27. Oktober 2020
Marlis Peterson als Lulu © Ken Howard, Metropolitan Opera

Das Gieren, Leiden und Sterben der Männer

Lulu

• Oper in drei Akten von Alban Berg 

Libretto: Alban Berg (1885–1935; nach Frank Wedekind, 1864–1918)
Musik: Alban Berg (1885–1935) 
Uraufführung: 2. Juni 1937, Zürich (Stadttheater) 
Dauer: ca. 3 Stunden

Aufzüge:
1. Deutsche Großstadt: Ein Atelier; Eleganter Salon; Theatergarderobe
2. Prachtvoller Saal in Paris
3. Ein geräumiger Salon in Paris; Eine Dachkammer in London

Hauptpersonen:
Ekkehard,
ein Mönch: Tenor
Lulu: Sopran
Gräfin Geschwitz: Mezzosopran
Dr. Schön, Chefreakteur: Bariton
Alwa, Dr. Schöns Sohn, Komponist: Tenor
Tierbändiger: Bass
Dr. Groll, Medizinalrat: Bariton
Rodrigo: Bass
Jack the Ripper: Bariton
Maler: Tenor
Theaterdirektor: Bass
Kammerdiener: Bass

Kurze Werkeinführung

„Lulu“ ist, nach Wozzeck, die zweite und letzte Oper des deutschen Komponisten Alban Berg (1885–1935). Obwohl sie unvollendet blieb – Berg starb im Dezember 1935 an den Folgen einer Blutvergiftung –, zählt sie zu den bedeutendsten musikdramatischen Werken des 20. Jahrhunderts. Die Uraufführung der fertig komponierten Teile fand am 2. Juni 1937 in Zürich (Stadttheater) statt und war ein so großer Erfolg, dass Bergs Witwe Helene ihr ursprüngliches Vorhaben, „Lulu“ von einem geeigneten anderen Komponisten fertigstellen zu lassen, aufgab.

Jedoch bekam der österreichische Komponist Friedrich Cerha (*1926) Einsicht in die Quellen von Bergs Oper, erkannte wohl, dass dieser sein Werk im Wesentlichen vollendet hatte und dass Einzelheiten im Sinne des Komponisten rekonstruiert werden konnten, und er sorgte für die Instrumentierung und Ergänzung der vorhandenen Musik. Die von Cerha vollendete Fassung wird bis heute als die „gültige“ Fassung dieses Werks betrachtet (auch wenn 2010 in Kopenhagen eine weitere Bearbeitung von Eberhard Kloke [*1948] zur Uraufführung kam). 

Die „vollständige Lulu“ wurde am 24. Februar 1979 in Paris (Opéra Garnier) unter der musikalischen Leitung von Pierre Boulez uraufgeführt. Unmittelbar im Anschluss daran wurde das Werk – mit Teresa Stratas in der Hauptrolle – für eine CD-Produktion auch im Studio aufgenommen. Im Booklet dazu werden das Werk und seine Hauptfigur wie folgt beschrieben:

„Lulu repräsentiert die sexuelle Faszination des Weibes. Sie wird nacheinander gezeigt als Frau und Geliebte mehrerer, unterschiedlich gearteter Männer, für einige andere als unerreichbares Objekt der Begierde. Sie duldet bloß die lesbische Bewunderung der Gräfin Geschwitz, die ihr dennoch durch alle wechselnden Geschicke ergeben bleibt bis zur letzten Episode, Lulus Abstieg und Tod.“

Als literarische Grundlage diente Alban Berg, der auch das Libretto für seine Oper verfasste, vor allem das früher von der Zensur verbotene Theaterstück „Die Büchse der Pandora“ des deutschen Dramatikers Frank Wedekind (1864–1918). Berg hatte dieses Stück in Wien 1905 im Rahmen einer von Karl Kraus veranstalteten geschlossenen Vorführung kennen und schätzen gelernt und schließlich 1928 mit der Komposition begonnen.

