22. Juni 2024

„Es ist geschehen, an den Juden haben wir uns gerächt!“

La Juive • Die Jüdin

Oper in fünf Akten von Jacques Fromental Halévy

Libretto: Eugène Scribe (1791–1861)
Musik: Jacques Fromental Halévy (1799–1862)
Uraufführung: 23. Februar 1835, Paris (Residenztheater)
Dauer: ca. 3 Stunden

1. Akt: Platz vor dem Dom in Konstanz
2. Akt: Zimmer in Éléazars Haus
3. Akt: Festzelt in den Gärten der kaiserlichen Residenz
4. Akt: Saal im Gerichtsgebäude
5. Akt: Großer Platz in Konstanz

Hauptpersonen:
Éléazar,
ein reicher jüdischer Juwelier: Tenor
Rachel, Èléazars Tochter: Sopran
Prinzessin Eudoxie, Nichte des Kaisers: Sopran
Kardinal Jean-François de Brogni, Präsident des Konzils: Bass
Léopold, Reichsfürst: Tenor
Ruggiero, Großfürst der Stadt: Bass
Albert, Unteroffizier der kaiserlichen Leibwache: Bass

Kurze Werkeinführung

„Die Jüdin“ zählt zu den bedeutendsten französischen Opern und ist zugleich das bis heute am häufigsten aufgeführte Werk des Komponisten und Musikpädagogen Fromental Halévy (1799–1862), der insgesamt 40 Opern komponierte.

Die Uraufführung des Werkes im Jahr 1835 in Paris war ein herausragender Erfolg. „Die Jüdin“ wurde danach allein in Paris 562 mal aufgeführt und bald in allen bedeutenden Opernhäusern der Welt gespielt. Zu den Bewunderern des Werkes gehörte Richard Wagner ebenso wie Gustav Mahler oder Pjotr Tchaikovsky. 

Da Fromental Halévy in der Zeit des Nationalsozialismus als Jude verfemt war, verschwand auch sein wichtigstes Opernwerk während der 1930-er Jahre in ganz Europa von den Spielplänen und blieb danach einige Jahrzehnte lang vergessen. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts wurde es neu entdeckt. Seither wird es wieder mit großem Erfolg weltweit aufgeführt.

Das Libretto zur Musik verfasste der französische Dramatiker Eugène Scribe (1791–1861). 

Die Oper behandelt den weit in die Geschichte zurück reichenden Konflikt zwischen Juden und Christen. Die Handlung spielt in Konstanz, zur Zeit des Konzils, also der Zusammenkunft der Führung der katholischen Kirche von 1414. Die beiden Hauptpersonen sind der jüdische Goldschmied Éléazar und das Mädchen Rachel, das er als seine Tochter großgezogen hat.

Éléazar war in Rom als Juwelier tätig gewesen, dann aber von Jean-François de Brogni, einem mächtigen Magistrat, nach Konstanz verbannt worden, nachdem dieser seine beiden Söhne auf dem Scheiterhaufen hatte hinrichten lassen. 

Éléazar hatte in Rom während eines Überfalls neapolitanischer Truppen Brognis Tochter aus dem Flammen gerettet und sie im jüdischen Glauben als seine eigene Tochter – Rachel – großgezogen, während Brogni sein Kind verzweifelt gesucht hatte.

Die liebenswerte Rachel lebt in Konstanz bei ihrem Vater, den sein Schicksal hart und unbeugsam gemacht hat. Sie hat sich in Samuel verliebt, einen jungen Maler, von dem sie nicht weiß, dass er in Wirklichkeit der christliche Reichsfürst Léopold ist.

Jean-François de Brogni gehört inzwischen dem Geistlichen Stand an und ist Präsident des Konstanzer Konzils. Diese Versammlung hochrangiger Kirchenmänner findet zu einer Zeit statt, in der die Hussiten (nach dem tschechischen Theologen Jan Hus, ca. 1370–1415) den Reichtum und den Ablasshandel in der römisch-katholischen Kirche anprangern und für Reformen kämpfen.

Die Handlung

Kurz und gut …
Wenn eine Jüdin, die nicht weiß, dass sie eigentlich Christin ist, für ihren Glauben ohne weiteres in den Tod geht, dann könnte der Jahrhunderte alte Glaubenskonflikt zwischen Christen und Juden doch nur eine schauerliche Kopfgeburt sein.


1. Akt: Platz vor dem Dom in Konstanz

Auf dem Platz vor dem Dom in Konstanz wird gefeiert. Der römisch-katholische Reichsfürst Léopold hat im Kampf gegen die Hussiten gesiegt. Das Volk jubelt, nur der jüdische Goldschmied Éléazar arbeitet unbeirrt weiter. Was kümmern ihn die Kriege der Christen, und was kümmert ihn die bevorstehende Eröffnung des Konzils, für das sich auch Kaiser Sigismund angekündigt hat?

