25. Juli 2021

Will ich ein Held sein? Und ist die Wahrheit zumutbar?

So, und was werde ich tun? Werde ich mich impfen lassen? Seit 2. Dezember kommt in Europa (England) der erste Corona-Impfstoff zum Einsatz. Die persönliche Entscheidung, sich impfen zu lassen oder nicht, hat in der gegenwärtigen Pandemie mehr denn je auch eine gesellschaftliche Bedeutung. Also: Was macht jemand, der den Segnungen der Pharmaindustrie nicht ganz blauäugig gegenüber steht?

Ich bin ein Impf-Skeptiker. Kein radikaler Impf-Gegner, sondern ein Befürworter mit Vorbehalten. Über Jahrzehnte hinweg hatte ich nämlich den Eindruck gewonnen, dass in ärztlichen Beratungen die Möglichkeit von Impfschäden nicht ausreichend in Betracht gezogen wird. Und dass die Impfmittel-Hersteller allzu sehr von finanziellen Interessen geleitet sind.

Für eine wirksame Zeckenschutz-Impfung (FSME) wird beispielsweise eine Auffrischung im Abstand von drei Jahren empfohlen. Meine Frau ist dieser Empfehlung nicht gefolgt, hat aber elf oder zwölf Jahre nach ihrer ersten FSME-Impfung den Impf-Titer bestimmen lassen. Das Ergebnis zeigte, dass immer noch ausreichend Antikörper nachweisbar waren. Eine weitere Impfung wäre für sie nie nötig gewesen.

Das kann ein Einzelfall sein, klar. Aber damit wird eben auch eine Tatsache deutlich, die ebenso für alle Medikamente gilt: Die Grundlage für medizinische Einschätzungen über die Wirksamkeit von Arzneimitteln ist nie ein detailliertes Wissen über die Abläufe und Wechselwirkungen im menschlichen Körper, sondern es sind Statistiken. Wenn ein Mittel bei ausreichend vielen Probanden erfolgreich ist, gilt es es wirksam. Warum es bei anderen Menschen nicht wirkt, weiß niemand. Auch nicht, warum es manchmal zu Nebenwirkungen kommt und manchmal nicht.

Wenn nun eine Studie auf Grund statistischer Daten zum Schluss kommt, dass eine Impfung als „sicher“ betrachtet werden kann, dann betrifft diese Sicherheit natürlich immer nur alle die Aspekte, mit denen man gerechnet hat.

Im Jahr 2009 hat wahrscheinlich niemand damit rechnen können, dass der Impfstoff „Pandemrix“, den damals Millionen Menschen erhielten, die sich gegen die „Schweinegrippe“ impfen ließen, zu Narkolepsie führen kann, einer unheilbaren Art Schlafkrankheit. Bis heute sind 1300 Fälle dieser Nebenwirkung von Pandemrix dokumentiert. 

Wegen solcher Geschichten stehe ich euphorisch propagierten Impf-Strategien auch heute noch skeptisch gegenüber.

Andererseits habe ich in den vergangenen Jahren eine immer stärkere Aversion gegen selbst ernannte Experten entwickelt, die in irgendwelchen sozialen Medien oder anderen Internet-Nischen gegen den Rest der Welt antreten und sich dort als Heilsbringer präsentieren. Weil sie angeblich wissen, wie gemeingefährlich die Medizin arbeitet und angeblich durchschauen, was uns von machtgierigen Politikern, gleichgeschalteten Wissenschaftlern und ferngesteuerten Medien vorgegaukelt wird. 

Es ist unglaublich, wie leicht solche Rattenfänger Anhänger finden – nur auf Grund fragwürdig interpretierter Halbwahrheiten, Unterstellungen und trotz eines plakativ zur Schau gestellten Unwissens darüber, wie in der Wissenschaftsgemeinde gearbeitet wird oder wie seriöser Journalismus funktioniert. 

Aber gut, auch Donald Trump haben nach seiner ersten Amtszeit 2020 zwei Millionen Amerikaner mehr gewählt als beim ersten Mal. Es sollte nicht mehr überraschen, dass es sehr vielen Menschen weniger um die Wahrheitsfindung geht als um eine Erzählung, die ihre Bedürfnisse widerspiegelt, ihre Ängste aufgreift oder in ihre persönliche Wohlfühlzone passt.

Was ist im Zusammenhang mit dem Corona-Impfstoff wahr?

Mit „Lichtgeschwindigkeit“ zu einem COVID-19-Impfstoff 

Zunächst die nahe liegende Frage: Darf der Pharmaindustrie unterstellt werden, dass es ihr in der Entwicklung eines Impfstoffes, auf den die ganze Menschheit hofft, um ein ganz, ganz großes Geschäft geht? 

