25. Juli 2021

„Wir leben in einer virtuellen Welt!“

Der US-amerikanische Physiker und Bewusstseinsforscher Thomas Campbell betrachtet die physische Welt als eine vom Bewusstsein geschaffene „virtuelle Realität“. Mit seiner „Theory of Everything“ tritt er nicht nur an, um die Rätsel im Bereich der Quantenphysik zu lösen, sondern er schlägt auch Brücken zu philosophischen und religiös-spirituellen Traditionen. Ein kühner, großer Ansatz – der zumindest zum Nachdenken anregt.

Auf dem Cover von Tom Campbells dreibändigem Hauptwerk „MY BIG TOE“ ist ein großer Zeh abgebildet. Ein plakativer Hingucker, aber vor allem eine augenzwinkernde Irritation. Denn das Wort „TOE“ seht in diesem Fall nicht für „Zeh“, sondern als Abkürzung für Campbells „Theory of Everything“ (Theorie von Allem). Für den deutschen Sprachraum wurde aus „My Big TOE“ – weil die drei Buchstaben „Zeh“ hier ihre Doppeldeutigkeit einbüßen – die Bezeichnung „MTB-Theorie“.

Aber egal: Tom Campbell bemüht sich, seine Schlussfolgerungen aus mehreren Jahrzehnten Berufserfahrung als Physiker und gleichzeitig als Bewusstseinsforscher einem möglichst breiten Publikum zu vermitteln. Dass biographische Schilderungen dabei mit im Zentrum stehen, wird vermutlich nur Leser stören, die ausschließlich wissenschaftliche Fakten suchen.

Womit wir bereits ein grundlegendes Problem berühren: „Bewusstsein“ ist etwas Subjektives. So selbstverständlich es erscheint, dass es zentral zum Wesen des Menschseins gehört, so schwer ist es naturwissenschaftlich zu fassen.

„Evolution kann nicht zu Bewusstsein geführt haben“

Die heute überwiegend materialistisch-naturalistisch ausgerichtete Naturwissenschaft vertritt die Theorie, dass sich im Zuge der Evolution irgendwann auch Bewusstsein entwickelt hat, um Lebewesen dadurch einen Überlebensvorteil zu gewähren. Bewusstsein „erhebt“ sich demnach aus der Materie.

Doch die Annahme eines evolutionären Vorteils durch Bewusstsein erscheint nur auf den ersten Blick naheliegend. Denn bei genauerer Betrachtung zeigt sich, dass alle Funktionen, durch die „Bewusstsein“ gemeinhin definiert wird (Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Wahrnehmung, Motivation etc.), auch technisch programmiert und von Computern ausgeführt werden können – ohne dass dadurch so etwas wie bewusste Erlebnisfähigkeit entsteht. Das bedeutet aber: Ein wirklicher Evolutionsvorteil durch das Bewusstsein ist nicht erkennbar.

Der niederländische Informatiker und Philosoph Bernardo Kastrup hat sich mit diesem Problem eingehender befasst. In einem Beitrag mit dem Titel „Bewusstsein kann nicht durch Evolution entstanden sein“ weist er darauf hin, dass sich das menschliche Bewusstsein nicht durch quantitative – und damit beschreib- und berechenbare – Aspekte auszeichnet, sondern durch qualitative: „Das Betrachten der Farbe Rot ruft ein Erleben dieser Farbe hervor, welches über die bloße Verarbeitung der Spektralfrequenz der Farbe rot hinaus geht. Wenn wir also einer Helen Keller berichteten, dass Rot einer Oszillationsfrequenz von etwa 4,3 hoch 1014 Schwingungen pro Sekunde entspricht, wüsste sie dennoch nicht, wie es sich anfühlt die Farbe Rot zu betrachten. Analog dazu kann man einer taub geborenen Person kaum vermitteln, wie es sich anfühlt einer Vivaldi-Sonate zu lauschen, selbst wenn wir der tauben Person das gesamte Kräftepotential der Sonate beschreiben würden. Erfahrungen sind gefühlte Qualitäten, die von Philosophen und Neurowissenschaftlern als Qualia bezeichnet werden. Sie sind nicht hinreichend über abstrakt quantitative Begriffe beschreibbar.“

