23. April 2024

Bernardo Kastrups philosophischer Idealismus

Der niederländische Philosoph und Informatiker Bernardo Kastrup kommt mit guten Argumenten zum Schluss, dass Materialismus „Quatsch“ ist.

Zwischen der Art und Weise, wie wir Menschen einerseits die Welt erleben und wie sie andererseits wissenschaftlich beschrieben wird, gibt es einen fundamentalen Unterschied. 

Wir denken, fühlen, hoffen, lieben, trauern, können motiviert und inspiriert oder auch deprimiert sein. Das Wesen des Menschseins zeigt sich in qualitativ beschreibbaren geistigen Empfindungen, im bewussten Erleben.

Demgegenüber lehren naturwissenschaftliche Theorien, dass sich das Leben, vom ursprünglichen Sternenstaub bis hin zum Menschen, auf rein materieller Grundlage entwickelt hat. Alle Vorgänge in der Natur seien quantitativ beschreibbar. Sogar das Bewusstsein habe sich, als Nebenprodukt des Gehirns, aus der Materie entwickelt.

Hier also die Quantitäten der materiellen Welt und dort die Qualitäten, die das Bewusstsein mit sich bringt. 

Beide Gegebenheiten werden im Allgemeinen ohne weiteres nebeneinander akzeptiert – unter der Annahme, dass die quantitativ messbare Welt die eigentliche Realität darstellt, während dem Bewusstsein eine unwesentliche Nebenrolle zugewiesen wird.

Diese Haltung begünstigt unter anderem die Vermutung, es könne kein Leben nach dem Tod geben. Denn wenn Bewusstsein vom Gehirn erzeugt wird und nur innerhalb des Körpers existiert, dann wäre natürlich keinerlei Erleben mehr möglich, sobald der Tod eingetreten ist.

Der renommierte niederländischen Philosoph und Informatiker Bernardo Kastrup stellt diese materialistische Weltanschauung radikal in Frage. Er weist schlüssig darauf hin, dass Bewusstsein sich nicht aus der Materie entwickelt haben kann und bietet eine faszinierende Alternative zur rein quantitativen Beschreibung der Welt an, die den qualitativen Gegebenheiten sowie dem Bewusstsein einen zentralen Stellenwert zuweisen. Seine Schlussfolgerungen hat er in einem Buchtitel komprimiert: „Warum Materialismus Quatsch ist“. 

Dualismus versus Monismus

Ohne Zweifel war und ist der Ansatz, die Welt quantitativ zu beschreiben, sehr erfolgreich. Die meisten technischen oder medizinischen Entwicklungen unserer Zivilisation beruhen auf Zahlen und Formeln, auf dem Wissen um Naturgesetze. Es ist daher verständlich, dass der Materialismus als weltanschauliches Konzept großen Zuspruch findet.

Im Gegensatz dazu steht der Idealismus, den Bernardo Kastrup vertritt – nicht im Sinne einer ethischen Haltung, die einem Ideal folgt, sondern als philosophische Grundposition.

Idealismus im diesem Sinn bedeutet, dass das Wesen der Realität nicht als materiell, sondern als geistig (abgeleitet vom griechischen Wort „Idea“) betrachtet wird. Nicht die Materie wird hier also als wesentlich erachtet, sondern die Wirklichkeit des Geistigen.

Vielleicht ist an dieser Stelle eine etwas detailliertere Begriffsklärung für die weiteren Überlegungen hilfreich: 

Die materialistische Weltanschauung präsentiert sich heute zunehmend monistisch (von „monos“ = allein, einzig). Sie geht also davon aus, dass sich alle Phänomene der Welt auf ein einziges Prinzip – eben die Materie – zurückführen lassen. Demnach sollte auch das Bewusstsein, wie alles andere, eine materielle Ursache haben.

Hingegen wird der philosophische Idealismus meist im Sinne einer dualistischen Position verstanden. Sie besagt, dass neben, hinter oder über der materiellen Welt noch etwas anderes, Geistiges besteht.

Damit liegt natürlich die Frage nahe, wie denn etwas Nicht-Materielles – ein Bewusstsein, ein Geist, eine Seele, ein Wille – den Körper beeinflussen oder lenken soll, wenn sich doch alle biologischen Vorgänge durch physische Prozesse erklären lassen. Wo wäre die „Schnittstelle“? Was könnte ein solches Zusammenwirken gewährleisten?

