22. Januar 2022

„Bin ohne Klage zum Tode bereit!“

Die Perlenfischer

• Oper in drei Akten von Georges Bizet 

Libretto: Michèle Carré (1821–1872) und Eugène Cormon 1810–1903) 
Musik: Georges Bizet (1838–1875) 
Uraufführung: 30. September 1863, Paris (Théâtre-Lyrique)
Dauer: ca. 2 Stunden

Akte:
1. Ein wilder Sandstrand auf der Insel Ceylon
2. Die Ruinen eines indischen Tempels
3. Ein indisches Zelt; ein Wald

Hauptpersonen:
Leila,
Tempelpriesterin: Sopran
Nadir, Jäger: Tenor
Zurga, Perlenfischer: Bariton
Nourabad, Gemeindeältester: Bass

Kurze Werkeinführung

„Die Perlenfischer“ (Originaltitel: „Les pêcheurs de perles“) ist eine frühe Oper des französischen Komponisten Georges Bizet (1838–1875). Sie spielt in alten Zeiten auf der Insel Ceylon und thematisiert die Konflikte einer Tempelpriesterin zwischen menschlicher Liebe und religiösem Treuegelöbnis. 

Uraufgeführt wurde das Werk am 30. September 1863 in Paris, allerdings ohne durchschlagenden Erfolg. Es wurde zu Lebzeiten des Komponisten insgesamt nur 18 Mal aufgeführt und geriet bald in Vergessenheit.

Da Georges Bizet jedoch mit seinem 12 Jahre später uraufgeführten Werk „Carmen“ Operngeschichte schrieb, wuchs auch das Interesse an seinen früheren Werken, so dass „Die Perlenfischer“ fallweise bis heute auf den Opernbühnen zu erleben sind.

Da Bizets Originalpartitur jedoch verschollen ist, musste die Musik auf der Grundlage eines Klavierauszuges rekonstruiert werden.

Die Handlung

Kurz und gut …
Die „Perlenfischer“ lassen erkennen, dass spirituell orientierte Frauen schon im alten Ceylon gefährdet waren, auf dem Scheiterhaufen zu landen.

1. Akt: Ein wilder Sandstrand auf der Insel Ceylon

Am Strand von Ceylon wählen die Perlenfischer nach altem Brauch ihren König. Zurga soll ihr Anführer und „Wächter des Rechts“ sein. Der Perlenfischer nimmt die Wahl erfreut an, und alle schwören ihm Treue.

Da steigt ein Mann die Felsen hinab. Es ist Nadir. Er war längere Zeit unterwegs, um sich im Urwald in der Tigerjagd zu bewähren, will jetzt aber bei den Perlenfischern bleiben. 

Der soeben gewählte König Zurga ist ein Jugendfreund Nadirs, und bald schwelgen die beiden Männer in Erinnerungen. Vor allem ein Ereignis hat sich den beiden eingebrannt: Sie hatten sich einst in das gleiche Mädchen verliebt, in eine junge Priesterin, die ihnen damals wie eine Göttin erschienen war („Au fond du temple saint …“):

Und in des Tempels Grund
Voll Gold und Blumenzier
Tritt ein Weib jetzt hinein,
Noch steht ihr Bild vor mir …

Um ihre Freundschaft vor Eifersüchteleien zu schützen, hatten Zurga und Nadin damals einander gelobt, ihrer Liebe zu der schönen Priesterin zu entsagen …

Bald legt unweit vom Strand ein Schiff an. Zurga ist erfreut, denn er hatte es schon erwartet: Als „guter Geist“ für die kommende Tauchsaison ist eine Priesterin angekündigt. Ihre Gebete und ihr Gesang sollen vor Unwettern und den Gefahren der See schützen.

Schon führen die Gemeindeältesten, voran Nourabad, Leila, die Tempelpriesterin herbei. Sie ist tief in Schleier gehüllt. Zurga verweist auf die strenge Tradition: „Keiner darf sie schau’n, noch sich nahen dieser Reinen.“

In der folgenden Zeremonie gelobt die Priesterin, feierlich, nie ihren Schleier zu heben, ohne Freund und Geliebten zu leben und ihre Stunden „allein dem heil’gen Dienst“ zu weihen. Der Bruch dieses Treueschwurs hätte Fluch und Tod zur Folge.

Doch just im Moment ihres Gelöbnisses erblickt Leila ein bekanntes Gesicht: Nadir. Sie weiß, dass sie diesen Mann kennt und liebt … und er hat sich ebenfalls gerade in großer Sehnsucht an sie erinnert. Denn Leila ist niemand anders als die zauberhafte junge Priesterin, in die sich Nadir und Zurga einst verliebt hatten.

