24. November 2020

„Man respektiere des Erblassers letzten Willen!“

Gianni Schicchi

• Oper in einem Akt von Giacomo Puccini

Libretto: Giovacchino Forzano (1884–1970) • 
Musik: Giacomo Puccini (1858–1924) • 
Uraufführung: 14. Dezember 1918, New York (Metropolitan Opera) • 
Dauer: ca. 1 Stunde

Aufzug:
Ein Haus in Florenz im Jahr 1299

Hauptpersonen:
Gianni Schicchi:
 Bariton
Lauretta, Gianni Schicchis Tochter: Sopran
Zita, die Nichte des verstorbenen Buoso, genannt „Die Alte“: Alt
Rinuccio, Zitas Neffe: Tenor
Meister Spinelloccio, ein Arzt: Bass
Meister Amantio di Nicolao, ein Notar: Bariton

Kurze Werkeinführung

„Gianni Schicchi“ bildet den Abschluss in einer Trilogie von einaktigen Opern, die der italienische Komponist Giacomo Puccinis unter dem Titel „Trittico“ veröffentlichte. Nach dem tragischen Stück „Il tabarro (Der Mantel)“ und der lyrischen Oper „Suor Angelica (Schwester Angelica)“ sorgte Puccini den der Komödie „Gianni Schicchi“ für einen heiteren Abschluss.

Die Oper spielt im Florenz des Jahres 1299, im Haus des soeben verstorbenen Buoso Donati, dessen Verwandtschaft sich von dem Familienoberhaupt ein reiches Erbe erwartet. Doch der gute Buoso sorgt für eine herbe Enttäuschung – er hat seinen gesamten Besitz einem Kloster vermacht. Die Enttäuschten finden einen Ausweg – jenseits der Legalität.

Das von dem italienischen Textdichter und Regisseur Giovacchino Forzano (1884–1970) verfasste Libretto zählt zu den besten Texten im italienischen Opernrepertoire. 

Die Uraufführung von „Gianni Schicchi“ am 14. Dezember 1918 an der Metropolitan Opera in New York wurde ein voller Erfolg. Die „Opera buffa“ wird seither oft auch außerhalb der von Puccini vorgesehenen Trilogie gespielt.

Die Handlung

Kurz und gut …

Wer die Fälschung eines Testaments einem Schlitzohr anvertraut, sollte damit rechnen, dass dieses im Verteilen der Besitztümer auch an sich selbst denkt.

Ein Haus in Florenz

Der reiche Buoso Donati ist in seinem Bett verstorben. Um ihn haben sich seine Verwandten versammelt, darunter die alte Zita, Buosos Base, und Rinuccio, ihr Neffe. Nach außen trauert die noble familiäre Gemeinde, in Wirklichkeit aber hoffen alle darauf, ordentlich etwas zu erben.

Gerüchte, das verblichene Familienoberhaupt habe alles einem Kloster vermacht, sorgen für Beunruhigung, aber die Hoffnung lebt. Sollte Buoso sein Testament nicht bei einem Notar hinterlegt, sondern hier im Haus aufbewahrt haben, müsste sich doch im schlimmsten Fall etwas machen lassen …

Die Suche nach dem bedeutungsvollen Schriftstück verläuft erfolgreich: Rinuccio findet es, hält die versammelte Verwandtschaft aber noch ein wenig hin. Ehe er es Zita zum Vorlesen überlässt, verlangt er von seiner Tante die Zusage, Lauretta heiraten zu dürfen. Die Tochter Gianni Schicchis ist seine große Liebe, aber der gilt nur als unerwünschter Emporkömmling. Rinuccios Verbindung mit ihr erscheint daher nicht standesgemäß.

Zita hat jetzt anderes im Kopf, die große Erbschaft schon vor Augen, und signalisiert ihrem Neffen deshalb grünes Licht („Wenn alles geht, wie ich es möchte, nimm, wen du willst, sei sie vom Hexengeschlechte!“). 

Dann nimmt sie das Papier in die Hand, „hinter ihr haben sich die Verwandten zusammengedrängt. Alles blickt unverwandt auf das Testament und liest, still, lautlos. Plötzlich beginnen die Mienen finster zu werden und nehmen nach und nach einen tragischen Ausdruck an. Die Alte lässt sich auf einen Stuhl fallen und das Testament zu Boden gleiten. Alle sind wie versteinert.“

Die Gerüchte haben sich bewahrheitet. Niemand aus der Verwandtschaft wird etwas erben.

Was tun? 

In der Meinung, grünes Licht für seine Beziehung mit Lauretta zu haben, hat Rinuccio einen Boten geschickt, um sie und ihren Vater, Gianni Schicchi, ins Haus zu holen. Nun treffen die beiden auf die wild erregte „Trauergemeinde“. Schicchi erkennt schnell, was passiert ist, dass der verstorbene Buoso Donati in seinem Testament diese gierige Sippe nicht berücksichtigt hatte. Und Zita schleudert ihm auch sofort ins Gesicht, dass Sie die Verbindung ihres Neffen mit Lauretta nicht gut heißt. Dieser verdiene eindeutig etwas Besseres, Standesgemäßes, nicht die Tochter eines „Kerls, der vom Lande nach Florenz kam“.

