22. Juli 2024

„Nahtoderfahrungen verändern die Welt“

Christophor Coppes gehört zu den international bekanntesten Sterbeforschern unserer Zeit. Er ist Doktor der Wirtschaftswissenschaften, geboren in Venezuela, aufgewachsen in den Niederlanden und befassen sich seit vielen Jahren – auch als Autor – intensiv mit Nahtoderfahrungen. Das folgende Gespräch habe ich mit ihm nach einem öffentlichen Vortrag geführt, den Coppes zum Thema „Nahtoderfahrungen verändern die Welt“ hielt.

„Nahtoderfahrungen verändern die Welt“. Warum, glauben Sie, tun sie das?

COPPES: Sie tun es, weil Nahtoderfahrungen zwei wichtige Botschaften vermitteln. Die erste: Es existiert bedingungslose Liebe. Wobei dieses Wort „bedingungslos“ nicht ausreicht, um wirklich auszudrücken, worum es dabei geht. Es ist mehr als das. 

Die zweite Botschaft lautet, dass es eine Einheit gibt, dass wir alle eins sind. Das bedeutet, wenn man es wirklich ernst nimmt, dass ich das, was ich dir antue, auch selbst erlebe. Wenn du einem anderen etwas antust – egal, ob es sich um etwas Schönes oder um etwas nicht Schönes handelt –, dann wirst du es irgendwann selbst spüren, weil wir eins sind. 

Wenn viele Menschen diese Wahrheit verstehen, dann werden sie die Art und Weise ändern, wie sie miteinander umgehen. 

Und warum sollten die Menschen glauben, dass Nahtoderfahrungen real sind? Der Grund ist, dass wir nachweislich wahrheitsgemäße Beobachtungen haben.

Welche Beobachtungen sind das?

COPPES: Das sind Beobachtungen, die Nahtoderfahrene machen, wenn sie außerhalb ihres Körpers sind. 

Es gibt zwei Möglichkeiten. Die eine ist, dass sie sich in der Nähe ihres Körpers befinden. Wenn sie einen Unfall haben oder einen Herzstillstand erleiden, verlassen sie ihren Körper und können umherwandern. Sie können sehen, was im Krankenhaus passiert, oder sie können sehen, was in der Nähe der Unfallstelle ihres Autos passiert. Und später, wenn sie in ihren Körper zurückkehren, berichten sie, was sie gesehen haben. Wenn dies von unabhängiger Seite bestätigt wird, handelt es sich um eine nachweislich wahrheitsgemäße Beobachtung. 

Ähnliche Beobachtungen kommen auch vor, während sich die Person in einem himmlischen Umfeld befindet. Nahtoderfahrene sprechen davon, dass sie sich in einer wunderbaren, himmlischen Umgebung befinden, in der sie dem Licht und verstorbenen Verwandten begegnen. Wenn sie dort von etwas erfahren, das sich später auf der Erde tatsächlich ereignet, ist das ebenfalls eine wahrheitsgemäße Beobachtung. 

Ich habe ein konkretes Beispiel: Jemand erfuhr, dass es eine große Krise geben würde, nicht aber, wann genau sie sich ereignen würde. Bevor Bear Stearns, eine Investmentbank, in Konkurs ging, wusste die Person aber mit Sicherheit, dass es nun soweit war. Noch bevor die eigentliche Krise begann, versicherte sie mir: „Jetzt ist sie da, die Finanzkrise“. Damals habe ich ihr nicht geglaubt, aber ein paar Monate später, als es richtig losging, habe ich mich an ihre Worte erinnert. 

So etwas ist auch eine nachweislich wahrheitsgemäße Beobachtung, denn die Person konnte etwas ankündigen, kurz bevor es wirklich passiert ist. Die Informationen aus ihrer Nahtoderfahrung erhielt sie schon 20 Jahre vor der Finanzkrise. 

Es gibt Hunderte solcher Beispiele. Vor allem Beispiele von Menschen, die in der Nähe ihres physischen Körpers sind, die sehen können, was dort passiert, und wenn sie zurück kommen, werden ihre Beobachtungen bestätigt. Es gibt auch Hunderte solcher Beispiele, die in einem Buch zusammengefasst sind. Das Buch heißt „Das Selbst stirbt nicht“. Es wird von IANDS in den USA herausgegeben. Und es ist wirklich ein wunderbares Buch, weil es Indizien dafür liefert, dass das Bewusstsein vom Körper getrennt sein kann.

Haben Sie selbst von mehrere solcher Erfahrungen gehört oder beziehen Sie sich in erster Linie auf Literaturstudien?

COPPES: Viele Beispiele haben mir Menschen selbst berichtet. Ich habe mit sehr vielen Nahtoderfahrenen gesprochen, und einige von ihnen hatten solche Erfahrungen, die später bestätigt wurden. Sie haben darüber gesprochen, sie haben es auch veröffentlicht. Etwa in dem erwähnten Buch, das ist eine echte wissenschaftliche Studie zu solchen Beobachtungen.

Viele Studien gehen ja auf zahlreiche solcher Wahrnehmungen ein, die auch bezeugt wurden und verifiziert werden konnten. Aber die Versuche, direkte Beweise außerkörperlicher Wahrnehmungen durch entsprechende Versuchsanordnungen finden zu können, scheiterten bisher – Stichwort: AWARE-Studie. Glauben Sie, es wird jemals einen solchen wissenschaftlichen Beweis geben?