Im monistischen Materialismus, der alle Phänomene auf ein einziges Prinzip zurückführt, entsteht dieses Leib-Seele-Problem erst gar nicht. Wohl auch deshalb erscheint diese Sichtweise besonders attraktiv. Aber die Theorie, es gebe nichts als Materie, steht ebenso vor einer grundsätzlichen, bislang ungelösten Frage. Sie betrifft das Bewusstsein:

Wie soll aus dem Neuronenfeuer unter der Schädeldecke eines Menschen, also aus quantitativ messbaren Gehirnströmen, sein qualitatives Erleben entstehen – das, was gemeinhin als „seelische Innenwelt“ bezeichnet wird? 

Dieses „harte Problem des Bewusstseins“ blieb trotz aller Fortschritte in den Natur- und Geisteswissenschaften ein großes Rätsel – auch wenn bisweilen an anderer Eindruck vermittelt wird. 

Science-Fiction-Autoren beispielsweise nehmen wie selbstverständlich an, dass aus künstlicher Existenz bald künstliches Bewusstsein hervorgehen wird, oder dass das Bewusstsein des Menschen mit allen Persönlichkeitsmerkmalen und Erinnerungen demnächst gespeichert, auf Maschinen übertragen oder auch künstlich generiert werden kann.

Diese Auffassung, dass Bewusstsein irgendwie materiell manipuliert werden könne, ist bereits tief in der westlichen Kultur verankert. Und doch ist sie durch nichts belegt. 

Der monistische Materialismus kann die Qualitäten, die zum Wesen des Menschseins gehören, nicht erklären und degradiert das Bewusstsein, also das Zentralste für unser Leben, Empfinden und Denken, zur Nebensächlichkeit. 

Da aber auch der dualistische Idealismus nicht ganz „rund“ erscheint – Stichwort „Leib-Seele-Problem“ –, könnte ein ganz anderer Ansatz nötig sein, um zu einer schlüssigen Weltanschauung zu finden. Ein solcher bietet sich mit dem monistischen Idealismus. 

Dieser führt alles, was es gibt, einzig und allein auf Geistiges zurück. Auch die Materie ist demnach ein Ausdruck des Geistigen. 

Dieser Auffassung zufolge könnte Bewusstsein unabhängig vom Körper bestehen. Es wäre auch durch den physischen Tod nicht begrenzt.

Idealistische Gedanken finden sich heute in vielen spirituellen Lehren. Allerdings tendieren sie manchmal zu Ideen, die eher ins Marvel-Universum gehören. Der Geist könne unter bestimmten Umständen jegliche Materie lenken und das Schicksal nach Belieben gestalten. Ein beherzter Wunsch ans Universum genüge, und das Glück sei gewiss …

Vielleicht meiden zeitgenössische Philosophen idealistische Konzepte auch auf Grund tief sitzender Berührungsängste mit abgehobenen Esoterik-Schwurbeleien.

Bernardo Kastrups Überlegungen weisen jedenfalls einen bemerkenswert bodenständigen neuen Weg. Einerseits ist sein philosophischer Idealismus eine echte Herausforderung für den heute vorherrschenden Materialismus, andererseits geht er aber trotzdem davon aus, dass alles, was es gibt, Natur ist, dass alles natürliche Ursachen hat und also nichts Übernatürliches besteht. 

Insofern ist Kastrups Philosophie durch und durch naturalistisch. Allerdings assoziiert er den Begriff „Natur“ eben nicht – wie allgemein üblich – allein mit der physischen Natur. Im Gegenteil: Die „Natur der Dinge“ gründe sich im Nicht-Materiellen.

Die Evolution und das Phänomen „Bewusstsein“

Jede Gesellschaft wird durch ihr Weltbild, also ihren tatsächlichen oder auch nur vermuteten Wissens-Hintergrund, entscheidend geprägt. 

Wenn heute eine Tabuisierung des Todes beklagt wird oder herausragende und weit verbreitete spirituelle Erfahrungen wie etwa Nahtoderlebnisse oder Nachtodkontakte nicht ernst (genug) genommen werden, dann sind das auch Beispiele für die Auswirkungen des vorherrschenden Weltbildes. 