Die „Personenkonstellation“ in der Oper „Lulu“ ist, „symmetrisch angelegt“ (Wikipedia): „Auf die ersten drei Liebhaber und Ehemänner – der Arzt, der Maler und Dr. Schön – folgen drei Kunden – der Professor (≈ Arzt), der Neger (≈ Maler) sowie als letzter Kunde Jack the Ripper (≈ Dr. Schön). Im Umfeld von Lulu leiden und sterben die Männer.“

Die Handlung

Kurz und gut …

Im Prolog zu „Lulu“ sehen wir einen Zirkus-Tierbändiger, der dem Publikum Lulu als Schlange vorstellt. Das darf als ernste Warnung verstanden werden.

1. Akt: Atelier in einer Deutschen Großstadt

In seinem Atelier porträtiert ein Kunstmaler das bildhübsche Mädchen Lulu. Dr. Schön, Chefredakteur einer Zeitung, sieht ihm fasziniert dabei zu. Er ist von Lulu ebenso in den Bann gezogen wie der Maler selbst. Auch Dr. Schöns Sohn Alwa, ein Komponist, der nun kurz einen Blick ins Atelier wirft, kann sich den Reizen des Mädchens nicht entziehen.

Doch Lulu ist verheiratet. Ihr älterer Mann, Medizinalrat Dr. Goll, lässt sie üblicherweise nicht aus den Augen – und es wird auch jetzt wohl auch mehr lange dauern, ehe er im Atelier eintrifft.

Dennoch nähert sich der Maler, nachdem sich die Besucher verabschiedet haben und er mit Lulu allein ist, dem aufreizenden Mädchen mit eindeutigen Absichten. Sie steigt auf das Spiel ein, und es kommt, wie es kommen muss: Der Medizinalrat betritt das Atelier, sieht, was sich abspielt und will sich, in höchster Aufregung, mit seinem Stock auf den Maler stürzen („Ihr Hunde!“). Doch plötzlich beginnt zu keuchen und bricht „vom Schlag getroffen“ tot zusammen.

Während der Maler entsetzt noch einen Arzt holen will, berührt Lulu der Tod ihres Mannes nicht. „Jetzt bin ich reich“, meint sie beiläufig – und den sich überstürzenden Fragen des empörten Malers, ob sie denn keine Seele habe, nicht an Gott glaube, ob sie jemals wirklich geliebt habe, begegnet Lulu mit beeindruckender Gleichgültigkeit: „Ich weiß es nicht.“

Eleganter Salon

Der Maler hat Lulu trotzdem geheiratet. Er genießt den Erfolg, den ihre Inspiration auslöst und nimmt seine Abhängigkeit von ihr gern in Kauf („Ich habe nichts mehr, seit ich Dich hab’. Ich bin mir vollständig abhanden gekommen.“) Im eleganten Salon seines Hauses gehen die beiden die Post durch und erfahren aus einem Schreiben, dass Dr. Schön heiraten will. 

Lulu reagiert darauf mit Unmut. Denn bisher war doch stets sie das Ziel seiner Neigungen gewesen. Ein anderes Mädchen wird ihn nun doch nicht wirklich noch mehr interessieren …

Nachdem der Maler sich wieder seiner Arbeit zugewendet hat, empfängt Lulu einen greisen, asthmatischen Bettler – Schigolch –, der sie wie selbstverständlich um finanziellen Nachschub bittet um „zweihundert, wenn Du soviel flüssig hast; meinetwegen auch dreihundert“. Und sie zögert nicht, dem alten Mann das Geld zu geben.

Das vertraute Gespräch der beiden wird durch die Ankunft von Dr. Schön unterbrochen – und ihm ist sofort klar ist, wen Lulu hier gerade verabschiedet hat. Er kennt ihren Vater, und er zweifelt nun am Erfolg seiner Bemühungen, Lulu mit einem gut situierten Leben zufrieden zu stellen. Denn er hatte seinerzeit ihre Hochzeit mit dem verstorbenen Medizinalrat vermittelt, und er hatte auch seine Finger im Spiel gehabt, damit es mit Lulus jetziger Ehe klappt … Und das alles, um seine eigene Abhängigkeit von dieser Frau, die sein Leben schon seit Jahren durcheinander bringt, zu mindern – auch wenn er Lulus regelmäßige Liebesdienste bei sich zu Hause weiterhin genießen wollte.