COPPES: Sie haben die AWARE-Studie erwähnt. Bei dieser Studie wurde in einer klinischen Umgebung, in einem Operationssaal, auf einem Schrank ein Computer installiert, der Bilder zeigt. Man hofft, dass einer der Patienten während der Operation aus dem Körper schwebt, auf das Regal schaut, den Computer sieht und sich an die Bilder erinnert. Wenn er dann zurückkommt, sollte er berichten können: „Da war ein Computer auf dem Schrank, der hat dies und das gezeigt.“ Das wäre ein echter Beweis für außerkörperliche Erfahrungen. 

Aber was würden Sie tun, wenn Sie während einer Operation erstmals plötzlich ihren Köper verlassen? Würden Sie auf einen Schrank schauen, um genau beschreiben zu können, was Sie dort sehen? Nein, Sie sind völlig überrascht, dass Sie ihren Körper sehen. Dort ist der Körper und hier bin ich! Wie ist es möglich, dass ich hier denke? Und dann werden Sie aus dieser Situation herausgerissen und gelangen in eine himmlische Umgebung. Ich denke, da ist keine Zeit, um die Aufmerksamkeit auf einen Schrank zu richten.

Das haben ja auch Patienten mit außerkörperlichen Wahrnehmungen gesagt, nachdem sie dazu befragt worden sind.

COPPES: Ja, das haben sie auch gesagt. Sie meinten: „Ein Computer hat mich nicht interessiert. Meine Wahrnehmung war auf den Körper gerichtet und auf das, was danach passiert ist.“

Glauben Sie, dass es einmal ein Studiendesign geben wird, das zu einem solchen Beweis führt?

COPPES: Eine echte klinische Studie? Nein, aber man sollte niemals nie sagen. Allerdings habe ich mehr Vertrauen in die wachsende Zahl der verifizierten Beobachtungen. Solche Erlebnisse sind ja nicht wiederholbar. Bei einer echten Studie müsste es sich um eine prospektive Studie handeln, und man müsste in der Lage sein, sie zu wiederholen. All die wahrheitsgemäßen Beobachtungen kann man in einer klinischen Umgebung nicht wiederholen. Aber dennoch sind sie wichtig, weil sie eben von unabhängiger Seite bestätigt werden können. Es muss eine unabhängige Bestätigung dessen sein, was die Leute gesehen haben.

Und davon gibt es ja sehr viele.

COPPES: Ja, es gibt viele, viele dieser Beispiele. 

Jede Nahtoderfahrung ist anders, umfasst sehr persönliche Erlebnisse, persönliche Elemente. Selbst der Begriff Nahtoderfahrung ist problematisch, weil vergleichbare Erlebnisse eben auch nicht in Todesnähe vorkommen. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Gemeinsamkeiten dieser Erlebnisse?

COPPES: Es stimmt, was Sie sagen: Jede Nahtoderfahrung ist anders. Es gibt keine, die mit einer anderen identisch ist, und es gibt auch keine Checkliste, die man verwenden könnte: Ich war in einem Tunnel, ich habe Licht am Ende des Tunnels gesehen, ich habe mein Leben Revue passieren lassen. So funktioniert das nicht. Jede Nahtoderfahrung ist anders.

Aber es gibt eine Greyson-Skala!

COPPES: Ja, das ist wahr. Aber alle Erfahrungen sind unterschiedlich. Die Kernfrage dabei ist, was sind die wichtigsten Botschaften? 

Meiner Meinung nach gehört dazu, dass es bedingungslose Liebe für jeden gibt, ohne Ausnahme. Denken Sie also an jemanden, den Sie nicht mögen, auch für diese Person gibt es bedingungslose Liebe. 

Und der zweite Aspekt, den ich als wichtig erachte, ist die Botschaft, dass wir alle eins sind. Das muss man sich erst einmal wirklich vergegenwärtigen: Dass das, was ich dir antue, ich mir eigentlich selbst antue. Ich werde es jetzt nicht spüren, aber ich werde es spüren, wenn ich tot bin. 

Für Sie selbst war, wie Sie schreiben, eine Erkenntnis besonders wichtig, nämlich: Nach dem Tod richtet niemand über uns. Das ist eine zentrale Aussage vieler Nahtoderfahrener und eine Aussage, die im Gegensatz zu dem steht, wovon viele gläubige Menschen ausgehen. Warum war dieser Aspekt so wichtig für Sie? Hat er mit der Angst vor dem Tod zu tun?

COPPES: Für mich ist das wichtig, denn ich wurde katholisch erzogen. Im Katholizismus, also im Christentum und in verwandten Religionen, gibt es die Vorstellung von einem Endgericht, dass wir also alle von Jesus oder von Gott gerichtet werden. So wurde ich erzogen. 

Und dann erfuhr ich aus Lebensrückblicken, dass Menschen ihr Leben und das, was sie anderen angetan haben, zugleich so erlebt haben, als wären sie selbst diese anderen. Das ist ein wichtiger Aspekt der Lebensrückblicke. Nahtoderfahrene sagen: Es gibt kein Gericht. Es gibt überhaupt kein Gottesgericht. Das war für mich wichtig. Es gibt sehr schöne Beispiele dafür. Ich weiß nicht, ob Sie eines hören möchten.

Gerne, ja!

COPPES: Ich habe ein Buch mit dem Titel „Impressionen von Nahtoderfahrenen“ geschrieben. Es wird von der IANDS, der International Association for Near-Death Studies, herausgegeben. Ich habe Hunderte Berichte von Nahtoderfahrenen, und einer davon ist von einem jungen Pfadfinder, der in einem Lager beinahe ertrinkt und dabei auf sein Leben zurückblickt.

