5. Dezember 2021

Menschenverachtung

Kevin Macdonalds Guantanamo-Drama „Der Mauretanier“

• November 2001. Wenige Wochen zuvor, am 11. September, waren die USA von einem Terroranschlag erschüttert worden, dem knapp 3.000 Menschen zum Opfer gefallen waren. Als verantwortlich für die koordinierten Flugzeugentführungen und Selbstmordattentate gilt das islamische Terrornetzwerk Al-Quaida unter der Führung von Osama Bin Laden. Für die Vereinigten Staaten von Amerika geht es darum, die Hinter- und Mittelsmänner für diesen Anschlag ausfindig zu machen. Mit allen Mitteln.

In Nouakchott, der Hauptstadt Mauretaniens, ist ein Hochzeitsfest im Gange. Unter den Gästen ist Mohamedou Ould Slahi (Tahar Rahim). Doch die ausgelassene Feier wird von der Polizei gestört, die ihn auffordert mitzukommen. Slahi ahnt, dass hinter dieser Fahndung mehr als nur Routine steckt. Er löscht eilig alle Kontaktdaten auf seinem Mobiltelefon und verabschiedet sich von seiner besorgten Mutter, versucht sie zu beruhigen.

Sie wird ihren Sohn nie wiedersehen.

Der US-amerikanische Geheimdienst CIA meint, mit Slahi einen großen Fisch an der Angel zu haben. Informationen und Recherchen, etwa über Telefonverbindungen, weisen darauf hin, dass er aktiv an der Rekrutierung der Attentäter beteiligt gewesen ist. Es fehlt nur noch das Geständnis.

Doch Mohamedou Ould Slahi gesteht nicht. Vielleicht, weil er weiß, dass er unter keinen Umständen etwas gestehen darf; vielleicht aber auch einfach, weil er nichts zu gestehen hat.

Einige Monate nach Slahis Festnahme funktionieren die Amerikaner ihren Marinestützpunkt in der Guantánamo-Bucht auf Kuba in ein Gefangenenlager um – das bald berüchtigt sein wird. Denn um die Menschenrechte der dort Inhaftierten – insgesamt dürften es 779 Personen gewesen sein –  steht es schlecht. Psychische und physische Folter stehen auf der Tagesordnung.

Mohamedou Ould Slahi wird – ohne Anklage, wie so viele andere auch – nach Guantánamo gebracht und vermutlich öfter Folterungen unterzogen als alle anderen. 70 Tage lang – immer wieder Schlafentzug durch Lärm, Kälte, Stehfolter, Vergewaltigung, Waterbording, Drohungen gegen seine Mutter … Denn Slahis Geständnis ist besonders wichtig. Und er gesteht.

Nun soll Slahi verurteilt werden, öffentlichkeitswirksam, am besten zur Todesstrafe. Der Veteran und Militärstaatsanwalt Stuart Couch (Benedict Cumberbatch) wird damit beauftragt, für das Gerichtsverfahren eine hieb- und stichfeste Anklage zu erarbeiten. Doch bei seinen Recherchen entdeckt er, mit welchen menschenverachtenden Methoden Slahis Geständnis erzwungen worden ist – und weigert sich schließlich, weiter an der Anklage gegen den Mauretanier zu arbeiten.

Auch Couchs Gegenspielerin, die Strafrechts- und Menschenrechtsanwältin Nancy Hollander (Jodie Foster), enthüllt – angeregt durch das Tagebuch ihres Klienten Ould Slahi – die unmenschlichen Praktiken, die im berüchtigten Gefangenenlager Guantanamo herrschen. Sie findet zwar keinen Ansatz dafür, Slahis Unschuld zu beweisen, aber sie ist entschlossen, die rechtsstaatlichen Prinzipien zu verteidigen, die hier von den USA offenbar mit Füßen getreten werden.

In seinem Film „Der Mauretanier“ zeichnet der schottische Regisseur Kevin Macdonald die wahre Geschichte des Überlebenskampfes von Mohamedou Ould Slahi nach – von seiner Inhaftierung in Nouakchott bis hin zur gerichtlichen Feststellung der Unrechtmäßigkeit seiner Haft. 

Dass diese richterliche Entscheidung im Jahr 2010 immer noch nicht zu seiner Freilassung führte, dass Slahi auch unter US-Präsident Barak Obama weiterhin in Haft blieb (er war insgesamt 15 Jahre lang eingesperrt, 14 davon in Guantanamo in Einzelhaft), wird nur im Nachspann erwähnt. Ebenso, dass von den 779 in Guantanamo inhaftierten Gefangenen nur insgesamt acht verurteilt werden konnten, wobei drei Urteile in Berufungsverfahren wieder aufgehoben wurden.

Als Grundlage für das Drehbuch (Michael Bronner) dienten Slahis Tagebuch-Aufzeichnungen, die 2013, noch vor seiner Freilassung, in Buchform veröffentlicht und zu einem weltweiten Bestseller wurden. Dennoch wird der Mauretanier nicht als unschuldig leidender Held inszeniert. Die Frage, ob er Mittäter oder wenigstens Mitwisser war, bleibt offen.

Thema des Films sind die Verbrechen, die unter der Präsidentschaft von George W. Bush in Guantanamo begangen wurden. Sie zeigen nicht nur, dass die USA kein Rechtsstaat sind, sondern nehmen ihnen im Grunde auch jedes moralische Vorrecht, international für Freiheit und Menschenrechte anzutreten. Der Zweck heiligt die Mittel nicht. Nicht diese Mittel. Nicht dieses Vorgehen.

Man kann nur darüber spekulieren, weshalb auch Präsident Obama seine Absicht, das Gefangenenlager in Guantanamo aufzulassen, letztlich doch nicht umgesetzt hat. Der Friedensnobelpreisträger mag Gründe dafür gefunden haben. Vielleicht spielte die Erfahrung mit, dass Freigelassene sich oft rasch und noch erbitterter wieder terroristischen Gruppen anschließen. Aber welche Gründe es auch immer gewesen waren. Die Erkenntnis, dass der Zweck nicht jedes Mittel heiligt, hatte offenbar Nachrang.

Vielleicht wird US-Präsident Joe Biden Ernst machen und das Lager von Guantanamo schließen. Seine Absicht, für diesen wichtigen Schritt hat er geäußert. 

Und vielleicht trägt Kevin Macdonalds Filmdrama dazu bei, den moralischen Druck, nach 20 Jahren endlich Licht in dieses besonders dunkle Kapitel des US-amerikanischen „Kriegs gegen den Terror“ zu bringen, weiter zu erhöhen.

(2021, 130 Minuten)