18. April 2021

Wenn eine Schlafwandlerin nachts durchs Fenster steigt …

La Sonnambula (Die Schlafwandlerin)

• Oper in zwei Akten von Vincenzo Bellini 

Libretto: Felice Romani (1788–1865) 
Musik: Vincenzo Bellini (1801–1835) 
Uraufführung: 6. März 1831, Mailand (Teatro Carzano) 
Dauer: ca. 2,5 Stunden

Akte:
1. Dorfplatz vor einer Mühle; Zimmer in einem Gasthaus
2. Ein Wald; Dorfplatz vor einer Mühle

Hauptpersonen:
Teresa,
eine Müllerin: Mezzo-Sopran
Amina, Adoptivtochter Teresas, verlobt mit Elvino: Sopran
Elvino, ein reicher Gundbesitzer, verlobt mit Amina: Tenor
Graf Rodolfo, Feudalherr des Ortes: Bass
Lisa, eine Wirtin: Sopran
Alessio, ein Dorfbewohner: Bass
Ein Notar: Tenor

Kurze Werkeinführung

„La Sonnambula“ zählt zu den bekanntesten und erfolgreichsten Opern des jung verstorbenen italienischen Komponisten Vincenzo Bellini (1801–1835). Nach seiner erfolgreichen Uraufführung in Mailand (6. März 1831, Teatro Carzano) wurde das Werk bald in ganz Europa und auch in New York gezeigt. Es steht auch heute noch auf den internationalen Opern-Spielplänen.

Bellini komponierte „La Sonnambula“ innerhalb von nur zwei Monaten. Für die Textdichtung sorgte der viel beschäftige Librettist Felice Romani (1788–1865), aus dessen Feder unter anderem auch die Oper „Der Liebestrank“ stammte.

Ort der Handlung ist ein Schweizer Dorf im frühen 19. Jahrhundert. Die Dorfeinwohner (und das Opernpublikum) werden Zeugen einer dramatischen Eifersuchts-Eruption, die sich ausgerechnet kurz vor der Hochzeit des verliebt-verlobten Paares Amnia und Elvino ereignet.

Die Handlung

Kurz und gut …

Wenn eine glücklich verlobte junge Dame in der Nacht vor der Hochzeit schlafwandelnd durchs Fenster ins Zimmer eines reichen Fremden steigt und weiters ihr Verlobter keine psychologischen Vorkenntnisse hat sowie zur Eifersucht neigt, gefährdet das die geplante Zeremonie.

1. Akt: Dorfplatz vor einer Mühle

Auf dem Dorfplatz vor Teresas Mühle haben sich die Bauern versammelt. Ein freudiges Ereignis steht bevor: Amina, die hübsche Adoptivtochter der Müllerin, wird heiraten. Die Dorfleute kommen mit ihren Instrumenten und Blumenkörben von den Hügeln ringsum herab, um das große Fest vorzubereiten.

Die einzige, die Probleme mit der allgemeinen Feierlaune hat, ist Lisa, die Dorfwirtin. Denn sie ist seit langem just in den Mann verliebt, der Amina heiraten wird. Der reiche Grundbesitzer Elvino wäre wirklich eine gute Partie gewesen, und jetzt bleibt ihr nichts übrig, als gute Miene zum „bösen Spiel“ zu machen. Dass sie ohnehin einen Liebhaber hat, der heftig um sie wirbt – Alessio –, tröstet Lisa auch nicht.

Bald danach trifft der Notar auf dem Dorfplatz ein, um die Eheschließung vorzubereiten. Amina und Elvino unterzeichnen für ihre Verlobung, auch Teresa unterschreibt als Zeugin, und Elvino überreicht seiner künftigen Frau einen Ring, der seiner verstorbenen Mutter gehörte:

Nimm ihn: ich gebe dir den Ring,
den einst zum Altar die gute,
teure Seele brachte,
die unsere Liebe segnet.
Heilig sei dir dies Geschenk
wie es auch ihr heilig war;
dein und mein Gelübde soll es
treu und ewiglich hüten.

