23. September 2020

„Du musst es saugen, das teure Blut“

Der Vampyr

• Romantische Oper in vier Bildern von Heinrich Marschner 

Libretto: Wilhelm August Wohlbrück (1795–1848) 
Musik: Heinrich Marschner (1795–1861) 
Uraufführung: 29. März 1828, Leipzig (Stadttheater)
Dauer: ca. 3 Stunden

Aufzüge:
1. Starre Wildnis
2. Saal im Schloss
3. Garten und Schloss
4. Festlich geschmückter Säulensaal im Schloss

Hauptpersonen:
Sir Humphrey,
Laird von Davenaut: Bass
Malwina, Sir Humphreys Tochter: Sopran
Edgar Aubry, ein Verwandter: Tenor
Lord Ruthwen, der Vampyr: Bariton
Sir Berkley: Bass
Janthe, Berkleys Tochter: Sopran
George Dibdin, in Humphreys Diensten: Tenor
Emmy, Tocher des Gutsverwalters John Perth: Sopran

Kurze Werkeinführung

Marschners Oper „Der Vampyr“ wird der „schwarzen Romantik“ oder „Schauerromantik“ zugeordnet, einer Strömung, die im 18. Jahrhundert – in Opposition zur vernunftgesteuerten Aufklärung – melancholisch-irrationale, schaurig-dämonische Themen behandelte. In England wurden in dieser Zeit beispielsweise die „Gothic Novels“ (Schauerromane) veröffentlicht. 

„Der Vampyr“ geht auf eine 1816 veröffentlichte Kurzgeschichte des englischen Schriftstellers John Polidori (1795–1821) zurück, die zunächst für ein Schauspiel (1822) dramatisiert und später vom deutschen Schauspieler und Librettisten Wilhelm August Wohlbrück (1795–1848) als Opern-Libretto für Heinrich Marschner gestaltet wurde.

Die Oper „Der Vampyr“ gilt heute als musikalisches Bindeglied zwischen den Werken von Carl Maria von Weber (dessen Oper „Der Freischütz“ 1821 aufgeführt wurde) und den frühen Opern von Richard Wagner („Der fliegende Holländer“, 1843). Allerdings konnte sich Marschners Werk auf den Spielplänen der Opernhäuser bei weitem nicht so gut behaupten; es wird vergleichsweise selten aufgeführt.*

Der Geschichte um einen schottischen Lord, der zum Vampir geworden ist und binnen 24 Stunden drei jungfräuliche Bräute opfern muss, damit ihm jeweils ein weiteres Lebensjahr gewährt wird, scheint indes etwas Zeitloses anzuhaften. So entwickelte die BBC 1992 aus der Oper eine Miniserie für das Fernsehen mit gleichnamigem Titel.

Die Handlung

Kurz und gut …

Leider lassen sich einfache Mädchen vom Land allzu leichtfertig beißen, wenn der Vampir aus vornehmem Hause stammt.

1. Bild: Starre Wildnis

„Es ist Nacht, der Mond leuchtet im Hintergrunde halbhell.“ Inmitten von Felsengruppen erscheinen gespenstische Gestalten – „Geister, Hexen, Gnomen, Kobolde, Teufelsfratzen, Frösche, Fledermäuse. Dann der Vampyrmeister und Lord Ruthwen.“

Für Ruthwen, einen schottischen Lord, ist es eine Schicksalsnacht. Er hatte sich als Vampir von der menschlichen Gesellschaft abgewandt und damit seine Seele verkauft. Nach seinem Tod, der nun nahe bevor steht, muss der dem Vampyrmeister für immer zu Diensten sein. Doch ein paar Erdenjahre will Ruthwen doch noch genießen. Er hofft also, eine Gnadenfrist von drei Jahren zu erhalten. Als Preis dafür muss er jedoch drei Jungfrauen finden und opfern.

Der Lord dünkt sich diesem Ziel nahe:

„Ha, noch einen ganzen Tag
Überlang ist diese Zeit,
Zwei Opfer sind mir schon geweiht.
Und das dritte – das dritte ist leicht gefunden.“

Ruthwen giert darnach, „neues Leben mit einem Kusse in sich zu saugen“:

Welche Lust! Ha, welche Lust! –
Mit neuem Mut, mit neuem Mut
Durchglüht mich ihr Blut;
Ihr Todesbeben ist frisches Leben!