In diesem Rückblick sieht er, was er getan hat. Er sieht es in der Gegenwart eines Engels, wie er die Lichtgestalt nennt. Ein Engel steht also neben ihm und der Junge sagt: „Ich hoffe, ich werde nicht zu hart verurteilt.“ Daraufhin sagt der Engel: „Du wirst von dem mächtigsten Richter gerichtet, den es gibt.“ Der kleine Junge hat ein wenig Angst und fragt: „Wann wird das sein?“ Der Engel antwortet: „Es ist gerade geschehen. Der Richter bist du.“ 

Das zeigt, dass niemand über dich richtet. Wenn es einen Richter gibt, dann bist du es. Niemand sonst. Du brauchst keinen äußeren Richter, weil du alles vor dem Hintergrund der bedingungslosen Liebe siehst. So kannst du unterscheiden zwischen dem, was du getan hast, was liebevoll war, und dem, was weniger liebevoll war.

Es ist also einfach Liebe da – und die wird zum Maßstab für die eigenen Taten

COPPES: Ja, Liebe ist in der Tat das Wichtigste, was es gibt. Es gibt Zitate von Nahtoderfahrenen, die sagen, Liebe ist das Einzige, was existiert. Alles ist aus Liebe gemacht. Also ist Liebe das Maß aller Dinge. 

Es gibt sogar einen Nahtoderfahrenen, der sagt, dass das, was wir für Gott halten, in Wirklichkeit die allumfassende Liebe ist. Sie verbindet alles miteinander, alle physischen Gegebenheiten, die ganze Natur, uns alle.

Ihr erstes Buch hatte den Titel „Der Himmel ist ganz anders“. Sie haben aber auch ein Buch geschrieben, das die großen Weltreligionen miteinander vergleicht: „The Essence of Religions“. Welche wichtigen Gemeinsamkeiten sehen Sie in den Religionen?

COPPES: Sie meinen Parallelen zwischen den Religionen? Das Wichtigste in jeder Religion ist die Liebe. Diesen Aspekt der Liebe findet man in jeder Religion. Aber die Art und Weise, wie sie gelebt wird, ist unterschiedlich. 

Es gibt tatsächlich große Unterschiede: Im Christentum, im Islam und im Judentum findet man Gott hauptsächlich als eine dritte Person. Er ist also nicht in uns. Aber im Hinduismus ist Gott in jedem von uns. Das sagen auch Nahtoderfahrene. Sie sagen, jeder Mensch ist göttlich. In jedem Menschen ist Göttliches. Oder sie sagen beispielsweise: Wir alle zusammen sind Gott. Das heißt also, Gott ist nicht jemand außerhalb von uns, der über uns richtet. Nein, wir sind zumindest ein Teil von ihm. Manche gehen noch weiter und sagen: Wir sind Gott.

Wobei dieser Begriff Gott ja auch problematisch oder missverständlich sein kann: Die Menschen erleben etwas Großes, Unbeschreibliches – und sagen dazu Gott.

COPPES: Ja, ich selbst mag das Wort Gott nicht, weil es eine Färbung hat. Als Christ wissen Sie, dass er in den Kirchen sogar als der Mann mit dem langen Bart dargestellt wird. Das ist falsch, denn in der Bibel steht auch, dass man sich kein Bild von Gott machen soll, weil ein solches Bild nie wirklich treffend ist. Deshalb verstehe ich auch, wenn Nahtoderfahrene sagen. „Ich kann es nicht in Worte fassen. Es ist nicht möglich.“ 

Wir haben nicht die Begriffe, um zu beschreiben, was sie gesehen haben. Und dann wählen sie Beschreibungen wie: „Wir sind alle eins, wir sind Gott“ und so weiter. Das ist auch keine treffende Beschreibung, weil wir die Wirklichkeit einfach nicht verstehen können. Sie ist etwas ganz anderes.

Wenn also Nahtoderfahrene in ihren Körper zurückkehren, haben sie wirklich ein großes Problem damit, zu erklären, was sie erlebt haben. Sie können es nicht in Worte fassen. Es gibt keine treffenden Begriffe. Vielleicht handelt es sich um eine ganz andere Dimension. Selbst wenn es eine Dimension mehr ist als die uns vertrauten, kann man sie mit Worten nicht beschreiben. 

Ein besonderer Aspekt in Nahtoderfahrungen ist der Lebensrückblick. Welchen Zweck könnte dieser Rückblick haben? Haben Sie ein Beispiel dafür, das Sie vielleicht selbst sehr beeindruckt hat?

COPPES: Ja, ich habe ein sehr schönes Beispiel einer Frau aus den Niederlanden, die dort kurz nach dem Zweiten Weltkrieg als kleines Mädchen lebte. 

Unser Land war verwüstet und es gab nicht viele Luxusgüter. Ihre Mutter gab ihr ein paar Süßigkeiten für die Schule mit, und sie teilte diese mit ihren Freundinnen. 

Viele Jahre später hatte sie eine Nahtoderfahrung und erlebte diese Zeit wieder. Dabei bemerkte sie, wie wertvoll es war, dass sie die Süßigkeiten mit ihrer Klassenkameradin geteilt hatte. Denn sie erlebte es nicht nur aus ihrer eigenen Perspektive, sondern auch aus der des anderen Mädchens. Dadurch verstand und fühlte sie, wie wertvoll es für ihre Kameradin war, diesen Luxus zu erhalten.

Und das war noch nicht alles. Es ging noch weiter. Das Teilen der Süßigkeiten hatte auch für die Mutter des Mädchens eine Bedeutung. Die eine Handlung wirkte sich wellenartig auch auf noch andere Menschen aus. 