Somit ist für die Hochzeit alles vorbereitet. Am kommenden Tag wollen Amina und Elvino vor den Traualtar treten.

Doch in dem Moment erregt ein Fremder, der sich dem Dorfplatz in Begleitung von zwei Reitern nähert, die Aufmerksamkeit der bäuerlichen Gemeinschaft. Es handelt sich um Graf Rodolfo, der hier seine Jugend verbracht hatte, dann aber viele Jahre fort war. Nun kehrt er als Feudalherr zu seinem Schloss zurück, will sich aber noch nicht zu erkennen geben.

Nachdem Rodolfo von den Bauern den Grund für die Festversammlung erfahren hat, nämlich dass „Hochzeit gehalten“ wird, und er die Braut, Amina, eingehend begutachtet hat, bringt er sofort seine Bewunderung für ihre Schönheit zum Ausdruck – sehr zum Missfallen Elvinos allerdings, in dem sofort die Eifersucht hochkocht.

Da ertönt die Schalmei des Hirten, der seine Herde ruft. Die Nacht naht, und Teresa mahnt zur Heimkehr. Mit geheimnisvollen Worten mahnt die Müllerin, dass nun „die Stunde sich naht, in der das schreckliche Gespenst erscheint …“

Graf Rodolfo hält nichts von einem solchen „Gespinst des blinden Aberglaubens“, erfährt nun aber, dass offenbar alle Dorfbewohner es bereits gesehen haben:

Wenn es Finster und schon Nacht ist
und die schwachen Strahlen des Mondes leuchten,
erscheint auf dem Berg
unter düstrem, fernen Donner ein Gespenst,
und steigt ins Tal herab.
Gehüllt in ein weißes Bettlaken,
und wirrem Haar und brennendem Auge,
wie ein dichter Nebel, den der Wind bewegt,
kommt es näher, wird größer und riesengroß.

Selbst die Hunde würden sich vor dieser Erscheinung fürchten, bezeugen die Dorfbewohner. 

Graf Rodolfo bleibt skeptisch, aber die Geschichte über dieses Gespenst hat ihn neugierig gemacht („Ich will es sehen, früher oder später, muss entdecken, was es tut!“).

Jetzt aber wolle er sich einmal ausruhen – in Lisas Gaststube, „wenn es die schöne Gastwirtin mir erlaubt.“

Rodolfo verabschiedet sich charmant von Amina („Leb wohl, holdes Mädchen; bis auf morgen! Möge dich dein Gatte lieben, wie ich dich lieben könnte“), bringt Elvino damit nochmals in Rage („Niemand liebt sie so sehr wie ich!“) – und begibt sich zur Ruhe.

Und auch Amina und Elvino trennen sich für die letzte Nacht vor ihrer Hochzeit, einander ihre Liebe beteuernd: „Selbst im Schlaf soll dich mein Herz erblicken, leb wohl!“

Zimmer in einem Gasthaus

Rodolfo hat es sich soeben in seinem Zimmer in Lisas Gasthaus eingerichtet, als es an der Tür klopft. 

Die Wirtin tritt ein und erkundigt sich, ob „der Graf“ zufrieden ist. Da wird Rodolfo klar, dass er („Zum Teufel!“) bereits erkannt wurde. Aber – kein Problem. Er fühlt sich wohl in dieser Dorfgemeinschaft („die Männer höflich, und vor allem die Damen so liebenswert!“), und auch Lisa gefällt ihm. 

Doch sein charmantes Geplauder („Du bist schön, Lisa, wirklich schön!“) wird jäh von Lärm unterbrochen, der von draußen durch das Fenster ins Gastzimmer tönt. 

Lisa verabschiedet sich rasch. Sie will nicht gemeinsam mit ihrem vornehmen Gast gesehen werden, verschwindet in einer Kammer, verliert dabei in der Eile aber ein Taschentuch, das Rodolfo aufhebt und auf das Sofa legt.

Und dann öffnet sich plötzlich das Fenster, und eine Gestalt in weißem Gewand steigt in das Gastzimmer. Rodolfo erkennt sofort, wer das „Gespenst“ ist und was hier vor sich geht: Es ist Amina – und sie wandelt im Schlaf. 

