24. Mai 2022

Vernebelt bis zum Ende

Adam McKays Gesellschaftssatire „Don’t Look Up“

• Kate Diabasky (Jennifer Lawrence) ist Doktorandin in Astronomie an der Michigan State University (USA). Sie hat soeben einen riesigen Kometen entdeckt, der offenbar die Erde bedroht. Ihr Professor, Dr. Randall Mindy (Leonardo DiCaprio), bestätigt ihre Beobachtung. Seine Berechnungen ergeben, dass der Himmelskörper in sechseinhalb Monaten auf der Erde einschlagen wird. Und es gibt keinen Zweifel, dass die Menschheit dieses Ereignis nicht überleben würde.

Die einzige Hoffnung liegt in einer wissenschaftlich-technischen Kraftanstrengung. In der verbleibenden Zeit müsste es gelingen, den Kometen durch gezielte atomare Explosionen zu zerstören oder von seiner Bahn abzulenken.

Doch Kate und Dr. Mindy müssen bald frustriert erkennen, dass es praktisch unmöglich ist, die Dringlichkeit des Problems zu kommunizieren. Zunächst hat Janie Orlean, die amtierende US-Präsidentin (Meryl Streep), keine Zeit für die beiden. Sie steht gerade wegen eines Sexskandals unter Druck und kann unangenehme Nachrichten nicht gebrauchen. Schließlich, nachdem ihr auch der Vorsitzende der „Planetary defense“-Organisation der NASA (Rob Morgan) die Bedrohung bestätigt hat, entscheidet Orlean, dass es jetzt einmal wichtig sei, Ruhe zu bewahren und zu sondieren. Also nichts zu tun. Schließlich seien wissenschaftliche Erkenntnisse nie zu 100 % sicher.

Kate und Mindy entschließen sich daraufhin, selbst an die Öffentlichkeit zu gehen, haben aber keinerlei Sinn für die Infotainment-Spielregeln der großen Happy-life-Fernsehshow, in der sie vom bevorstehenden Kometeneinschlag erzählen wollen. Die Verlobung einer jungen Pop-Diva (Ariana Grande) mit einem DJ bringt der Sendung denn auch deutlich mehr Online-Traffic als zwei Wissenschaftler, die wieder einmal etwas von einem öden Bedrohungsszenario daher quasseln. 

Vor allem Kate scheitert mit ihrem Versuch, den Ernst der Lage zu veranschaulichen. Wütend und anklagend aufzubegehren – in einer TV-Show, von der sich alle doch nur gute Unterhaltung erwarten – das geht wirklich nicht! Die junge Astronomin befördert sich mit ihren Live-Gefühlsausbrüchen selbst ins Out und gilt in sozialen Netzwerken bald als hysterische Untergangsprophetin. 

Dr. Mindy hat indes mehr „Glück“. Zwar bleibt die bittere Botschaft, die er eigentlich verkünden will, weitgehend auf der Strecke, aber Brie Evantee, die Moderatorin der Fernsehshow (Cate Blanchett), präsentiert Mindy ihrem Publikum als jemanden, dem man einfach gern zuschaut. Ist er doch ein sexy Wissenschaftler aus dem Umfeld der US-Präsidentin …

Diese hat sich inzwischen doch zu einer Rettungsmission durchgerungen, denn ein solcher NASA-Einsatz lässt sich als Gelegenheit nutzen, dem Volk Patriotismus und Heldenmut zu verkaufen.

Schon steuern Raketen auf den Kometen zu … da wird das Unternehmen im letzten Augenblick doch wieder abgebrochen. Denn hinter den Kulissen hat Peter Isherwell (Mark Rylance), der exzentrische CEO eines weltweit führenden Technologieunternehmens und wichtiger Sponsor der Präsidentin, interveniert. Er vermutet, dass der Himmelskörper wertvolle Rohstoffe enthält, darunter seltene Erden – und sieht den Besuch des Kometen als einmalige wirtschaftliche Chance.

Isherwell will ihn in kleinere Stücke zerteilen, die nach ihrem Auftreffen auf der Erde bequem „geerntet“ werden sollen. Allerdings entzieht sich der Multimilliardär allen Versuchen, objektiv zu überprüfen, ob und mit welchen Risiken seine Idee technisch überhaupt durchführbar ist. Leisten kann Isherwell sich dieses dem wissenschaftlichen Mainstream völlig entgegen gesetzte Experiment, denn die Präsidentin steht ohne Wenn und Aber hinter ihm.

Die Bevölkerung ist indes gespalten. Während der Komet bald mit freiem Auge sichtbar wird und kritisch denkende Menschen sich immer größere Sorgen machen, plädiert die US-Regierung für blindes Vertrauen. „Don’t look up!“ („Schau nicht rauf!“) wird zu ihrem Slogan …

Nach seinen beiden großartigen Filmen „The Big Short“ und „Vice“ gelang dem US-amerikanischen Regisseur und Drehbuchautor Adam McKay mit „Don’t Look Up“ ein weiterer sehenswerter Streifen. Seine Gesellschaftssatire wartet mit großartigen Schauspielern auf, schwächelt vielleicht ein wenig auf Grund eines nicht durchgängig optimalen Spannungsbogens, bietet insgesamt aber außerordentlich viele starke Momente, in denen sich der Umgang des Menschen mit der globalen Klimakrise ebenso widerspiegelt wie die gesellschaftliche Spaltung durch die Corona-Pandemie. 

Vor allem ein wiederkehrendes Verhaltensmuster ist es, das in „Don’t Look Up“ zum Schmunzeln einlädt, eigentlich aber Entsetzen auslöst (Loriot lässt grüßen!): Die Unfähigkeit des Menschen, aus vertrauten Wohlfühlzonen auszubrechen und den eigenen Blickwinkel zu verändern. Vorhersehbar und marionettengleich verharrt er in seinen persönlichen „Wahrheiten“, im dichten Nebel seiner Gedankenwolken, und verwendet seine ganze Kraft und List darauf, Unangenehmes, Irritierendes, Kränkendes auszublenden. Bis zum bitteren Ende.

(2021, 138 Minuten)