Sicher. Netterweise lautet die Adresse der Firma „BioNTech“, die mit ihrem „Projekt Lightspeed“ als erstes (gemeinsam mit dem US-Konzern Pfizer) einen vielversprechenden COVID-19-Impfstoff zur Marktreife bringen konnte: „An der Goldgrube 12“

Aber muss Gewinnorientierung ein Grund für Misstrauen sein? 

Sicher nicht. Denn jede Goldgrube wäre schnell ausgeräumt, wenn bei nachweisbaren Impfschäden weltweit Schadenersatzklagen zu bedienen wären. Schon in finanzieller Hinsicht besteht also Grund für die Hoffnung, dass trotz der „Lichtgeschwindigkeit“ in der Entwicklung des Impfstoffs das Menschenmögliche getan wurde, um unerwünschte Nebenwirkungen zu vermeiden.

Aber mehr als eine Hoffnung ist das nicht. Denn Zeitdruck ist grundsätzlich kein guter Begleiter für die wissenschaftliche Forschung. Es wächst die Gefahr, dass dort und da mit „Quick-and-dirty-Studien“ argumentiert wird – nach dem Motto „besser unvollständige als gar keine Daten“ – oder dass das im weltweiten wissenschaftlichen Erfahrungsaustausch an sich selbstverständliche kritische Hinterfragen leidet.

Im Rennen um einen wirksamen COVID-19-Impfstoff ging in Europa ein RNA-Impfstoff (mRNA) von BioNTech (BNT162b2) als Sieger hervor. Das Prinzip solcher Stoffe liegt darin, dass in den Körper durch die Impfung ein „Bauplan“ eingebracht wird, der die Zellen veranlasst, ein Protein mit einem Merkmal des Coronavirus selbst herzustellen und damit das Immunsystem zu trainieren. Dieses lernt dadurch, das Virus zu bekämpfen, der Geimpfte wird also immun dagegen. Der Bauplan selbst, also der genetische Impfstoff, das betonen die Forscher besonders, werde vom Körper wieder abgebaut. Er könne das Erbgut des Geimpften nicht beeinflussen, weil die dazu nötigen Enzyme fehlten und die RNA eine sehr kurze biologische Halbwertszeit habe.

An sich ist das ein genialer Ansatz (übrigens auch für die Entwicklung von Impfstoffen gegen Krebs und HIV), denn es ist dadurch nicht nötig, den Körper mit Keimen oder Toxoiden zu belasten, um damit das Immunsystem anzukurbeln. Eine große Hürde in der Entwicklung solcher Impfstoffe liegt allerdings darin, übermäßige Immunreaktionen zu vermeiden.

Wie es momentan aussieht, funktioniert der Ansatz. BNT162b2 wurde bis zum Zeitpunkt der Erstzulassung in England (2. Dezember 2020) über 43.000 Menschen injiziert (nötig sind für einen Schutz zwei Injektionen im Abstand von drei Wochen). Die Statistiken weisen eine Wirksamkeit von über 90 Prozent aus; bei den über 65-jährigen über 94 Prozent. Relevante Nebenwirkungen wurden nicht bekannt – die üblichen Impfreaktionen ausgenommen, die aber an sich ja ein Zeichen dafür sind, dass das Immunsystem reagiert.

Brauchen wir diese Impfung wirklich?

Dass die Hoffnung auf eine funktionierende COVID-19-Impfung im Grunde die einzige Option in dieser Pandemie ist, liegt leider auf der Hand. 

Es sollte längst kein Zweifel mehr daran bestehen, dass COVID 19 sehr ernst genommen werden muss und um ein Vielfaches gefährlicher ist als eine Grippe. Ein Vergleich mehrerer Studien zeigt, dass Corona schon unter 30-jährigen zu dreimal so vielen Todesfällen führt wie die saisonale Grippe. Ab 60 Jahren führt COVID-19 13- bis 14-mal so häufig zum Tod. 

Ein vor allem unter „Corona-Skeptikern“ viel diskutiertes Thema war in dem Zusammenhang auch die Frage, wie viele Menschen an und wie viele mit Corona gestorben sind. Doch damit muss man sich gar nicht aufhalten, wenn man sich die Statistiken zur Übersterblichkeit ansieht, also einfach schaut, wie viele Menschen in einem bestimmten Zeitraum seit der Corona-Pandemie insgesamt mehr gestorben sind als auf Grund der Daten aus der Vergangenheit eigentlich zu erwarten gewesen wäre. 

