oder „Die Macht des Schicksals“, schrieb der italienische Librettist Francesco Maria Piave (1813–1901) für Verdi den Text. Als Grundlage diente ihm der Roman „Die Kameliendame“ des französischen Schriftstellers Alexandra Dumas (1824–1895).

Verdis Oper spielt in Paris und thematisiert das Leben und Sterben von Violetta Valéry, einer Kurtisane, also einer gesellschaftlich geächteten Frau, die dem Adel und höheren Bürgertum für Liebesdienste zur Verfügung stand. 

Zur Zeit der Uraufführung (6. März 1853) war ein solches Thema für die Opernbühne neu und ein Wagnis. Verdis Werk fand beim Publikum zunächst keinen Anklang, wurde später aber – nach einer Überarbeitung – zu einem großen, anhaltenden Erfolg. „La Traviata“ – übersetzt: „Die vom Weg Abgekommene“ – steht bis heute auf den Spielplänen aller großen Opernhäuser.

Die Handlung

Kurz und gut …
Eine Kurtisane findet die wahre Liebe und entzieht sich der Wohlstands-Gesellschaft. Doch wenn nicht nur die Last der Vergangenheit das weitere Wohlergehen trübt, sondern auch eine schlimme Tuberkulose, dann bleibt im Paris der 1850-er Jahre das Happy End aus.


1. Akt: Salon im Haus Violettas

Oktober 1850: Violetta Valéry feiert im Salon ihres Hauses ein Fest. An ihrer Seite ist Baron Douphol, ihr Verehrer. Die Diener sind noch dabei, die Speisen aufzutragen, als Gastone, ein Bekannter Violettas, mit einem Freund namens Alfredo Germont erscheint.

Schon seit einiger Zeit ist Alfredo in Violetta verliebt. Voller Sorge hatte er sich immer wieder nach ihr erkundigt, als sie krank war, und voller Freude lernt er sie nun endlich persönlich kennen – eifersüchtig beäugt von Douphol.

Als alle bei Tisch sitzen und der Baron keinen flotten Trinkspruch über die Lippen bringt, springt Alfredo, inspiriert durch Violetta, ein und stimmt ein temperamentvolles Liebeslied an („Libiamo ne’lieti calici“) an.

Schließlich ertönt aus einem Saal nebenan Musik, und Violetta lädt zum Tanz. 

Während sich die Gäste aufmachen, bleibt sie, von einem plötzlichen Husten- und Schwächeanfall erfasst, im Salon zurück. Alfredo hat bemerkt, wie schlecht es ihr geht, und rät ihr besorgt, sich aus dem gesellschaftlichen Leben zurückzuziehen. Sie müsse sich um ihr Wohlergehen kümmern, ihre Tage „friedvoll“ gestalten. Gleichzeitig gesteht er ihr, dass er sie schon seit einem Jahr von Herzen liebe:

Eines Tages erstrahltet Ihr
glücklich und himmlisch vor mir.
Und seit diesem Tage lebte
ich bebend von ungekannter Liebe,
Von jener Liebe, die der Herzschlag
des ganzen Universums ist,
geheimnisvoll und stolz,
Qual und Glückseligkeit für das Herz.

Violetta rät Alfredo, sich von ihr fernzuhalten. Sie selbst sei weder fähig zu lieben, noch eine so große Liebe zu ertragen. Er solle sie am besten vergessen. Doch zugleich mit dieser Warnung schenkt sie ihm auch eine Kamelie. Sobald sie verblüht sei, solle Alfredo ihr die Blume zurückbringen.

Glücklich über diese Einladung für den kommenden Tag küsst Alfredo Violettas Hand, gesteht ihr noch einmal seine Liebe und zieht sich zurück. 

Nachdem sich auch alle anderen Gäste verabschiedet haben, erinnert Violetta sich an Alfredos liebende Worte, die sie seltsam berührt haben („È strano!“). Denn in der Tiefe ihres Herzens sehnt auch sie sich nach wahrer Liebe. 

Doch letztlich erscheinen ihr solche Gedanken abwegig. 

In der „dicht bevölkerten Wüste, die man Paris nennt“ gebe es für eine Frau wie sie nur den Weg, sich ungebunden „von einem Vergnügen in das nächste“ treiben zu lassen und „in den Strudeln der Lust“ unterzugehen („Sempre libera“).

2. Akt: Salon eines Landhauses bei Paris

Januar 1851. Violetta und Alfredo leben gemeinsam in einem Landgut außerhalb von Paris. Sie hat für ihren Geliebten ihr gesellschaftliches Leben in Reichtum und alle damit verbundenen Annehmlichkeiten aufgegeben, ihre Vergangenheit als Kurtisane hinter sich gelassen. 