Auch Léopold hat sich unter das Volk gemischt – allerdings ohne sich zu erkennen zu geben. Er möchte unerkannt einen Blick auf Éléazars Haus werfen, denn er liebt Rachel, die Tochter des Goldschmieds. Doch es ist ein heimliches Verhältnis. Das Mädchen denkt, dass ihr Geliebter – Samuel – ein Jude ist.

Schon zieht Éléazar durch sein Hämmern den Unmut des Großfürsten Ruggiero auf sich, der auf dem Platz vor dem Dom eine Proklamation des Kaisers vorlesen will. Er befiehlt seinen Soldaten, den Störenfried aus dem Haus zu holen, und als die Wachen bald danach Éléazar und auch seine Tochter Rachel vorführen, verurteilt Ruggiero kurzerhand beide zum Tod auf dem Scheiterhaufen.

Doch noch bevor der Befehl ausgeführt werden kann, trifft Kardinal Brogni ein. Er wird das Konzil zu Konstanz leiten, ist milde gestimmt, verlangt Aufklärung über die Hintergründe der Gefangennahme und erkennt, dass ihm mit Éléazar ein Mann gegenübersteht, dem er in Rom einst bitteres Unrecht getan hatte. Er begnadigt ihn und Rachel und bittet ihn für das, was er im Staatsdienst getan hatte, um Verzeihung. 

Brogni ist nun davon überzeugt, dass auch den Juden Gottes Gnade zuteil werden solle. Éléazar jedoch weist die zur Versöhnung und Freundschaft ausgestreckte Hand zurück. Er wünscht den Christen das Verderben.

Nachdem sich die Versammlung aufgelöst hat, nähert sich Samuel – Leopold – dem Haus seiner Geliebten. Der Reichsfürst ist mit Prinzessin Eudoxie, der Nichte des Kaisers, verheiratet, genießt jedoch seine heimliche Beziehung mit der Jüdin und freut sich darauf, sie nach so langer Abwesenheit im Kampf gegen die Hussiten endlich wiederzusehen („Loin de son amie“):

Fern von der Freundin
Ohne Freuden zu leben,
Das Leben nur messen
an der Seufzer Zahl,
Wie schafft doch Fernsein
Solch großes Leiden!
Doch heut’ ist der Tag
O, meine Geliebte,
Der Tag meiner Rückkehr!

Rachel lädt Samuel, den sie auch deshalb liebt, weil sie in ihm einen jüdischen Glaubensgenossen vermutet, für den Abend in Éléazars Haus zum Passah-Mahl ein und warnt ihn vor dem offenen Hass, den die Christen hier allen Juden entgegen bringen.

Diesen bekommen Rachel und ihr Vater an diesem Tag nochmals zu spüren, als sie dem Festzug für das bevorstehende Konzil beiwohnen wollen und dabei zu nahe am Tor des Doms stehen. Dieses „Vergehen“ ist für Ruggiero Grund genug, die beiden erneut verhaften zu wollen. Das verhindert nun Leopold – zur großen Überraschung Rachels. Sie kann sich nicht erklären, wie ihr Geliebter das im Kreis der Christen bewirken konnte („Ah surprise nouvelle!“)

Dann nimmt das Fest seinen Lauf, und feierlich hält der Kaiser Einzug.

2. Akt: Ein Zimmer in Éléazars Haus

Am Abend haben sich Rachel, Samuel (Léopold), Éléazar und einige jüdische Mitbewohner zum traditionellen Pessach-Mahl versammelt. Man betet gemeinsam, und Éléazar verteilt das rituelle ungesäuerte Brot, das der Reichsfürst jedoch, als er sich unbeobachtet wähnt, heimlich verschwinden lässt.

Als es an der Tür klopft, räumt die jüdische Gemeinde ihre Festtafel hastig weg. Die Pessach- Tradition hier im christlichen Konstanz zu pflegen, könnte gefährlich werden.

Prinzessin Eudoxie, begleitet von zwei kaiserlichen Dienern, steht vor Éléazars Haus. Sie will bei dem Goldschmied für ihren Gatten, der als Sieger gefeiert werden soll, Schmuck bestellen. Für Léopold freilich wird die Situation damit höchst unangenehm. Doch „Samuel“ gelingt es, sich im Dunkel des Raums zu verbergen, bis Eudoxie und Éléazar handelseins sind.