Die zusammengefassten Sterbedaten zeigen zum Beispiel, dass zum Höhepunkt der ersten Corona-Welle in den USA (April/Mai) bis zu 40 Prozent mehr Menschen starben als durchschnittlich zur gleichen Jahreszeit, in Spanien waren es bis zu 140 Prozent, in Ecuador zwischenzeitig sogar über 200 Prozent. Sie zeigen daher auch, wie wichtig die Schutzmaßnahmen sind.

In Deutschland und Österreich lag die Übersterblichkeit 2020 in den Monaten bis Oktober bei maximal etwa zehn Prozent, war also sehr niedrig, kaum über der statistischen Schwankungsbreite. Das heißt aber natürlich nicht, dass die Corona-Gefahr hochgespielt wurde oder ein Lockdown nicht nötig gewesen wäre, denn die geringe Übersterblichkeit war ja die Folge der Maßnahmen. 

Was passiert, wenn die Politik (unter dem Druck der „Corona-Skeptiker“?) zu spät reagiert, zeigte die zweite „Welle“ in Österreich. Von KW 42/2020 an ging es mit der Sterblichkeit – parallel zu den Corona-Infektionsfällen – steil nach oben. In den Krankenhäusern spitzte sich die Lage dramatisch zu.

Wer – wie wir in unserer Familie – einen Platz in einem Pflegeheim suchte, brauchte seit Mitte November nicht mehr viel Geduld. Bis zum Herbst 2020 waren Wartezeiten von etwa einem halben Jahr üblich, aktuell gibt es in mehreren Heimen freie Plätze. Jeder weiß, warum.

An der Gefährlichkeit des Corona-Virus zweifeln jetzt nur noch die, die ihren Kopf um jeden Preis in den Sand stecken wollen oder irgend ein Märchen brauchen, um ihre eigene Unzufriedenheit oder ihre Ängste zu kanalisieren.

Aber die Zeit der harten und weichen Lockdowns, wie sie in fast allen Ländern der Welt als Notmaßnahmen immer wieder gesetzt werden, geht zu Ende. Denn sie sind auf Dauer weder den Menschen noch der Wirtschaft noch dem Bildungssystem zumutbar. Sie rufen Demagogen auf den Plan und fördern soziale Unruhen. Die Bereitschaft, sich an die notwendigen Schutzmaßnahmen zu halten, schwindet in der Bevölkerung zunehmend. 

Ohne einen Durchbruch in der medizinischen Forschung gibt es nur zwei Möglichkeiten – und beide würden die Wirtschaft ruinieren: Entweder den Zusammenbruch des Gesundheitssystems und ein Massensterben in Kauf zu nehmen, oder den absehbaren „Corona-Wellen“ durch immer neue Lockdowns zu begegnen, bis eine Grundimmunisierung der Bevölkerung erreicht ist, also etwa zwei Drittel die Krankheit durchgemacht haben und damit (hoffentlich) immun sind.

In Österreich (8 Millionen Einwohner) würde das (unter der Annahme von 500 Intensiv-Betten und 2 Prozent Intensivpflichtigen Corona-Patienten) 14 Jahre dauern. Gäbe es 2.000 Betten, würde es vier Jahre dauern. 

Unvorstellbar.

Es bleibt also tatsächlich nur die Hoffnung auf eine medizinische Lösung. 

Wann kommt ein Corona-Medikament?

Und als Lösung kommt einem Impf-Skeptiker wie mir natürlich erst einmal der Gedanke an ein Medikament in den Sinn. 

Gäbe es ein wirksames Medikament gegen das Virus, hätte die Entscheidung, sich impfen zu lassen oder nicht, deutlich weniger Gewicht.

Leider aber wird aus der Forschung in diesem Bereich bisher kein Durchbruch gemeldet. 

Viren können – im Gegensatz zu bakteriellen Infektionen – nur vom körpereigenen Immunsystem bekämpft werden. Deshalb ist beispielsweise die Gabe von Antibiotika bei Virus-Infektionen nur beschränkt (falls sie von Bakterien begleitet wird) oder gar nicht sinnvoll.

Von einem Corona-Medikament wird also bestenfalls erwartet, dass es die Virusausbreitung im Körper verlangsamt und den Krankheitsverlauf abmildert, nicht aber, dass es die Viren eliminiert. Diese Arbeit wird immer das Immunsystem leisten müssen.

Dennoch wird seit vielen Monaten intensiv auch an COVID-19-Medikamenten geforscht. Dabei standen zunächst vor allem jene Arzneimittel im Fokus, die bereits erfolgreich zur Behandlung anderer Virusinfektionen eingesetzt werden, beispielsweise Remdesivir (Ebolafieber), Interferon (Hepatitis) oder Chloroquin (Malaria).