Qualitäten aber können, so Kastrup, „im materialistischen Weltbild keine Träger von Funktionen sein“. Sie könnten in der Evolution keine Rolle spielen, da es für die Organismen aus materialistischer Sicht keinen Unterschied mache, ob die Informationsverarbeitung im Gehirn von einer subjektiven Erfahrung begleitet ist oder nicht. Qualia seien demzufolge „bestenfalls eine überflüssige Zugabe“. 

Zusammenfassend also: Die Evolution kann nicht zu Bewusstsein geführt haben, weil in der bewussten Wahrnehmung keine Überlebensvorteile liegen. 

Kastrup geht deshalb davon aus, dass Bewusstsein „von Beginn an als intrinsisches, nicht weiter reduzierbares Faktum in der Natur vorhanden gewesen“ sei. „Je eher wir diese Tatsache anerkennen, desto eher wird unser Verständnis von Bewusstsein Fortschritte machen.“

Zu dem gleichen Schluss, dass Bewusstsein nicht aus materiellen Prozessen hervorgeht, sondern eine Sache für sich ist, kommt auch Tom Campbell in seiner MTB-Theorie. Allerdings geht er darin noch einige Schritte weiter.

Die interaktive Verbundenheit der Systeme

Bei der Vorstellung, dass die für unser Menschsein so zentrale Gegebenheit des Bewusstseins grundsätzlich nicht naturalistisch-materialistisch erfasst werden kann, wird heute vielen „gelernten“ Naturwissenschaftlern unwohl. Denn die weit reichenden Erfolge in der Forschung, in Medizin und Technik liefern ja tagtäglich Beweise für die umfassende Zuverlässigkeit und Gültigkeit dieser Denkhaltung.

Zudem boten sich als Alternative zum allumfassenden Materialismus traditionell vor allem dualistische Vorstellungen an – hier die materielle Welt, dort die seelisch-geistige, der das Bewusstsein angehören würde. Und mit der Frage, wie genau diese Welten aufeinander einwirken, stünde das alte Leib-Seele-Problem neu im Raum.

Tom Campbell vermeidet in seiner MTB-Theorie alle „klassischen“ dualistischen Vorstellungen. Stattdessen spricht er von „Systemen“, die miteinander interagieren: Hier das physische System mit dem ihm eigenen Regelwerk (den Naturgesetzen), und dort das Bewusstseins-System.

Wie diese Systeme genau zusammenwirken, das können wir, meint Campbell, erst verstehen, seit wir Computer haben, mit denen virtuelle Wirklichkeiten gerechnet und dargestellt werden können.

In Videospielen – er nennt als Beispiel „World of Warcraft“ – ist es für den Spieler möglich, über den Computer mit anderen Spielern in einer eigens dafür geschaffenen „virtuellen Welt“ zu interagieren. Der Spieler nimmt einen bestimmten Charakter an, mit dem er in dem Spiel auftritt – er schlüpft sozusagen in seinen „Avatar“. Er ist den Regeln der virtuellen Welt unterworfen, kann in diesem Rahmen aber freie Entscheidungen treffen. Und jede Entscheidung beeinflusst den Spielverlauf für ihn selbst sowie auch die Gegebenheiten für alle Mitspieler. 

Mit jeder Entscheidung, jedem Mausklick jedes Spielers wird also die virtuelle Welt laufend neu berechnet. 

Der Avatar des Spielers kann auch sterben. Aber jedes Leben im virtuellen System bereichert den Erfahrungsschatz des Spielers, der während des Spiels aber immer in seinem „System“, also außerhalb der virtuellen Realität verbleibt

Tom Campbells MTB-Theorie geht davon aus, dass die gesamte physische Welt mit einer solchen virtuellen Realität vergleichbar ist. Der Körper des Menschen wäre demnach nur ein (sterblicher) „Avatar“, gelenkt von einem „Spieler“ (dem Bewusstsein), der einem anderen, außerhalb liegenden immateriellen System zugehört.