Der Goldschmied freut sich über das gute Geschäft – 30.000 Dukaten –, das er mit der verhassten Christin gemacht hat („Es lebe ein verliebtes Herz!“) und begleitet Eudoxie nach draußen.

Indes will Rachel von „Samuel“ nun endlich wissen, wie es ihm gelingen konnte, am Platz vor dem Dom Ruggiero in die Schranken zu weisen und ihre Verhaftung zu verhindern. 

Léopold vertröstet Rachel und verabschiedet sich. Er werde später am Abend noch einmal zurück kommen und ihr dann, wenn sie alleine sind, alles erklären.

Rachel freut sich auf dieses Zusammensein mit ihrem Geliebten, spürt jedoch gleichzeitig eine große Unruhe („Il va venir!“):

Er wird kommen!
Und vor Entsetzen fühle ich ein Schaudern!
Von einem düster-traurigen Gedanken
wird meine Seele, ach, bedrückt,
es klopft mein Herz, doch nicht vor Lust …
Und doch, er kommt zurück!

Rachel soll mit ihrer Vorahnung recht behalten. Nach seiner Rückkehr gesteht ihr „Samuel“, in Wahrheit Christ zu sein. 

Sie aber fasst sich schnell. In ihrer Liebe ist Rachel bereit, die religiösen Grenzen zu überwinden, und obwohl die Verbindung einer Jüdin mit einem Christen mit dem Tod beider bestraft werden könnte, ist sie bereit, ihren Vater zu verlassen, um mit ihrem Geliebten zu fliehen.

Doch dazu kommt es nicht. Éléazar überrascht die beiden, bemerkt schnell, dass seine Tochter diesen Mann liebt und will ihn in einem Wutanfall töten, als er erfährt, dass er Christ ist und seinen Glauben nur vorgetäuscht hat.

Rachels Kummer und ihre innige Bitte, Éléazar möge sein Herz für ihren Geliebten öffnen, besänftigen den Vater schließlich, und er ist bereit, den beiden seinen Segen zu geben („Mein rächender Grimm muss weichen den Tränen“).

Aber nun, nachdem der Weg zu Rachel frei scheint, wird Léopold die Situation bewusst, in die er sich selbst gebracht hat. Unmöglich! Er könne Rachel – eine Jüdin! – nicht heiraten, Erde und Himmel würden ihn verfluchen.

Hals über Kopf verlässt der Reichsfürst das Haus des Goldschmieds. Éléazar fühlt sich in seinem Hass gegenüber allen Christen bestätigt („Frevlerischer Christ, mag dich die Hölle schützen“), Rachel aber folgt ihrem Geliebten. Sie ahnt, dass ein Geheimnis ihn dazu veranlasst hat, sie zu verraten – und will es ergründen.

3. Akt: Festzelt in den Gärten der kaiserlichen Residenz

Im großen Festzelt in den Gärten seiner Residenz tafelt der Kaiser mit seinen Gästen. Rachel ist Léopold bis zum Palast gefolgt und hat Prinzessin Eudoxie ersucht, während der Feierlichkeiten als Dienerin tätig sein zu dürfen. 

Nun wird gefeiert und getanzt – und schließlich verkündet Eudoxie, dass Léopold für seine Heldentaten geehrt werden solle. Éléazar tritt hervor, um den bestellten Schmuck zu übergeben – und nun wird sowohl ihm als auch Rachel schmerzhaft klar, wer „Samuel“ in Wirklichkeit ist. Als Léopold niederkniet, um das Geschenk anzunehmen, wirft sich Rachel zwischen ihn und die Prinzessin und klagt ihn an, ein ungesetzliches Verhältnis mit einer Jüdin zu haben – nämlich mit ihr.

Allgemeines Entsetzen macht sich breit, Léopold wagt es nicht, sich durch eine Lüge zu verteidigen, und schließlich fordert Éléazar die Bestrafung des Reichsfürsten.

Kardinal Brogni exkommuniziert ihn – und verhängt einen Bannfluch über Rachel und Éléazar:

Die ihr beleidigt des lebend’gen Gottes Allmacht, seid verflucht!
Ihr, die euch ein grauenvoller Bund vereint, seid verflucht!
Fluch, Fluch über Euch!
Es ist der Ew’ge selbst, der euch durch mich verwarf und ächtete!

Léopold ist entsetzt („O weh, ich vergehe!“), Éléazar nimmt sein Schicksal hin („Nehmt mir das Leben! Ich trotze Euch!“); er und Rachel werden abgeführt; Kardinal Brogni bedauert die Entwicklungen.

