Clint Eastwoods Gerichts-Drama „Juror #2“ •
Justin Kemp (Nicholas Hoult) aus Georgia (USA) hat seine Vergangenheit als Alkoholiker überwunden. Er hat einen Job als Journalist gefunden und freut sich darauf, Vater zu werden. Seine Frau Ally (Zoey Deutch), die trotz vieler Probleme in der Vergangenheit an eine glückliche gemeinsame Zukunft glaubt, ist hochschwanger, die Geburt des Kindes steht unmittelbar bevor.
Gern hätte Justin die verbleibenden Tage oder Stunden an ihrer Seite verbracht, doch ausgerechnet jetzt wird er als Geschworener für einen großen, publikumswirksamen Mordprozess ausgewählt, der auch für die politischen Ambitionen der Staatsanwältin (Toni Collette) wichtig ist. Sie will Stärke zeigen – und eine rasche Verurteilung des Angeklagten.
Diesem, James Sythe (Gabriel Basso), wird vorgeworfen, seine Freundin Kendall (Francesca Eastwood) brutal ermordet zu haben.
Also verfolgt Justin als einer der Geschworenen – „Juror #2“ –, die letztlich darüber urteilen sollen, ob Sythe schuldig ist oder nicht, die Aussagen der Staatsanwältin, des Verteidigers und der Zeugen vor Gericht. Und dabei wird ihm zu seinem Schrecken klar, dass er in diesen Fall selbst involviert ist – und dass der Angeklagte zu Recht seine Unschuld beteuert …
An einem nebeligen, verregneten Abend kam es in einer Bar zu einem lautstarken Streit zwischen James und Kendall. Letztlich verließ die junge Frau wütend das Lokal, um zu Fuß nach Hause zu gehen, James fuhr ihr nach – und ein anderes Mädchen filmte die unschöne Szene mit ihrem Handy. Minuten später musste Kendall gestorben sein. Ihre Leiche wurde am nächsten Tag unter einer Brücke gefunden – mit eindeutigen Spuren von äußerer Gewalt. Sie konnte nicht einfach von der Straße gestürzt sein.
James Sythe beteuert, seiner Freunden nach dem Streit zwar mit dem Auto kurz gefolgt, dann aber in eine andere Richtung weitergefahren zu sein. Er habe Kendall geliebt und habe keine Ahnung, wie sie ums Leben gekommen sei.
Das aber weiß Justin jetzt. Denn auch er war an jenem Abend in der Bar, in der es zum Streit zwischen den beiden kam. In einer depressiven Verstimmung hatte er sich etwas zu trinken bestellt, aber dann konnte er sein Verlangen nach Alkohol doch noch überwinden. Er ließ das volle Glas auf seinem Tisch stehen und fuhr im dichten Nebel nach Hause zu seiner Frau. Und während er im Auto mit seinem Handy hantierte und nicht auf die Straße achtete, passierte ein Unfall. Justin hatte irgend etwas gerammt. Er hielt an, stieg aus, sah die große Delle rechts vorne an seinem Auto und vermutete, obgleich er in der Dunkelheit nirgendwo einen Körper sehen konnte, ein Reh überfahren zu haben. Es war wohl über die Brücke geschleudert worden, auf der er angehalten hatte …
Während des Gerichtsverfahrens, dem er als Geschworener beiwohnt, wird Justin schlagartig klar, dass er damals kein Tier, sondern die vermeintlich ermordete Frau überfahren hatte. Entsetzt vertraut er sich seinem Freund Larry (Kiefer Sutherland), einem Anwalt, an – und dieser rät ihm, auf keinen Fall etwas über den Vorfall zu erzählen. Vor Gericht würde jeder in ihm nur den ehemaligen Alkoholiker sehen, der in einer Bar rückfällig geworden war, ehe er im Rausch einen Menschen totfuhr. Er müsse damit rechnen, für Jahrzehnte ins Gefängnis zu kommen, und würde die Zukunft für sich und seine Familie zerstören.
Justin folgt dem Rat, aber er versucht, im Kreis der Geschworenen Zweifel zu säen, um auf diese Weise einen Freispruch für den Angeklagten zu erwirken. Denn dem unschuldigen James droht lebenslange Haft. Eine Verurteilung würde ein weiteres Leben zerstören …
In seiner letzten Regiearbeit stellt Clint Eastwood die Themen Schuld und Gerechtigkeit zur Diskussion, basierend auf einer fiktiven Geschichte (Drehbuch: Jonathan Abrams), die aber von Charakteren getragen wird, deren Entscheidungen durchweg nachvollziehbar und geradezu schmerzhaft realistisch erscheinen.
Entsteht Schuld erst aus der Kenntnis der Zusammenhänge? Wie eng sind Wahrheit und Gerechtigkeit wirklich verbunden? Wie reagieren und wie weit gehen Menschen, um die eigene Komfortzone nicht zu beschädigen?
Clint Eastwoods geradlinig inszenierter Film führt nicht nur vor Augen, wie aus kalter Berechnung Unrecht entsteht, sondern fokussiert auch die vernichtende Macht von Vorurteilen und die Zerstörungskraft geistiger Dumpfheit.
Der Ausnahmeregisseur beendete mit diesem Streifen seine an sehenswerten Meisterwerken überreiche Karriere. Dabei bringt die allerletzte Szene von „Juror #2“ noch einmal die minimalistische Intensität auf den Punkt, die Eastwoods Arbeiten sowohl vor als auch hinter der Kamera geprägt hat: Ein lebens- und schicksalsverändernder Willensentschluss mit unabsehbaren Folgen braucht keine Worte.
Ein Blick genügt.
(2024, 114 Minuten)