Dieses System, das Campbell das „Größere Bewusstseinssystem“ nennt, sorgt einerseits für die „Computerleistungen“, also dafür, dass die physische Welt „gerechnet“ (erzeugt) wird. Andererseits gehören zu diesem System auch die „Individuellen Bewusstseinseinheiten“, die als „Spieler“ ihre Avatare beleben, um in der physischen Welt Erfahrungen zu sammeln.

Um bildhaft das Gleiche auszudrücken, könnte man selbstverständlich, religiös-spirituellen Traditionen folgend, auch einfach sagen: Die Menschenseele/der Menschengeist gehört der seelischen/geistigen Welt an und inkarniert in einen physischen Körper. 

Aber die technologisch orientierten Begriffe Campbells haben zweifellos den Vorteil, dass sie die interaktive Verbundenheit zweier unterschiedlicher Systeme (die trotzdem in sich abgeschlossen ihren eigenen Regeln und Gesetzen folgen) plausibel macht. Denn wie virtuelle Realitäten funktionieren, kann sich heute fast jeder vorstellen.

Und vielleicht liegt ja sogar die hohe Attraktivität von Computerspielen wie „World of Warcraft“ mit darin begründet, dass sie im Grunde dem Leben abgeschaut sind.

„Das Bewusstsein war zuerst da“

Bernardo Kastrup kam zum Schluss, dass Bewusstsein nicht durch die Evolution entstanden sein kann, sondern als „Faktum in der Natur“ vorhanden sein muss. Der wesentliche Schritt, den Tom Campbell in seiner Theorie weiter geht, liegt in seiner Aussage, dass das Bewusstsein zuerst da war. Dass es also nicht aus der Materie hervorgegangen ist, sondern, umgekehrt, die Materie aus ihm.

Einen derart radikalen Paradigmenwechsel schlägt auch die US-amerikanische Philosophin, Bewusstseins- und Zufallsforscherin Sharon Hewitt Rawlette vor. „Während physikalische Eigenschaften das Bewusstsein nicht erklären können, wird Bewusstsein benötigt, um physikalische Eigenschaften zu erklären“, schreibt sie in ihrem lesenswerten Essay „What If Consciousness Comes First?“. 

In ihrer Argumentation weist Rawlette unter anderem darauf hin, dass alle physikalischen Eigenschaften immer relational, also in Bezug auf andere Dinge, definiert sind. Sie würden nichts über die Dinge an sich aussagen, sondern nur darüber, wie sie mit anderen Dingen zusammenhängen. „Wenn jedoch alle Eigenschaften relational sind“, folgert sie, „dann haben wir letztlich überhaupt nichts definiert. 

Es ist, als hätte jemand eine sehr ausgefeilte Tabelle erstellt und sorgfältig definiert, wie die Werte in jeder Zelle mit den Werten in allen anderen Zellen zusammenhängen. Wenn jedoch niemand einen bestimmten Wert für mindestens eine dieser Zellen eingibt, hat keine der Zellen Werte.

Ebenso können die Eigenschaften des Universums, wenn es tatsächlich existieren soll, nicht ausschließlich relational sein. Etwas im Universum muss eine Qualität an und für sich haben, um allen anderen relationalen Eigenschaften Bedeutung zu geben. Etwas muss den Ball ins Rollen bringen.

Dieses Etwas ist Bewusstsein. Wenn wir genau hinschauen, können wir sehen, dass alle physikalischen Eigenschaften, die die Wissenschaft so sorgfältig gemessen und katalogisiert hat, letztlich ihre Bedeutung aus den Auswirkungen ableiten, die sie auf einen bewussten Beobachter haben.“

In der Folge verweist Sharon Hewitt Rawlette auf Forschungsergebnisse in der Welt des Allerkleinsten, auf den Bereich der Quantenphysik. Denn viele der hier gewonnenen Erkenntnisse legen ebenfalls einen Zusammenhang zwischen der Eigenschaft von Teilchen und ihrer bewussten Beobachtung nahe. 