Neue Erkenntnisse und fundierte philosophische Erwägungen, die das geistige Wesen des Menschen wertschätzen und zu einem gründlichen Um- und Neudenken anregen, könnten daher für viele Bereiche des sozialen Miteinanders von Vorteil sein.

Bernardo Kastrups Philosophie regt zu einer Neuorientierung an. In seinen Texten und Stellungnahmen arbeitet er die logischen Probleme innerhalb der materialistischen Weltsicht heraus und bietet eine idealistische Alternative an.

Ein wichtiger Ansatz ist für ihn die Evolutionstheorie zur Entwicklung des Lebens auf der Erde. Denn eine zentrale Aussage dieser vielfach bestätigten Theorie ist, dass sich organische Funktionen entwickeln, weil sich durch sie die Überlebenswahrscheinlichkeit erhöht.

Dieses Prinzip müsste natürlich auch für die – laut Materialismus – vom Gehirn hervorgebrachte „Bewusstseinsfunktion“ gelten. 

Bernardo Kastrup zufolge bringt jedoch Bewusstsein dem physischen Körper keine erkennbaren Überlebensvorteile. Demnach könne es sich nicht als Funktion des Gehirns entwickelt und im Genom etabliert haben.

In einem Beitrag mit dem Titel „Bewusstsein kann sich nicht entwickelt haben“ analysiert der Philosoph und Informatiker – stellvertretend für andere – drei Beispiele für Funktionen, die üblicherweise dem Bewusstsein zugeordnet werden:

• Zielgerichtete Aufmerksamkeit;
• die Unterscheidung zwischen Vergangenheit und Gegenwart (aktuellen Wahrnehmungen);
• Motivation für ein Verhalten, das höhere Überlebenschancen begünstigt.

Während diese Funktionen üblicherweise mit Bewusstsein assoziiert werden, belegt Bernardo Kastrup, warum ein solches gar nicht nötig wäre. Alle drei seien ohne weiteres auch rein technisch, also auf materialistischer Grundlage durchführbar. Sie könnten daher nicht begründen, weshalb Bewusstsein in der Evolution einen Vorteil gebracht hätte:

„Aufmerksamkeit ist dem materialistischen Weltbild zufolge schlicht ein Mechanismus, der es einem Organismus erlaubt, seine begrenzten kognitiven Ressourcen einer höher priorisierten Aufgabe zur Verfügung zu stellen. Die Betriebssysteme von Computern machen das laufend – und wenden dabei Techniken wie regelhafte Signalunterbrechungen, Warteschlangen, Aufgabenplanung usw. an, und das in einer rein algorithmischen, quantitativ beschreibbaren Weise.“

Ebenso einfach sei es möglich, Datenströme aus der Vergangenheit von gegenwärtigen zu unterscheiden, ohne dass es bewusster Erfahrung bedürfe: „Oder hätte etwa Ihr Computer Probleme damit, die Photographien aus dem letztjährigen Urlaub von den Daten aus der Live-Übertragung Ihrer Webcam zu unterscheiden? Datenströme, die dem Arbeitsspeicher entstammen oder Prozesse, die sich in Echtzeit vollziehen, können einfach mit bestimmten Merkmalen versehen oder anderen Datenverarbeitungs-Routen zugewiesen werden.“ 

Schließlich könne auch ein „motivierendes Verhalten“, das die Überlebenschancen erhöht, ohne begleitendes Bewusstsein erfolgen, denn dem Materialismus zufolge sei Motivation „schlicht eine Berechnung“, nämlich das Ergebnis eines Algorithmus, der zuträgliche Konsequenzen maximiert und Risiken minimiert: „Computer sind motiviert, all das zu tun, was sie an Operationen ausführen, ohne dass sie dazu begleitendende Qualia nötig hätten.“

Mit dem Begriff Qualia spricht Kastrup die Qualitäten an, die mit dem bewussten Erleben einher gehen – gegenüber allen rein quantitativ beschreibbaren Vorgängen.