Amüsiert beobachtet Rodolfo, wie das hübsche Mädchen dabei lächelt und heiter von ihrer Hochzeit mit Elvino träumt. Er beschließt, sie nicht zu wecken – und auch der Versuchung zu widerstehen, die dieser Augenblick für ihn bedeutet. 

Lisa beobachtet aus ihrer Kammer ebenfalls die Szene – begreift aber nicht, was wirklich vor sich geht, dass Amina eine Schlafwandlerin ist, die hier von Elvino träumt („Umarme mich … O unbeschreibliches Glück … Endlich bist Du mein!“), während sie Rodolfo gegenüber steht. 

Lisa hält Amina für eine Verräterin. Aber vielleicht ist das im Hinblick auf ihre eigenen Gefühle für Elvino ja gar nicht so schlecht …

Inzwischen hat sich die Dorfgemeinschaft dem Gasthaus genähert – in der Absicht, den nun von allen als Graf erkennten Fremden willkommen zu heißen („Die Huldigung des Dorfes wird ihn nicht verdrießen.“). Da die Türe offen steht, treten die Bauen ein – mit ihnen auch Elvino und Teresa – und finden in Rodolfos Zimmer die weiß bekleidete Frau vor. Und es dauert nicht lange, bis Amina erkannt wird.

Durch den Aufruhr erwacht die Schlafwandlerin und erblickt beglückt ihren Geliebten, von dem sie gerade so schön geträumt hatte. Elvino aber stößt sie von sich („Hinweg! Eidbrüchige!“) Er ist von der Untreue seiner Verlobten überzeugt und entschlossen, die Hochzeit platzen zu lassen. Die entrüstete Dorfgemeinschaft stimmt ihm zu: Der Verrat sei „klar und offensichtlich“.

Amina begreift nicht, was eigentlich geschehen ist („Was hab ich nur getan?“). Nur Teresa bleibt als Mutter an ihrer Seite, als alle anderen wütend den Gastraum verlassen. 

Auf dem Sofa entdeckt sie Lisas Taschentuch und nimmt es, einer Ahnung folgend, mit.

2. Akt: Ein Wald

Den Dorfbewohnern tut Amina inzwischen Leid. War die Arme nicht eben noch „der Stolz des Dorfs“ gewesen, „von jedem Nachbarsdorf begehrt?“ Sie sind unterwegs zu Rodolfos Schloss und hoffen, dass der Graf Aminas Unschuld bezeugen oder wenigstens für sie eintreten könnte …

Auch Amina und Teresa hoffen darauf, dass alles sich doch in Wohlgefallen lösen könnte. Sie wollen mit Elvino sprechen und treffen ihn in der Nähe seines Gutshofs. Er aber lässt die beiden kaum zu Wort kommen, schenkt Aminas Unschuldsbeteuerungen keinen Glauben und fühlt sich verraten:

Hinweg … Undankbare!
Weide deine Augen und labe deine Seele
an meinem masslosen Kummer:
Ich bin der Unglücklichste aller Menschen,
Grausame, und ich bin es wegen dir.

Als dann auch noch die Dorfbewohner bei ihm auftauchen und ankündigen, dass der Graf bereits auf dem Weg sei, um Aminas Unschuld und Ehrbarkeit zu bezeugen, wird Elvino nur noch zorniger. Er reißt seiner Verlobten den Ring vom Finger und zieht sich dann verzweifelt und verbittert zurück. 

Teresa muss ihre Tochter stützen. Sie droht aus Kummer zusammenzubrechen.

Dorfplatz vor einer Mühle

Alessio, der unermüdlich in die Dorfwirtin verliebte Bauer, will „seine“ Lisa vor dem Schritt abhalten, den sie geplant hat. Nun plötzlich Elvino das Jawort zu geben, einem Mann, der sie nur aus Kränkung heiraten wolle, das würde sie nicht glücklich machen. In Kürze werde Aminas Aufrichtigkeit außer Zweifel stehen …

Doch Lisa weist Alessio kalt zurück. Er sei ihr nur lästig, und Elvino, mit dem sie alte Bande verbinden, sei immer noch besser für sie als ein Dummkopf wie er.