Was immer man tut, hat nicht nur unmittelbare Auswirkungen, es wirkt viel weiter in die Welt hinaus. Es beeinflusst auch unbekannte Gegebenheiten. Das hat diese Frau berichtet, und das habe ich danach immer wieder gehört. 

Sie brachte auch noch ein anderes Beispiel: In derselben Schule gab es ein Mädchen, eine Freundin, die Läuse hatte, diese kleinen Monster, die in den Haaren krabbeln. Damals gab es noch kein Shampoo, also musste man sie mit der Hand entfernen. Diese Freundin bat sie, ihr zu helfen. Aber anstatt sie ruhig in eine Ecke zu bringen und das Nötige zu tun, machte sie eine große Sache daraus.

Als sie diese Episode in ihrer Nahtoderfahrung erlebte, fühlte sie den Schmerz ihrer Freundin, als wäre sie selbst diese Freundin. Sie war also selbst die Leidtragende. Sie fühlte, wie ihr ins Herz gestochen wurde. Das war an sich schon schmerzhaft, wirklich schmerzhaft, aber sie sagte, dass es noch etwas anderes gab, das noch schlimmer war. Denn sie erlebte, dass sie Optionen hatte. 

Sie hatte also mehrere Möglichkeiten, etwas zu tun, und sie wählte diese eine davon. Ihr wurde also klar, wenn sie anders gehandelt hätte, hätte sie mehr Liebe in die Welt gebracht. Das sei sehr schmerzhaft gewesen, der schmerzhafteste Teil der ganzen Sache, sagte sie. 

Ich finde das interessant, weil man dabei zwei Dinge lernt: Das eine ist, dass man das, was man einem anderen antut, so erleben kann, als wäre man dieser andere Mensch. Man sollte diese Gegebenheit einen Moment lang sacken lassen, um zu erkennen, was das bedeutet. Und das andere ist, dass man Optionen hat und wählen kann.

Wir haben einen freien Willen …

COPPES: Ja.

Manchmal wird, um Nahtoderfahrungen zu beschreiben, auch der Begriff Hyperrealität verwendet. Nahtoderfahrenen erscheint ihr Leben nicht nur ganz anders als ein Traum. Sie sprechen davon, dass es noch viel realer, lebendiger, plastischer sei als das Leben auf der Erde. Sie sagen, dass Sie mit der Nahtoderfahrung das eigentliche Leben kennengelernt haben. Sind Ihnen solche Schilderungen auch bekannt?

COPPES: Ich weiß, dass Nahtoderfahrene das sagen. Sie sagen, dass das, was sie erlebt haben, realer ist als das, was wir hier auf der Erde erleben. Also, wenn man in seinem Körper ist, wenn man sich beispielsweise auf einem Stuhl sitzend erlebt, dann ist diese Realität weniger wirklich als das, was man dort erlebt. Das ist die wirkliche Realität. 

Diese wirkliche Realität hat alle möglichen Aspekte, die wir nicht verstehen. Zum Beispiel die Zeit. Zeit funktioniert nicht so wie hier. Es ist immer Jetzt. Wir werden nie in der Zukunft sein, denn auch die Zukunft erleben wir Jetzt. Ebenso die Vergangenheit. Zeit ist dort Gleichzeitigkeit. Das geht aus den Schilderungen, die ich kenne, klar hervor, und ich finde das sehr beeindruckend. Alle Zeiten sind gleichzeitig da. 

Und mit den Orten gibt es kein Entfernungsproblem. Man kann sein, wo immer man sein will. Es gibt dafür gute Beispiele. Etwa einen Iraner, der in der Wüste im Iran einen Unfall hatte und in ein Krankenhaus gebracht wurde. Dort hatte er eine Nahtoderfahrung. In dieser Nahtoderfahrung hat er an seine Mutter gedacht. Wie würde es seiner Mutter gehen? Und dann war er an dem Ort, wo seine Mutter war. Er dachte auch an einen Freund. Und unmittelbar war er dort, wo der Freund war. Aber er war auch bei seiner Mutter. Und er war auch im Krankenzimmer und sah, was die Ärzte taten. Er hat also alles gleichzeitig gesehen. Das ist im normalen Leben nicht möglich. Aber er hat all das detailliert erlebt. Das zeigt uns, dass diese Umgebung anderen Gesetzen folgt. Es gibt darin eigentlich keine Gesetze, wie wir sie kennen. Sie ist frei.

Nahtoderfahrene berichten manchmal, dass es für sie seit ihrem Erleben absolut sicher ist, dass das Leben einen tieferen Sinn hat, dass sie auch eine Aufgabe auf Erden haben, auch wenn sie diese Aufgabe manchmal nicht genau benennen können. Und selbst Menschen, die nach einem Suizidversuch eine Nahtoderfahrung erleben, sehen ihre Lebenssituation nach der NTE, auch ihre Aufgabe im Leben, gewöhnlich ganz anders als vorher.

COPPES: Menschen, die eine Nahtoderfahrung machen, verändern sich völlig. Wer zum Beispiel einen Selbstmordversuch hinter sich hat, verändert sich durch eine NTE gründlich. 

Aber die Veränderung betrifft jeden. Sie sind nach einer solchen Erfahrung ein anderer Mensch. Man mag zum Beispiel fragen: Was ist der Sinn des Lebens? 