Doch damit soll jetzt Schluss sein. Dr. Schön will, dass Lulu ihre Besuche einstellt. Er habe sich verlobt und wolle seine Braut „unter ein reines Dach führen“. Er müsse nun endlich „zur Ruhe kommen“. Er wolle sie nicht mehr treffen – „es sei denn in Gesellschaft ihres Mannes“.

„Meines Mannes …“ wiederholt Lulu – und lässt keinen Zweifel daran, dass sie das luxuriöse Leben an der Seite dieses „blinden“ Malers nicht befriedigt – ganz im Gegensatz zu ihrer Beziehung mit ihm, Dr. Schön, der ja immer alles für sie getan habe:

Wenn ich einem Menschen auf dieser Welt angehöre, gehöre ich Ihnen.
Ohne Sie wäre ich – ich, will nicht sagen, wo.
Sie haben mich bei der Hand genommen, mir zu essen gegeben, mich kleiden lassen,
als ich Ihnen die Uhr stehlen wollte. – Glauben Sie, das vergisst sich?
Wer außer Ihnen auf der ganzen Welt hat je etwas für mich übrig gehabt?

Als ihr Mann den Salon betritt und damit ihr Gespräch mit Dr. Schön unterbricht, lässt Lulu die beiden allein. Und Dr. Schön entschließt sich, dem „blinden“ Maler endlich die Augen zu öffnen. Er erzählt ihm einiges über Lulu, die er seit ihrem zwölften Lebensjahr kenne – und weshalb er bei ihr „unmöglich mit den Begriffen der bürgerlichen Gesellschaft rechnen“ könne … dass sie schon viele Namen gehabt habe … und er sie nun endlich seine Autorität fühlen lassen müsse …

Entsetzt und in tiefster Seele getroffen erkennt der Maler, dass alles, was ihm seine Frau jemals über ihre Vergangenheit erzählt hatte, Lüge war. Ein „fürchterlicher Schmerz“ überkommt ihn, der ihm sogar das Weinenkönnen versagt. Der Maler zieht sich in sein Atelier zurück, aus dem bald ein stöhnender Aufschrei ertönt.

Dr. Schön begreift entsetzt, dass der Künstler die Enttäuschung nicht ertragen konnte und sich das Leben genommen hat. Just in diesem Augenblick bringt sein Sohn Alwa die Nachricht, dass in Paris die Revolution ausgebrochen sei. Niemand in der Redaktion wisse, was geschrieben werden soll …

Nur langsam findet Dr. Schön wieder zu sich. Lulu dagegen verschwendet an ihren verstorbenen Gatten keinen Gedanken: „Schreiben Sie ein Feuilleton! Geben Sie ein Extrablatt heraus!“

Theatergarderobe

Lulu ist als Tänzerin erfolgreich. Dr. Schön hat ihr ein Theaterengagement vermittelt und hofft, dass sie auf diesem Weg einen neuen Gatten findet und er damit endlich von ihr los kommen wird. Tatsächlich gibt es einen Prinzen, der Lulu den Hof macht und wild entschlossen ist, sie ihrer „körperlichen und seelischen Vornehmheit“ wegen zu heiraten.

Während einer Pause gratuliert Alwa Lulu in der Theatergarderobe zu ihrem Erfolg. Noch nie zuvor habe er ein Publikum „so außer Rand und Band“ gesehen. Lulu interessiert sich indes vor allem für seinen Vater, Dr. Schön. Er glaube, beschwert sie sich bei Alwa, immer noch nicht daran, dass sie erfolgreich sein könne.

Eine Klingel ruft Lulu zum Auftritt. Alwa bleibt zurück. Es geht ihm durch den Kopf, über das Leben dieser Frau eine Oper zu schreiben. Während er mit dem Prinzen plaudert, der nun ebenfalls in Lulus Garderobe, ertönt plötzlich noch einmal die Klingel. Alwa ahnt, dass etwas passiert ist, und erfährt vom Theaterdirektor, dass Lulu bei offenem Vorhang einen Ohnmachtsanfall erlitten habe.