Als Opfer hat Lord Ruthwen Janthe auserkoren. Die hübsche Tochter von Sir Berkley hatte dem Lord gegenüber zwar äußerst zwiespältige Gefühle gehabt („Als du dich zuerst mir nahtest, bebte ich entsetzt zurück!“), doch schließlich hatte sie einem Rendezvous in dieser Nacht, ihren besorgten Eltern zum Trotz, zugestimmt.

Geschickt führt der Vampir sein Opfer nun in eine Höhle, um ihr das Leben aus dem Leib zu saugen. Sir Berkley, der seine Tochter mit Jägern, Dienern und Landsleuten sucht, kommt zu spät. Er hört aus der Ferne noch den Schrei seiner Tochter („Weh!“), kann in der Höhle aber nur noch mit Entsetzen zur Kenntnis nehmen, dass Janthe bereits tot ist – ermordet.

Sofort stürzt Berkley sich auf Lord Ruthwen, der die Untat offenbar verübt hat, und stößt ihm seinen Degen in den Leib. Kurz danach aber ertönt der entsetzte Aufschrei eines Dieners, der erkannt hat, dass der Täter ein Vampir sein muss:

Brust und Nacken deiner Tochter
sind voll Blut. Gift’ger Zähne Spuren
verraten das Entsetzliche!

Alle stürzen nun in höchstem Schrecken davon, Lord Ruthwen bleibt schwer verletzt zurück. 

Kurz danach findet ihn Edgar Aubry, dem der Lord früher einmal das Leben gerettet hatte. Ihm schwindelt Ruthwen zunächst vor, von Räubern überfallen worden zu sein. 

Als er Aubry dann aber bittet, ihn auf einen Hügel zu schleppen – in der Hoffnung, dass das Licht des Mondes seine Wunden heilen werde – wird dieser stutzig: „So wär es wahr, was man in London mir gesagt? Entsetzlicher! Du wärst ein V …“

Doch die schreckliche Erkenntnis hilft Aubry nicht weiter. Er steht in Ruthwens Schuld, denn er hatte ihm gelobt, als Ausgleich für die Rettung seines Lebens etwas für ihn zu tun – und nun lässt der Lord ihn schwören, für die nächsten 24 Stunden „alles, was du von mir weisst, oder noch erfahren, oder auch nur ahnen magst, zu verschweigen.“

Aubry leistet entsetzt den Schwur und schafft den Schwerverletzten auf den Hügel. Dort richtet sich Ruthwen „unter dem Einfluss der Mondstrahlen“ auf und „erhebt malerisch den Mantel gegen den Mond.“ Er überlebt.

2. Bild: Saal im Schloss

In einem Saal des Schlosses von Davenaut erwartet Malwina, die Tochter des Lairds, voller Sehnsucht und Freude die Rückkehr ihres Geliebten Edgar. Sie hofft, bald seine Frau werden zu dürfen:

Heiter lacht die goldne Frühlingssonne
Auf die buntgeschmückte, neu belebte Flur.
Ach, alles, was ich sehe, ist der Abglanz nur
Von meines Herzens nie geahnter Wonne!

Alwinas Vater, jedoch, Sir Humphrey, hat andere Pläne. Der Laird von Davenaut offenbart seiner Tochter seinen Entschluss, sie mit Carsten zu verheiraten, einem vornehmen Earl.

Als Alwina kurz danach dem Mann, dem sie gegen ihren Willen versprochen wurde, gegenüber steht, erfasst sie ein tiefes Grauen, und sie sinkt „wie tödlich getroffen“ in Ohnmacht. Und das hat einen guten Grund, den aber zunächst nur Aubrey versteht. Denn er erkennt in dem gut gekleideten Earl Lord Ruthwen, den Vampir. 

Dieser versucht zunächst, den Verdacht von sich zu lenken und erklärt sein Aussehen damit, Ruthwens Bruder zu sein, doch Aubrey lässt sich nicht täuschen:

Wie er lacht und wie er spricht,
Alles zeigt es deutlich mir,
Ruthwen ist es, der Vampyr!

Aubrey ist nun natürlich in größter Sorge um Alwina, die er liebt. Er stellt Ruthwen entschlossen zur Rede („Entsetzlicher, ich habe Dich erkannt!“), doch dieser gemahnt ihn – „leise und energisch“ – an seinen Schwur. Er sei an sein Versprechen gebunden, nichts zu verraten.

Nachdem der Laird von Davenaut verlautbart, dass zum „frohen Hochzeitsfeste“ bereits alles vorbereitet sei, versucht Aubrey verzweifelt, ihn zu einer Verschiebung der Trauung zu überreden. Doch Sir Humphrey hört nicht auf ihn. Er habe dem Bräutigam den heutigen Tag als Hochzeitstag versprochen und werde sich daran halten.