Sein Fazit lautet: Es ist nicht erkennbar, dass die bewusste Erlebnisfähigkeit irgend eine Funktion zur Erhöhung der Überlebenswahrscheinlichkeit erfüllt. Den Prinzipien der Evolutionstheorie folgend könne sich Bewusstsein daher nicht aus dem Körper entwickelt haben. Es müsse vielmehr „von Beginn an als intrinsisches, nicht weiter reduzierbares Faktum in der Natur vorhanden gewesen sein. Je eher wir diese Tatsache anerkennen, desto schneller wird unser Verständnis von Bewusstsein Fortschritte machen.“

Land und Landkarte – eine Verwechslung?

Bewusstsein – nicht das spezielle menschliche Bewusstsein, sondern Bewusstsein an sich – gehörte demnach von Beginn an zum Wesen der Natur. 

Es gab dieses Potential an Qualia, das sich schließlich – unter anderem – zum bewussten Erleben des Menschen entwickelte, wobei die Evolution des Bewusstseins und der (Lebens-)Formen in der materiellen Welt Hand in Hand gingen. 

Die Annahme, es habe zunächst nur unbewusste Materie gegeben, aus der heraus sich irgendwann Bewusstsein entwickelte, ist nach dieser idealistischen Betrachtungsweise falsch.

Hier rückt nun ein weiterer Begriff in den Fokus, der zu den Grundfesten des Materialismus zählt, den Bernard Kastrup radikal in Frage stellt: der physikalische Realismus. 

Dieser geht davon aus, dass es alles, was physikalisch existiert – ob ein Stein, ein Haus oder ein biologischer Körper –, unabhängig davon gibt, ob es beobachtet wird oder nicht. Alles bestehe mit seinen Eigenschaften „an und für sich“, als eigenständige, reale physikalische Gegebenheit.

Diese „klassische“ Vorstellung betrachtet Bernardo Kastrup als gründlich widerlegt. In einem Interview formulierte er: „In den vergangenen 45 Jahren hat die Physik durch eine Reihe von Experimenten gezeigt, dass physikalische Entitäten keine eigenständige Existenz haben können. Sie sind das Ergebnis von Beobachtungen. Sie repräsentieren Messungen.“

Die Art einer Messung beziehungsweise Beobachtung entscheidet demnach darüber, wie die eigentliche Wirklichkeit wahrgenommen wird. 

Als Analogie verweist Kastrup auf das Armaturenbrett eines Flugzeugs: Die Anzeigen stellen die Messungen dar, die von verschiedenen Sensoren durchgeführt werden. Das Armaturenbrett zeige aber selbstverständlich nicht die Welt an sich, sondern eben nur eine Repräsentation, das Ergebnis ganz bestimmter Messungen.

Ebenso seien auch alle physikalischen Größen, auf die wir uns geeinigt haben, um die Welt zu beschreiben, nur Mess- beziehungsweise Beobachtungsergebnisse. Sie zeigten nicht die eigentliche Wirklichkeit.

Genau diese entscheidende Tatsache würde die materialistische Weltanschauung übersehen. Sie verwechsle das Armaturenbrett, das nur ein Abbild der Wirklichkeit, eine durch Messergebnisse konstruierte Landkarte zeige, mit dem Land selbst.

Kastrup: „Der Materialismus beschreibt die physische Welt, die wir wahrnehmen; die Dinge, die wir sehen, hören, berühren, schmecken. Er beschreibt diese qualitativen Erfahrungen, die wir mit der Welt machen, quantitativ in Form von Zahlen – Masse, Ladung, Spin, Impuls, Frequenz, Amplitude. Diese Größen sind offensichtlich Beschreibungen unserer Erfahrungen mit der Welt. Aber im Physikalismus sagt man, dass die Zahlen der Sache, die sie beschreiben, zugrunde liegen.“

So habe sich die Auffassung etabliert, dass die „eigentliche Welt“ quantitativ beschreibbar sei. Das, was der Mensch beispielsweise als Farbe „Rot“ erlebt, sei in Wirklichkeit nur eine bestimmte Wellenfrequenz im elektromagnetischen Feld. Qualitative Wahrnehmungen entstünden nur im Kopf; die Wirklichkeit sei nüchtern quantitativ.