Aber bald wird klar, was wirklich passiert ist: Lulu hatte unter den Zuschauern Dr. Schön und seine Verlobte entdeckt. Nun weigert sie sich weiterzumachen: „Ich will nicht tanzen vor seiner Braut.“

Dr. Schön eilt zu ihr, drängt sie, wieder auf die Bühne zu gehen, aber Lulu nutzt die Gelegenheit, um die Heiratspläne ihres Langzeit-Verehrers ebenso geschickt wie verführerisch in Frage zu stellen. Er sei nun schon seit drei Jahren verlobt und in Wirklichkeit ja doch zu schwach, sich von ihr loszureißen … Dr. Schön reagiert zunächst aggressiv, muss sich aber gleichzeitig eingestehen, dass Lulu recht hat. Schließlich übermannt ihn das schlechtes Gewissen, mit der Heirat seiner Verloben „ein Kind, ein schuldloses Kind“ in seine verdorbene Welt zwingen zu wollen. 

Als Lulu schließlich auch noch in den Raum stellt, dem Prinzen nach Afrika zu folgen, ist Dr. Schön dazu bereit, alles zu tun, was sie will. Und Lulu diktiert ihm den Abschiedsbrief an seine Verlobte …

2. Akt: Ein prachtvoller Saal in Paris

Lulu ist nun mit Dr. Schön verheiratet und unterhält sich im prachtvollen Saal seines Anwesens mit Fräulein Geschwitz. Die Gräfin findet Lulu sexuell faszinierend, hat ihr Blumen überreicht, und gibt ihrer Hoffnung Ausdruck, dass Lulu sie sich beim nächsten Ball „als Herr kostümieren“ werde.

Dr. Schön ist von der lesbischen Gräfin wenig angetan und atmet auf, als sie den Saal verlässt. Er fühlt sich von dem ganzen „Familienkreis“, in den er durch seine Heirat mit Lulu geraten ist, bedroht und beschmutzt, ja, verfolgt von lauernden, gierigen Blicken, und nur noch mit einem Revolver sicher. Doch jetzt muss er, wie regelmäßig in jeder Woche, außer Haus, um seinen Termin an der Börse wahrzunehmen.

Tatsächlich gibt es viele, die Lulu begehren und auf diesen „Jour fixe“ nur warten. Neben der Gräfin Geschwitz ist da ein Athlet namens Rodrigo – und diesmal auch ein schmächtiger Gymnasiast, der seine ersten Erfahrungen machen will. Der alte Schigolch gesellt sich ebenfalls zur Runde von Lulus Verehrern – ohne dass jemand in ihm ihren Vater erkennt. 

Als Dr. Schöns Sohn Alwa Lulu besucht und sich erkundigt, wer dieser Greis denn sei, stellt sie ihn als „alten Freund Deines Vaters vor“. Sie hätten gemeinsam im Krieg gedient.

Alwa ist für Lulu längst mehr als nur irgend ein Freund. Er sei, schmeichelt sie ihm nun, „der einzige Mann auf dieser Welt“, der sie beschützt habe: „Deshalb gebe ich mich auch nur Dir allein ganz ohne Rückhalt; denn bei Dir hab’ ich nichts zu fürchten.“

Alwa lässt – nicht zum ersten Mal – durchblicken, dass auch er für Lulu viel empfindet. Doch er wolle „nicht davon sprechen“. Und doch kann sich der junge Komponist bald nicht mehr beherrschen und gesteht der Frau seines Vaters seine Liebe.

Die Annäherung der beiden wird nicht nur von Rodrigo, der Gräfin Geschwitz und dem Gymnasiasten beobachtet, sondern auch von Dr. Schön selbst, der vorzeitig von der Börse zurück nach Hause gekommen ist. Entgeistert verfolgt er eine Zeit lang die Szenerie und bemerkt, dass sogar der alte Kammerdiener Lulu verfallen ist („Der also auch!“). 

Schließlich tritt der Hausherr wütend aus seinem Beobachterposten hervor und richtet seinen Revolver gegen Rodrigo, der sich hinter den Gardinen versteckt hat. Doch er entschließt sich, zunächst seinen Sohn aus dem Saal schaffen und lenkt das Gespräch auf die Pariser Revolution und die Situation in der Redaktion seiner Zeitung. 

Als Dr. Schön gleich danach wieder zurückkehrt, kann er Rodrigo nicht mehr finden und richtet sich daraufhin „mit einer wegwerfenden Geste“ an seine untreue Frau:

Du Kreatur, die mich durch den Straßenkot zum Martertode schleift!
Du Würgengel! Du unabwendbares Verhängnis!
Du Freude meines Alters! Du Henkerstrick!