Das ist eine schwierige Frage. Ich habe mich damit beschäftigt und in meinem Buch ein Kapitel drüber geschrieben. Man erhält dazu uneinheitliche Aussagen. Es gibt große Unterschiede darin. Nahtoderfahrene sagen: Jeder hat eine Aufgabe auf der Erde. Also müssen wir etwas tun. Es gibt einen Grund dafür, dass wir hier sind. 

Manche wollen zunächst nicht in ihren Körper zurück. Aber dann wird ihnen gezeigt, was ihre Aufgabe ist. Und sie erinnern sich: Ach ja, bevor ich auf die Erde ging, bevor ich in den Babykörper schlüpfte, habe ich mir vorgenommen, dies oder das tun oder erleben. Okay, ich will das zu Ende bringen. Und dann gehen sie zurück. 

Aber nachdem sie zurück sind, haben sie vielleicht vergessen, worum es konkret ging. Ihr Ziel ist also nicht immer etwas, an das sich die Leute erinnern. 

Manchmal wird den Menschen gesagt: Der Grund, warum ihr auf der Erde seid, ist, das Energieniveau zu erhöhen. Oder anderen Liebe zu geben. Oder einfach zu sein, weil du gut bist, so wie du bist. Du bist göttlich. Das ist gut genug. Jeder ist gut genug, so wie er ist. Sei einfach so, wie du bist! 

Es gibt eine wunderbare Geschichte von einem kleinen Mädchen, Christina. Sie wurde von Männern angegriffen, die sie ertränken wollten. Doch ihr Vater kam gerade noch rechtzeitig, um sie zu retten. Während sie angegriffen wurde, hatte sie eine Nahtoderfahrung, und sie erzählte: „Ich habe mit Gott gesprochen.“ Sie war acht Jahre alt und sagte: „Es muss Gott gewesen sein. Ich hatte dieses wunderbare Gespräch mit ihm. Und er hat mir gesagt, was das Rezept für das Leben ist.“ 

Sie sagte, es sei ganz einfach, es ginge nur um vier Dinge: Lieben. Geliebt werden. Einfach sein. Das Leben erfahren. 

Es ist also ganz einfach. Jemanden lieben, das können wir. Geliebt zu werden, ist schwerer. Ich weiß das, weil viele Menschen es schwierig finden, sich selbst zu lieben. Einfach zu sein, das ist im Grunde auch einfach, weil wir es bereits tun. Jeder tut es. Und das Leben erfahren. Das tun wir auch bereits. Leben ist etwas Wunderbares. 

Menschen, die eine Nahtoderfahrung hatten, sind glücklich, dass sie das physische Leben wieder erleben dürfen. Aber trotzdem vermissen sie diese andere Welt. Sie spüren, dass es schwierig ist, hier zu sein. Trotzdem wollen die meisten wirklich etwas daraus machen. Und sie wissen nicht genau, was sie tun sollen. Aber man muss einfach nur  leben. Einfach leben, einfach sein. Ich finde diese vier Dinge sehr schön. 

Sie haben früher neben der bedingungslosen Liebe die Einheitserfahrung als eines der wichtigsten Elemente für Nahtoderlebnisse bezeichnet. Gibt es ein Beispiel für diese Einheitserfahrung, das Sie selbst besonders beeindruckt hat?

COPPES: Ja, es gibt eine sehr schöne Geschichte von einer Frau, die eine Nahtoderfahrung hatte, als sie Probleme bei der Geburt ihres Kindes hatte. Sie ist in diesem anderen Bereich, mit allem Wissen verbunden. Sie erzählte: „Ich habe alles begriffen. Aber ich wollte zurück auf die Erde, weil ich ein Kind zu versorgen hatte.“ 

Manche Menschen wollen nicht zurück. Und sie werden trotzdem zurückgeschickt. Aber diese Frau wollte von sich aus zurück. Sie hat wirklich darum gebeten, zurückgehen zu dürfen. Und dann durfte sie zurück. Sie dachte: Hier ist alles so einfach. Es ist sehr einfach. Und ich weiß, dass ich das alles vermissen werde. Ich werde all dieses Wissen verlieren, sobald ich in meinem Körper bin. Aber ich möchte mir einen Satz bewahren, an den ich mich sicher erinnern kann und der mir das alles gegenwärtig macht. Wenn ich mich an diesen kleinen Satz erinnere, werde ich anderen davon erzählen können. Sie hatte die Absicht, damit das Gute zu fördern und die Angst vor dem Tod zu mindern. Deshalb hat sie sich den Spruch gemerkt. Er lautet: Alles ist in allem und alles ist eins. Diese Worte machten sie sehr glücklich. Und als sie zurück kam, hat sie sie aufgeschrieben, und ich konnte sie lesen. Sie sind im Archiv von IANDS zu finden. 

Dort sind viele wunderbare Erlebnisse gesammelt. Ich fand diese Geschichte sehr interessant, weil sie zeigt, dass die Essenz von Nahtoderfahrungen wirklich das Erlebnis von Einheit ist. Es ist eine von vielen Berichten, die zum Ausdruck bringen, dass wir alle eins sind.

Sie haben erwähnt, dass sich das Leben Nahtoderfahrener in vielerlei Hinsicht grundlegend ändert. Sie gehen aus der Erfahrung anders hervor, als Sie hineingegangen sind. Wie verändert sich zusammenfassend die Religiosität aus Ihrer Sicht?

