25. September 2022

Sterbendes Gehirn – sterbendes Bewusstsein?

Eine im Februar 2022 veröffentlichte Studie beschreibt erstmals, welche Veränderungen sich im Gehirn eines sterbenden Menschen zeigen. Um den Todeszeitpunkt konnten rhythmische Hirnwellenmuster dokumentiert werden, die denen ähneln, die während des Aufrufs von Erinnerungen oder während des Träumens auftreten. Diese Beobachtungen gelten nun als mögliche Erklärung dafür, dass es im Rahmen von Nahtoderfahrungen (NTE) zu einer Lebensrückschau kommt. Und sie werden außerdem als Beleg dafür gehandelt, dass NTE vom Gehirn konstruiert werden und also kein Hinweis auf ein Weiterleben nach dem Tod sind. Das Bewusstsein stirbt demnach mit dem Gehirn. Sind solche Schlussfolgerungen zulässig?

Die letzten Sekunden im Leben eines 87-Jährigen

Es ist schwer zu dokumentieren, was beim Tod eines Menschen im Gehirn wirklich passiert. Denn es müsste just zum Todeszeitpunkt eine Elektroenzephalographie (EEG) durchgeführt werden, die Einblicke in die Gehirntätigkeit gibt.

Umso größere Aufmerksamkeit erregte der Fall eines 87-jährigen Patienten, bei dem es glückliche Umstände erlaubten, den Todeszeitpunkt mittels EEG zu dokumentieren.

Der alte Mann hatte einen Sturz erlitten, was zu zwei Blutungen zwischen Hirnhaut und Gehirn geführt hatte.

Eines der Hämatome konnte behandelt werden, aber nach zwei Tagen verschlechterte sich der Zustand des Patienten, er entwickelte Epilepsien. Um die Anfälle behandeln zu können, setzten Dr. Raul Vincente und seine Kollegen von der Universität Tartu (Estland) ein kontinuierliches EEG ein. Während der Aufzeichnungen traten Herzrhythmusstörungen auf, das Gehirn wurde schlecht versorgt, schließlich starb der Patient an einem Infarkt und wurde – seinem eigenen Wunsch folgend – nicht reanimiert.

Das EEG zeichnete also – soweit bekannt, zum ersten Mal – die Aktivität eines sterbenden menschlichen Gehirns auf, und zwar insgesamt 30 Sekunden über den Todeszeitpunkt hinaus.

Dabei zeigten sich kurz bevor und nachdem das Herz aufhörte zu schlagen, ähnliche Muster rhythmischer Gehirnaktivität, wie sie normalerweise bei Träumen, während einer Meditation oder auch bei Erinnerungs-Flashbacks auftreten.

Dr. Ajmal Zemmar, Neurochirurg an der Universität von Louisville (USA), der die Studie organisierte, spekuliert, die Daten würden möglicherweise zeigen, dass das Gehirn kurz vor dem Tod letzte Erinnerungen an wichtige Lebensereignisse abrufe, „ähnlich wie bei Nahtoderfahrungen“. Er meint: „Diese Erkenntnisse stellen unser Verständnis davon in Frage, wann genau das Leben endet, und werfen wichtige Folgefragen auf, etwa in Bezug auf den Zeitpunkt der Organspende.“

Außerdem sehen die Wissenschaftler Hinweise darauf, dass das Gehirn während des Todes eine biologische Reaktion organisiert, die nicht nur beim Menschen, sondern auch bei Tieren zu beobachten ist. Zu dieser Vermutung tragen Forschungsergebnisse bei, die bei Versuchen mit Ratten gewonnen wurden. Bei den Nagern traten unter kontrollierten Laborbedingungen in den ersten 10 bis 30 Sekunden nach Herzstillstand ähnliche EEG-Veränderungen auf, also Kopplungen zwischen Alpha- und Gammawellen, wie sie beim Abrufen von Erinnerungen beobachtbar sind. Demnach könnten auch Tiere zum Todeszeitpunkt einen „Recall of Life“, also eine Lebensrückschau erleben.

Das Fazit von Dr. Zemmar, der nun weitere Fälle untersuchen will, ist die Hoffnung, dass der Tod nichts Schlimmes ist: „Etwas, das wir aus dieser Forschung lernen können, ist: Auch wenn unsere Lieben ihre Augen geschlossen haben und bereit sind, uns zur Ruhe kommen zu lassen, spielt ihr Gehirn vielleicht einige der schönsten Momente, die sie in ihrem Leben erlebt haben, noch einmal ab.“

Keine Erklärung für Nahtoderfahrungen

Darin mag man einen gewissen Trost sehen. Allerdings hat die Studie zugleich viele Menschen, die keinem materialistischen Weltbild anhängen, verunsichert. Werden Nahtoderfahrungen also vom (sterbenden) Gehirn produziert? Sind sie doch kein Hinweis auf ein Leben nach dem Tod?

Tatsächlich ist die Wissenschaft mit dieser Studie zu den letzten Sekunden im Leben eines 87-jährigen der Erklärung von Nahtoderfahrungen nicht wirklich näher gekommen. Die Annahme, dass NTE auf ein Weiterleben nach dem Tod hinweisen, also die „Überlebenshypothese“, hat noch ebenso viel Berechtigung wie vor dieser Untersuchung.