Rawlette bezieht sich dabei auf die Ergebnisse der berühmten Doppelspalt-Experimente, die die Klassische Physik – und damit auch den Materialismus – in Frage gestellt haben. Mit diesen Experimenten untermauert auch Tom Campbell seine MTB-Theorie.

Abenteuerliche Reise durch den Doppelspalt

Die abenteuerliche Reise durch den Doppelspalt begann Anfang des 19. Jahrhunderts. Unter den Naturwissenschaftlern war damals eine zentrale Frage heftig umstritten: Welche Natur hat das Licht? Handelt es sich um Wellen oder besteht Licht – wie etwa Isaac Newton (1643–1727) vermutete – aus Teilchen, „aus sehr kleinen Körpern, die von leuchtenden Substanzen ausgesandt werden“?

1801 erdachte der englische Arzt und Physiker Thomas Young (1773–1829) ein Experiment, das diese Frage klären sollte – und in der Folge weltberühmt wurde: das Doppelspalt-Experiment.

Die Versuchsanordnung besteht aus einer Metallplatte mit zwei parallelen, eng beieinander liegenden Spalten, dahinter wird in einigem Abstand eine Leinwand angebracht. Durch diesen „Doppelspalt“ wird einfarbiges Licht geschickt. Wenn sich Licht als Welle verhält, müsste es sich, ähnlich wie eine Wasserwelle, kreisförmig ausbreiten. Die beiden Spalten müssten zu einer Überlagerung der Wellen führen, wodurch auf der Leinwand ein Interferenzmuster entstehen sollte – ein Muster aus helleren und dazwischen dunkleren Streifen. 

Und genau dieses Muster zeigte sich bei Young (der ursprünglich noch mit Pappkarten arbeitete) – womit das Doppelspaltexperiment die Wellen-Natur des Lichtes zweifelsfrei zu beweisen schien.

Doch das ist nur die Vorgeschichte. Denn knapp 100 Jahre später konnte der deutsche Physiker und spätere Nobelpreisträger Max Planck (1858–1947) zeigen, dass die Energie einer Strahlungsquelle nur das ganzzahlige Vielfache eines einzelnen „Energiequants“ sein kann. Dieses Energiequant (E) ist rechnerisch das Produkt aus der Frequenz der Strahlung (f) und  einer Konstanten, der Planck den Buchstaben h gab: E = f.h

Diese Formel gehört zur Geburtsstunde der damals neuen „Quantenphysik“, die sich nun ausführlicher mit der Welt des Allerkleinsten befasste. Wobei bald klar wurde, dass Materie im Wesentlichen gar nicht aus Materie, sondern … aus Nichts besteht: Hätte ein Atomkern die Größe eines Reiskorns, das auf einem Fußballfeld liegt, würden die Elektronen, die den Kern umkreisen, ganz am Rand des Feldes liegen. Dazwischen ist nur leerer Raum.

1905 stellte ein anderer späterer Nobelpreisträger, nämlich Albert Einstein (1879–1955), die Hypothese auf, dass auch das Licht sich in kleinen Quanten fortbewegen könnte. Diese „Energiepakete“ elektromagnetischer Strahlung werden „Photonen“ genannt.

Einsteins Hypothese konnte 1926 experimentell bewiesen werden. Seither sprechen Physiker von der „Doppelnatur“ des Lichtes: Es verhält sich wie Teilchen, hat aber zugleich Wellencharakter.

In den nun folgenden quantenphysikalischen Experimenten kam Thomas Youngs alter Doppelspalt zu neuen Ehren. Denn die Wissenschaftler gaben sich nicht damit zufrieden, dass auf dem Bildschirm hinter dem Doppelspalt das bekannte Interferenzmuster auftauchte, das den Wellencharakter des Lichts bezeugt hatte. Wenn Licht aus Energieteilchen – Photonen – besteht, sollte es doch auch möglich sein, diese auf ihrem Weg durch einen Spalt zu beobachten. 