COPPES: Was mir auffällt, ist folgendes: Menschen, die in ihrer Nahtoderfahrung eins mit allem, auch mit allem Wissen waren, kommen verändert in ihren Körper, nach Hause zurück. Wobei ich das nicht so formulieren sollte, denn ihr Zuhause ist nicht hier auf der Erde. Nahtoderfahrene sagen ja: „Dort ist unser wahres Zuhause. Hier sind wir nur vorübergehend.“

Wenn sie also vorübergehend hierher zurückkehren, aus dem gesamten Wissen heraus, und wenn sie vorher religiös waren, dann entfernen sie sich oft von ihrer Konfession. Sie werden also weniger religiös, dafür aber spiritueller. 

Dabei interessieren sie sich manchmal auch mehr für andere Religionen. Sie wenden sich nicht unbedingt völlig von ihrer ursprünglichen Konfession ab, aber sie sind mehr daran interessiert, über den Zaun zu den anderen Religionen zu schauen und zu sehen, was es dort gibt. 

Nahtoderfahrene werden durchweg spiritueller. Sie suchen nach Antworten. Die Spiritualität ist für sie wichtiger.

Zum Thema bedingungslose Liebe: Ist das nicht etwas, was sich gerade religiös orientierte Menschen sehr schwer vorstellen können? Jemand, der sich immer um ein gottgefälliges Leben bemüht hat, soll die gleiche Liebe erfahren wie der größte, gemeinste Übeltäter?

COPPES: Ich denke, wenn man einer Religion angehört, wird man in dieser Art argumentieren. Man unterscheidet zwischen guten und schlechten Menschen. 

Eine Sache, die ich von Nahtoderfahrenen gelernt habe, ist, dass die Worte gut und böse von der Erde stammen. Sie gelten nicht in dieser anderen Welt. Sie existieren dort nicht. Sie haben keine Bedeutung. Der Begriff „bedingungslose Liebe“ ist wirklich in seiner absoluten Bedeutung gültig.

Anita Moorjani, eine sehr bekannte Nahtoderfahrene, meint, dass sogar das Wort „bedingungslos“ nur ein Flüstern dessen ist, worum es wirklich geht. Es zeichnet kein richtiges Bild, denn es geht um noch mehr. 

Aber wir können versuchen zu verstehen, was bedingungslos ist. Es bedeutet, dass es keine Bedingungen gibt. Es bedeutet, dass man tun kann, was man will. Du wirst trotzdem diese Liebe bekommen. Du kannst essen, was du willst, tragen, was du willst. Du kannst sogar Hunderte von Menschen töten. Die Liebe wird trotzdem für dich da sein. 

Aber ich glaube, du wirst trotzdem nicht glücklich sein wirst, wenn du auf dein Leben zurückblickst und siehst, was du anderen angetan hast, wenn du deine eigenen Taten dann auch so erlebst, als wärst du dieser andere. Du wirst genau fühlen, wie es war. Kannst du dann glücklich sein? Ich glaube es nicht. Aber die Liebe ist immer für dich da ist. Egal, was du tust. Du bist gut genug, so wie du bist. Das ist die Hauptbotschaft der Nahtoderfahrenen. 

Aber ich möchte hinzufügen, dass wir glücklicher sein werden, dort wie hier, wenn wir versuchen, mehr Liebe in die Welt zu bringen. Auf jeden Fall ist die bedingungslose Liebe für alle da, auch für eine Person, von der man denkt, dass sie keine Liebe verdient, weil sie so schlecht ist. Auch für diese Person. Und ich füge dabei immer hinzu: Jeder hat jemanden vor Augen, den er wirklich verachtet. Auch genau für diesen Menschen gibt es bedingungslose Liebe. Sie ist für alle da, ohne Ausnahme.

Es geht um Liebe, um die Erfahrung von Einheit. Warum sind wir in unserem Leben genau davon so weit entfernt?

COPPES: Ich glaube, ich habe eine gute Antwort darauf: Weil wir begrenzt sind. Wir leben hier in einer vierdimensionalen Welt. Wir haben drei Dimensionen für den Raum und eine Zeitdimension. Wir leben hier und müssen uns ernähren, überleben, Dinge tun, um uns selbst zu erhalten. Wir sind begrenzt. Wenn du in diesem anderen, nicht physischen Bereich bist, bist du unbegrenzt. Du brauchst dich nicht zu ernähren. Du bist einfach da. Und das ermöglicht, dass es nur Liebe geben kann. 

Aber hier müssen wir kämpfen. Wenn ich mehr bekomme, dann bekommst du weniger. So etwas erscheint uns selbstverständlich. Ich möchte ein Auto haben. Ich möchte etwas anderes haben. Das sind die Dinge, um die wir kämpfen.

Aber an sich sind wir alle schon perfekt. Das ist meine Überzeugung. Das ist es, was ich von Nahtoderfahrenen höre. Wir sind bereits vollkommen. Wir haben die bedingungslose Liebe in uns. Das Einzige, was wir tun müssen, ist, unsere Göttlichkeit zum Ausdruck zu bringen. Diese bedingungslose Liebe wirklich zum Ausdruck zu bringen. Und das ist schwierig, weil wir Begrenzungen unterworfen sind, Beschränkungen. 

Warum haben wir diese Limitierungen?

COPPES: Das ist eine gute Frage, und ich glaube, wir werden nie eine Antwort darauf bekommen. Manche Leute sagen, alles sei nur ein Spiel. Das Leben sei nur so etwas wie ein Spiel. 

Für Menschen, die in großen Schwierigkeiten stecken, ist es sehr schwer, das zu akzeptieren. Für sie ist das Leben kein Spiel. Dennoch: Wenn wir in diesem anderen Bereich sind, erscheint alles hier als nicht mehr wirklich wichtig. Es ist nur wie ein unbedeutendes Geflüster. Wir denken, dass wir wichtig sind. Wir denken, dass das, was wir tun, wichtig ist. Nein, das ist es nicht. Das ist es tatsächlich nicht. Du musst einfach nur der sein, der du bist. Lieben. Geliebt werden. Einfach sein und das Leben erleben. 