Annina, ihre Dienerin und Vertraute, kommt gerade von einer Reise nach Paris zurück. 

Von ihr muss Alfredo nun erfahren, dass sie unterwegs war, um Violettas letzte Besitztümer, darunter Pferde und Kutschen, zu verkaufen. Der Traum vom gemeinsame Leben hat alles vorhandene Geld verbraucht.

Beschämt macht Alfredo sich nun selbst nach Paris auf, um Wege aus der finanziellen Not zu ebnen („O mio rimorso“). 

Während seiner Abwesenheit erhält Violetta unerwarteten Besuch. Giorgio Germont, der ihr bis dahin nicht bekannte Vater Alfredos, gesteht Violetta unumwunden, dass er nichts von ihr hält. Er kenne ihre Hintergründe, sie sei nur auf das Erbe seines Sohnes aus. 

Violetta macht dem alten Herrn schnell klar, dass er sich täuscht. Sie zeigt ihm den Vertrag über den Verkauf ihres gesamten Besitzes. Sie sei es, die das Leben in diesem Landgut finanziere. Und hätte Alfredo ihr sein Geld angeboten, hätte sie es nicht angenommen.

Entwaffnet erkennt Germont, dass Violetta seinen Sohn tatsächlich liebt. Und doch spricht er nun das aus, was der Grund für seinen Besuch ist: Alfredos jüngere Schwester wolle heiraten. Doch Violettas Vergangenheit bringe so große Schande über die Familie, dass diese Hochzeit nun nicht stattfinden könne. 

Violetta wird klar, dass Alfredos Vater von ihr erwartet, seinen Sohn aufzugeben. Sie zeigt Verständnis für die Vorbehalte, die man ihr gegenüber hat, und entschließt sich, diesem Wunsch als „Dulderin aus treuer Liebe“ zu folgen – ohne Alfredo den Grund dafür zu nennen. Auch, weil sie weiß, dass sie auf Grund ihrer Tuberkulose-Erkrankung ohnehin nicht mehr lange leben wird. Sie will dem Glück anderer nicht im Weg stehen, also verspricht sie Giorgio, Alfredo zu verlassen.
Als dieser zurückkehrt, empfängt Violetta ihn unter Tränen. Noch einmal versichern die beiden einander ihre große Liebe, dann aber reist sie heimlich nach Paris, folgt Einladung ihrer Freundin Flora zu einem Fest.

Ihrem Geliebten hat sie einen Abschiedsbrief hinterlassen. Nachdem Alfredo ihn gelesen hat, glaubt er verzweifelt, Violetta wolle wieder ihr altes Leben genießen. 

Giorgio Germont versucht nun, seinen Sohn zu der Rückkehr zu seiner Familie zu bewegen. Er wolle „die Vergangenheit“, Alfredos problematische Beziehung mit Violetta, „mit dem Schleier des Vergessens bedecken“:

Komm, mit mir wirst du deine Lieben
in großer Freude wiedersehen:
Verweigere dem, der bis jetzt litt,
eine so große Freude nicht.
Beeil dich, einen Vater und
eine Schwester zu trösten.

Alfredo interessieren die Wünsche seines Vaters nicht. Er folgt Violetta nach Paris. 

Galerie im Palast Floras

In einem reich dekorierten Salon in Flora Bervoix Palast findet ein Maskenball statt. Zigeunerinnen und Stierkämpfer gehen um, es wird gesungen und getanzt. Zur Überraschung ihrer Freundin ist Violetta am Arm von Barons Douphol erschienen. Die Nachricht, sie habe sich von Alfredo getrennt, hat schnell die Runde gemacht.

Umso erstaunter ist die Gesellschaft, als dieser kurz danach ebenfalls eintrifft – und wiederum nur wenig später erscheint auch Giorgio Germont auf dem Ball. Er ist seinem Sohn gefolgt.

Alfredo gibt sich zunächst gelassen, was Violetta anlangt. Er will demonstrativ zeigen, dass er es überwunden hat, von ihr verlassen worden zu sein, beginnt Karten zu spielen, gewinnt dabei ständig und verärgert Baron Douphol. Violetta versucht ihren Geliebten zu überreden, das Fest zu verlassen. Sie habe Angst um ihn, es gebe ein Versprechen, das sie daran hindere, weiterhin mit ihm zusammen zu sein.

Alfredo vermutet nun, Violetta habe Douphol ihre Liebe und Treue versprochen. 

