27. Oktober 2020

Komödie mit Nachwehen

Woody Allens geniale Pseudo-Dokumentation „Zelig“

• In New York kommt Ende der 1920-er Jahre ein an sich unscheinbarer und unsicherer Mann zu besonderem Ruhm: Leonard Zelig. Der Grund für seine Berühmtheit liegt in einer besonderen Fähigkeit. Er passt sich – wie selbstverständlich – physisch an die Menschen an, mit denen er zu tun hat. Historisches Filmmaterial, beispielsweise Beiträge aus der „Wochenschau“, aber auch Berichte von Zeitzeugen, belegen dieses Phänomen. So verdunkelt sich Zeligs Hautfarbe, sobald er mit Schwarzen zu tun hat, oder er nimmt an Gewicht zu, wenn er sich lang genug in der Gegenwart eines Übergewichtigen befindet.

Aufgrund dieser außergewöhnlichen Anpassungsfähigkeit wird Zelig zum Medienstar. Man feiert ihn menschliches Chamäleon, ist ihm mit Foto- und Filmkameras auf den Fersen, schreibt Lieder für ihn („Chameleon Days“ von Mae Questel) und kreiert beschwingte Tänze dazu. Gleichzeitig ist Zelig natürlich auch ein besonderer Fall für die Wissenschaft. Denn es ist zunächst nicht einmal klar, ob seine ungewöhnlichen Wandlungen rein körperliche Ursachen haben oder tiefer liegende psychische Wurzeln.

Leonard Zelig macht zwar gute Mine zu der ihm geschenkten Aufmerksamkeit, doch in Wirklichkeit leidet er unter dem bösen Spiel rund um seine Person. Denn im Grunde sehnt er sich nach einem stillen, unscheinbaren Leben. Er will nicht im Rampenlicht stehen.

Zur schicksalhaften Wende kommt es, als sich eine junge New Yorker Psychiaterin, Dr. Eudora Fletscher, Zelig annimmt. Ihr gelingt es, dem prominenten Patienten mit Hilfe von Hypnose und anderen Therapien neues Selbstbewusstsein zu vermitteln und ihn schließlich zu heilen. Die „Chamäleon-Effekte“ bleiben aus, Zelig entwickelt ausgeprägt eigene Ansichten, die er nun anderen gegenüber manchmal sogar mit einer gewissen Aggressivität vertritt. Auch diese Phase seines Lebens ist filmisch gut dokumentiert.

Doch dann kippt die Situation erneut. Denn es treten immer mehr Menschen öffentlich auf, die behaupten, Zelig habe sie in der Vergangenheit durch seine Verwandlungs-Fähigkeiten bewusst getäuscht. Frauen geben an, er sei ihr Geliebter oder Ehemann gewesen, andere glauben in ihm ihren Zahnarzt wiederzukennen …

Für Zelig sind diese Beschuldigungen und die damit verbundenen Forderungen bald zu viel. Er sehnt sich danach, nur noch ein unscheinbarer Mitläufer in einer großen Masse zu sein, und flieht aus den USA dorthin, wo ihm ein geschütztes Leben in dieser Art möglich erscheint – ins nationalsozialistische Deutschland.

Dr. Fletscher aber hat ihren ehemaligen Patienten nicht aufgegeben. Denn sie fühlt sich Zelig nicht nur beruflich, sondern auch privat verbunden. Sie hat sich in ihn verliebt, sucht ihn nun – und findet ihn tatsächlich: Auf dem Reichsparteitag, mitten in einer Großveranstaltung, die auch für die Wochenschau dokumentiert wird, erkennt sie Leonard – direkt hinter Adolf Hitler.

Und Zelig erblickt auch sie, winkt ihr aufgeregt und freudig zu, lenkt damit aber so viel Aufmerksamkeit auf sich, dass der Führer mit seiner Rede ins Stocken gerät – just als er sich über Polen lustig machen wollte … –

Original-Wochenschau-Material, sachlich-fachliche Kommentare von Intellektuellen (beispielsweise  kommen die Menschenrechtsaktivistin und Publizistin Susan Sonntag oder der Psychoanalytiker Bruno Bettelheim zu Wort) und eine Geschichte, wie sie sich in einer von Medien und Sensationsgier bestimmten Öffentlichkeit durchaus hätte entwickeln können … In seiner Filmsatire „Zelig“, einem der größten Meilensteine im Filmschaffen des US-amerikanischen Komikers und Regisseurs, schafft Woody Allen einen bemerkenswerten Spagat: Er karikiert die durch und durch menschliche Eigenart, sich im eigenen Verhalten an andere Menschen anzupassen – und verbindet das persönliche Schicksal seiner (im Film von ihm selbst dargestellten) Figur mit historischen und aktuellen Gegebenheiten, in denen die Verlogenheit, Oberflächlichkeit und Hohlheit der Gesellschaft besonders deutlich wird.

Wenn mitten im „historischen“ Filmmaterial unerwartet hanebüchene Nonsense-Szenen explodieren, unterstreicht das den Komödien-Charakter dieser vielleicht elegantesten „Pseudo-Dokumentation“ der Kino-Geschichte. Doch es ist eine Komödie, die zwar Lachen gebiert, aber auch Nachwehen verursacht – im Erkennen gesellschaftlicher Missstände und vielleicht auch persönlicher Schwächen.

Absolut sehenswert!

(1983, 71 Minuten)