4. Akt: Saal im Gerichtsgebäude

Éléazar, Rachel und Léopold erwarten im Gerichtsgebäude ihr Todesurteil. Mit Erlaubnis von Kardinal Brogni besucht Prinzessin Eudoxie Rachel und fleht sie an, durch ihre Aussage vor Gericht Léopold zu retten. Sie möge erklären, dass er unschuldig sei.

Rachel verachtet die Nichte des Kaisers, gesteht sich aber ein, Léopold trotz seiner Lügen nach wie vor zu lieben. Also entschließt sie sich, ein solches Geständnis abzulegen und kündigt das auch dem Kardinal an, als dieser erscheint, um sie vor Gericht zu bringen.

Brogni empfindet großes Mitleid mit Rachel, die nun keine Hoffnung mehr für sich selbst hat, und er entwickelt einen Plan: Ihr Vater, Éléazar, solle zum Christentum übertreten. Durch diesen Schritt könne er seine Tochter vor dem Scheiterhaufen bewahren.

Doch als der Kardinal das vorschlägt, lehnt Éléazar stolz und empört ab. Er wolle als frommer Jude sterben. Zugleich kündigt er seine Rache an. Er erinnert Brogni an die Zeit in Rom, als seine Tochter von einem Juden aus dem brennenden Palast gerettet worden war. Er kenne den Namen des Retters, doch dieses Geheimnis werde er mit ins Grab nehmen.

Erschüttert erkennt der Kardinal, dass er nichts tun kann, um mehr über das Schicksal seiner Tochter zu erfahren.

Éléazar aber, allein zurückgeblieben, ringt mit sich selbst. Er liebt Rachel, und er könnte sie nun retten, indem er preisgibt, dass sie als Christin geboren wurde, dass sie Brognis Tochter ist. Soll er das Mädchen, das ihm zur Tochter wurde, wirklich für seine persönliche Rache opfern? Er fleht Gott um Erleuchtung an („Rachel, quand du Seigneur la grâce tutélaire“). 

Rachel, als unsres Herrn allerhaltende Gnade
meinen zitternden Händen deine Wiege anvertraute,
gelobte ich, zu widmen deinem Glück mein Leben,
und jetzt bin ich’s, der dich dem Henker übergibt!

Als Éléazar hört, wie das Volk außerhalb des Gerichtsgebäudes lautstark den Tod der Juden fordert, bestärkt ihn das in seinem Entschluss, das Geheimnis um seine Tochter nicht zu lüften. 

Niemals würde er Rachel diesen Christen geben, die sein Blut fordern …

5. Akt: Großer Platz in Konstanz

Auf einem großen Platz erwartet das Volk von Konstanz freudig das bevorstehende Schauspiel („Quel plaisir!“): Die zum Tod verurteilten Juden sollen – ein pervertiertes Taufritual – in kochendes Wasser geworfen werden. 

Éléazar und Rachel werden auf den Platz geführt, Großfürst Ruggiero verliest das Todesurteil für die beiden („Le concile prononce un arrêt rigoureux“). 

Léopold wird verbannt, darf aber weiterleben, weil Rachel ihn vor Gericht von seiner Schuld freigesprochen hat. Nun wiederholt sie öffentlich ihr Geständnis und behauptet, Léopold nur aus Eifersucht beschuldigt zu haben. 

Kardinal Brogni, der die bevorstehende Vollstreckung des Urteils zu verkünden hat, fleht Éléazar noch einmal an, ihm das Geheimnis um die Rettung seiner Tochter zu verraten. Dieser aber schweigt eisern.

Rachel bietet er nochmals an, sich, anstatt zu sterben, zum Christentum zu bekehren. Doch sie lehnt ab, bereit, in den Tod zu gehen – ebenso wie ihr Vater, der sie in ihrem Entschluss bestärkt:

Es ist der Himmel, der mich beseelt,
ich übergebe dich dem Tod!
Komm, eilen wir in den Tod,
Gott tut seine Arme für uns auf!

Schon wird Rachel zum Kessel geführt, schon folgt ihr der Vater, als Brogni ihn noch einmal fragt, ob er vom Schicksal seiner Tochter wisse. „Ja“, antwortet Éléazar.

„Gott, wo ist sie denn? Wo ist sie?“ fragt der Kardinal.

Und just im Augenblick ihres Todes deutet Éléazar auf Rachel: „Dort ist sie!“

Dann geht er selbst in den Kessel – und das Volk frohlockt: „Es ist geschehen, an den Juden haben wir uns gerächt!“

Hinweise:
Alle Zitate aus dem Libretto (lt. CD-Booklet „La Juive“, Philips Classics)
Foto: „La Juive“ in einer Aufführung der Wiener Staatsoper, 2015