Lulu begegnet ihrem gebrochenen und aufs Höchste erregten Mann mit einer eher banalen Frage: „Wie gefällt Dir mein neues Kleid?“

Schon nahe am Zusammenbruch, entdeckt Dr. Schön auch noch die Gräfin Geschwitz in seinem Haus. Er drückt seiner kühlen Frau („Wenn sich die Menschen um meinetwillen umgebracht haben, so setzt das meinen Wert nicht herab.“) nun seinen Revolver in die Hand und gibt ihr den Befehl, sich selbst zu richten: „Bete zu Gott, dass er Dir dir Kraft gibt!“

Lulu feuert fünf Schüsse ab – auf ihren Mann.

Während Dr. Schön tödlich verletzt zusammen bricht, bemerkt er, dass sich ein weiterer Junge – der Gymnasiast – im Saal versteckt gehalten hatte. Mit letzter Kraft ruft er nach seinem Sohn und beschwört ihn, Lulu nicht entkommen zu lassen. Andernfalls werde Alwa ihr nächstes Opfer sein.

Und der Sohn folgt seinem Vater. Er verhindert, dass Lulu sich der schon an die Tür polternden Polizei entziehen kann. Alle ihre Versuche, Alwa umzustimmen („Es ist schade um mich! Ich bin noch jung. Ich will Dir treu sein mein Leben lang. Ich will nur Dir allein gehören.“) laufen ins Leere.

Lulu wird verhaftet, der Prozess gemacht und ins Gefängnis geworfen. Doch nach knapp zwei Jahren gelingt ihr mit Hilfe ihres Verehrer-Clans die Flucht. Gräfin Geschwitz hat sich die grassierende Cholera-Epidemie zunutze gemacht, sich als Krankenpflegerin ausbilden lassen und Lulu – mit infizierten Unterkleidern – im Gefängnis besucht. Schließlich waren beide krank in der „Isolierbaracke hinter dem Krankenhaus“ gelandet und hatten ihre Kleider getauscht. Lulu war entkommen, die Gräfin an ihrer Stelle als Mörderin des Doktor Schön ins Gefängnis gegangen.

Jetzt kehrt Lulu, ihre Schwäche schauspielerisch noch betonend, in den Pariser Salon zurück. Rodrigo hatte auf ein Leben an ihrer Seite gehofft, doch als er sie jetzt, von der Krankheit gezeichnet sieht („dieses Skelett“), sucht er enttäuscht das Weite und bereut, seine Karriere als Athlet ihretwegen aufgegeben zu haben. Er ist entschlossen, sich zu rächen. 

Für Alwa, der inzwischen die Zeitung seines verstorbenen Vaters verkauft und über Lulu eine Oper geschrieben hat, ist damit der Weg frei. Er ist fest entschlossen, sie zu seiner Frau zu nehmen. Dass Lulu seinen Vater erschossen hat, kümmert ihn nicht mehr („Deswegen liebe ich Dich nicht weniger“). 

Er „verbirgt sein Haupt in ihrem Schoß“ – auf dem Diwan, auf dem sein Vater verblutet war …

3. Akt: Ein geräumiger Salon in Paris

Gräfin Geschwitz ist aus dem Gefängnis frei gekommen, Lulu wird indes als entflohene Mörderin von der Polizei gesucht und lebt gemeinsam mit Alwa in einer luxuriösen Pariser Wohnung.

In ihrem geräumigen Salon haben sich zahlreiche Gäste eingefunden. Man plaudert, spielt und freut sich über den steigenden Wert der Jungfrau-Bahn-Aktie. Doch dann wird Lulu vom Marquis bedrängt, einem Bekannten, der um ihre Vergangenheit weiß und an ihr als Frau ausnahmsweise nicht interessiert ist. Er droht damit, die Polizei zu informieren, wenn sie sein Angebot „für die Stellung, die ich dir ausgesucht habe“ ablehne. In seiner Eigenschaft als Mädchenhändler wolle er Lulu ihrer „natürlichen Bestimmung“ zuführen, wie er es schon bei manch anderem „lebenslustigen Geschöpf“ erfolgreich getan habe … Lulu soll als Freudenmädchen arbeiten.