Also entwickelte man Messeinrichtungen, um zu beobachten, welchen Weg die Teilchen nehmen, ob sie also durch den ersten oder durch den zweiten Spalt fliegen, ehe sie auf den Bildschirm treffen.

Und damit wurde es – etwas plakativ ausgedrückt – gespenstisch: Sobald die Lichtstrahlung gemessen wird, zeigt sich auf dem Bildschirm kein Interferenzmuster mehr, sondern es werden statt dessen zwei Streifen sichtbar. Das Licht verliert also seinen Wellencharakter und zeigt sich als „Teilchenstrom“. Es trifft auf dem Schirm so geradlinig auf, als kämen Gewehrkugeln durch die beiden Spalte geschossen.

Sobald die Messung beendet wird, zeigt sich erneut das Interferenzmuster. Licht erscheint damit wieder als „allgemein gegenwärtig“. Oder, mit den Worten der Quantenphysik: Es erscheint als „Wahrscheinlichkeitswelle“, die erst zu Teilchen „kollabiert“, sobald eine Messung vorgenommen wird.

 

An dieser Seltsamkeit rätseln Physiker bis heute. Manche geben sich einfach damit zufrieden, dass in der Welt des Allerkleinsten die Gesetze der Klassischen Physik eben nicht unbedingt gelten. Letztlich habe dies aber für die makroskopische Alltagswelt keine Bedeutung, denn diese bestehe ja aus Teilchen, die ganz offenbar durch natürliche Interaktionen – gleichzusetzen mit „Messprozessen“ im Quantenbereich – entstehen und die „handfeste“ physische Wirklichkeit bilden.

Andere Wissenschaftler – zu ihnen zählt Tom Campbell – denken weniger pragmatisch und ziehen aus der Tatsache, dass die Messung (und die damit verbundene Beobachtung an sich) offenbar das Ergebnis des Experiments beeinflusst, weit reichende Schlüsse. In eben diesem Phänomen zeige sich der gestaltende Einfluss des Bewusstseins im Hinblick auf die physische Welt.

Unter anderem argumentiert Campbell mit weiteren Experimenten rund um den berühmten Doppelspalt, durch die ausgeschlossen werden konnte, dass während der Messung irgendwelche Kräfte auf die „Wahrscheinlichkeitswelle“ einwirken. 

Wenn aber nachweislich keine Kräfte dazu führen, dass diese kollabiert und das Interferenzmuster verschwindet, dann liege der Schlüssel auf einer anderen Ebene, sozusagen im qualitativen Bereich. 

Durch die Messung, mit der festgestellt wird, welchen Spalt das Licht passiert, entstehe nämlich konkrete Information, die von einem Bewusstsein als solche wahrgenommen werden könne. Ohne Bewusstsein bliebe alles in unbestimmter Wahrscheinlichkeit. Und dieser Prozess zeige durchaus etwas, das für die gesamte physische Welt relevant ist. Denn erst durch Bewusstsein werden elektromagnetische Strahlungen als Farben oder Töne wahrgenommen. Ohne Bewusstsein könnten wir weder von Teilchen, noch von Welle oder anderen Begriffen sprechen. Erst Bewusstsein be-greift, kreiert und erkennt Information.

Solchen Interpretationen zufolge wird die „große Leere“ der stofflichen Realität erst durch die bewusste Wahrnehmung zur Wirklichkeit. Geist schafft die Materie. 

Aber nicht im Sinne eines Pippi-Langstrumpf-Willensaktes nach dem Motto: „Ich baue jetzt ein Haus, indem ich es mir intensiv vorstelle und mache mir die Welt, widde widde wie sie mir gefällt“, sondern in einer viel grundlegenderen Art und Weise: 

Es gibt die Welt, die wir erkennen, wissenschaftlich erforschen und beschreiben, beglückt oder genervt erleben, ihre Entwicklungsgeschichte, ihre Gegenwart und ihre Zukunft nur durch unser Bewusstsein und in unserem Bewusstsein. 

