29. März 2020

Im Bann des Zeitgeists

Wir Menschen tragen einen übermenschlich großen und ziemlich anspruchsvollen Gedanken mit uns herum: Die Annahme, wir könnten durch unser Denk- und Wahrnehmungsvermögen objektiv erkennen, wie die Welt beschaffen ist und auf diesem Weg immer mehr und endlos viel Wissen erwerben. Das ist wohl eine Illusion des heute vorherrschenden „Zeitgeists“.

Spätestens seit dem 18. Jahrhundert steht die menschliche Erkenntnisfähigkeit auf dem Prüfstand. Der große deutsche Philosoph Immanuel Kant (1724–1804) kam zum Schluss, dass der Mensch nie „das Ding an sich“ erkennt, sondern nur das, was es für ihn subjektiv ist, was ihm als Ding „erscheint“. Die Sinnesorgane vermitteln dem Menschen die Dinge, aber zugleich spielen in jede Wahrnehmung subjektive Anschauungen und Empfindungen mit hinein. 

Wir erleben die Welt also nicht, wie sie objektiv ist, sondern nur so, wie wir sie subjektiv wahrnehmen. Unsere Erkenntnisse und Urteile resultieren niemals nur aus den „Dingen an sich“, sondern sie sind zugleich immer auch das Ergebnis einer bestimmten, persönlichen Art des Denkens. 

Darüber hinaus weist die Psychologie darauf hin, dass die menschliche Wahrnehmung stark selektiv arbeitet. Der Mensch nimmt vorrangig das bewusst wahr, was ihm auf Grund früherer Erfahrungen bereits vertraut ist und was ihn berührt, was Bedeutung für ihn hat. Das der Wahrnehmung verbundene Denken steht zudem im Bannkreis bestimmter Strukturen, Regeln und Schemata, die sich im Lauf des Lebens etabliert haben.

Zusammenfassend: Der Mensch erkennt nicht „die“ Welt, sondern er erlebt seine eigene, höchst persönliche Wirklichkeit. Und diese subjektive Wahrnehmung korrespondiert auch nicht nur mit eigenen Erfahrungen und Erkenntnissen, sondern vor allem mit Gedanken, die von Eltern, Freunden, Lehrern oder persönlichen Vorbildern übernommen worden sind.

Der gesellschaftliche „Zeitgeist“

Was für den Einzelnen gilt, prägt natürlich auch die Gesellschaft im Gesamten. Hier sind es bedeutende philosophische Einsichten, naturwissenschaftliche Erkenntnisse oder erfolgreiche Entwicklungen, die – heute über den Weg der Allgemeinbildung – das gesellschaftliche Weltbild und die damit verbundenen Erwartungen prägen – den sogenannten Zeitgeist.

Auch die meisten Wissenschaftler bewegen sich – mehr oder weniger bewusst – innerhalb des gesellschaftlich etablierten Weltbildes und erachten nur das als möglich und „wahr“, was den Rahmen der üblichen Grundannahmen nicht sprengt. „Querdenker“, die sich Zusammenhängen widmen, die dem allgemeines Begriffsvermögen zuwider laufen, haben es schwer.

Die Berliner Philosophin und Journalistin Natalie Knapp beschreibt in ihrem Buch „Anders denken lernen“ ein gutes Beispiel aus der Geschichte: „Als Nikolaus Kopernikus im 16. Jahrhundert herausfand, dass die Sonne nicht um die Erde, sondern die Erde um die Sonne kreist, war das innerhalb des mittelalterlichen Weltbildes eindeutig falsch. Innerhalb dieses Weltbildes behandelte die neue Theorie keine Sachfrage im Bereich der Planetenkonstellationen. Es ging in dieser Frage allein darum, ob der Mensch innerhalb der göttlichen Schöpfung eine besondere Stellung hatte oder nicht. Wenn Kopernikus also behauptete, die Erde drehe sich um die Sonne, dann hieß das für mittelalterliche Ohren, dass der Mensch völlig bedeutungslos war. Und das war aus damaliger Perspektive falsch. Innerhalb dieses Weltbildes war es unmöglich, eine physikalische Aussage von ihrer symbolischen Bedeutung zu trennen, da rein physikalische Gedankenformen nicht existierten. Eine rein physikalische Aussage wäre eine Aussage ohne jeden Sinn gewesen. Alles wurde in seinem Bezug zum Schicksal des einzelnen und zum Schicksal der Menschheit betrachtet. Jede wissenschaftliche Aussage, jedes Bild und jedes Naturereignis hatte vor allem anderen symbolische Bedeutung.“

Heute befinden wir uns wohl in einer ähnlichen Situation: Forschungen im Mikro- wie im Makrokosmos machen seit vielen Jahrzehnten deutlich, dass die Welt sowohl in ihrem Innersten als auch in ihrer astrophysikalisch fassbaren Gesamtheit offenbar ganz anders beschaffen ist als bisher angenommen. Aber der Sprung zu einem grundlegend neuen Denken gelingt trotzdem nicht.

Immer deutlicher geraten beispielsweise die Eckpfeiler des klassischen naturwissenschaftlichen Weltbildes ins Wanken. Zum Beispiel die folgenden „Selbstverständlichkeiten“:

• Die Welt gleicht einem Räderwerk, dessen Bewegungen man vorausberechnen kann.

• Alle Materie besteht aus kleinen und kleinsten materiellen Grundbausteinen.

