17. Oktober 2021

Die lebensverändernde Kraft der Liebe

Robert Redfords preisgekrönter Spielfilm „Der Pferdeflüsterer“

Während eines winterlichen Reitausflugs, den die 13-jährige Grace (Scarlett Johansson) mit ihrer Freundin Judith unternimmt, kommt es zu einem tragischen Unfall: Die Pferde verlieren auf einem vereisten Abhang den Halt, rutschen ab und landen auf einer Straße, wo ein herannahender Schwerlaster nicht mehr bremsen kann. Judith und ihr Pferd sterben; Grace überlebt, allerdings muss ihr rechter Unterschenkel amputiert werden.

Auch Pilgrim, Graces geliebtes Pferd, hat überlebt – allerdings so schwer verletzt, dass Annie MacLean (Kristin Scott Thomas), die Mutter von Grace, nun entscheiden muss, ob sie dem Rat folgt, es einschläfern zu lassen. Denn Pilgrim hat nicht nur schwerste Wunden, sondern das ist von dem Unfall so traumatisiert, dass er keinen Menschen mehr an sich heran lässt.

Annie, als Redakteurin einer erfolgreichen Zeitschrift in Recherchearbeit geübt, beschließt um ihrer Tochter willen alles zu tun, um Pilgrim zu retten. Sie wendet sich schließlich an Tom Booker (Robert Redford), der wegen seiner besonderen Fähigkeit, Pferde in ihren Bedürfnissen und Ängsten zu verstehen und ihnen diese zu nehmen, als „Pferdeflüsterer“ weithin bekannt ist. 

Die anstrengenden Reise von New York quer über den Kontinent zu Toms Farm in Montana, die Annie mit ihrer Tochter Grace und Pilgrim antritt, wird alle Beteiligten verändern …

In Robert Redfords mehrfach ausgezeichnetem Film „Der Pferdeflüsterer“ prallen zwei Erlebniswelten aufeinander: Hier die toughe, kulturorientierte Powerfrau mit dem Anspruch, alles zu kontrollieren; dort der naturverbundene, lebenserfahrene Cowboy, der sich dem Lauf der Dinge fügt und dem es fern liegt, irgend etwas zu erzwingen. Und dazwischen ein pubertierendes Mädchen, das mit seinem Schicksal als Behinderte hadert.

Letztlich siegen Liebe und Empathie über alle Widrigkeiten. Dass der Film dabei nie ins Kitschige abgleitet, ist einerseits dem hervorragenden Ensemble von Schauspielern (zu dem auch Dianne Wiest und Chris Cooper gehören) zu danken, andererseits aber auch dem erstklassigen Stab.

Für das Drehbuch sorgte der US-amerikanische Autor und Regisseur Richard LaGravenese, der davor schon bei Clint Eastwoods „Die Brücken am Fluss“ sein gutes Händchen für feinsinnige Charakterentwicklungen und „erwachsene“ Filmromanzen bewiesen hatte. Die einfühlsame Musik stammt von Thomas Newman, und nicht zuletzt sorgt Robert Redfords detailgenaue und auf Entspannung fokussierte Regiearbeit dafür, dass die Naturschönheiten Nordamerikas einen würdigen Rahmen für die charakterlichen Entwicklungen von Mensch und Tier bieten. 

„Der Pferdeflüsterer“ basiert auf dem gleichnamigen Roman-Bestseller des englischen Autors Nicholas Evans. Die Geschichte ist zwar fiktiv, aber die Hauptfigur orientiert sich an den Fähigkeiten von Buck Brannaman, den Evans als „Zen-Meister der Pferde“ bezeichnete. Brannaman war auch Berater und Redford-Double bei den eindrucksvollen Filmaufnahmen, die zeigen, wie Pilgrim seine Traumatisierung überwinden lernt.

Nicht weniger beeindruckend als diese Entwicklung ist die der zarten Romanze zwischen Annie und Tom. Nachdem die beiden einander in echter, zärtlicher Liebe näher gekommen sind und offen alle Folgen erwogen haben – vor allem für Grace und ihren Vater (Sam Neill) –, die aus einer tieferen Beziehung resultieren würden, entscheidet sich Annie, ihre Ehe nicht aufzugeben.

Und obwohl sie die lebensverändernde Kraft dieser Liebe spürt, die sie mehr als alles andere zu sich selbst geführt hat, erscheint Annies Entschluss nicht nur vernunftorientiert. Es ist wohl auch möglich, die Liebe zu einem Menschen schlicht als Schatz im Herzen zu tragen. Ihre erfüllende Kraft zu empfinden – ohne Erfüllung zu erzwingen.

(1988, 170 Minuten)