24. November 2020

Blind dem Bösen gegenüber

M. Night Shyamalans Thriller „The Village – Das Dorf“

• Im sorgfältig von allen zivilisatorischen Einflüssen und Gefahren abgeschotteten US-amerikanischen Dorf Covington gibt es nur hilfsbereite, auf harmonisches Zusammenleben bedachte, gute und gutgläubige Menschen. Gut, da ist auch Noah Percy (Adrian Brody), der Dorftrottel, der immer blöd grinst, wenn die anderen sich fürchten. Aber sein einfältiges Gemüt betrachtet niemand als Gefahr.

Und da sind die „Unaussprechlichen“, teuflisch rote Wesen mit Fratzen und Krallen an den Händen und auch am Rücken. Sie gelten zwar als tödliche Bedrohung, aber sie leben versteckt im Wald. Und der Ältestenrat des Dorfes, dem Edward Walker (William Hurt) und Alice Hunt (Sigourney Weaver) angehören, hat Verhaltensregeln ausgegeben, um die Monster vom Dorf fernzuhalten. Die Farbe Rot könnte die Unaussprechlichen anlocken und ist daher verpönt. Gelb dagegen wirkt beruhigend auf sie und schützt die Dorfbewohner. Natürlich sollte niemand aus Covington es jemals wagen, die gefährlichen Wälder zu betreten …

Dieses von strengen Regeln bestimmte Dorfleben funktioniert ganz gut – bis sich Walkers blinde Tochter Ivy (Bryce Dallas Howard) und Hunts Sohn Lucius (Joaquin Phoenix) ineinander verlieben. Noah, der Ivy ebenfalls begehrt, rastet deshalb aus. In seiner Unfähigkeit, mit dieser Situation zurecht zu kommen, sticht er mit einem Messer auf Lucius ein, der blutüberströmt zusammenbricht.

Was tun? Es gibt im Dorf keine Medikamente, die das Leben des Schwerverletzten retten könnten. Und jemanden durch den Wald in die nächstgelegene Stadt zu senden, kommt wegen der Bedrohung durch die Unaussprechlichen nicht in Betracht …

Ivy aber ist entschlossen, sich der Gefahr zu stellen, um das Leben ihres Geliebten zu retten. Und Edward Walker weiß, dass er seine starrköpfige, durchsetzungsstarke Tochter nicht von ihrem Vorhaben abbringen kann. Also verrät er ihr ein großes Geheimnis, von dem nur die Gründer des Dorfes, die Mitglieder des Ältestenrates wissen …

Wer „The Village“, eine der besten filmischen Arbeiten des US-amerikanischen Regisseurs und Drehbuchautors M. Night Shyamalan, zum ersten Mal sieht, wird den Streifen vermutlich ohne Zögern dem Genre des Horrorfilms zuordnen. Dem Zuschauer wird ausreichend Gelegenheit geboten, an den Ängsten der Protagonisten vor den „Unaussprechlichen“ teilzuhaben. Und der Regisseur versteht es – unterstützt durch den genialen Kameramann Roger Deakins – bestens, Gruseleffekte vor allem durch Andeutungen zu generieren. Er benötigt dafür keine blutrünstig-deftige Bildsprache.

Wer nach dem Premierenkonsum bereits weiß, wie der starbesetzte Film funktioniert, kann sich beim zweiten Anschauen entspannt auf die eigentliche Geschichte konzentrieren. Mit dieser hat M. Night Shyamalan (absichtlich?) ein bitteres Gleichnis für die Risiken und Nebenwirkungen religiöser Konzepte, vielleicht sogar für diese an sich, abgeliefert.

Das große Geheimnis, das Walker seiner Tochter Ivy offenbart, liegt nämlich darin, dass es die Unaussprechlichen in Wirklichkeit gar nicht gibt. Sie sind eine Erfindung des Ältestenrates, mit der die Dorfbewohner vor allem Bösen bewahrt werden sollen. Denn die Gründungsmitglieder von Covington eint ein gemeinsames Schicksal: Sie alle hatten vor Jahren geliebte Menschen durch Verbrechen verloren, durch Kriminelle, die in ihrer Gier nach Drogen oder Geld keine Schranken kannten. 

Um ihre Familien, und vor allem ihre Kinder, künftig vor allen Übeln des modernen städtischen Lebens zu schützen, hatten die Ältesten dann ihre eigene Welt errichtet: Ein Dorfleben im Stil des ausklingenden 19. Jahrhunderts, mitten in einem abgeschotteten Natur-Reservat, fern der Technik und Zivilisation, in dem nur und nur das Gute gedeihen sollte. Und auf dass niemand dem Gedanken folge, dieses Paradies zu verlassen, wird man die Mär von den Unaussprechlichen im finsteren Wald gepflegt …

Aber so, wie jedes Verbot, jedes Tabu als Nebenwirkung just auch die Bemühungen fördert, es zu durchbrechen, so endet auch das Dorf-Experiment im Chaos. Die Utopie, eine autarke Insel des Guten zu errichten, droht zu scheitern …

Wie das Leben in diesem Dorf dargestellt wird, darf es wohl auch stellvertretend für religiöse Gesinnungsgemeinschaften betrachtet werden. Vor allem in solchen Gruppen geht es letztlich ja darum, allen brav Gläubigen durch Dogmen, Verhaltensregeln oder den Hinweis auf das drohende Böse ein „gutes“ Leben zu ermöglichen. Letztlich aber scheitern genau die Konstrukte, die eigentlich der Sicherheit dienen sollen, irgendwann am Leben selbst. Denn immer macht sich irgendwann irgendjemand auf den Weg, der – wie Ivy aus Shyamalans Dorf – in natürlicher Weise blind gegenüber dem Bösen ist … um enge Grenzen und alte Vorurteile zu überwinden und neue Möglichkeiten auszuloten. 

Und manchmal bewirkt er gerade dadurch wirklich Gutes.

(2004, 108 Minuten)