Kastrup: „Deshalb wird behauptet, dass die Röte eines Apfels nur in unserem Kopf existiert und diese Eigenschaft, diese Erfahrung der Röte, von unserem Gehirn im Schädel erzeugt wird. Draußen gäbe es eigentlich kein Rot. Draußen gäbe es nur Terahertz, die Frequenz des elektromagnetischen Feldes, das der Farbe Rot entspricht.“

Wenn aber die „Terahertz“ und alle physikalischen Größen gar nicht die Welt an sich zeigen, sondern eben nur eine Vermessung der Welt, die auf dem „Armaturenbrett“ erscheint, wie ist dann die Wirklichkeit beschaffen? Das „reale Land“, das die Landkarte repräsentiert?

Kastrups Antwort: „Die Welt, wie sie tatsächlich ist, an und für sich, in ihrer eigenständige Existenz, unabhängig von der Beobachtung, diese Wirklichkeit da draußen ist nicht physikalisch. Sie ist nicht durch physikalische Größen beschreibbar.“

Mentale, bewusste Erfahrungszustände bilden die „reale Welt“ 

Die materialistische Sicht der Dinge umfasst demnach lediglich die quantitative Vermessung der Welt, eine „Landkarte“ mit Zahlen – „Masse, Ladung, Spin, Impuls, Frequenz, Amplitude“. Zugleich aber postuliert der Materialismus, dass es über diese „Mess-Repräsentationen“ hinaus nichts gibt. Und das, kritisiert Kastrup, sei der unsinnige Versuch, „das Gebiet aus der Karte zu entfernen“, also nur die Karte als existent zu betrachten, nicht aber das Land selbst.

Tatsächlich aber gebe es eine Wirklichkeit jenseits der physikalischen Messgrößen. Und diese, so Kastrup, sei jedem Menschen bestens bekannt – nämlich durch seine eigene Innenwelt. Deren „endogene mentale Zustände“ seien quantitativ nicht beschreibbar: „Wie lang ist die Länge Ihrer Gedanken in Metern? Welches Gewicht in Kilogramm hat Ihre Fantasie? Wie groß ist der Drehimpuls Ihres Gefühls? Wie viele Grad? Die Fragen zeigen: Endogene mentale Zustände haben einen inhärent qualitativen Charakter, den man nicht durch eine Liste von Zahlen erfassen kann.“

Bernardo Kastrup folgert, dass genau diese qualitativ erlebte „Innenwelt“ auf die Wirklichkeit der Natur, also auf die „realen Welt“ verweist. Daraus könne eine neue Weltanschauung entwickelt werden: „Die Möglichkeit, die sich uns also auf sehr offensichtliche Weise bietet, ist, dass die reale Welt außerhalb wie die reale Welt innerhalb ist: Sie besteht aus mentalen Zuständen.“

Die unabdingbare Voraussetzung für mentale Zustände aber sei bewusste Erfahrung. Kastrup: „Indem ich sage, dass es eine reale Außenwelt gibt, die aus mentalen Zuständen besteht, sage ich, dass sie bewusst ist, dass sie Erfahrung einschließt, dass mentale Zustände Erfahrungszustände sind.“ 

Bewusstsein liegt demnach im Wesen der Natur an und für sich. „Mentale Zustände“ oder „Erfahrungszustände“ sind also nicht auf Mensch und Tiere beschränkt. „Es geht hier nicht um meine oder Ihre Erfahrungszustände, oder um die meiner Katze, sondern um Erfahrungszustände der Natur im Allgemeinen“, präzisiert Kastrup. „Ich spreche von externen, transpersonalen mentalen Zuständen. Nur der Materialismus behauptet ja, dass Erfahrungszustände einzig in Schädeln stattfinden, weil sie irgendwie von einem Gehirn geschaffen werden sollen, das in einem Schädel eingekapselt ist.“

„Die physische Welt ist nicht da draußen“

Nach Kastrups idealistischer Philosophie bilden „mentale Zustände“ und damit die bewusste Erfahrung, das qualitative Erleben, die eigentliche „reale Welt“.

Demgegenüber repräsentiere die physische Welt nur spezielle Wahrnehmungen – so wie die Darstellungen auf einem Armaturenbrett die Messergebnisse von Sensoren repräsentieren. 

