18. September 2021

„Hier gibt es kein Aufersteh’n …“

Die tote Stadt

• Oper in drei Bildern von Erich Wolfgang Korngold • 

Libretto: Paul Schott (Julius Korngold, 1860–1945 und Erich Wolfgang Korngold, 1897–1957) • 
Musik: Erich Wolfgang Korngold (1897–1957) • 
Uraufführung: 4. Dezember 1920, Stadttheater Köln und Stadttheater Hamburg • 
Dauer: ca. 2,5 Stunden

Bilder:
1. Ein Zimmer in einem Haus in der Stadt Brügge
2. Ein öder, einsamer Kai in Brügge
3. Ein Zimmer in einem Haus in der Stadt Brügge

Hauptpersonen:
Paul:
Tenor
Marietta, Tänzerin (Marie): Sopran
Frank, Pauls Freund: Bariton
Brigitta, Pauls Haushälterin: Alt

Kurze Werkeinführung

„Die tote Stadt“ ist die bekannteste Oper des austroamerikanischen Komponisten, Dirigenten und Komponisten Erich Wolfgang Korngold (1897–1957). Korngold galt als musikalisches Wunderkind. Als „Die tote Stadt“ – zeitgleich in Köln und Hamburg – am 4. Dezember 1920 uraufgeführt wurde, war Korngold erst 23 Jahre alt. 

Seinen ersten großen Opernerfolg – Violanta – hatte er im Alter von 17 Jahren geschrieben. Später – ab 1934 – verschrieb sich Korngold (bis 1946) der Filmmusik und war damit in Hollywood höchst erfolgreich; er wurde mehrfach für Oscars nominiert.

Als Textdichter für „Die tote Stadt“ ist Paul Schott genannt. Hinter diesem Pseudonym stecken der Komponist selbst und dessen Vater, Julius Korngold (1860–1945), der als Pianist, Musikkritiker und Anwalt tätig war.

Das Libretto basiert auf dem Roman „Das tote Brügge“ des belgischen Schriftstellers Georges Rodenbach (1855–1898).

„Die tote Stadt“ wurde seit ihrer Doppel-Premiere immer wieder neu inszeniert und hat sich als eine der erfolgreichsten Opern des 20. Jahrhunderts auf den großen internationalen Bühnen bewährt.

Die Handlung

Kurz und gut …
Trauer ist ein wertvoller Ausdruck von Liebe. Zuviel des Guten kann allerdings zu Albträumen führen. Vor allem in Brügge.

1. Bild: Ein Zimmer in einem Haus in der Stadt Brügge

Paul trauert um seine geliebte Frau Marie. Sein Haus in Brügge betrachtet er nach deren Tod als „Kirche des Gewesenen“. Hier, inmitten all der vertrauten Gegenstände aus dem Leben Maries, lebt er zurückgezogen, eine Haarflechte bewahrt er in einer Kristalltruhe als Reliquien auf. 

Betreut wird Paul von seiner Haushälterin Brigitta. Sie erzählt nun Frank, einem alten Freund des Hausherrn, der nach längerer Zeit wieder einmal nach Brügge gekommen ist, von dessen Verhalten, das ganz dieser verlorenen Liebe hingegeben sei. 

Frank erlebt seinen Freund kurz danach jedoch in freudiger Erregung. Paul erzählt, dass er eine Frau kennengelernt habe, die Marie aufs Haar gleiche, und er lässt Brigitta Blumen besorgen: „Hol’ Rosen. Zwei Arme voll! Es soll erglüh’n hier von roten Rosen!“

Frank jedoch warnt seinen Freund. Er schwärme für ein Phantom, ein Trugbild, seine tiefe Trauer habe ihn verwirrt. Doch Paul lässt sich nicht beirren. Er wolle den „Traum der Wiederkehr“ genießen und vertiefen …

Bald nachdem Frank sich verabschiedet hat, kündigt Brigitta den Besuch einer verschleierten Dame an. Paul drängt seine Haushälterin, sie ins Zimmer zu führen, schließt seine Augen und erfleht im Gebet, Marie nun wieder lebendig vor sich zu sehen: „Ich sehe dich … ich fühle dich … Jetzt, Gott, jetzt gib sie mir zurück!“

Marietta, eine Tänzerin auf Tournee, die Pauls Einladung gefolgt ist, tritt ein, und er ist begeistert, in ihr tatsächlich das erhoffte Ebenbild Maries zu sehen: „Wunderbar!“, entfährt es ihm unwillkürlich. Er schenkt ihr die Rosen und legt ihr dann auch einen Schal um, den Marie immer getragen hatte.

Dann, als Paul Marietta eine Laute reicht, singt sie auch noch genau das Lied, das Marie immer so gern gesungen hatte, und Paul stimmt ein – den Triumph der Liebe über den Tod preisend:

Glück, das mir verblieb,
Rück zu mir, mein treues Lieb.
Abend sinkt im Haag
Bist mir Licht und Tag.
Bange pochet Herz an Herz.
Hoffnung schwingt sich himmelwärts.

Schließlich aber erkennt Marietta, weshalb der Gastgeber von ihr so fasziniert ist. Sie hat ein Bild Maries entdeckt und begreift, dass Paul in Wirklichkeit von einem stärkeren Zauber gefangen ist, dass ihn nur ihre Ähnlichkeit mit seiner verstorbenen Frau so begeistert.