Es gibt ja auch die Theorie, dass es im irdischen Leben um Entwicklung geht. Der Menschengeist ist als Anlage vorhanden, aber diese Anlage muss sich eben erst entwickeln – durch Sonnenschein und Regen, also durch angenehme, unangenehme Erlebnisse. Haben Sie Sympathien für diese Theorie?

COPPES: Ja, ich glaube, wir entwickeln uns. Ich denke auch, dass es letztlich zu guten Entwicklungen kommen wird. 

Natürlich befinden wir uns momentan, etwa mit dem Krieg in der Ukraine, in großen Turbulenzen. Und es gibt immer Probleme – Finanzkrisen zum Beispiel, wie schon erwähnt. Aber wir entwickeln uns in eine bestimmte, letztlich gute Richtung. 

Ich denke, das ist es auch, wofür wir im Vaterunser eigentlich beten. Dort heißt es: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auch auf Erden.“ Dazu sollte man wissen, dass sich im Himmel der Wille des Herrn in der Liebe zeigt. Wenn man also betet: „Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel“, dann sagt man eigentlich: Ich hoffe, dass die Liebe irgendwann auf dieser Erde zum Durchbruch kommen wird. Und ich glaube, darauf steuern wir zu, irgendwann wird es soweit sein. Aber es dauert sehr lange. 

Aber Entwicklung gehört zum Zweck des Lebens?

COPPES: Ich denke, es gibt eine Entwicklung, ja. Und ich denke, der Sinn des Lebens liegt in einer Entwicklung bis hin zu einem bestimmten Level.

Aber es ist trotzdem eine Art Spiel. Ich stelle mir Gott – ich mag das Wort eigentlich nicht, weil es immer einen bestimmten Eindruck vermittelt – ich stelle mir Gott als einen Puppenspieler vor. Er spielt mit den Puppen und wir sind die Puppen. Man könnte es auch so sehen. 

Vielleicht ist es ja auch ein Akt der Liebe, allen Geschöpfen die Möglichkeit für diese Entwicklung zu bieten.

COPPES: Ja, das könnte sehr gut so sein. 

Man kann es auch so betrachten: Immer wenn ein Kind geboren wird, das für sich betrachtet ja eine Art Einheit ist, braucht es etwas Bewusstes. Es muss ein Verstand, ein Geist da sein – tatsächlich ein Geist. Wer sorgt dafür? Wer füllt diese „Lücke“? 

Es kommt dafür nur einer in Frage, und das ist Gott. Also erfüllt Gott das Baby, das geboren wird, mit Geist. Und wenn ein alter Mensch stirbt – oder irgend jemand, vielleicht eine noch junge Person, die schwer krank ist oder jemand, der Selbstmord begeht, dann setzt Gott den Geist wieder frei, damit er wieder in die Ganzheit eingehen kann. 

Manche Zitate besagen, dass wir Menschen wie Tropfen eines Ozeans sind. Wir leben unser Leben vom Ozean getrennt, und wenn jemand stirbt, geht der Tropfen wieder zurück in den Ozean und vereinigt sich wieder mit dem Ganzen. Das Ganze wird dann als Gott bezeichnet.

Was bedeuten Nahtoderlebnisse aus Ihrer Sicht für die Frage nach dem Wesen des Bewusstseins? Die Mainstream-Theorie geht ja davon aus, dass Bewusstsein im Gehirn erzeugt wird. Es gibt aber auch die Vorstellung, dass es vom Gehirn nur gefiltert aufgenommen wird, dass Bewusstsein aber in Wirklichkeit das Ursprüngliche, schon vor der Materie vorhanden ist.

COPPES: Das ist eine Theorie, die immer wieder erwähnt wird. Pim van Lommel zum Beispiel, ein wichtiger Forscher in den Niederlanden, der eine erste prospektive Studie über Nahtoderfahrungen durchgeführt hat, ist von dieser Theorie überzeugt.

Sie besagt sinngemäß, dass es irgendwo sozusagen einen Großrechner gibt. Es gibt ein großes Ganzes, und wir sind nur kleine, angeschlossene Computer. Wenn so ein Computer kaputt ist, also tot, dann sind die Inhalte immer noch im Hauptrechner. 

Es ist mit dem Gehirn und dem Bewusstsein so, wie wenn du mit dem Radio ein Konzert hörst. Das Konzert findet nicht in deinem Radio statt, sondern irgendwo anders. Wenn das Radio kaputt geht, findet das Konzert immer noch statt. Es ist immer noch da. 

Es könnte sehr gut sein, dass das Gehirn Bewusstsein empfängt. Es ist eine Möglichkeit. Das würde bedeuten, dass du nicht wirklich du bist, dass also wahre Du irgendwo anders, und das wahre Ich auch irgendwo anders ist.  

Oder dass es nichtlokal existiert …

COPPES: Ja. Es ist nicht lokal. Wir erleben hier etwas, wir denken beispielsweise, wir hätten Schmerzen, aber das eigentliche Bewusstsein hat keine Schmerzen. 

Wenn man wirklich über diese Dinge nachdenkt, dann kommt man zu sehr seltsamen Schlussfolgerungen, aber an sich gefällt mir der Gedanke eines nicht-lokalen Bewusstseins. 

Wir können nie wirklich verstehen, worum es sich dabei handelt. Weil wir begrenzt sind. Wir befinden uns in vier Dimensionen, aber der andere Bereich hat vielleicht fünf oder sechs oder fünfundzwanzig Dimensionen. Ich weiß es nicht. 

Nahtoderfahrene berichten von der Möglichkeit, entscheiden zu können, also vom freien Willen, andererseits aber auch von künftigen Ereignissen. Wenn die Zukunft feststeht, kann es keinen freien Willen geben. Wie sehen Sie dieses Problem? 

COPPES: Das ist eine wirklich interessante Dichotomie, und man kann sie nicht wirklich begreifen. Es ist schwierig. Genau wie Sie gesagt haben: Es gibt es einen freien Willen. Das ist es, was ich von vielen Nahtoderfahrenen höre. Aber trotzdem sehen sie Dinge, die in der Zukunft passieren, und die Dinge passieren dann tatsächlich. Wie ist das zu erklären? 

Es gibt eine Holländerin, die versucht hat, mir das bildhaft zu erklären. Sie sagte: „Wenn ich irgendwo auf der Erde bin, kann ich nicht gleichzeitig Haarlem und Amsterdam sehen. Denn Haarlem ist elf Kilometer von Amsterdam entfernt. Aber wenn ich in einem Flugzeug sitze, kann ich beide Orte gleichzeitig sehen.“

Was sie sagt, bedeutet: Ja, ich habe einen freien Willen. Und wann immer ich eine Wahl habe, weiß ich noch nicht, wofür ich mich entscheiden werde. Aber würde man es von einem anderen Standpunkt aus betrachten, den wir hier und jetzt allerdings nicht haben, dann könnte ich sehen, was ich wählen werde. Aber so, wie die Zeit hier funktioniert, werden Sie nicht sehen können, wie ich mich morgen entscheiden werde. Wenn Sie aber eine andere Sichtweise einnehmen, bei der die Zeit keine Rolle spielt, dann können Sie sehen, wie ich mich entscheide. Und das ist sinngemäß dasselbe, wie wenn Sie oben im Flugzeug sind und einen erweiterten Blickwinkel haben, dann können Sie Amsterdam und Haarlem gleichzeitig sehen. Von der Boden-Perspektive aus kann man es nicht.

Es gibt die Sterbeforschung, die Thanatologie nun schon seit Jahrzehnten, aber man könnte den Eindruck haben, dass viele zentrale Ergebnisse der Sterbeforschung, die schon in den 1970er-Jahren von Moody und anderen dokumentiert wurden, einfach verdrängt und vergessen worden sind, dass die Wissenschaft immer wieder ganz von vorne beginnt, weil eben der Materialismus so stark ist. Was müsste nach Ihrer Meinung also konkret geschehen, damit Nahtoderfahrungen die Welt wirklich verändern, damit sich diese Entwicklung beschleunigt?

COPPES: Auch eine sehr gute Frage. Ich denke, wir müssen den Entwicklungen einfach nur Zeit geben. Irgendwann wird es ausreichend viele Beispiele für wahrheitsgemäße Beobachtungen geben. Dann werden sich die Leute fragen, wie solche Dinge möglich sind. Sie werden wissen wollen, welche Botschaften in Nahtoderfahrungen zu entdecken sind. Dann werden sie auf die Liebe und die Einheit stoßen, und in der Folge wahrscheinlich ihren Lebensstil ändern. Aber es braucht Zeit, bis ausreichend viele wahrheitsgemäße Beobachtungen bekannt geworden sind. Ich glaube, das ist ein wichtiger Aspekt. 

Vielleicht wird das Thema auch nicht genug Aufmerksamkeit bekommen, dann werden wir einfach so weitermachen wie bisher. Aber ich glaube daran, dass wir uns künftig zum Besseren hin entwickeln, dass es mehr Respekt füreinander geben wird, dass wir die Art und Weise ändern werden, wie wir leben, dass wir beim Geldverdienen nicht nur an uns selbst, sondern auch an andere denken werden, dass wir Rücksicht nehmen werden auf das, was die Natur braucht, die Tierwelt, das Klima, was auch immer. Die Dinge werden so auf uns zurückwirken, dass wir schließlich umkehren werden.

Sie haben wunderbare Bücher geschrieben, die die Thematik Nahtoderfahrung sehr gut zusammenfassen. Sie halten Vorträge. Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

COPPES: Tatsächlich erscheint in Kürze ein Buch. Es heißt „Impressionen von Nahtoderfahrungen“. Das ist ein Buch, das ich zusammen mit der IANDS, der International Association for Near-Death Studies, in den USA veröffentliche. 

Ich mache das aber nicht für mich selbst. Ich fühle mich eher wie ein Missionar. Als Kind wollte ich nämlich Missionar werden, weil ich Christ war, katholisch. Es erschien mir sehr romantisch, in Afrika zu leben, von Eingeborenen bekocht zu werden und als Heiliger zu sterben. 

Aber jetzt ist mir klar, dass ich diese Erkenntnisse aus Nahtoderfahrungen vermitteln  möchte, weil sie für die Zukunft der Menschen wichtig sind, um ihr Leben besser zu machen. Nahtoderfahrungen geben den Menschen auch Hoffnung für ihr Leben. Denn sie zeigen, dass man gut genug ist, so wie man ist. Es gibt so viele Menschen, die denken, sie seien nicht gut genug. Aber jeder ist gut genug, so wie er ist. 

Viel Erfolg für Ihr neues Buch und herzlichen Dank für das Gespräch!