Anders gesagt: Die physische Welt folgt durchaus ihren eigenen Spielregeln, den bekannten Naturgesetzen, und wenn wir auf sie einwirken – und das tun wir unentwegt –, dann durch unser Entscheiden und Handeln, unser Tun und Lassen. Aber erst ein Bewusstsein erkennt das alles als Wirklichkeit!

Ohne Bewusstsein, das Begriffe generiert, Sinn und Bedeutung erkennt, wäre nur … große, raum- und zeitlose Leere.

Insofern kann das Doppelspalt-Experiment als „Blick hinter die Kulissen“ betrachtet werden, der die grundlegende Bedeutung von Information und Wahrnehmung offenbart – und vor allem des Bewusstseins, ohne das „alles nichts“ wäre.

Und überall „quantelt“ es …

Der im Doppelspalt-Experiment deutlich werdende sogenannte Welle-Teilchen-Dualismus, der bei allen Quantenobjekten nachweisbar ist (und auch schon bei größeren Teilchen dokumentiert werden konnte), ist nicht das einzige Phänomen, das den klassischen Materialismus, demzufolge die Welt im Grunde wie eine Maschine funktioniert, in Frage stellt.

Ebenso Aufsehen erregend waren und sind Experimente mit „verschränkten Teilchen“. Quanten können unter bestimmten Bedingungen miteinander verschränkt werden, so dass sie danach, obwohl voneinander getrennt, wie innerhalb eines Systems reagieren. Wenn eines der verschränkten Teilchen eine Veränderung erfährt, wenn zum Beispiel sein „Spin“, der Drehimpuls, geändert wird, dann reagiert das andere Teilchen instantan, ohne jeden Zeitverzug, mit – selbst wenn es (astronomisch) weit entfernt ist. Raum und Zeit spielen dabei keine Rolle, man kann eigentlich nicht einmal von einer „Reaktion“ des verschränkten zweiten Teilchens sprechen, da es ja zugleich mit dem ersten „agiert“.

Die Verbindung des Beobachters zur Welt, die er betrachtet; Raum- und Zeitlosigkeit; Unbestimmtheit, Nicht-Lokalität … die Faszination, die Quanten-Phänomene ausüben, beschränkt sich längst nicht mehr auf den wissenschaftlichen Fachbereich. 

Vor allem in spirituellen Kreisen sind Verweise auf die „Quantenphysik“ üblich, um unkonventionellen, idealistischen Weltbetrachtungen einen Anstrich von Wissenschaftlichkeit und Glaubwürdigkeit zu geben. In der Alternativmedizin „quantelt“ es ebenso wie in diversen Lebenshilfe- oder Esoterik-Angeboten.

Dahinter steckt vermutlich ein legitimer Wunsch, nämlich den Materialismus und die damit verbundene Weltsicht – alles beruhe auf Zufall, die Evolution habe weder Sinn noch Ziel, Leben und Bewusstsein seien rein körperlich und enden mit dem Tod – zu überwinden.

Wer sich jedoch auf wissenschaftliche Erkenntnisse bezieht, die er im Detail gar nicht wirklich kennt, läuft Gefahr, von kritischeren Zeitgenossen als nicht seriös wahrgenommen zu werden.

Insofern finde ich Tom Campbells Ansatz, im Rahmen seiner „MTB-Theorie“ eigene Begriffe zu etablieren, als Brücke zwischen Wissenschaft und Spiritualität besser geeignet. 

Klar, seine Bücher mit dem großen Zeh werden nicht als wissenschaftliche Fachliteratur gehandelt. Dazu sind Campbells Gedanken und auch seine literarische „Dramaturgie“ zu unkonventionell, vielleicht auch etwas zu PR-orientiert. 

Andererseits: Wer würde bei einer neuen „Theorie von Allem“ erwarten, dass sie Konventionen entspricht?

 

Hinweise:
Grafiken: Roger Gut, Luzern
Lesen Sie hier ein Interview mit Thomas Campbell
Das Gespräch in der englischen Originalfassung ist auf Thanatos TV EN zu sehen: