5. Dezember 2021

Impfungen, Leichen und Lebensprozesse

Aus wissenschaftlicher Sicht hätte die Gefahr durch das Corona-Virus relativ schnell gebannt sein können: durch die Impfung. Doch eine tief verwurzelte und durch manipulative Fake-News künstlich angeheizte Impfskepsis hat – vor allem in den deutschsprachigen Ländern Westeuropas – die Corona-Pandemie die Länge gezogen und gleichzeitig zu einer öffentlich hart diskutierten Suche nach den Ursachen geführt. 

Als eine wesentliche Ursache für die mangelnde Impfbereitschaft wurde die Affinität vieler Menschen zu alternativen Heilmethoden ausgemacht. Wer an den „Humbug“ abseits der Schulmedizin glaube, entwickle sehr leicht auch diffuse Ängste vor dem „Stich“ und sei für Fakten kaum erreichbar. Die naturalistisch-materialistische Haltung präsentiert sich als einzig wahrer Heilsbringer. Aber sie ist es nicht.

Vorweg – für alle, die meine diesbezüglichen Essays nicht gelesen haben: Ich bekenne mich – ohne Wenn und Aber – zur Corona-Schutzimpfung, obwohl ich selbst eher impfkritisch bin und es lieber habe, wenn mein Immunsystem nicht durch Spritzen trainiert werden muss. Aber diese Krankheit ist brandgefährlich (ich hatte selbst sieben Wochen lang damit zu tun), und jede Impfung dient in diesem Fall nicht nur dem eigenen Schutz, sondern ist auch ein Akt der Solidarität gegenüber gesundheitlich gefährdeten Menschen und auch gegenüber dem Pflegepersonal in den Spitälern. –

Warum also gibt es den verbreitete Impf-Unwillen?

Die österreichische Journalistin Barbara Tóth nennt im „Falter“ vom 16. November 2021 zehn plausible Gründe.

Beispielsweise ortet sie eine Denkhaltung, die ihre Wurzeln in der Nazi-Zeit hat, aber bis heute nachwirkt: „Deutsche Körper brauchen keinen Arzt! Die Nazis propagierten das Bild einer genetisch von Geburt an überlegenen, zusätzlich durch Sport, gesunde Ernährung und Härte gestählten Rasse von Übermenschen, die den Beistand einer als ,jüdisch‘ denunzierten ,Schulmedizin‘ nicht nötig habe. Ein Wahn, der Spuren im kollektiven Gedächtnis vor allem der deutschen und österreichischen Gesellschaft hinterlassen hat – etwa, wenn Selbstheilungskraft zum ultimativen Therapeutikum hochstilisiert wird.“

Einen weiteren Grund beschreibt Tóth mit dem Begriff „Lebensreform-Romantik“. Gemeint ist damit „der Einfluss der Lebensreform-Bewegung, die sich schon vor 150 Jahren in Deutschland, Österreich und der Schweiz als Widerstand gegen Industrialisierung und Urbanisierung formierte. Sie brachte unter anderem alternative Ernährungs-, Medizin- und Schulkonzepte hervor: Etwa jene von Rudolf Steiner und Maria Montessori. Hier liegen die Wurzeln der heutigen Bio-Bobo-Kultur und auch mancher Esoterikrichtungen, die sich in der Coronaleugner-Bewegung wiederfinden.“

Der „Spiegel“ formuliert in seiner Ausgabe vom 15. November 2021 deutlicher aggressiver, bezeichnet Rudolf Steiner (1861–1925) als einen der „großen Spinner der deutschen Kulturgeschichte“ und weist seiner Anthroposophie, die ja bis heute – unter anderem über ihr eigenes Bildungssystem („Waldorfschulen“) – zahlreiche Menschen beeinflusst, gehörige Mitschuld an der verbreiteten Impf-Skepsis zu.

Das sind nur zwei Beispiele für öffentliche Diskussionen, die allzu oft darauf hinaus laufen, pauschal alles abseits der Schulmedizin der Humbug-Eso-Schwurbler-Ecke zuzuordnen. Homöopathie, Akupunktur, energetisches Heilen und so weiter. 

Dass damit die ohnehin schon ausgeprägten Gräben in der Gesellschaft weiter vertieft werden, könnte man vielleicht akzeptieren, wenn die materialistisch-naturalistische Weltanschauung, die heute die einzig akzeptierte Grundlage im Bereich der Schulmedizin ist, wirklich die umfassende Wissens-Kompetenz hätte, die ihr allgemein zugeschrieben wird (und das seit der erfolgreichen Corona-Impfstoffentwicklung mit noch größerem Getöse).

Sie hat diese Kompetenz aber nicht.

So weist der Philosoph Univ.-Doz. Dr. Eckart Ruschmann darauf hin, dass sich die gesamte Naturwissenschaft und auch die medizinische Forschung im Grunde nur mit materiellen Prozessen befasst, beispielsweise chemischer oder physikalischer Art. Daneben aber gibt es die großen, „unfassbaren“ Bereiche der Lebens- und Bewusstseinsprozesse, die für unser Menschsein an sich, konkret aber wohl auch für Heilungsprozesse notwendig sind – Stichwort psychosomatische Zusammenhänge.

Die Schulmedizin weiß mit dem Begriff der „Lebenskraft“ nichts anzufangen. Sie entwickelt aus der Erforschung von Prozessen, die im Körper ablaufen – durchaus erfolgreich – Behandlungen, Medikamente oder Impfungen. Aber sie muss dabei immer mit einem unbekannten Etwas rechnen, das die gewünschte und erhoffte Wirkung beeinflussen kann. Dieses Etwas sind die Lebens- und Bewusstseinsprozesse. Deshalb benötigt man Studien und Statistiken, die in Prozentsätzen ausweisen, bei wie vielen Menschen ein Medikament oder ein Impfstoff wirkt. Ohne Statistik gibt es keine Aussage über die Wirkung. Denn niemand weiß genau, warum ein Stoff manchmal nicht wirkt und in vielen Fällen eben doch. Niemand weiß, welche qualitativen Einflüsse der Begriff „Placebo-Effekt“ eigentlich beschreibt. Oder was genau hinter den oft genannten „psychosomatischen Zusammenhängen“ steckt. 

Wie schön vorhersehbar funktionieren materielle Prozesse dagegen in einem Leichnam … oder in einer Maschine!

Lebens- und Bewusstseinsprozesse sind für die naturalistisch-materialistische Weltanschauung nicht fassbar, daher spielen sie darin auch keine Rolle.

Aber in unserem Alltag schon. Dort stehen sie sogar im Zentrum. 

Der Mensch definiert sich selbst durch sein Bewusstsein, durch seine Lebendigkeit, die inneren Qualitäten, Hoffnungen, Träume, Erwartungen, Enttäuschungen. 

Ist es also verwunderlich, wenn viele sehr genau spüren, dass es beim Thema Gesundheit eben nicht nur um materielle Prozesse geht? Dass Chemie oder Gentechnik nicht die „goldenen Kälber“ sein dürfen, als die sie manchmal angebetet werden? Dass die Schulmedizin wesentliche Bereiche des Menschseins einfach außer Acht lässt?

Für „Alternativansätze“ wie die Homöopathie oder die Akupunktur steht die Lebenskraft (chinesisch „Chi“) im Zentrum. Hier soll es primär darum gehen, diese zu stärken, damit in der Folge auch der Körper Heilung erfahren kann. Direkt messbar sind Bewusstseins- und Lebensprozesse nicht, sie zeigen sich nur in ihren Auswirkungen. Wie sich auch der „Placebo-Effekt“ nur in seinen Auswirkungen zeigt.

Das heißt freilich nicht, dass jeder alternativmedizinische Ansatz automatisch wert- und sinnvoll ist. Aber der Schulmedizin und letztlich der gesamten heutigen Naturwissenschaft fehlt die Kompetenz, pauschal alle Ansätze zu verurteilen, die sich – auf welche Art und Weise auch immer – Bewusstseins- und Lebensprozessen widmen (wollen).

Wenn nun deutlich geworden ist, dass die verbreitete Impf-Skepsis sehr oft mit einer Gesinnung zu tun hat, die sich im Grunde gegen die materialistisch-mechanistische Behandlung des Menschen wehrt, dann sollte meines Erachtens die Konsequenz daraus sein, genauer hinzuschauen, also etwa auf die berechtigten Empfindungen von „Lebensreform-Romantikern“ Rücksicht zu nehmen und brauchbare Brücken zu bauen, anstatt sie als Obskuranten zu brandmarken.

Sofern wirklich der Wunsch besteht, die schon recht tiefen gesellschaftliche Gräben wieder zuzuschütten, und die Bereitschaft, mit größerer Wertschätzung aufeinander zuzugehen, hätten alle Beteiligten ziemlich sicher viel Gelegenheit, dabei etwas dazuzulernen.