Denn zunächst einmal wurde nichts anderes festgestellt, als dass es Zusammenhänge zwischen Bewusstseinszuständen und Gehirnaktivitäten gibt. Das ist nicht neu, wir wissen das beispielsweise auch auf Grund von Krankheitsbildern (etwa Demenz).

Die Grundfrage aber war und ist, ob das Gehirn Bewusstsein produziert oder nur vermittelt. Denn in beiden Fällen wäre es möglich, von der Gehirnaktivität auf bestimmte Bewusstseinszustände zu schließen. 

Die Studie liefert keine Daten und Fakten, um diese Frage beantworten zu können.

Dazu kommt die Schwierigkeit, dass der dokumentierte Fall des 87-Jährigen keine ideale Ausgangslage für allgemeine Schlussfolgerungen bietet. 

Der Schweizer Sterbeforscher Dr. Reto Eberhard, der sich eingehend mit der Studie befasst hat, weist auf die außergewöhnliche medizinische Situation hin: „Das Gehirn war bereits verletzt, der Patient delirgefährdet und damit mediziert, zudem traten mehrere Epilepsien auf, wobei man wiederum Antiepileptika einsetzte. Schließlich trat der Tod sogar aus einer Epilepsie auf. Man hatte also kein Baseline-EEG vor Todeseintritt.“

Parallelen „zwischen den Beobachtungen bei sterbenden Nagern und nun einem Menschen“ ließen sich zwar erkennen, „daraus aber abzuleiten oder zu hoffen, dass man dem Phänomen der NTE irgendwie auf den Pelz gerückt sei, ist vollkommen unbegründet. Denn dass im Hirn beim Sterbeprozess eine Veränderung vorgehen muss, ist klar. Das wurde nun beobachtet. Aber machen Nager deswegen auch eine hochkomplexe NTE durch, weil sie dieselben Muster wie die Menschen zeigen? Wohl kaum.“

Außerdem weist Dr. Eberhard darauf hin, dass Nahtoderfahrungen erfahrungsgemäß auch im hellwachen Zustand stattfinden können, ausgelöst beispielsweise durch eine lebensbedrohlich erscheinende Situation, etwa dem Sturz von einem Berg: „Es ist ja nicht anzunehmen, dass das EEG eines abstürzenden, aber unverletzten Menschen, der dabei eine NTE macht, zu demjenigen eines Sterbenden passt. Somit ist ein Zusammenhang zwischen den EEG-Veränderungen eines sterbenden Gehirns und einer NTE bereits nicht mehr gegeben, da NTE bei beiden Hirnzuständen auftreten.“

Es sei also nicht einmal eine Korrelation zwischen Nahtoderfahrungen und den Prozessen eines sterbenden Gehirns feststellbar, „was eigentlich das Mindeste wäre, um von einer möglichen Erklärung sprechen zu können“.

Auch andere Kernfragen, die durch eine wirkliche Erklärung für NTE beantwortet werden müssten, werden von der Studie nicht berührt. Etwa, aus welchem Grund es zum Todeszeitpunkt zu hochkomplexen Erfahrungen kommt, welcher biologische Vorteil darin liegen könnte.

Dr. Eberhard weist zudem darauf hin, dass die meisten Nahtoderlebnisse Erfahrungen beinhalten, die als „paranormal“ bezeichnet werden: „Dazu zählen verifizierbare ausserkörperliche Erfahrungen, veränderte Sinneswahrnehmungen wie Rundumsicht, Telepathie, verändertes Farbspektrum, Telekinese, massiv beschleunigtes Denken, Peak in Darien Phänomene und so weiter.“ 

Alles bleibt eine Frage des Weltbildes

Die erste Studie zu den Veränderungen im Gehirn eines sterbenden Menschen ist ohne Zweifel wertvoll. Sie weist auf besondere Bewusstseinszustände während des Sterbeprozesses hin und ist damit vielleicht indirekt auch eine Bestätigung für die Realität von Nahtoderfahrungen. Doch sie bietet keine Erklärung für NTE, auch wenn sie von Vertretern des Naturalismus vielleicht so interpretiert wird.

Dem in der Wissenschaft verbreiteten naturalistischen Weltbild zufolge ist Bewusstsein nichts anderes als ein Produkt der Gehirnaktivität. Aber auch wenn derzeit niemand versteht, wie aus neuronalen Aktivitäten unsere „Innenwelt“ entstehen soll, also unsere Erlebnis-, Empfindungs- und Erkenntnisfähigkeit, werden Alternativen zu dieser „Erzeugungshypothese“ (mehr als eine Hypothese ist es tatsächlich nicht) kaum ernsthaft in Betracht gezogen.

Eine Alternative zum Naturalismus bietet die Annahme, dass Bewusstsein nicht aus Materie (dem Gehirn) entsteht, sondern umgekehrt die Grundlage für alles ist, und dass es in seinem Wesen immaterieller Natur ist. 

Diese Annahme erlaubt die Vermutung, dass Bewusstsein auch ohne den Körper, also auch über den Tod hinaus, bestehen kann und vom Gehirn nur vermittelt wird („Transmissionshypothese“).

Die paranormalen Aspekte von Nahtoderfahrungen, aber auch einfach die Tatsache, dass es solche komplexen Erlebnisse überhaupt gibt, obwohl darin kein evolutionärer Vorteil liegt, sprechen meines Erachtens eher für nicht materialistische Erklärungsmodelle.