28. Mai 2020

„Es ist die uralte Taktik grausamer Menschen, die Nächstenliebe unter dem Deckmantel der Tugend zu töten.“

John Patrick Shanleys großartiges Filmdrama „Glaubensfrage“

• Bronx, New York, 1964. Durch die streng katholisch geführten Schule St. Nicholas weht ein kräftiger Wind. Brendan Flynn (Philip Seymour Hoffman) ist ein durch und durch unkonventioneller Priester. Er trägt seine Fingernägel etwas zu lang, nimmt (wie sündhaft!) drei Stück Zucker für den Kaffee, wirkt ungewöhnlich kumpelhaft, aber er begeistert durch seine Predigten – etwa zum Thema „Intoleranz“ – und meint es offenbar ernst mit der christlichen Nächstenliebe. Besonders über Donald Miller, einen schwarzen Jungen, der zu Hause von seinem Vater geschlagen wird und in der Schule wegen seiner Hautfarbe einen schweren Stand hat, hält er schützend seine Hand. Er ermutigt ihn freundschaftlich und lässt ihn sogar ministrieren.

Doch eines Tages benimmt der Junge sich während des Unterrichts seltsam, nachdem er aus Flynns Pfarrbüro gekommen ist. Schwester Marie James (Amy Adams), der jungen Geschichtslehrerin, erscheint Donald verstört, und sie ist auch sicher, dass er nach Alkohol riecht. Was ist geschehen?

Schwester James weiß, dass Ihre Vorgesetzte, Schwester Aloysius Beauvier (Meryl Streep), die streng gläubige und noch strenger agierende Leiterin der Schule, Priester Flynn schon länger im Visier hat. Sie berichtet ihr von dem Vorfall. 

Kurz danach kommt es zur Konfrontation. Schwester Aloysius hat zwar keinerlei Beweise, aber ihr starkes, aus ihrem Glauben gespeistes Gefühl macht sie sicher: Der Priester hat das Vertrauen des Jungen ausgenutzt, ihn durch Alkohol gefügig gemacht und dann in irgend einer From sexuell missbraucht. 

Brendan Flynn weist diese Anschuldigungen entschieden zurück und bittet die Schulleiterin, die Sache einfach auf sich beruhen zu lassen. Doch Schwester Aloysius lässt nicht locker. Sie ist – allen Zweifeln, die bald auch Schwester James äußert, zum Trotz – davon überzeugt, dass Flynns Nächstenliebe nur eine Fassade ist und drängt ihn zu klären, was sich im Pfarrbüro wirklich zugetragen hat. 

Der Priester berichtet nun, dass er Donald beim Trinken von Messwein ertappt hatte. Er habe dies verschweigen wollen, um es dem Jungen zu ersparen, vom Ministrieren ausgeschlossen zu werden. 

Schwester James, die junge Geschichtslehrerin, bereut es nach dieser Erklärung zutiefst, den Vorfall gemeldet zu haben. Sie glaubt dem Priester und freut sich über die einfache Aufklärung dieses unangenehmen Falls.

Schwester Aloysius dagegen folgt weiterhin ihrem Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt. Sie zitiert die Mutter des Jungen zu sich und deutet ihr gegenüber den sexuellen Missbrauch an. Doch Mrs. Miller (Viola Davis) lässt sich nicht gegen Brendan Flynn aufwiegeln. Sie weiß, wie wichtig der Priester als Vertrauensperson für ihren Sohn ist, auch deshalb, weil Donald zu Hause, wie sie andeutet, wegen seiner Homosexualität vom Vater verachtet wird. Über Flynn könne sie nichts Schlechtes sagen; jeder Mensch habe doch irgend welche Motive für seine Handlungen …

Schließlich kommt es zur finalen Auseinandersetzung zwischen Schwester Aloysius und Brendan Flynn. Sie führt dazu, dass der Priester die Schule verlässt. 

Doch mit ihrer selbst auferlegten „Mission“, Flynn endgültig aus dem Verkehr zu ziehen, bleibt die Schulleiterin erfolglos. Als sie einem leitenden Monsignore des Bistums ihre gefühlsmäßigen Bedenken vorträgt, blitzt sie ab. Der Priester verlässt zwar die St. Nicholas Schule, aber er wird zum leitenden Geistlichen einer anderen konfessionellen Schule ernannt.  

Je mehr sie nun über die Ereignisse nachdenkt, desto stärker werden Schwester Aloysius Zweifel an den eigenen „untrüglichen“ Gefühlen. 

Hat sie am Ende doch nur böse Gerüchte in die Welt gesetzt?

Das Drama „Glaubensfrage“ des US-amerikanischen Regisseurs und Dramatikers John Patrick Shanley spielt gekonnt mit den Zweifeln der Zuschauer. Hier die bigotte Schulleiterin, die sich durch ihr gestrenges Regiment willfährige Glaubensschäfchen züchtet und der man den „frischen Wind“, der mit Brendan Flynn durch die Gemäuer der Schule weht, von Herzen wünscht.

Dort ein Priester, der dagegen ankämpft, dass die „Nächstenliebe unter dem Deckmantel der Tugend getötet wird“ („Das ist eine uralte Taktik grausamer Menschen“), gerüchteweise aber genau das praktiziert, was im Umfeld der katholischen Kirche weltweit zigtausendfach vorgekommen ist (und in Tom McCarthys oscarprämiertem Drama „Spotlight“ thematisiert wurde): Hat hier wieder jemand sein Vertrauensverhältnis zu Schülern ausgenutzt, um sexuelle Bedürfnisse zu befriedigen – gedeckt durch die Obrigkeit, die allzu viel Verständnis für solche Verirrungen hat und schlimmstenfalls mit einer Versetzung reagiert?

Und in der Mitte, hin- und hergerissen von zwei überzeugend wirkenden Persönlichkeiten, steht und wankt die naive junge Schwester James – dazu gezwungen, sich von vordergründigen „Lichtgestalten“ zu emanzipieren und eine eigene Meinung zu bilden … 

Für die Filmfassung seines zunächst als Bühnenstück erfolgreichen, preisgekrönten Dramas „Doubt“ („Zweifel“, so der englische Originaltitel) standen John Patrick Shanley mit Meryl Streep und Philip Seymour-Hoffmann zwei Weltklasse-Charakterdarsteller zur Verfügung, die sich hier in ihrer Schauspielkunst auf Augenhöhe begegnen und für zahlreiche Preise (Oscar, Golden Globe etc.) nominiert wurden. Und zudem mit Roger Deakins ein zweifacher Oscar-Preisträger als Kameramann, der den unruhigen „Stimmungs-Wind“ visuell gekonnt einfängt.

Dem Zuschauer bleibt es überlassen, aus den künstlerisch erstklassig servierten und zugleich schaurig-entlarvenden Einblicken in die Welt katholisch geprägter Erziehung eigene Schlüsse zu ziehen. 

Ein bisschen vielleicht wie Schwester James … oder auch viel weiter reichend.

(2008, 104 Minuten)