25. Februar 2024

Rache!

Attila

Oper in einem Prolog und drei Akten von Giuseppe Verdi

Libretto: Temistocle Solera (1815–1878)
Musik: Giuseppe Verdi (1813–1901)
Uraufführung: 17. März 1846, Venedig (Teatro La Fenice)
Dauer: ca. 2 Stunden

Akte:
Prolog: Der Hauptplatz von Aquileia; Der Rio Alto in den adriatischen Lagunen
1. Akt: Ein Wald in der Nähe Roms; In Attilas Zelt; Attilas Lager
2. Akt: Ezios Lager in der Nähe Roms; Attilas Lager
3. Akt: Ein Wald bei Attilas Lager

Hauptpersonen:
Attila,
König der Hunnen: Bass
Ezio, römischer Feldherr: Bariton
Odabella, Tochter des Herrschers von Aquileia: Sopran
Foresto, Ritter aus Aquileia: Tenor
Uldino, ein junger Diener Attilas: Tenor
Leone, Bischof von Rom (Leo der Große): Bass

Kurze Werkeinführung

„Attila“ ist die neunte Oper des italienischen Komponisten Giuseppe Verdi (1813–1901). Sie festigte durch ihren Erfolg seit der Uraufführung (1846) Verdis Ruf als herausragender Opernkomponist. Heute wird das Werk eher selten aufgeführt.

Das Libretto verfasste der italienische Dichter Temistocle Solera (1815–1878); es blieb jedoch auf Grund widriger äußerer Umstände unvollendet und wurde von Francesco Maria Piave (1810–1876), der für Verdi einige seiner erfolgreichsten Opern (zum Beispiel Rigoletto, La Traviata oder La forza del destino) textete, fertig gestellt.

Die Oper spielt Mitte des 5. Jahrhunderts in der Gegend der Stadt Aquileia und in der Nähe Roms. Im Mittelpunkt der Handlung steht Attila, König der Hunnen, eines asiatischen Reitervolks, das 452 in Italien einfiel und Aquileia zerstörte.

Attila wird in Verdis Oper, anders als in der historischen Überlieferung, als Heide dargestellt, der seinen Feldzug im Namen Wotans führt. Vertreter der alten germanischen Götter im Kampf gegen die christliche Welt …

Attilas Gegenspielerin ist in Verdis Oper die Tochter des getöteten Herrschers von Aquileia, Odabella. Sie beeindruckt den siegreichen Hunnenkönig durch Mut, Kampfbereitschaft und Schönheit, sinnt in Wirklichkeit aber auf Rache für ihren ermordeten Vater – die ihr schließlich auch gelingt.

Die Handlung

Kurz und gut …
Der Hunnenkönig in der Falle rächender Römer: Während er zugleich Gefahr läuft, überfallen und vergiftet zu werden, erdolcht ihn die Frau, die er heiraten wollte. 


Prolog: Der Hauptplatz von Aquileia

Der Hauptplatz der Stadt Aquileia ist ein Trümmerhaufen. Attila, der König der Hunnen, feiert mit seinen Soldaten die Eroberung der Stadt. Uldino, der in Attilas Diensten steht, führt seinem Herrn einige gefangene Frauen vor – „bewundernswerte Kämpferinnen“, die ihre Brüder verteidigt hätten und „ein würdiger Tribut für den König“ seien.

Attila findet besonders an der mutigen Odabella Gefallen. Sie ist die Tochter des bei der Eroberung getöteten Herrschers von Aquileia und macht keinen Hehl daraus, für ihren Vater Rache nehmen zu wollen. Italienische Frauen seien – im Gegensatz zu denjenigen der Hunnen – bereit, die Heimat an der Seite ihrer Brüder zu verteidigen.

Attila ist beeindruckt von ihrer Kühnheit – und auch von ihrem „edlen Gesicht“. Er gewährt ihr die Erfüllung eines Wunsches, und Odabella verlangt das Schwert zurück, das ihr im Kampf abgenommen worden war. Attila schenkt ihr großzügig sein eigenes – und die Tochter des ehemaligen Herrschers von Aquileia sieht darin ein Zeichen Gottes: Die „ruchlose Klinge“ dieses Schwertes werde sich einst in Attilas Brust bohren …

Für den Hunnenkönig steht nun ein Gespräch mit dem römischen Feldherrn Ezio an, der in sein Lager gekommen ist, um allein mit Attila zu verhandeln. Dieser schätzt den Gesandten Roms als großen, ihm ebenbürtigen Krieger. 

Ezio spielt mit offenen Karten und schlägt Attila eine Teilung der Macht vor: Der Kaiser von Konstantinopel sei alt und schwach, der in Rom regierende Valentinian noch ein Kind. Also könnte Attila das ganze römische Weltreich regieren – mit Ausnahme Italiens. Dieses sollte künftig von seiner – Ezios Hand – geführt werden.

Du sollst das Universum haben,
Doch Italien überlasse mir.

Attila aber hält nichts von einer solchen Machtaufteilung. Ezios Plan erscheint ihm unwürdig. Ein so feiges Volk solle „Wotans Geißel“ zu spüren bekommen! Attila ist entschlossen, auch Rom – und damit Italien – einzunehmen.

Der Rio Alto in den adriatischen Lagunen

Die Überlebenden aus der Schlacht von Aquilea, darunter der Ritter Foresto, sind auf ihrer Flucht während eines Sturms in den Lagunen der Adria eingelangt, die von gottesfürchtigen Einsiedlern bewohnt wird. Hier, „in dieser zauberhaften Gegend zwischen Himmel und Meer“, wollen sie eine neue Heimatstadt errichten:

Aus den Algen dieser Fluten
Wirst du gleich einem neuen Phönix
Erhabener und schöner auferstehen,
Zum Erstaunen von Erde und Meer!

Foresto soll die Aquileier künftig anführen. Der stolze Ritter trauert um sein Vaterland und besonders um seine Braut – Odabella. Er fürchtet, sie könnte nach dem verlorenen Kampf gegen die Hunnen ums Leben gekommen sein.

1. Akt: Ein Wald in der Nähe Roms

In einer hellen Mondnacht schleicht eine Gestalt, ein Barbar, durch den Wald. Attila hat hier, in der Nähe der Stadt Rom, sein Lager aufschlagen lassen. Bei dem Barbaren handelt es sich um Foresto. Er hat erfahren, dass seine Geliebte lebt und sich hier aufhält.

Odabella trauert um ihren Vater und sehnt sich nach Foresto, von dessen Schicksal sie nichts weiß. Als ihr Geliebter nun endlich vor ihr steht, eilt sie ihm zu – überglücklich, dass er noch lebt. Doch zunächst schlägt ihr von Foresto nur Ablehnung entgegen. Auf Grund ihrer Anwesenheit in Attilas Lager vermutet er, sie habe ihn und ihre Heimat verraten. 

Odabella gelingt es schließlich jedoch, Foresto vom Gegenteil zu überzeugen: Sie sehne sich nach Rache. Und wie Judith, die einst Israel errettet hatte, werde auch sie ihre Rache ausführen.

Der brennenden Wunsch, Attila zur Strecke zu bringen, vereint Odabella und Foresto noch inniger:

Oh, berausche dich in der Umarmung,
Unermessliches, grenzenloses Glück!
In diesem Augenblick, der uns vergönnt ist,
Vergeht der erlittene Schmerz!
Ah! Hier fliessen die Leben
Zweier Unglücklicher zusammen …
Eine Hoffnung, ein einziger Wunsch
Belebt uns und spendet uns Trost.

In Attilas Zelt

Uldino schläft in Attlilas Zelt, der Hunnenkönig selbst ist hinter einem Vorhang in seinem Bett eingeschlafen und fährt nun aus einem Albtraum hoch. Er sei vor den Toren Roms gestanden, erzählt er seinem Diener, dann aber von einem machtvollen Greis gepackt worden, der ihn daran gehindert habe, in die Stadt zu ziehen. Seine Hand am Schwert und die Seele in seiner Brust seien plötzlich erstarrt.

Was er denn nun, nach diesem Traum, zu tun gedenke, will Uldino von seinem Herrn wissen – ihn hatte schon Attilas Erzählung schaudern lassen.

Der Hunnenkönig erlangt schnell seine Fassung wieder – und mit noch größerer Entschlossenheit befiehlt er nun seinem Heer – im Namen Wotans – den Aufbruch nach Rom. Der Chor der Krieger freut sich über den Marschbefehl:

Ruhm sei Wotan.
Beim Trompetenstoß, der uns
Zu blutigen Taten ruft,
Sind deine Getreuen jederzeit bereit.
Ruhm sei Wotan.

Schon ertönen Attilas Kriegstrompeten. Doch da erklingen in der Ferne, wie ein Echo, ungewohnte Stimmen. Eine Prozession von Frauen und Kindern nähert sich in weißen Gewändern.

Attilas Lager

In Attilas Lager vermischen sich die bewaffneten Truppen bald mit Menschen, die Palmzweige tragen und singend die Schöpfung preisen – angeführt von Papst Leone und sechs Ältesten. Auch Foresto und Odabella sind in der Menge.

Und erschüttert erkennt Attila im Bischof von Rom den mächtigen Alten aus seinem Traum wieder. Papst Leone spricht sogar die gleichen mahnenden Worte, die der Hunnenkönig nachts vernommen hatte: „Weiche zurück!“

Gleichzeitig meint Attila am Himmel zwei Riesen mit drohenden, flammenden Schwertern zu erkennen. Entsetzt sinkt er zum Erstaunen der Hunnen zu Boden – während die Christen frohlocken und Gott preisen:

Oh, sieh die Macht des Ewigen!
Ein Hirtenknabe besiegte Goliath,
Eine demütige Jungfrau brachte den
Menschen Heil, Unbekannte haben den
Glauben verbreitet …
Und nun weicht der König der Gottlosen
Vor einer gottesfürchtigen, frommen Menge zurück!

2. Akt: Ezios Lager in der Nähe Roms

Der römische Feldherr Ezio hat in unmittelbarer Nähe der Stadt sein Lager aufgeschlagen – bereit, mit seinem Heer gegen Attila zu ziehen. Doch nun erreicht ihn eine Nachricht von Kaiser Valentinian. Der junge Herrscher befiehlt ihm, nach Rom zurückzukehren. Er habe mit Attila einen Waffenstillstand vereinbart. Ezio ist empört – und entschlossen, sich dem Kaiser, der sich feig und unterwürfig verhalte, zu widersetzen:

Gekrönter Knabe, rufst du mich zurück?
Nun gut, mehr als die Heere des Barbaren
Sollst du die meinen fürchten!
Wird sich ein tapferer, erfahrener Krieger je
vor einem feigen, unterwürfigen Sklaven beugen?

In seiner Absicht, trotz des kaiserlichen Befehls gegen den Hunnenkönig anzutreten, findet Ezio einen Verbündeten: Foresto. Dessen Plan ist es, die Hunnen während des anstehenden Festmahls zur Feier des Waffenstillstandes zu überfallen. Die römischen Truppen sollten bei dieser Gelegenheit „wie wilde Tiere über die verwirrte Menge hereinbrechen“ …

Ezio ist bereit, diesen Plan zu unterstützen: „Ich lasse dich nicht im Stich, ich werde zu beobachten und zu handeln wissen.“

Attilas Lager

In Attilas Lager kommt das prächtiges Festmahl in Gang. Trompeten verkünden die Ankunft der Römer. Der Hunnenkönig glaubt sich durch das Einlenken des römischen Kaisers am Ziel seiner Eroberung und schlägt alle Warnungen der Druiden, er solle sich mit den ehemaligen Feinden nicht an einen Tisch setzen, in den Wind. Jetzt soll gesungen, getanzt, gefeiert werden!

Als jedoch ein heftiger Windstoß die meisten Feuer, die das Bankett beleuchten, auslöscht, durchfährt die Runde großer Schrecken. Foresto läuft zu Odabella, und Ezio sucht Attila auf – um die unruhige Stimmung für einen letzten Versuch zu nutzen, den Hunnenkönig für seinen Plan zur Teilung der Macht zwischen den Heerführern zu gewinnen: „Verschmähe nicht die Hand des gestandenen Kriegers. Entscheide dich. Bald wird es keine Gelegenheit mehr geben!“

Attila lässt sich von Ezios Drohung nicht einschüchtern: „Du reizt mich, o Römer. Glaubst du, der Wind flöße mir Furcht ein? Wolken und Stürme machen meine Feste erst heiter!“, sagt er und gibt Befehl, „die Eichen wieder anzuzünden“ und wieder zu tanzen, zu spielen.

Foresto hat Odabella indes anvertraut, dass Attila in den nächsten Minuten sterben werde – durch einen Becher mit vergiftetem Wein.

Als nun Uldino seinem Herrn nun den Becher reicht und dieser ihn mit den Worten „Ich trinke auf dich, großer Wotan“ an den Mund führt, ruft Odabellas laut: „König, halte ein, es ist Gift!“

Wütend will Attila wissen, wer diesen Anschlag auf sein Leben geplant habe – und Foresto gibt sich entschlossen zu erkennen. Die Aussicht, dass der Hunnenkönig ihn nun töten könnte, schreckt ihn nicht.

Odabella, die Attila als Amazone an seiner Seite betrachtet, verlangt, über das Schicksal des Attentäters entscheiden zu können. Schließlich sei sie es gewesen, die den Mord verhindert habe. 

Attila willigt ein – und stellt ihr als „würdige Belohnung“ in Aussicht, seine Frau zu werden: „Morgen wirst du vom Volk als Braut des Königs begrüßt werden.“

Daraufhin drängt Odabella Foresto, ihren Geliebten, „mit verhaltenem Ungestüm“ zur Flucht:

Verachte mich, verdamme mich,
Sag, dass ich schändlich und
Niederträchtig bin …
Doch ach, fliehe … Morgen früh
Wirst du mir gänzlich verzeihen.

Bitter enttäuscht von seiner Geliebten zieht sich Foresto zurück, „um allein bis zum Tag der Rache zu leben.“

Er ahnt nicht, dass Odabella seinen Anschlag nur deshalb verhindert hat, weil sie selbst Rache üben will. Attila soll durch ihre und nur durch ihre Hand sterben!

Indes fordern Attilas Krieger ihren König auf, „zu Blut und Feuer“ zurückzukehren. Der Anschlag müsse gerächt, die Römer, diese „Horde von Verrätern“ müssten vernichtet werden!

3. Akt: Ein Wald bei Attilas Lager

In einem Wald nahe Attilas Lager erwartet Foresto Uldino, um von ihm mehr über Attilas Hochzeit mit Odabella zu erfahren, die an diesem Tag stattfinden soll. Der Diener berichtet ihm, dass „der fröhliche Zug, der die Braut zu Attilas Zelt geleitet“ bereits auf dem Weg sei.

Foresto leidet bitter unter Odabellas vermeintlichem Verrat und beklagt, dass sie sich Attilas Wünschen hingegeben habe. 

Ezio gibt Bescheid, dass seine Truppen bereit sind zuzuschlagen: „Sie werden wie Blitzschläge über das schändliche Ungeheuer herfallen.“ Die Hochzeitshymne werde für Attila und die Hunnen zum Grabgesang werden.

Da geschieht etwas Unerwartetes: Odabella ist, bereits für die Hochzeit geschmückt, aus dem Lager Attilas geflohen. Sie stürzt auf Foresto zu und versichert, dass ihre Liebe nur ihm gelte: „Dich, nur dich allein liebt meine Seele mit unermeßlicher Liebe.“

Attila ist seiner Braut gefolgt und findet sie nun in Forestos Armen. Schnell wird ihm klar, dass Odabella für ihn nichts übrig hat, dass sie an der Seite „des Verräters, dem ich das Leben schenkte“ steht, und dass auch Ezio zu Forestos Verbündetem wurde.

Wütend schwört Attila blutige Rache, da ertönt heftiger Lärm aus der Ferne: Die Römer haben sein Lager angegriffen. Schon stürmen Soldaten auch auf Attila zu, Foresto will den Hunnenkönig töten, doch Odabella kommt ihm zuvor. Mit den Worten: „Vater! Ach, Vater, ich opfere ihn dir!“ sticht sie Attila eine Klinge ins Herz. 

Und alle stimmen in den Jubel ein:

Gott, Völker und Könige
Sind vollständig gerächt!


Hinweise:
Alle Zitate aus dem Libretto lt. „Opera Guide/Opernführer“
Titelfoto © ORF/ZDF/Monika Rittersaals (aus einer Aufführung im „Theater an der Wien“, 2013)