Leila erbebt unter ihrem Schleier – und ihre Erregung bleibt nicht unbemerkt. Zurga fragt die Priesterin noch einmal, ob sie nicht doch lieber in Freiheit nach Hause zurückkehren wolle. Doch Leila ist entschlossen, hier bei den Perlenfischern zu bleiben: „Mag mein Schicksal sich wenden zu Leben oder Tod! Ich bleibe! So fordert es des Schicksals Gebot!“
Nadir hat Leila an ihrer Stimme erkannt, doch er glaubt zunächst an eine Sinnestäuschung. Denn seit er die junge Priesterin einst gesehen hatte, träumt er Tag und Nacht von ihr, wie in „Fieberglut“. Er hatte sein Gelöbnis, dieser Liebe zu entsagen, nie wirklich erfüllt, war ihren Spuren gefolgt, wollte sie wiedersehen … und jetzt? Hatte er sie endlich gefunden?

Nourabad führt Leila zu einem Felsen, der weit über das Meer ragt. An diesem besonderen Platz soll die Priesterin mit ihren Gebeten und Gesängen alle Dämonen fern halten. Und Leila ruft die guten „Geister in der Ferne“ und tief im Meer …

Als Nadir die Gesänge der Priesterin hört, weiß er, dass er die Geliebte tatsächlich gefunden hat. Er „huscht unbemerkt zum Fuß des Felsens“ und gesteht ihr seine Liebe: „Ich bin da! Und bringe meinen Arm, mein Blut, Um dich zu schützen!“

Leila beugt sich Nadir entgegen „und hebt einen Augenblick ihren Schleier zur Seite“. Beglückt erkennt sie, dass der Mann, den sie liebt, ihre Liebe erwidert. Und in der Gewissheit, dass vor einer solchen Liebe „der Dämonen Schar entweicht“, will Leila fortan für Nadir singen …

2. Akt: Die Ruinen eines indischen Tempels

Es ist Nacht. Nourabad zeigt Leila ihr Lager in den alten Tempelruinen. Hier sei sie in Sicherheit, doch ihr Herz müsse „ohne Fehl“ bleiben, sie sei an ihren Treueschwur gebunden.

Leila versichert dem Dorfältesten, zu ihrem Wort zu stehen. Schon als Kind habe sie einmal Wort gehalten, selbst als es um ihr Leben ging: Einem Flüchtling, der sich damals in ihre Hütte gerettet hatte, habe sie versprochen, ihn seinen Verfolgern nicht zu verraten – und sie habe dieses Versprechen gehalten, selbst als sie „von wütender Menge umringt“ und ein „Dolch schon zum Stoß bereit“ gewesen sei … Der Flüchtling habe ihr damals zum Dank eine Goldkette geschenkt.

Nourabad erinnert die Tempelpriesterin noch einmal an ihren Schwur, der sie nun an das Geschick der Perlenfischer kette. Dann bleibt Leila allein … und spürt die Nähe ihres Geliebten: 

Nun steh’ ich einsam in der Nacht!
Einsam, aller Welt entrückt, auf steiler Felsenhöhe!
Doch er ist da! Mein Herz, es ahnet seine Nähe!
Wie einst bei nächt’ger Sterne Funkeln,
Verborgen im schweigenden Hain,
So wacht er auch heute im Dunkeln …

Tatsächlich dauert es nicht lange bis Nadir erscheint. Und obwohl diese Begegnung für die beiden die ersehnte Bestätigung und Erfüllung bringt, nachdem sie ihre Liebe über Jahre nur in sehnsuchtsvollen Gedanken leben konnten, legt Leila Nadir nahe, ihr Lager schnellstmöglich wieder zu verlassen. Eine Beziehung sei zu gefährlich, und ihr Schwur verpflichte sie dazu, sich nicht darauf einzulassen.

Schließlich aber ist die Liebe, die „Glut des Herzens“ stärker.

Erst als ein schweres, Unheil drohendes Gewitter naht, nehmen die beiden voneinander Abschied – allerdings mit dem Versprechen, sich in der kommenden Nacht erneut zu treffen.

Doch gleich nachdem Nadir Leilas Lager verlassen hat, wird er von Wachen gestellt. Für Nourabad ist klar, was geschehen ist: Die Tempelpriesterin hat ihren Treueschwur gebrochen – in der ersten Nacht bereits!