Kurz danach bestätigt Elvino der Wirtin tatsächlich, dass seine Absichten ernst seien: „Ja, Lisa. Lass uns das schöne Band von früher wieder knüpfen: Verzeih einem von erlogener Tugend verführten Herzen, es gelöst zu haben.“ Lisa solle mit ihm kommen, drängt Elvino, in der Kirche werde das „heilige Fest“ der Trauung bereits vorbereitet.

Doch in diesem Augenblick erscheint Graf Rodolfo, um öffentlich für „Aminas Tugend und ihre Ehre“ zu bürgen. Ja, sie sei zwar in seinem Zimmer gewesen, „doch trat sie nicht wach ein.“ Und Rodolfo erklärt der erstaunten Dorfgemeinde das Phänomen:

Es gibt Leute, die schlafend
umhergehen, als wären sie wach.
Sie sprechen und antworten,
wenn man sie fragt,
man nennt sie Schlafwandler,
weil sie schlafen und gehen.

Elvino aber glaubt dem Grafen nicht. Der Grund für solche „Ausflüchte“ liege doch auf der Hand. Auch die Dorfgemeinschaft bleibt skeptisch und stimmt ein zunehmend lautes Raunen an: „Solche Märchen glauben wir nicht. Jemand, der schläft und umhergeht! Nein, das gibt es nicht, das kann nicht sein.“

Inzwischen hat Teresa, die Müllerin, den Dorfplatz erreicht, um alle um Ruhe und Rücksichtnahme zu bitten. Amina sei „nach all den Tränen“ völlig erschöpft, sie schlafe jetzt endlich und solle nicht geweckt werden. 

Als sie Elvino und Lisa sieht, will Teresa von den beiden wissen, wohin sie „in dieser Aufmachung“ denn unterwegs seien. Er wolle heiraten, antwortet Elvino, und seine Braut sei nun Lisa. Die Wirtin bekräftigt:

Ja, und ich verdiene es: Ich wurde nie
allein erwischt, bei Nacht,
noch fand man mich eingeschlossen
im Zimmer eines Herrn.

Lisas Antwort macht Teresa wütend. Sie zieht nun das Taschentuch hervor, das sie im Zimmer Rodolfos gefunden hatte und weist auf die Wirtin: Wem es gehört, „soll ihre Schamröte zeigen“. 

Enttäuscht lässt Elvino Lisas Hand aus der seinen gleiten:

Auch Lisa eine Lügnerin!
Schuldig desselben Vergehens!
Die Liebe ist erloschen auf der Welt,
es gibt keine Treue, keine Ehre mehr.

Rodolfo versucht nun erneut, auf den Enttäuschten einzuwirken und ihn von Aminas Unschuld zu überzeugen. Und gerade als Elvino von dem Grafen einen Beweis für seine Geschichte verlangt, erscheint Amina schlafwandelnd auf einem Dach … immer noch von Elvino träumend: „Oh! Könnte ich ihn nur ein einziges Mal wiedersehen, bevor er eine andere zum Traualtar führt!“

Alle schweigen betroffen. Und schmerzerfüllt erkennt Elvino, wie sehr er seine unschuldige Verlobte verletzt hatte. Er eilt zu ihr, steckt ihr den Verlobungsring wieder an, Amina erwacht, erblickt ihren Geliebten, ist aber zunächst der Überzeugung, immer noch zu träumen („Ach bitte, weckt mich nicht auf!“)

Schließlich aber erkennt sie, dass das alles doch kein Traum mehr ist – und sie folgt ihrem Elvino freudig zur Kirche …

Ende gut, alles gut.

Anmerkungen:
Das Titelbild zeigt „La Sonnambula“ in einer Produktion der Kgl. Oper der Wallonie zu Lüttich, 2020 (Foto: Teatri dell´Est)
Zitate aus dem Libretto lt.
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