Schon reicht der Laird von Davenaut seiner Tochter die Hand, um sie zur Hochzeitsgesellschaft zu führen, den entsetzten Aubry „bannt Ruthwen durch seinen Blick, ihn dadurch von weiteren Schritten abhaltend.“

Noch einmal sinkt Malwina, ihr Schicksal an der Seite dieses furchterregenden Mannes vor Augen, ohnmächtig nieder. Die Hochzeit soll noch am selben Abend stattfinden …

3. Bild: Garten und Schloss

Kurz vor der für ihn geplanten Hochzeit mit Malwina hat sich der Vampir zu einer anderen Hochzeitsgesellschaft aufgemacht, auf der er – nach Janthe – sein zweites Opfer sucht, das ihm weitere Lebenszeit auf Erden garantieren soll: Emmy, die Tochter des Gutsverwalters von Sir Humphrey.

Nicht wissend, dass es selbst tatsächlich in höchster Gefahr ist, unterhält das Mädchen die feucht-fröhlich feiernde Landbevölkerung im Garten eines Schlosses mit einem düstern Lied vom „bleichen Mann“, einem Vampir. Während sie singt, breitet sich der Mondschein allmählich aus.

Sieh, Mutter, dort den bleichen Mann
Mit seelenlosem Blick.
Kind, sieh den bleichen Mann nicht an,
Sonst ist es bald um dich getan,
Weich’ schnell von ihm zurück!
Schon manches Mägdlein, jung und schön,
Tat ihm zu tief ins Auge sehn,
Musst’ es mit bittern Qualen
Und seinem Blut bezahlen!
Denn still und heimlich sag’ ich’s dir:
Der bleiche Mann ist ein Vampyr!
Bewahr’ uns Gott auf Erden,
Ihm jemals gleich zu werden!

Als kurz danach Lord Ruthwen ins Mondlicht tritt, erschrickt Emmy bei dessen Anblick gewaltig. Doch dem Vampir gelingt es, sie zu besänftigen. Er sei nur gekommen, um ihrer Hochzeit beizuwohnen und ihrem künftigen Mann, George, eine gute Stellung auf seinen Gütern anzubieten.

Lord Ruthwen schenkt Emmy edelmütig einen Ring („zur Vergütung des Schrecks, den ich dir verursacht habe“), lullt sie mit Schmeicheleien ein und nähert sich ihr dann mit der eindeutigen Absicht, sie zu küssen.

Noch entwindet sich Emmy seinen Zudringlichkeiten – allerdings nur des Anstands wegen, denn in Wirklichkeit fühlt sie sich von den Komplimenten des angesehenen Lords überaus geschmeichelt …

George beobachtet die Annäherungsversuche von Lord Ruthwen und die Reaktionen seiner Geliebten mit großer Sorge. Als auch Aubry, der den Vampir nicht aus den Augen lassen will, im Garten des Schlosses eintrifft, wendet sich George an ihn um Unterstützung: „Er zerstört mir meine ganze Hochzeitsfreude, er ist immer um meine Braut, spricht und tanzt beständig mit ihr; und sie tut auch, als wenn ich gar nicht auf der Welt wäre, und ist so freundlich gegen ihn, als wäre er der Bräutigam. Die jungen Burschen foppen mich schon damit, allen Hochzeitsgästen diene ich zum Gespötte; ich ertrage es nicht länger!“

Aubry, der die Absichten des Vampirs kennt, mahnt George eindringlich, seine Braut nicht einen Augenblick aus den Augen zu verlieren und rasch in den Saal des Schlosses zurückzukehren, um Emmy nicht mit Lord Ruthwen allein zu lassen. Mehr verrät Aubry allerdings nicht – denn kurz davor hatte ihn der Vampir noch einmal vor den Folgen gewarnt, seinen Schwur zu brechen. Seine Seele wäre dann genau so verloren wie die seine:

Es reizt dich der Teufel, es treibt dich die Wut.
Du musst es saugen, das teure Blut!
So lebst du, bis du zur Hölle fährst,
Der du auf ewig nun angehörst;
Selbst dort noch weichet vor deinem Blick
Die Schar der Verworfnen mit Schrecken zurück:
Denn gegen dich sind sie engelrein,
Und der Verdammte bist du allein!

