5. Dezember 2021

Corona und das Sekten-Dilemma

Der seelisch-geistige Herkulesakt, sich von einer irreführenden Gesinnung zu befreien, verdient jede Bewunderung.

Aus dem religiösen Bereich sind die Mechanismen, wie Menschen nach und nach zu fanatischen Sektierern werden, gut bekannt. Zunächst übt ein Gedanke, ein Satz, eine Lehre – etwa in einer Lebenskrise, in der jemand nach neuer Orientierung sucht – große Faszination aus. Es folgt die bereitwillige Hingabe an eine Gemeinschaft, die diese Lehre zu ihrer Grundlage gemacht hat. Und bald gibt es ein „Innen“ und ein „Außen“. 

Innerhalb der Glaubens- oder Gesinnungsgemeinschaft gelten bestimmte Verhaltensregeln, und oft wird auch eine eigene Terminologie, ein besonderes Vokabular gepflegt, was Sicherheit, Wohlgefühl und den Eindruck besonderen Wissens vermittelt, während die übrige Gesellschaft, das „Außen“, das nicht so denkt und lebt, als rückständig, verführt, unwissend oder bemitleidenswert betrachtet wird.

Zuletzt werden die in der Gemeinschaft gültigen Grundsätze wichtiger als die Mitmenschen; das entschlossene Antreten gegen die „fehlgeleitete Gesellschaft“ und deren Bekehrung vielleicht sogar zur Lebensaufgabe.

Sich von den Grundsätzen, Ansichten und Meinungen, die innerhalb einer Gemeinschaft gelten und die immer auf einer Art Zirkelschluss-Logik basieren (solange bestimmte Grundannahmen nicht in Frage gestellt werden, erscheinen alle Argumente schlüssig), wieder zu emanzipieren, gehört wohl zum Schwersten, das ein Mensch leisten kann. Denn er gibt nicht nur ein lieb gewordenes Weltbild auf, das (ihm vielleicht sogar unbewusst) zahllosen Alltagsgepflogenheiten zugrunde liegt, sondern oft auch seinen Kontakt zu Gleichgesinnten, während er andere Brücken in die Gesellschaft längst abgebrochen hat. Sie wieder aufzubauen ist ein seelisch-geistiger Herkulesakt.

Die Probleme der Hinwendung zu und Wiederloslösung von religiös-sektiererischen Gedanken werden in unserer Gesellschaft kaum diskutiert und beachtet. Dazu gilt der Glaube als nicht wichtig genug. Der üblicherweise eher abwertend benutzte Begriff „Sekte“, der die Bedeutung von Abspaltung oder Absonderung hat, wird inzwischen eher vermieden. Allenfalls der damit verbundenen (finanziellen) Ausbeutung der Bedürfnisse oder Ängste eines Menschen begegnet man kritisch. Aber im Grunde gilt: Jeder soll glauben, was er will, das gehört zur persönlichen Freiheit.

Die Corona-Pandemie stellt diesen Grundsatz auf die Probe. 

Denn augenscheinlich folgt die Absonderung der sogenannten Corona-Skeptiker oder -Leugner von wissenschaftlichen Erkenntnissen oder dem gesellschaftlichen Konsens ähnlichen Mechanismen wie den oben beschriebenen. 

Wer – aus welchen Gründen auch immer – dem gesellschaftlichen Konsens skeptisch gegenüber steht, findet im Internet sehr schnell verlockende „alternative Sichtweisen“. Ungeschminkt gesagt: Skrupellose Besserwisser, die sich als Verkünder der „Wahrheit“ inszenieren und über soziale Netzwerke ihre brav gläubigen Anhänger mit „geheim gehaltenen Informationen“ oder ähnlichem versorgen und sie durch das Schüren von Ängsten und Zweifeln von dem abhalten, was der Großteil der Gesellschaft als angebracht und richtig erachtet. 

Allerdings geht es in diesem Fall eben nicht „nur“ um einen unbedeutenden Glauben, sondern um weit reichende Folgen. 

Die Lösung zur Überwindung der Pandemie ist seit vielen Monaten da – es ist die Impfung –, aber sie wird nicht ausreichend in Anspruch genommen. 

Darunter leiden vor allem die Impf-Verweigerer selbst. Denn sie sind es in erster Linie, die schwer erkranken können.

Nicht wenige stehen damit nun vor einem existentiellen Dilemma: Ihr Credo – etwa der Glaube an die Allmacht des eigenen Immunsystems oder an eine gar nicht wirklich bestehende „Plandemie“ – hat sich womöglich bereits als lebensgefährliche Verirrung erwiesen und bietet jedenfalls keine Lösung für die Gefahr durch das Virus. Im „Mainstream“ sehen sie aber erst recht keinen Weg. 

Es mag leicht sein, sich einer (Online-)Gesinnungsgemeinschaft anzuschließen. Eine Haltung wieder aufzugeben, die seit langer Zeit Gedanken und Entscheidungen geprägt hat, ist jedoch ein Akt der Selbstbefreiung, der aus meiner Sicht jede Bewunderung verdient. Egal, ob sich jemand aus einem religiös-konfessionellen Gefängnis befreit, aus politischen Sümpfen oder aus solchen, die in sozialen Netzwerken kursieren. 

Die einzige Möglichkeit, folgenschweren Verirrungen von vornherein vorzubeugen, liegt vermutlich in der Bildung – auch in intellektueller Bildung, also im Vermitteln von Wissen und Medienkompetenz, aber vor allem in der Herzensbildung.

Dieser Begriff geht auf des 19. Jahrhundert zurück, wird nun aber in einem umfassenderen Sinn neu benutzt: Es muss in unserer Gesellschaft besser als bisher gelingen, den Menschen zu erreichen, ihn in seinen persönlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten anzusprechen, ihn in seiner emotionalen Souveränität zu fördern. Ihn also nicht mehr nur als Leistungsmaschine zu betrachten, die durch die Schulen und Universitäten zum Funktionieren gebracht und auf Kurs gehalten wird.

Wer sich selbst entfalten kann und dabei in guter Resonanz mit seinem persönlichen oder beruflichen Umfeld steht, wer sich Empfindungskraft und Vertrauen bewahrt hat, wird trotzdem – oder gerade deshalb – vielen gesellschaftlichen Entwicklungen kritisch gegenüber stehen. Aber die Schaumschläger und Besserwisser, die Ängstesäer und Halbwahrheitskünder werden es schwer haben, ihn zu anzusprechen. Denn sie sind dagegen gut „geimpft“.