Also verabschiedet sich Marietta wieder. Sie müsse ins Theater, um für die nächste Vorstellung zu proben. Paul könne sie ja dort wieder sehen: „Die mich lieben, wissen mich zu finden. Es gibt ein Wiedersehen im Theater.“

Paul bleibt allein in seiner „Kirche des Gewesenen“ zurück und erlebt Marie in einer Vision. Sie bekräftigt ihre gemeinsame Liebe („Unsre Liebe war, ist und wird sein.“), ermuntert Paul aber zugleich, ins Leben zu gehen: „Dich lockt die andre, schau, schau und erkenne …“

Daraufhin schaut Paul „Marietta auf dem Theater in wallendem Phantasietanzkostüm, prächtig geschmückt, verführerisch lockend tanzen“ …

2. Bild: Ein öder, einsamer Kai in Brügge

Paul ist immer noch von Maries Worten gebannt: „Schau und erkenne …“

Er findet sich nun an einem einsamen Kai wieder, vor Mariettas Haus unruhig auf- und abgehend:

Was ward aus mir?
Ihr Haus umschleich ich,
Gequält von Angst, Sehnsucht und Reu,
Was ward aus mir?

Paul ist in Marietta verliebt, will aber Marie nicht untreu werden. Er beobachtet die Tänzerin im Umfeld ihrer Theatergruppe, gerät in erbitterten Streit mit seinem Freund Frank, weil dieser den Schlüssel zu Mariettas Wohnung hat, fühlt sich durch eine Theaterszene gedemütigt, in der Marietta eine Auferstandene spielt, und erliegt schließlich doch ihren Reizen. Paul nimmt die Tänzerin mit zu sich nach Hause, in das „Reich Maries“.

3. Bild: Ein Zimmer in einem Haus in der Stadt Brügge

Nach dieser Nacht in Pauls Haus greift Marietta triumphierend nach Maries Bild und fordert die Tote heraus:

Mit dir hab ich zu reden!
Schön bist du und gleichst mir,
Sag, gleichst du mir noch?
Sag, wo ist deine Macht?
Zum zweiten Mal starbst du,
Du stolze Tote, an mir,
An mir, der Lebenden
Liebesnacht!

Paul gerät daraufhin mit Marietta in Streit. Bestärkt durch eine vorüberziehende Prozession, die religiöse Gefühle in ihm weckt, erklärt er ihr seine Treue zu Marie und fordert sie auf zu gehen. Doch diese Behandlung lässt Marietta sich nicht gefallen („Ihr weichen? Nie! Zum Kampf mit ihr!“). Sie öffnet schließlich die Kristalltruhe, zieht Maries Haarflechte hervor und lacht nur, als Paul sie auffordert, sein „Heiligtum“ nicht zu entweihen: „Der tote Tand, ein Heiligtum? Du phantasierst ja!“

Das ist zu viel für ihn. Paul gerät außer sich und erdrosselt Marietta mit Maries Haarflechte …

… um daraufhin aus seinem intensiven Albtraum zu erwachen, der sich der Schauung Maries angeschlossen hatte. 

In Wirklichkeit ist Paul immer noch allein in seinem Zimmer, nachdem Marietta es verlassen hatte, um zur Theaterprobe zu gehen.

Nun kündigt Brigitta ihrem Hausherrn die kurzfristige Rückkehr Mariettas an. Schon tritt diese ein, sie habe ihren Schirm und ihre Rosen vergessen. Und sie fügt vielsagend hinzu: „Man sollt es für ein Omen nehmen. Ein Wink, als ob ich bleiben sollte.“

Doch Paul reagiert nicht auf dieses Angebot. Er bleibt stumm und in sich gekehrt, ganz in die Gedanken versunken, in die der Traum ihn gestürzt hatte. 

Also verabschiedet sich Marietta „mit feinem ironischem Lächeln, kokett den Schirm schwingend und an dem Rosenstrauch riechend.“ 

An der Tür trifft sie mit Frank zusammen und lächelt ihm liebenswürdig zu. Dieser begreift schnell, dass sein Freund Paul eine entscheidende Wandlung durchgemacht hat und nun nicht mehr auf das Wunder hofft, Marie wiederzusehen:

O Freund, ich werde
Sie nicht wiedersehn.
Ein Traum hat mir den Traum Zerstört,
Ein Traum der bitt’ren Wirklichkeit
Den Traum der Phantasie.
Die Toten schicken solche Träume,
Wenn wir zu viel mit
Und in ihnen leben.
Wie weit soll uns’re Trauer gehen,
Wie weit darf sie es,
Ohn’ uns zu entwurzeln?
Schmerzlicher Zwiespalt des Gefühls!

Frank kündigt seinem Freund an, dass er Brügge, die tote Stadt, wieder verlassen werde und bietet ihm an, mitzukommen.

Und Paul entschließt sich nun tatsächlich, den Neubeginn zu versuchen und sich dem Leben wieder zu stellen. Er vertraut auf ein Wiedersehen mit Marie in lichten Höhen:

Glück, das mir verblieb,
Lebe wohl, mein treues Lieb.
Leben trennt von Tod,
Grausam Machtgebot.
Harre mein in lichten Höhn,
Hier gibt es kein Aufersteh’n.


Hinweise:
Das Titelbild zeigt Jonas Kaufmann und Marlis Petersen in einer Produktion der Bayerischen Staatsoper, 2019 (als Film erhältlich)
Alle Zitate stammen aus dem Libretto.