George kommt zu spät. Lord Ruthwen hat Emmy bereits in eine „ferne Laube“ geführt, um dort ungestörter mit ihr zu sein. Und das Mädchen ist ihm – zitternd, aber willig – gefolgt („Seinen Bitten widerstreben, Ich vermag es länger nicht.“), um sich „in Liebe zu berauschen“ …

Kurz danach wird die heitere Festgesellschaft durch Schüsse aufgeschreckt. Die Trinklieder verstummen. 

Bald darauf kehr George mit der Büchse in der Hand zurück – und berichtet der Gesellschaft entsetzt, dass Emmy von Lord Ruthwen ermordet worden sei. 

Er habe auf den Täter geschossen und müsse nun auch mit seiner eigenen „schaudervollen Untat“ leben: „Nicht Ruhe hab’ ich mehr auf dieser Erde.“

4. Bild: Festlich geschmückter Säulensaal im Schloss

Im festlich geschmückten Säulensaal des Schlosses von Davenaut überlegt Edgar Aubry aufgewühlt, wie er verhindern könnte, dass der Vampir sein drittes Opfer findet. Er weiß, dass der Schuss aus Georges Büchse Lord Ruthwen im Licht des Mondes nichts anhaben konnte, aber er weiß auch, dass ihn während der nächsten Stunden immer noch sein Eid bindet und er den Vampir nicht verraten darf.

Malwina, die Edgar ebenso aufrichtig liebt wie er sie, berichtet ihm weinend von ihren vergeblichen Versuchen, bei ihrem Vater wenigstens einen Aufschub der „verhassten Verbindung“ zu erreichen. Die Gäste seien versammelt, die Kapelle geschmückt, die Hochzeit werde unmittelbar nach der Rückkunft von Lord Ruthwen stattfinden …

Als Aubry bald danach beobachten muss, wie Sir Humphrey seine Tochter dem Vampir zuführt, hält es ihn nicht mehr länger. Entschlossen tritt er zwischen Malwina und Lord Ruthwen: 

„Haltet ein! –
Nein, nimmermehr soll sie Dein Opfer sein!“

Rasch wird Aubry von Sir Humphreys Dienern zurückgedrängt, aber sein verzweifelter Versuch, den Hochzeitszug aufzuhalten, führt immerhin zu einer Verzögerung und zu neuen Diskussionen zwischen Lord Ruthwen, dem immer weniger Zeit bleibt, sein drittes Opfer zu überwältigen („Die Zeit vergeht, es wird zu spät!“), Sir Humphrey und seiner Tochter: („Nicht Liebe, nur Entsetzen fühle ich für diesen Mann.“)

Schließlich, angesichts des Schicksals seiner Geliebten und eines heftigen Gewitters, das die äußerste Bedrohung mit einem heftigen Donnerschlag unterstreicht, bricht Aubry – ungeachtet aller möglichen Folgen für ihn selbst – seinen Schwur und ruft „mit größter Kraft“ in die Gesellschaft:

„Dieses Scheusal hier,
ist ein Vampyr!“

Doch Aubry hat Glück. Gerade als er die „zweiten Silbe des letzten Wortes“ hinaus schreit, endet die 24-Stunden-Frist, während der er an seinen Eid gebunden war. Und schauen alle entsetzt zu, was sich nun ereignet:

„Der Vampyrmeister steigt von unten herauf. Fürchterlicher Blitz, Donner und Einschlag. Ruthwen stürzt vernichtet dem Vampyrmeister zu Füßen. Der Vampyrmeister packt ihn unter jubelndem Hohngelächter der Hölle und versinkt mit ihm. Flammen schlagen hinter beiden empor.“

Malwina und Edgar aber sind gerettet. 

Sir Humphrey erkennt, wem er seine Tochter gegen deren Willen anvertrauen wollte („Verloren hab’ ich meine Vaterrechte!“) und stimmt nun freudig ihrer Vermählung mit Aubrey zu („Du sollst mein Sohn und meines Namens Erbe sein!“).

Und weil sowieso schon alles für eine Hochzeit vorbereitet ist, findet im Schloss auch gleich die Trauung statt.

* Anm: Aktuell (Berlin, Genf) sind auf der Bühne auch gekürzte und modernisierte Bearbeitungen des Werks zu sehen, die auf die gesprochenen Dialoge des Orginals verzichten. Das Titelbild zu diesem Beitrag zeigt Tómas Tómasson (Bariton) als „Vampyr“ an der Oper Genf (© GTG Magali Dougados)

(Zitate aus dem Libretto)