Schon fordern die Perlenfischer ihren Tod, schon wollen sie gegen Leila handgreiflich werden, als ihnen Zurga Einhalt gebietet: „Hier verurteilt allein mein Gebot!“

Der König will seinen Freund und auch die Priesterin unbehelligt lassen, doch da tritt Nourabad heran und reißt Leila die Schleier vom Kopf: „Lass uns Dein Antlitz sehen!“

Als Zurga nun die Frau erkennt, die auch er geliebt hatte, kocht jäh die Eifersucht in ihm hoch   –und er befiehlt für sie und Nadir den Tod.

Inzwischen tobt das schwere Gewitter. Die verängstigten Perlenfischer bitten Gott Brahma auf Knien um Gnade: „Strafe uns nicht für sie, die mit Schuld sich beladen!“

3. Akt: Ein indisches Zelt

Nachdem die Stürme sich verzogen haben, hadert Zurga in seinem Zelt mit seiner Entscheidung, Nadir töten zu lassen, den Freund seiner Jugend. Da erscheint Leila, „geführt von zwei Fischern, die sie mit ihren Dolchen bedrohen“. 

Die Priesterin will mit dem König unter vier Augen sprechen, wirft sich ihm zu Füßen und bittet ihn, Nadirs Leben zu verschonen. Er sei unschuldig: „Die Schuld trag’ ich allein, drum nimm mein Leben hin!“

Doch als Zurga erkennt, wie tief und selbstlos die Liebe der Priesterin zu Nadir ist, wallt erneut die Eifersucht in ihm auf. Außer sich bekennt er vor Leila, Nadir deshalb zu hassen:

Er fand der Liebe Glück,
Ich nicht; darum hass’ ich ihn!
Weil du ihm Liebe gabst,
Stirbt Nadir sicherlich!
Du liebst ihn, du liebst ihn?
So stirbt er heut’!

Zurgas Worte machen Leila keine Angst. Sie scheue den Tod nicht, antwortet sie, und wirft dem König vor, ein Barbar zu sein. Ihre Liebe werde immerdar Nadir gelten:

Mag dein Wille geschehen,
Furchtlos wirst du uns sehen,
Wenn zusammen wir gehen dort hinauf,
Wo niemand uns trennt.

Leila ist bereit, in den Tod zu gehen und teilt einem jungen Fischer ihren letzten Wunsch mit: Er möge die wertvolle Goldkette, die sie seinerzeit erhalten hatte, ihrer Mutter übergeben – als „Gruß aus schöner Zeit“. 

Nachdem Leila fortgeschafft worden ist, betrachtet Zurga die Kette genauer – und stößt dann jäh einen entsetzten Schrei aus. Er erkennt das Schmuckstück wieder. Es hatte einst ihm gehört. Denn er selbst war der Flüchtling gewesen, dessen Leben Leila als Kind gerettet hatte!

Eifersucht und Hass sind mit einem Mal überwunden. Zurga ist nun fest entschlossen, den Tod der Priesterin und seines Freundes zu verhindern.

Ein Wald

Im Wald haben die Perlenfischer einen Scheiterhaufen errichtet, auf dem Nadir und Leila hingerichtet werden sollen. Der Tod der beiden soll Brahma besänftigen. Männer und Frauen ergehen sich in fanatischen Rufen, Palmenwein wird herumgereicht, wilde Tänze vollführt. 

Die beiden Liebenden sehen ihrem Tod indes ruhig und mit Zuversicht entgegen:

Mein Blut geb’ ich gerne!
Bin ohne Klage zum Tode bereit!
In schönerem Lande
Finden Glück und Liebe wir allezeit!

Plötzlich jedoch flackert es hell auf: Das nahe gelegene Waldlager der Perlenfischer steht in Flammen! 

Verwirrung macht sich breit, die Perlenfischer eilen hinweg vom Scheiterhaufen, um zu retten, was noch zu retten ist. 

Indes befreit Zurga Nadir und Leila. Der König selbst hatte den Brand gelegt, um die beidem vor der Vollstreckung seines Todesurteils zu bewahren. Er gibt sich der Priesterin nun als jener Flüchtling zu erkennen, der ihr die Goldkette geschenkt hatte: „Einst rettetest du mich! Drum rett’ ich heute euch!“

„Und du, Zurga?“ fragt Nadir bang, als der König ihn und Leila zur Flucht drängt.

„Das weiß nur Gott allein!“

Zurga bleibt in dem brennenden Lager zurück – bereit, „Tod und Verderben“ auf sich zu nehmen – als Strafe Brahmas für sein schändliches Verhalten.

 

Hinweise:
Das Titelbild zeigt eine Inszenierung der Oper Graz, 2022
Alle Zitate aus der deutschen Übersetzung des Librettos lt. Opera Guide