Kein Wunder, dass Rinuccios Idee, bezüglich des Testaments Gianni Schicchi zu Rate zu ziehen – er sei „mit jedem heimlichen Kniff des Gesetzbuchs gar wohl vertraut“ – zunächst auf Ablehnung stößt. Zwar ist die versammelte Gemeinde zu jeder Schandtat bereit, um den erhofften Reichtum doch noch zu sehen zu sehen, aber Rinuccios Bitte – „Versuchet uns zu helfen, Ihr wisst doch wohl einen rettenden Ausweg!“ – verhallt bei Gianni Schicchi:

„Zum Nutzen dieser Sippschaft? – Niemals!“

Schließlich bewegt Lauretta ihren Vater mit einem glühenden Liebesgeständnis („O mio babbino caro“) doch zum Umdenken. Sie wolle Rinuccio heiraten, und wäre ihre Liebe vergeblich, würde sie sich in den Arno stürzen …

Ich zerstöre und quäle mich!
O Gott, ich möchte sterben!
Vater, hab Mitleid, hab Mitleid!

Also sieht Gianni Schicchi sich das Testament an, kommt aber schnell zu einem klaren Urteil: „Nichts zu machen!“

Zumindest nicht auf legalem Weg. Aber Schicchi hat eine andere Idee. Er schickt seine Tochter hinaus auf den Balkon – sie muss das Folgende nicht hören –, und zieht die Verwandtschaft ins Vertrauen; fragt, ob denn schon irgend jemand im Dorf von Buosos Ableben erfahren habe. Nein. Gut, das solle auch so bleiben. 

Als nun Meister Spinelloccio, der Arzt, auftaucht, um sich nach dem Befinden seines Patienten zu erkundigen, hindert ihn die Verwandtschaft geschlossen daran einzutreten, und Schicchi ruft ihm aus dem Hintergrund des Zimmers mit gut verstellter Stimme zu, er habe „großes Ruhebedürfnis“, wolle soeben einschlafen. Spinelloccio möge am Abend wieder kommen.

Das Schauspiel hat Erfolg – und Gianni Schicchi drängt zum nächsten, entscheidenden Akt: Man solle den Notar ins Haus rufen, Buoso gehe es schlecht, das Schlimmste könne passieren, er wolle sein Testament diktieren …

Die Verwandtschaft begreift: Schicchi wird die Rolle des Todkranken übernehmen! Alle sind sich einig darin, diese grandiose Idee zu unterstützen. Die Landgüter bei Fucecchio und Figline, der Herrensitz bei Prato, das Gut bei Empoli, das Land bei Quintole … jetzt würde doch jeder etwas abbekommen. 

Gianni Schicchi schwört die Verwandtschaft zusammen. Niemand dürfe jemals etwas von dieser Testamentsfälschung erfahren. Das Gesetz sehe für solche Fälle „den Verlust der rechten Hand und dazu Verbannung“ vor …

Bald darauf klopft der eilig herbei gerufene Notar an der Tür. „Gianni schlüpft ins Bett, die Verwandten decken ihn rasch zu, machen das Zimmer halbdunkel durch Zusammenziehen aller Vorhänge, stellen eine brennende Kerze auf den Tisch, an dem der Notar schreiben soll, und öffnen endlich …“

Tatsächlich gelingt es Gianni Schicchi, den Notar davon zu überzeugen, den todkranken Buoso vor sich zu haben. Und so diktiert er in Anwesenheit der Verwandten das Testament … allerdings mit einem unerwarteten neuen Schwerpunkt. Denn die wichtigsten Besitztümer – „das beste Maultier der Toscana“ im Wert von 300 Gulden, die Mühlen von Signa und das Haus in Florenz, in dem alle sich gerade befinden – hinterlässt „Buoso“ überraschend seinem „lieben, alten Freunde Gianni Schicchi“.

Natürlich beginnt die Verwandtschaft energisch zu murren, beschimpft Schicchi als Gauner, aber der Notar vertritt ehern die Wünsche des „Sterbenden“: „Man respektiere des Erblassers letzten Willen!“

Und so wird das Testament festgeschrieben, der Notar verlässt das Haus – und Gianni Schicchi wirft unmittelbar danach auch gleich die Verwandtschaft hinaus:

„Schert euch hinaus!
Denn nun ist es das meine,
dieses Haus!
Fort! Hinaus!“

Nur Rinuccio bleibt zurück, öffnet die Tür zum Balkon, erblickt „das in Sonnenlicht gebadete Florenz“ und schließt seine geliebte Lauretta in die Arme …


(Zitate aus dem Libretto; Übersetzung nach
Opera Guide)