Weil sie keinen anderen Ausweg mehr sieht, bestätigt sie diese Vermutung, woraufhin Alfredo ihr vor versammelter Gesellschaft sein beim Kartenspiel gewonnenes Geld vor die Füße wirft. Er wolle sie hiermit für ihre Dienste bezahlen und sich „von diesem Schandfleck“ rein waschen.

Violetta sinkt ohnmächtig in die Arme ihrer Freundin.

Alfredos Verhalten entsetzt alle, auch sein Vater weist ihn mit scharfen Worten zurecht („Di sprezzo degno“).

Der Verachtung gibt sich der preis,
der, wenn auch nur im Zorn, eine Frau beleidigt.
Wo ist mein Sohn? . .. Ich sehe ihn nicht mehr:
In Dir kann ich Alfredo nicht mehr finden!

Baron Douphol fordert Alfredo nun zum Duell („Die schreckliche Beschimpfung dieser Frau

beleidigte hier alle“), Giorgio Germont zieht seinen Sohn mit sich fort.

3. Akt: Schlafzimmer Violettas

Februar 1851. Violettas Zustand hat sich weiter verschlechtert. Während draußen auf der Straße getanzt und Karneval gefeiert wird, muss sie das Bett hüten, ahnend, dass sie nicht mehr lange leben wird.

Ihre Dienerin Annina ist immer noch an ihrer Seite, und aus einem Brief von Giorgio Germont hat Violetta erfahren, dass Baron Douphol im Duell mit Alfredo verwundet worden ist und sein Sohn das Land verlassen musste. Inzwischen aber wisse er über Violettas Opfer Bescheid, und dass sie ihn immer geliebt habe. Alfredo wolle sie deshalb ehestmöglich möglich besuchen und für sein Verhalten um Verzeihung zu bitten.

Violetta hat allerdings keine Hoffnung mehr, ihren Geliebten noch einmal zu sehen. Sie denkt, dass es dafür schon zu spät ist, versinkt im Gebet und hofft, dass Gott „der vom rechten Weg Abgekommenen“ verzeihen wird. Ihr letztes Geld hat Sie Bedürftigen gespendet.

Da bringt ihr Annina die freudige Nachricht, dass Alfredo soeben eingetroffen ist. 

Tief zerknirscht bittet er Violetta um Entschuldigung für sein Verhalten:

Kein Mensch oder Dämon, mein Engel,
kann mich jemals wieder von Dir trennen.
Paris, o Geliebte, werden wir verlassen,
gemeinsam werden wir durchs Leben gehen:
Für das erlittene Leid wirst Du entschädigt,
Deine Gesundheit wird wieder erblühen.
Lebenshauch und Licht wirst Du mir sein,
die ganze Zukunft wird uns hold sein.

In dem freudigen Wiedersehen („Parigi, o cara“) vergisst Violetta für kurze Zeit ihre Krankheit. Sie will sich noch ankleiden, um mit Alfredo in die Kirche zu gehen, hat aber nicht mehr die Kraft dazu. Erst jetzt erkennt er, wie es um seine Geliebte steht.

Auch Giorgio Germont betritt nun das Zimmer, um Violetta zu besuchen. Alfredos Vater bereut sein Verhalten zutiefst und will sie „wie eine Tochter an sein Herz drücken“. Sie umarmt ihn. „All das Übel, das ich tat, sehe ich erst jetzt“, gesteht er angesichts der Sterbenskranken zerknirscht.

Zum Abschied schenkt Violetta Alfredo ein Medaillon mit ihrem Bild. Es soll ihn stets an die erinnern, die ihn „so sehr geliebt“ hat, doch er solle ein neues Glück für sich suchen. Eine „keusche Jungfrau“ möge ihm „in der Blüte ihrer Jahre ihr Herz schenken“. Sie aber werde im Himmel für beide beten. 

Dann fühlt Violetta ein letztes Mal, wie neue Lebenskraft ihren Körper durchströmt: „Die Qualen des Schmerzes hören auf. In mir erwächst, mich belebt eine ungewohnte Kraft! Ah! Ich kehre ins Leben zurück!“

Mit einem Ausruf der Freude richtet sich Violetta in ihrem Bett auf, um im nächsten Augenblick zum Entsetzten aller jäh niederzusinken. Ihr Herz hat aufgehört zu schlagen.

 

Hinweise:
Titelbild: Teresa Stratas als Violetta in einer Opern-Verfilmung von Franco Zeffirelli, 1982
Alle Zitate aus der deutschen Übersetzung des Librettos lt.
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