• Es gibt eine objektive Wirklichkeit, die unabhängig von irgendeinem Bewusstsein besteht.

Diese seit ein paar Jahrhunderten üblichen Fundamente menschlicher Welt-Wahrnehmung werden wahrscheinlich deshalb kaum in Frage gestellt, weil sie sich für das tägliche Leben als richtig und brauchbar erwiesen haben. Beispielsweise lässt sich ja im „Räderwerk Sonnensystem“ sehr genau voraus berechnen, wann und wo der nächste Vollmond oder die nächste Sonnenfinsternis zu beobachten sein werden.

Auch hat die Idee eines mechanistischen Weltgetriebes in kürzester Zeit grandiose Entwicklungen ermöglicht. Experimente und Analysen haben den Menschen gelehrt, aus dem „Baukasten der Natur“ faszinierende Geräte zu entwickeln oder Lösungen zur Heilung von Krankheiten zu finden. Chemie, Physik, Medizin, die Psychoanalyse sogar – die meisten wissenschaftlichen Disziplinen bauen auf dem Grundgedanken auf, die Welt (und mit ihr auch der Mensch) sei eine gigantische Maschinerie aus Materie.

Zurückführen lässt sich dieses gesellschaftlich tief verwurzelte Weltbild auf Denker des 17. Jahrhunderts, wie René Descartes (1596–1650) oder Francis Bacon (1561–1626). 

Aber im Glanz der Erfolge von Technik oder Chirurgie wird übersehen – oder auch einfach in Kauf genommen –, dass just die wesentlichen Aspekte des Menschseins, unsere Bewusstseins-, Erlebnis- und Empfindungsfähigkeit, von dem mechanistischen Weltbild weitgehend ausgeklammert bleiben.

Die alte Idee, dass es über die materiellen Erscheinungsformen hinaus auch „Jenseitswelten“ geben könnte (die eben jenseits der technisch-sinnlichen Wahrnehmung liegen), wird von vielen aufgeklärten, also in den „kollektiven Gedankenformen“ (ein Begriff, den Natalie Knapp geprägt hat) gebannten Menschen belächelt. Die Seele, über Jahrhunderte Inbegriff für das Nichtmaterielle, wird von Wissenschaft, Psychologie und Philosophie heute fast einhellig im Gehirn verortet. Und der Gedanke an eine Gottheit darf zwar – der Zeitgeist gebietet hier Toleranz! – im persönlichen Glauben vorkommen, hat aber nichts in Welterklärungsmodellen verloren.

Um das Lebendige zu ergründen, das Wesen des Belebenden, das Bewusstsein, das Wesen des Geistes, greifen mechanistische Vorstellungen zu kurz. Aber sie sind eben fest im vorherrschenden Zeitgeist verankert. Deshalb ist es für den heutigen Menschen wohl ebenso schwer, neue Wege des Welt-Erkennens zu gehen wie für den mittelalterlichen, der sich geborgen unter dem Schutz der Himmelsglocke fühlte und plötzlich akzeptieren sollte, dass es eine ganz andere, ihm fremd, vielleicht sogar bedrohlich erscheinende Art und Weise gibt, Zusammenhänge zu erfassen, neue Begriffe, neue Wertigkeiten, zu denen ihm der Zugang fehlt.

Das Wieder-Erkennen des Bewusstseins

Das menschliche Verstehen und Erkennen ist – heute wie damals – oft nur ein Wiedererkennen. Wir sind daran gewöhnt, was immer uns begegnet mit dem Altvertrauten abzuwägen. Stimmt es damit überein, spüren wir im Inneren das warme Ja der Zustimmung – übersehen dabei aber gern, wie subjektiv und selektiv die „Wahrheit“ ist, der wir zugeneigt sind. Und vor allem bleibt außer Acht, dass die wohlige Wärme des Vertrauten davon abhält, sich Neuem zu öffnen … anderen Blickwinkeln und Wahrnehmungsmöglichkeiten … und zuletzt auch der Einsicht, dass die Welt immer ungleich erhabener, größer, lebendiger ist als alles, was wir „objektiv“ von ihr zu wissen glauben.

Vermutlich hat das Ansinnen, immer mehr und möglichst viel über die Welt wissen zu wollen, insgesamt Sackgassen-Charakter. 

Womöglich geht es für den Menschen in Wirklichkeit vor allem darum, tief erlebend in und mit der Welt zu sein, statt sich in der verstandesmäßigen Analyse über und außerhalb von ihr zu positionieren.

Womöglich geht es um das Wieder-Erkennen des eigenen Bewusstseins. Um die Erkenntnis, dass dieses – und nicht die Materie – Zentrum, Ausgangspunkt und Ziel ist. Denn ob wir trauern oder uns freuen, ob wir wehmütig an die Vergangenheit denken oder motivierende Zukunftspläne schmieden – immer geht es um das Erleben, um das Bewusstsein, den Geist.

Das Materielle ist nur Kulisse.

So gesehen wäre es wohl angebracht, das objektive Welterkennen – bei aller Faszination des dadurch Erreichbaren – als Werk- oder Spielzeug zu benützen. Sich aber nicht mehr nur fieberhaft dem Immer-mehr-wissen-Wollen zu verschreiben, sondern mehr dem entspannten, einfachen, fraglosen Wissend-Sein zu trauen. 

Anders gesagt: Es wäre an der Zeit, mit dem Geist den Zeitgeist zu überwinden.