Eine eigenständige physische Realität gebe es nicht. Es handle sich dabei lediglich um die „Welt der Wahrnehmung“. „Die physische Welt ist nicht da draußen“, sagt Kastrup. „Sie ist in uns. Sie ist eine Repräsentation der realen Welt.“ 

Gegebenheiten, die wir sinnlich wahrnehmen, sind demnach Darstellungen externer mentaler Zustände. „Was immer wir sehen, hören, berühren, riechen, schmecken, ist eine Darstellung auf dem Armaturenbrett, von unserem eigenen Verstand geschaffen. Und wir haben physikalische Größen wie Kilogramm, Meter, Sekunden, Hertz, Joule und so weiter erfunden, um die Inhalte unserer Wahrnehmung beschreiben zu können“, sagt Kastrup und ergänzt sein Gleichnis: „Physikalische Größen dienen dazu, die Anzeigen auf dem Armaturenbrett zu beschreiben. Sie zeigen nicht den Himmel außerhalb des Flugzeugs, nicht den Sturm außerhalb des Flugzeugs.“ Die eigentliche Wirklichkeit, die „reale Welt“, entzieht sich demnach der Beschreibung.

Bernardo Kastrup zufolge sind alle physischen Gegebenheiten in Wirklichkeit nur eine bestimmte Art von mentalen Zuständen. Es handle sich um „die mentalen Zustände der Wahrnehmung. Wahrnehmung ist mental. Die Farbe Rot eines Apfels ist ein mentaler Zustand. Es ist ein qualitativer Zustand, den wir erleben. Der Klang einer Melodie ist ein mentaler Zustand. Die Beschaffenheit einer Oberfläche ist ein mentaler Zustand. Wir erleben sie, wenn wir mit unseren Händen über diese Oberfläche streichen. Es gibt nur mentale Zustände. Das, was wir die physische Welt nennen, ist eine bestimmte Art von mentalem Zustand.“

Demnach gibt es eine Art von mentalem Zustand als „Welt der Wahrnehmung“, als sogenannte „physische Welt“, und eine andere Art – nämlich, so Kastrup, „die wirklichen mentalen Zustände, die die Welt da draußen ausmachen“. 

„Bewusstsein ist das, in dem alles entsteht“

Die unterschiedlichen Arten mentaler Zustände verweisen auf eine weitere zentrale Aussage in seiner idealistischen Philosophie: Wenngleich Bewusstsein „das ist, in dem alles entsteht“, obwohl es also eigentlich alles umfasst, so gibt es doch verschiedene Zustände des Bewusstseins. Einige davon  bezeichnet Kastrup als „dissoziativ“. Das heißt, es wird nicht die Gesamtheit erlebt, sondern es werden „Zustände der Trennung“ wahrgenommen.

„Ich kann Ihre Gedanken gerade nicht lesen, und vermutlich können Sie meine auch nicht lesen“, erläutert Kastrup im Interview. „Mein Bewusstseinszustand ist also von Ihrem dissoziiert. Andernfalls wäre ich in der Lage, auf Ihre Gedanken zuzugreifen, so wie ich auf meine eigenen Erinnerungen zugreifen kann. Ich kann nicht erfahren, was gerade in China oder in der Andromeda Galaxie geschieht. Ich bin dissoziiert von den mentalen Zuständen, die das ausmachen, was wir China nennen, oder das, was wir die Andromeda Galaxie nennen.“

Solche Dissoziationen, die letztlich subjektives Erleben ermöglichen, seien mit der Evolution des Lebens auf der Erde einher gegangen, die vermutlich vor etwa vier Milliarden Jahren mit dem ersten Lebewesen ihren Lauf nahm. 

Kastrup: „Dieses erste Lebewesen zeigte den ersten dissoziativen Prozess auf diesem Planeten. Und infolge der natürlichen Auslese überlebten die dissoziativen Prozesse, die sich selbst erhalten konnten, mit anderen Worten, die überleben und andere dissoziative Prozesse abspalten konnten, die sich also fortpflanzen konnten. Das sind diejenigen, die überlebt haben. Und durch die natürliche Selektion wurde der Inhalt dieser Dissoziation mit der Zeit immer komplexer. 

