20. September 2021

Einstiegsdroge

Miloš Formans großartiges Mozart-Drama „Amadeus“

• 1823. Seit dem frühen Tod des genialen Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791) sind 32 Jahre vergangen. Antonio Salieri (F. Murray Abraham), Wiener Hofkomponist und Zeitgenosse Mozarts, ist nach einem Suizidversuch in die Irrenanstalt eingeliefert worden. Hier besucht ihn nun ein junger Priester, um ihm die Beichte abzunehmen … und lernt einen verbitterten Mann kennen, der mit seinem Lebensschicksal hadert und Gott dafür verantwortlich macht. 

Er, Salieri, der immer ein sittsamer, gottesfürchtiger Mann gewesen sei, habe als Komponist doch nur mittelmäßiges Talent geschenkt bekommen – und das im Grunde offensichtlich nur, um das unermessliche Genie Mozarts erkennen zu können, eines triebhaften, unsteten, verschwenderischen, „obszönen Kindes“, das Gott trotzdem dazu auserwählt hatte, die himmlischsten, unvergleichlichsten Melodien zu schöpfen – aus einem offensichtlich nie versiegenden Quell der Inspiration.

Vor diesem Hintergrund beleuchtet der tschechische Regisseur Miloš Forman (1932–2018) in seinem 1985 mit acht Oscars ausgezeichneten Drama „Amadeus“ einige Lebensstationen Mozarts (Tom Hulce) und seiner Frau Constance (Elizabeth Berridge).

Der Film beruht nicht auf historischen Fakten, will auch kein „Biopic“ sein, aber das Drehbuch orientiert sich an einigen tatsächlichen Gegebenheiten und besticht durch eine großartige Dramaturgie, die zweifellos auch Zuschauer anspricht, die für klassische Musik und Oper bislang wenig übrig hatten. 

Eine Einstiegsdroge in die Welt der Klassik sozusagen, die neugierig darauf macht, wer Mozart wirklich war und welche Bedeutung er in der Musikgeschichte hatte. Und gleichzeitig ein Blick hinter die Kulissen der Oper, des „Kinos“ jener Zeit, das Schauspiel und Musik vereinte.

Für das Script zeichnete der britische Dramatiker Peter Shaffer (1926–2016) verantwortlich und orientierte sich dabei an seinem eigenen, kurz davor geschriebenen gleichnamigen Theaterstück, das 1979 erfolgreich uraufgeführt worden war.

Beleuchtet wird Mozarts Verhältnis zu seinem Vater Leopold (Roy Dotrice) und zu Kaiser Josef II. (Jeffrey Jones), seine Zusammenarbeit mit dem Dichter und Theaterdirektor Emanuel Schikaneder (Simon Callow) und die Entstehung einiger großer Opern, wie etwa „Figaros Hochzeit“, „Don Giovanni“ oder „Die Zauberflöte“. 

Mit den Erfolgen Mozarts aber wächst die Eifersucht Salieris. Sie gipfelt in seinem Vorhaben, „die Inkarnation Gottes zu vernichten“, denn diese glaubt er im Genie Mozarts zu erkennen.

Damit stellt Regisseur Miloš Forman die bis heute heiß diskutierte Frage nach der Gerechtigkeit Gottes in den Raum. 

Weshalb die so ungleich verteilten Talente? 

Warum werden gottesfürchtige Menschen nicht bevorzugt gesegnet? 

Treibt der Schöpfer ein böses Spiel mit seinen Kreaturen? 

Oder hat der Mensch schlicht und einfach eine falsche Vorstellung von Gott?

Trotz dieser tief greifenden Lebensfragen, trotz der persönlichen Dramen und der „alten Musik“ Mozarts, die zugleich den Soundtrack bildet, kommt „Amadeus“ über weite Strecken als erstaunlich leichte Komödie daher. 

Dennoch hatte es Miloš Forman nicht einfach, für sein Filmvorhaben ein Studio zu finden. In Hollywood gab man diesem „Kostümfilm mit klassischer Musik“ keine Erfolgschancen. Schließlich aber stieg Saul Zaents (1921–2014) ein, der ein paar Jahre davor bereits ein anderes Meisterwerk Miloš Formans produziert hatte: „Einer flog über das Kuckucksnest“

Nicht zuletzt durch die großartigen Schauspieler, allen voran F. Murray Abraham, das herausragende Kostümdesign und die wunderbaren Sets wurde „Amadeus“ zu einem Welterfolg und kam bei Kritikern und Publikum gleichermaßen gut an – einmal abgesehen davon, dass Mozart-Historiker den sehr freizügigen Umgang mit Fakten bekrittelten.

Filmkunst muss nicht historisch korrekt sein. Aber sie sollte berühren und idealerweise auch zum Nachdenken und Nachempfinden anregen. Und das leistet diese „Einstiegsdroge“ zweifellos.

(1984, 173 Minuten)