Um letzteres entwickelte sich auch gleich eine hübsche Verschwörungstheorie: Die Wirksamkeit von Chloroquin (Hydrochloroquin) sei erwiesen, aber das Medikament so billig, dass die Pharmaindustrie damit zu wenig verdienen könne. Deshalb suche man nach Lukrativerem und nehme in Kauf, dass zwischenzeitig viele Menschen sterben.

Wahr ist daran lediglich, dass Laborstudien in Frankreich und China anhand von Zellkulturen gezeigt haben, dass Chloroquin die Vermehrung von Corona-Viren hemmt. Leider zeigten die nachfolgenden klinischen Studien aber eindeutig, dass das im menschlichen Organismus nicht funktioniert. (Recherche-Details zu diesem Thema habe ich in einem „Chloroquin-Exkurs“ im Anhang zusammengefasst.)

Vielversprechender erscheint dagegen der neue Wirkstoff „APN01“ der Wiener Biotechnologiefirma „Apeiron Biologics“ (mit unauffälliger Adresse: Campus-Vienna-Biocenter 5). Firmen-Mitbegründer ist der oberösterreichsche Genetiker Josef Penninger, der bereits seit über zwei Jahrzehnten am sogenannten „ACE2-Rezeptor“ forscht. Genau diesen Rezeptor nutzt das Coronavirus, um in menschliche Zellen zu gelangen und dort Schaden anzurichten.

Mit „APN01“ soll es gelingen, die „Andockstelle“ für den Erreger zu blockieren, ihm also den Zugang zu verwehren. Erste Behandlungsversuche von Menschen mit schweren COVID-Krankheitsverläufen waren erfolgreich, weitere Studien laufen derzeit (konkret: eine „Phase-II-b-Doppelblindstudie“ mit rund 200 Patienten mit einer löslichen Form von „APN01 – vor allem mit Patienten in Russland).

Diese und zahlreiche andere Studien mit Medikamenten lassen vermuten, dass es in der Behandlung von COVID-19-Patienten in den kommenden Monaten und Jahren bedeutende Fortschritte geben und die Krankheit ihren Schrecken verlieren wird. 

Bleibt zu hoffen, dass die Entwicklung dieser wichtigen Medikamente nicht unter dem gegenwärtigen Impfstoff-Wettlauf leidet und sich der Fokus nicht noch mehr nur auf dieses Gebiet verlagert.

Aber auch die besten Medikamente zur (intensiv)medizinischen Betreuung würden das Problem der Pandemie nicht lösen. Es handelt sich ja letztlich immer nur um Werkzeuge für die „medizinische Feuerwehr“ – zur Bekämpfung von bereits bestehenden „Bränden“. 

Natürlich muss es vor allem darum gehen, die Brände zu verhindern – und dafür ist eine Impfung derzeit, realistisch betrachtet, die einzige Hoffnung.

Ist die Wahrheit zumutbar?

Daher wird nun massiv für das Impfen geworben werden. Und ich vermute, dass dies plakativ, euphorisch und ohne Verweis auf Grauzonen, also mögliche, jetzt noch nicht absehbare Probleme geschehen wird. Denn wissenschaftliche Diskussionen finden normalerweise in Fachkreisen statt – bevor etwas öffentlich an die große Glocke gehängt wird. Aber die dröhnt in diesem Fall schon so laut durch die Länder, dass die noch folgenden Diskussionen überhört werden könnten.

In gewisser Weise sind die ersten paar Hunderttausend Menschen, die eine Impfung erhalten werden, Probanden für eine weltweite Studie an der Menschheit.

Ja, es gibt berechtigte Gründe für die Hoffnung, dass die Forscher tatsächlich eine geniale Lösung gefunden haben, um das Corona-Virus in den Griff zu bekommen, vielleicht sogar mehrere erfolgreiche Ansätze. Aber ein Restrisiko bleibt. Und die Frage, wie groß es ist.

„Sei ein Held und lass Dich impfen! Sei kühn und stolz! Dein Mut zum Risiko dient dem Gemeinwohl!“ 

Vermutlich könnte man mit Slogans dieser Art kaum Menschen hinterm Ofen hervorlocken. In Österreich schon gar nicht. 

Aber, wer weiß?, vielleicht ist ja gar nichts Heldenhaftes daran, sich impfen zu lassen. Womöglich geht es nur darum, ein übertriebenes Misstrauen zu überwinden.

Jedenfalls verkünden Politiker erfahrungsgemäß gerne einfache Botschaften: die Rettung ist da, Punkt.