Vielleicht begann es als ein einzelliger Organismus, mit anderen Worten, ein dissoziativer Prozess mit sehr einfachen Erfahrungszuständen. Aber im Laufe der Zeit sind wir Menschen daraus geworden. Wir repräsentieren einen dissoziativen Prozess mit sehr komplexen mentalen Zuständen, fähig, sich im Ökosystem der Erde gegen die Konkurrenz durchzusetzen und zu überleben, den Planeten zu beherrschen und sogar über hochrangige mentale Funktionen zu verfügen, die anfangs nicht vorhanden waren. Dinge wie Selbstreflexion, all diese höheren Fähigkeiten, die für unser Überleben sehr nützlich waren und deshalb in diesem dissoziativen Prozess verankert wurden.“

Bernardo Kastrup stellt also die Evolutionstheorie in ihren wesentlichen Aussagen nicht in Frage, auch nicht andere Erkenntnisse der etablierten Wissenschaft. 

Allerdings bietet er mit seiner idealistischen Philosophie eine neue Interpretationsmöglichkeit der Gegebenheiten an, radikal neue Antworten auf die Frage nach dem Wesen der Natur: „Die Wissenschaft liefert uns Modelle für das Verhalten der Natur. Wir können mit Hilfe der Wissenschaft vorhersagen, was die Natur als nächstes tun wird. Es geht um Taten, Verben, Verhaltensweisen, nicht aber um das Sein, nicht um das Wesen, um die Natur der Dinge. Letzteres ist eine Frage für die Philosophie. Der Idealismus ist also eine philosophische Interpretation des Verhaltens der Natur. Er verändert die Wissenschaft nicht, er ergänzt sie.“

Vom Vergehen der Wasserwirbel im See

Diese Ergänzung könnte allerdings weit reichende Auswirkungen auf unser Weltbild haben. Denn mit der Auffassung, dass Bewusstsein – und nicht Materie – „das ist, in dem alles entsteht“, erscheint auch die alte Frage, ob es denn ein Leben nach dem Tod gibt, in einem neuen Zusammenhang.

Alles Physische repräsentiert aus idealistischer Sicht einen mentalen Zustand. Auch jeder menschliche Körper ist demnach das Ergebnis eines dissoziativen Verhaltens, das räumlichen und zeitlichen Grenzen unterliegt. 

Kastrup vergleicht diese Individualisierung mit dem „Wasserwirbel auf einem See“: „Man kann auf ihn zeigen und sagen: da ist ein Wasserwirbel. Dennoch ist der Wasserwirbel nichts anderes als der See. Man kann ihn nicht herausfischen und mit nach Hause nehmen. Es gibt keinen Wasserwirbel an sich. Es gibt nur ein bestimmtes Verhalten des Sees. Wirbeln ist etwas, das der See tut. Der Wirbel ist keine separate Entität. Er stellt ein Lokalisierungsmuster der Wasserbewegung auf dem See dar. 

Auf dieselbe Weise ist jedes Lebewesen ein Muster oder eine dissoziative Lokalisierung mentaler Inhalte.“

Bernardo Kastrup nimmt sich selbst als Beispiel: „Man kann die Grenzen von Bernardo abstecken und sagen: Bernardo endet hier. Aber Bernardo ist nichts anderes als ein Feld der Subjektivität innerhalb der Natur, so wie der Wasserwirbel nichts anderes ist als der See.“ (Diese Aussage hat mich übrigens zur Gestaltung des Titelbildes zu diesem Beitrag inspiriert.)

Der Sterbeprozess, in dem der Körper „seine dynamische und strukturelle Integrität verliert“, sei die „Auflösung der Dissoziation“, das Vergehen eines Wasserwirbels, nicht aber das Ende des Bewusstseins, nicht das Ende des Sees“, sagt Kastrup. „Der Tod beendet einen bestimmten Vorgang auf dem See, er löst den Wasserwirbel auf. Aber das Bewusstsein bleibt.“

Diese Sicht könnte auch die tiefsten und nachhaltigsten Aspekte in Nahtoderfahrungen erklären, die sogenannten Einheitserlebnisse, die von Sterbeforschern immer wieder dokumentiert werden.

Nahtoderfahrene erleben sich dabei jenseits von Raum und Zeit mit allem verbunden, und dieser „nicht dissoziierte Zustand“ ist für sie realer als real – so überaus wirklich und lebensintensiv, dass ihnen das körperverbundene Dasein dagegen wie ein blasser Traum erscheint.