Auch Rodrigo, ihr enttäuschter Verehrer, droht mit einer Anzeige, wenn er nicht ordentlich an ihrem offensichtlichen Reichtum partizipieren kann. Und außerdem braucht der alte Schigolch wieder einmal Geld. Also schmiedet Lulu einen finsteren Plan: Rodrigo soll mit Hilfe der Gräfin Geschwitz in ein „Absteigequartier“ gelockt und dort von Schigolch beseitigt werden. 

Geplant, getan …

Doch schon folgt die nächste Hiobsbotschaft: Die Jungfrau-Aktien sind praktisch über Nacht wertlos geworden. Ein Bankier bringt die Entwicklung des Wertpapiers, in dem Alwas gesamtes Vermögen steckt, auf den Punkt:

Gestern stand sie auf 210, heute steht sie überhaupt nicht mehr.
Und morgen finden Sie nichts Billigeres und nichts Geschmackvolleres zur Tapezierung Ihres Treppenhauses.

Lulu und Alwa haben ihr gesamtes Vermögen verloren. Da sie weiß, dass der Marquis Anzeige erstattet hat und die Polizei ihr bereits auf den Fersen ist, verkleidet sich Lulu und flieht über die Dienerstiege aus ihrer Wohnung. Alwa folgt ihr. 

Die beiden haben nichts mehr.

Eine Dachkammer in London

Lulu, Alwa und Schigolch haben in London in einer Dachkammer Zuflucht gefunden. Damit sie alle überleben können, hat sich Lulu entschlossen, als Prostituierte zu arbeiten und erwartet – sehr zum Missfallen Alwas – ihren ersten Kunden, einen Professor.

Die Begegnung verläuft für Lulu ebenso befriedigend („Hat mich der Mensch erregt!“) wie ertragreich, und auch Schigolch ist entzückt („Wir können noch wie die Prinzen hier leben“). 

Kurz nachdem der Kunde verabschiedet wurde, taucht Gräfin Geschwitz auf. Sie hat sich vergeblich darum bemüht, Geld aufzutreiben, konnte aber aus Paris das Porträt retten, das Lulus zweiter Mann von ihr angefertigt hatte. Schigolch ist begeistert („Ihr Körper stand auf dem Höhepunkt seiner Entfaltung“) und will es sogleich aufhängen; das ganze Appartement bekäme dadurch „ein eleganteres Aussehen“.

Lulu indes hat für Erinnerungen an den Maler wenig übrig und macht sich, begleitet von Gräfin Geschwitz, auf den Weg, um einen weiteren Burschen an Land zu ziehen. Kurz danach kehrt sie mit einem „Neger“ zurück, der sie bedrängt, ohne dafür bezahlen zu wollen. Alwas Versuch, den Schwarzen von Lulu fernzuhalten, endet für ihn tödlich. Er wird erschlagen.

Lulu erstarrt einen Augenblick lang, dann drängt es sie wieder auf die Straße („Wer hält es denn jetzt hier noch aus“), während Schigolch sich um den blutenden Körper kümmert („Man muss ihn beiseite schaffen, sonst nimmt unsre Kundschaft Anstoß an ihm“).

Bald danach kehrt Lulu mit Jack, ihrem nächsten Kunden zurück, während die Gräfin Geschwitz mit ihrem Schicksal hadert und einen Neubeginn plant:

Das ist der letzte Abend, den ich mit diesem Volk verbringe. Ich kehre nach Deutschland zurück. Ich lasse mich immatrikulieren. Im muss für Frauenrechte kämpfen, Jurisprudenz studieren.

Doch in diesem Moment hört sie aus der Kammer nebenan Lulus Todesschrei. Kurz darauf reißt Jack – es handelt sich um „Jack the Ripper“ – „die Tür von innen auf und rennt der Geschwitz ein blutbeflecktes Messer in den Leib“. Ihre letzten Gedanken gelten der geliebten Freundin:

Lulu! Mein Engel! Lass dich noch einmal sehn! Ich bin dir nah! Bleibe dir nah!
In Ewigkeit!

 

(Zitate aus dem Libretto)