Vielleicht ist sie das wirklich. Aber allzu einfache Botschaften wirken selten vertrauensfördernd. Eine gute, differenzierte Diskussion über die jeweils neuesten Erkenntnisse und die Bewertung von Risiken wird in den kommenden Monaten wichtiger denn je sein.

Ob ich selbst bereit sein würde, meinen Impf-Beitrag zur Bekämpfung der Pandemie und zur Rettung unserer Wohlstandsgesellschaft zu leisten?

Ich weiß es nicht. Mir ist nur klar, dass eine diffuse Impf-Skepsis genau so wenig eine Alternative darstellt, wie das dumm-dumpfe Verleugnen jeder Gefahr durch Verschwörungs-Geschwafel.

Vermutlich werden mir in den kommenden Monaten einige Entscheidungshilfen geboten werden. Denn vielleicht haben bald nur noch „Helden“ Eintritt in Altersheime, Konzertsäle, Kinos und Flugzeuge …

Exkurs:
Die Geschichte eines Misserfolgs

… oder: Chloroquin und Hydrochloroquin, chronologisch

März 2020: Erste Fach-Diskussionen über mögliche Wirkung des bekannten billigen Malaria-Mittels Chloroquin bzw. Hydroxychloroquin.

April 2020: Mehrere Studien, u.a. eine vom Staat Brasilien finanzierte, zeigen, dass eine Behandlung mit Chloroquin keine Verbesserung bringt und das Sterberisiko erhöhen kann. (Infos mit Links zu den Studien hier.)

Ende April warnt die US-Lebensmittel und Arzneimittelbehörde vor dem „Wundermittel“, u.a. auf Grund einer Studie in den USA.

Mai 2020: US-Präsident Donald Trump berichtet davon, Hydroxychloroquin selbst einzunehmen, um sich gegen COVID 19 zu schützen

22. Mai 2020: Das renommierte Wissenschaftsmagazin „The Lancet“ veröffentlicht eine weitere, große Studie, derzufolge es keine positiven Effekte gibt. Stattdessen würden die Ergebnisse auf schwere Nebenwirkungen und sogar auf ein höheres Sterberisiko hindeuten. Die WHO setzt daraufhin alle Tests mit Chloroquin aus.

Von dieser Studie distanziert sich die Fachzeitschrift „The Lancet“ später und versieht sie mit einem Warnhinweis, weil von den Autoren Fragen zur Methodik und den verwendeten Daten unbeantwortet geblieben sind. Man zweifelte an den medizinischen Daten, die von der Firma eines ehemaligen Gefäßchirurgen geliefert wurden („Surgisphere-Skandal“).

Anfang Juni 2020: Die Universität von Minnesota veröffentlicht eine Studie, derzufolge die Ansteckungsgefahr durch Chloroquin und Hydrochloroquin nicht gesenkt werden kann.

Nach dem Warnhinweis von „The Lancet“ nimmt die WHO die Tests wieder auf. Es läuft eine Forschungsreihe mit 3500 Patienten in 35 Ländern. Da Laborstudien aus Frankreich und China in Zellkulturen gezeigt haben, dass die Vermehrung des Corona-Virus gehemmt werden kann, sind Chloroquin bzw. Hydroxychloroquin als Wirktstoffe wieder „im Rennen“.

Juli 2020: „Nature“ veröffentlichen Forschungsergebnisse aus Deutschland (Deutsches Primatenzentrums DPZ in Göttingen, Berliner Charité und Universitätsklinikum in Bonn). Nach Versuchen an menschlichen Zellen wird klar: Die Ergebnisse bestätigen, dass Chloroquin nicht hilft. Die Wissenschaftler plädieren für für den Stopp aller klinischen Studien, die das Malaria-Mittel direkt an COVID-19-Patienten erproben.

August 2020: Die Universität Neuenburg veröffentlicht die umfassendste Studie zum Thema, derzufolge das Malaria-Medikament wirkungslos ist und das Sterberisiko erhöht.

Oktober 2020: Eine weitere im „New England Journal of Medicine“ veröffentlichte Studie bestätigt, dass Hydroxychloroquin den Verlauf einer SARS-CoV-2-Infektion nicht positiv beeinflussen kann.

Fazit: Die Wirkungsmöglichkeiten des Malaria-Medikaments wurden weltweit intensiv erforscht, die anfänglichen Hoffnungen einer Wirksamkeit begründeten sich auf Labortests, die Ergebnisse sind spätestens seit August 2020 eindeutig: Es wirkt nicht.

Video-Empfehlung:
COVID-19 und die Wissenschaft(ler)