Ähnliches erwartet Bernardo Kastrup nach dem körperlichen Tod: „Die Menschen machen eine Auflösung ihres Egos durch. Sie verstehen, dass sie Teil der gesamten Welt sind. Sie sind die Welt. Sie sind nicht diese separate Entität. 

Das ist eine fantastische Veränderung unseres Bewusstseinszustandes. 

Unser Bild von uns selbst wird sich also ändern, unser Verständnis von dem, was wir sind. Am Ende der Dissoziation werden wir verstehen, dass wir nicht das sind, was wir zu sein glaubten, dass wir getäuscht waren. Aber was wir die ganze Zeit über wirklich waren, das bleibt bestehen. 

Der Tod ist das Ende der Täuschung, jedoch nicht das Ende von dem, was wir wirklich sind.“

Als Metapher für dieses Erwachen zum wirklichen Leben verwendet Kastrup den nächtlichen Traum. „Wenn man träumt, befindet man sich in einem weiteren dissoziativen Zustand. Denn während des Traums denken Sie, dass Sie lediglich Ihr Traumavatar seien. Sie erleben sich getrennt von den Häusern, den Gebäuden, den Bäumen, den Autos oder den anderen Menschen in ihrem Traum. Sie denken, Sie seien nur Ihr Traumavatar. 

Und dann wachen Sie auf und stellen fest, dass Sie selbst alles geträumt haben. Sie waren nicht nur der Traumavatar, sondern auch alles andere in dem Traum kam aus Ihnen. 

Das ist das Ende der Dissoziation, des Traumzustands. 

Sobald Sie aufwachen, spielt Ihr Traumavatar keine Rolle mehr. Sie trauern auch nicht um ihn, denn Sie erkennen, dass Sie nie wirklich Ihr Traumavatar waren, dass Ihre Identität nicht auf ihn beschränkt ist, dass sie das nie war. 

Genauso gibt es nach dem Tod keine Dissoziation mehr, die dem Traumavatar entspricht. Das ist vorbei. Aber Ihre Erinnerungen, Ihre Einsichten, Ihre Lehren, die gesamte Erfahrung Ihres Lebens verschwindet nicht.

Alles, was ein Mensch war, existiert in der Natur weiter. Es ist aber in einen viel größeren kognitiven Kontext eingebettet. Die mentalen Inhalte eines Lebens sind jetzt für die Natur als Ganzes verfügbar. Nichts ist verloren.“

Ein vielversprechender Ansatz

Bernardo Kastrups philosophischer Idealismus, der in seiner Essenz an Grundgedanken Platons erinnert, hat keine religiöse oder konfessionelle Dimension. Weder bietet er eine Antwort auf die Frage nach der Existenz Gottes, noch unterstützt er ohne weiteres spirituelle Überzeugungen, etwa vom besonderen Stellenwert bedingungsloser Liebe oder von der Führung des Menschen durch Geistwesen aus höheren Dimensionen. 

Und dennoch stellt er – ohne naturwissenschaftliche Theorien in Zweifel zu ziehen – ein bewusstes Weiterleben nach dem körperlichen Tod als natürliche, selbstverständliche Gegebenheit in Aussicht. 

Das ist beachtlich!

Es ließe sich wohl noch eingehend darüber diskutieren, ob und inwieweit ein solcher philosophischer Idealismus, der das Bewusstsein ins Zentrum rückt, traditionell naturalistisch orientiert bleiben muss. Oder ob Bernardo Kastrups Fazit, der Materialismus sei „Quatsch“, weit genug reicht.

Jedenfalls: Die Qualitäten zu würdigen, die untrennbar und fundamental zum Leben gehören, ist ein wichtiger und vielversprechender Ansatz zur Weiterentwicklung unseres Weltbildes.

 

Hinweise:
Wo nicht anders vermerkt, stammen die Zitate von Bernardo Kastrup aus einem Interview, das Reto Eberhard Rast für Thanatos TV geführt hat (Übersetzungen von mir).
Bei den Zitaten aus dem Beitrag „Bewusstsein kann sich nicht entwickelt haben“ habe ich mich an einer Übersetzung von Werner Nieke orientiert. Vielen Dank dafür.